
bleib‘ doch stehen
in deinen Träumen. dann und wann.
Kreuze. Hoffnungen. aufgestellt –
Setzlinge an den felsigen Kanten der Zeit.
Ab- und Durchbruch –
Wunde. Erwachen
Lyrik|Essays|Kritik

bleib‘ doch stehen
in deinen Träumen. dann und wann.
Kreuze. Hoffnungen. aufgestellt –
Setzlinge an den felsigen Kanten der Zeit.
Ab- und Durchbruch –
Wunde. Erwachen

Tag 46 der Wanderungen
lass dich fangen. die offenen Arme. wenige Stunden. rasch verronnene. spreche jetzt noch nicht aus, was du denkst. welche Blüten noch offen, die ganze Nacht. welche Gärten einsam und duftend, in der Sehnsucht nach Zartem. ja, hast jetzt schon lange gesessen, über den Büchern, die sie dir gaben, um in ihnen zu lesen, von ihm. und deren Seiten man dreht, wenn die Geschichte vom Ende her erzählt werden soll. und plötzlich ist dir, als läsest du laut, und Kinder lägen im Gras, ihr Kinn auf die Arme gestützt, und hörten dir zu und blickten auf deine Lippen, mit Augen wie von Mittagsblumen. sie wurden still über den Worten, als spürten sie einen geheimen Auftrag, ihr Sprechen über die Grenzen der Träume zu bringen, wo es dich Älteren hinzieht, um wieder klein zu sein, fragend, erfindend. ein mit allen Wesen der Zweige und Wurzeln und Gräser verflochtenes Leben, das feinerer Sinne bedarf und seine eigene Dauer hat.

die Pfade des Hirten
ein Hingesunkenes
Empfangendes
Amseln rufen sich zu
wie die Möwen sein zu wollen
und dein abgewandtes Gesicht
schickt den Schmerz
über die Flüsse und Seen
wo an leeren Ufern
die Boote der Vertriebenen warten
ein restliches Glück zu laden
da sieht man
wie leicht
das innere Leben wiegen kann
wie schnell
sich die Fernen vermengen

Tag 109 der Erstarrung
du denkst jetzt aber nicht mehr darüber nach, was er gesucht haben könnte. in der Wanderschaft hat er gewohnt. so wie du im Warten. er hat sich geträumt, solange du in den Untergang deiner Sonne blicktest. sehr innig ist heute euer voneinander entferntes Denken. hin und her gehen die Träume. zwischen eurem Schlaf. zu ganz unterschiedlichen Zeiten. die Frühlinge zogen vorbei an euren Jahren. die Blüten blieben unberührt. und euer Atmen ist immer nah an der Quelle. wie der ruhende Fuß vor dem ersten Schritt. doch jetzt macht sich etwas auf, was die Boote nicht besteigen muss. und leben wird, weil es dem Tod folgte.

was nützt dir die Zeit?
ortlos irrend. in Wünschen.
dort. halt dich nicht auf.
bringe dich auf die Wege.
von deiner Sehnsucht getrennt.

jemand fragte: wie soll ich hier leben?
und trank aus Angst kein Wasser mehr
jemand schlug sich die Knöchel zu Splittern
weil die Wälder so endlos
jemand pflückte roten Mohn
und sah am Wegrand die himmlischen Zeichen
jemand ging einen anderen Weg
und dachte nicht an seinen Tod
jemand blickte vom Fenster herab
und schaute den Zügen hinterher
jemand schüttete Milch in den Abguss
jemand sprang von der Klinge
jemand ging die Ufer flussaufwärts
Anfang November
jemand hatte einen Gedanken
jemand wünschte sich einen Traum
jemand stand unter dem Apfelbaum
Mitte April

Schlaf. dem Gerechten | Ziehender. Halte nicht auf | über der Ödnis. den Mond | hast ihn versprochen. dem Freund | ein tagendes Ufer

so ging er fort | so hätte er wiederkehren sollen || die nahen Gedanken des Fernen | die nahende Nacht || ein Unvergängliches | jetzt | ein Dort | immer || und seiner Erzählung Stille | über der Geschichte | der unentrinnbaren || seines Lebens Beginn | im Unzeitlichen | und das Krause seiner letzten Rede | in den Ohren derer | denen das Abgeschlossene das Sinnvollste ist | und das Sinnliche ein Verhängnis
so ging er fort | dass in ihnen etwas entstünde | und sich kehre zum Aufgang eines anderen Lichtes | zur Hebung anderer Schätze | und dass die Hände nicht mehr erhoben sind | das Höchste zu berühren | sondern einzuladen den Verstoßenen | der sich doch Bleibe erhoffte | in den zagen Herzen
so ging er fort | um des ortlosen Wirkens des Heiligen willen | und unter den Trümmern der äußeren Tempel | die bleibende Statt dort drinnen aufzurichten | wo der Blick ins Ferne geht | wo die Angst ist die Nachbarin | einer unerklärlichen Zuversicht

wundersam gespannte Seile | gesetzt den Fall | es kreuzen Flüsse | den Weg des Ahnungslosen | und falls er nicht warten kann | auf das versprochene Floß

es gibt jene, die gehen fort | und jene, die bleiben zurück || die einen suchen nach ihrem ort | die anderen nach ihrem blick