Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[fünfter Ort: Mönchgut, Hagensche Wiek]

[Ur-Sache]

weil wir nicht hoffen umzukehren. weil wir nicht hoffen. weil wir nicht wissen, worum die Sage und die Trauer gingen. wenn uns einer fragte. und weil wir dennoch nicht verzichtet haben. auf die Gewitterworte. und jeglicher Zorn seine Stimme fand.

[Wir-kung]

darum stöhnen die Bäume unter zu viel Laub. und ihre nervösen Zweige sind wie ins Luftleere schlagende Flügel. der Wille, der einst die Wurzel der Buche zur Kralle bog, rutschte in den Spalt zwischen Fels und losem Gestein, hoch über der Brandung, lächerlich drohend dem unerschöpflich wogenden Wasser. wie eine bockige Göre, die sich für zwei Kugeln Eis die Stirn blutig schlägt auf dem Asphalt, hämmert der Wind gegen das Steilufer. und fleht bei den Schwalben um Stille.

[andere Zeichen]

ja, ja, die trockenen Wiesen des müdgeschwitzten Sommers. ja, ja, die vollen Beete und üppigen Stauden. und ja: die Trendfarben der Augen(Trauer)Weide. ja, ja, die in Küchenfenstern an den Dörrseelen nuckelnden Keramikhascherl. und viele weitere Gaben der Vergessenheit. und vor allem: ja, die endlose Reise, die ihr Verträumen drückte in die Sofakissen. wie die lichtschweren Gesichter in die Peelingmasken.

[Danksagung]

dem Gebein, das zu Sand zerbröselte. der Kühle des Abends und des Herbstes. der Zeit, weil sie sich uns vom Buckel schüttelt wie nach dem Bad das zottige Tier aus seinem Fell das Wasser.

[nachtragend]

weiß Gott, wohin es die Verschlagenen verschlägt. oh, die Schädel der Glocken. oh, die Zungen ihrer Klöppel. ja, satt ist das Land der Klänge und der Stimmen. hat sich gefunden im großen, letzten Ersäufnis. hat sich abfinden lassen vom schalen Atem der Leberkranken.

[Wettervorhersage]

unvermeidliche Traurigkeit. dunkler Grund des glücklichen Wachstums unzerstörbarer Träume. die untrennbare Bleibe in den unerreichbaren Tiefen der Kindheit. Furcht und Frucht. unlösbar der Schatten vom Licht, der Schaffende vom Schlaf, die Erzählung vom Gedächtnis, die Erinnerung vom Ereignis, das Denken von der Schuld. des Danach. das ja auch nicht wäre ohne Davor. die Übrigen dann als die Sagenden. als die Hörenden unter den Schweigenden. und all die Schönheit des Lebens. weil unzerstreut seine Schmerzen.

so viele abschiede

[buchheimer fragmente]

die träume
in gedeckten farben

schweigende mütter
hinter den fenstern

vergangen
die zeit der sprache

flüsterndes
mag noch sein
im laub
der leergepflückten brombeersträucher
ein murmeln noch
in den rinnsalen
vom hügel die straße hinab
weil ein heftiger schauer niederging

aber
die stimmen
sind wie die goldenen kugeln
die in die brunnen fielen
wann immer gesprochen wurde
von wünschen

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[vierter Ort: alte Dorfstraße. Rabenplatz]

[nicht zu vergessen: wie schön das Blau des Himmels unterm Wolkenzug. und: ganz ohne Zeitdruck zu beschreiben ein leeres Blatt Papier. dorthin zu schauen. ist. wie hier anzukommen. als wir noch Kinder. als wir noch hatten Mütter und Väter. denn: dort oben ist es sehr tief. aber: hier unten und dazwischen ist es jetzt. also: der Bereich einer möglichen Sprachlichkeit für den Augenblick. sofern er uns an etwas erinnert. das noch kommen soll]

wildes Gras. letzte Entfaltung im Träumen. ohne Ansprüche an die Wirklichkeit. auch das Lamm ist spät. und in seinem Fell ist die Müdigkeit des frühen Nachmittags. dennoch: die Zeit der Metaphern läuft ab. das Säkulum der Protokolle bricht an. die unverschlüsselten Gedanken täglich und pünktlich abzuliefern. bevor es dämmert. bevor es einem dämmert. und all die verstrickte und verstümmelte Sprache. abzulassen. ohne Ablass. wie den kondensierten Atem aus der Wasserklappe der ewigen Posaune.

einzige seele

[buchheimer fragmente]

am morgen
einzige seele
grauer himmel
der ahnung

mein haar
die ausgekämmten wunder
meine haut
das laub der verlorenen zeit

waldiger duft
farbloser träume
gestirne
leblose. wunde

später
der frühstückstisch gedeckt
mit allen gedanken
der vielen jahre. fort

z.b.
als überschwappte der see
vom licht des mondes

oder
als uns der atem stockte
kurz vor ende des frühlings

aber dann
plötzlich und unerwartet
blieben die augen geschlossen

die etwas gesehen hatten

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[dritter Ort: Manila, Makati City, Jazz Residences, Tower C]

Alles lässt sich denken. Das macht es nicht einfacher. Die Grenzen des Denkens sind fällig (Verordnungen, Entscheidungen, Zwecke) oder zufällig (Ungeduld, Müdigkeit, mangelnde Zeit). Wen das Denken nicht erschöpfen soll, muss es lieben. Und wer es liebt, hat Freude an den Vorstellungen und den Vermutungen, an den verzweigten Pfaden, am Spiel und an den Geheimnissen. Dieser fragt sich, ob es vor dem Leben schon eine Existenz seiner selbst gegeben hat. Er erlaubt es sich, eine solche zu wünschen und ist nicht gram um die unbeantwortete Frage, um den unerfüllten Wunsch. Auch wenn der Anfang des Lebens Geburt heißt und sein Ende Tod, schreckt er nicht davor zurück, das Ende zum Anfang und den Anfang zum Ende zu machen. Selbst der Beginn der Zeit kann ihm ein hilfreicher Gedanke sein und ein nötiger Zweifel zugleich. Er wagt es sogar, seine eigene Vergangenheit für veränderbar zu erklären. Es mag sein, dass er dies tut, weil er eine innere Not spürt. Denn die Geschichte ist eine Wunde und die Erzählung eine lindernde Tinktur.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[zweiter Ort: Doha Airport, Gate C26]

Sollten wir uns etwa nicht sorgen um Gott? Die Spuren des Traurigen unter uns. Das Erloschene zwischen den Fetzen der Träume. Vielfach hat es uns gegeben, damit wir es einmal begreifen, was uns hielt bei den Straßen und Ufern. Aber doch nichts zu erbitten um der Bitte willen, sondern weil es um das Leben ging, das eigene, vor allem aber das der Anderen. Wir setzten uns selbst ein Ende, setzten wir Ihn nicht ein als den höchsten, einsamsten Wächter, setzten wir uns nicht aus der schmerzvollen Warte, auf die ein jeder Liebende sitzt. Es gibt keinen Urlaub von der Sorge für die tief und wahrhaftig Liebenden. Denn ihre Seelen geben sich unverändert den in ihnen Wohnenden, ganz gleich ob sie empfangen oder verlassen wurden. Und um ihrer Treue willen werden sie verwandelt sein ins dreifach gebrochene Licht des wundgescheuerten Glases, durch das all die Blicke all den Augenblicken hinterherschauen.

seliges feld

[3 waka-variationen]

wo ist dein grab
im sand verlorener schatten
aus deinem letzten blick
wachsender zweig. ein baum vielleicht in 7 jahren
mit flammenden blüten im frühjahr. und bangenden früchten im herbst

wohin drehte sich der wind
und schlug das wasser der klage ins gestein
und kämmte die samen aus der mürben erde
gingst du ihm nicht entgegen? mit einem steten rufen:
wehe. hoffnung

ach. das kristall deiner zukunft
und der bleibende einschluss des schütteren
das gebrochene licht. verwandelt zum schmerz
weil die schwelle der zeit
überschritten sein muss

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[erster Ort: Düsseldorf Flughafen]

Es gibt Träume, die sich schnell vergessen und die nur im Träumen selbst eine Fortsetzung finden; in ihnen ist ein immer verschüttetes anderes Leben. Und dann gibt es Ereignisse, die dieses Träumen – mindestens in Fragmenten – hervorholen und es heben auf die Stufen und Bühnen der wirklichen Zeit; sie erinnern an lange verlorene Hoffnungen, an Entschlüsse, die (scheinbar) alles veränderten, an mögliche neue Entschlüsse, die ganz sicher alles aufs Neue verändern werden, im klaren Wissen um die Unmöglichkeit einer Heimreise als einer schlichten Rückreise, selbst wenn der Eindruck entstehen mag, im Kreis gegangen zu sein und wieder an derselben Stelle zu stehen, an der das Gedächtnis all die Zeit festhielt. Die schlimmsten Entschlüsse aber sind die nicht gefassten, denn sie entspringen der Illusion, dass sich mit ihnen nichts ändern wird…

beim atem. der staub | beim stein. die stille

[buchheimer fragmente]

was sagtest du noch
was [s]ich nicht vergessen sollte
– ? –

dass es geben muss: einen vorschein
des noch nicht hervorgekommenen
die ordnung der unausgesprochenen wünsche
ein unverhofftes erbe vielleicht
den traum einer larve
das ende einer schuld
oder die trennung eines gefühls vom ereignis
– / –

etwas, das da ist
dem man aber nicht näherkommt
das wort
das man nicht keimfrei bekommt
– ! –

weil
beim atem der staub ist
wie
beim blatt das licht
und
beim stein die stille
– . –

buchheimer fragmente

[still-leben | still leben]

Foto: Miriam Halfmann

[still-leben]

apoplex. brotzeit – dionysos. parkbank – brennender dorn zwischen den blinden augen – teiresias. mit stopfen im ohr – mit dem gestopften horn – mit den gläsernen knochen – dem papyrus-geweih – hoffend. dass die taube hand als viper erwacht – dass er sie nimmer wundschreiben muss – im ewigen beschwerdemanagement – dass die prokura erlischt – dass ihn ein frisch rasierter mit nappa-etui unter dem arm – reißt aus der unfehlbarkeit.


[still leben]

nimm doch platz

der hier ist frei
der hier will befreit sein

er schreit: streben
er flüstert: sterben

er hält das geheimnis
zwischen den lehnen
er hat es nicht
fallen lassen. fell-an:

er ist der weise
der auf der wiese steht
wie die unbekümmerte einsame ulme

die der zeit geduld lehrte
unter deren schirm
die raubtiere schlafen

wie verwunschene helden
im burnout
ohne kraft oder lust

zur nervosität
wenn ein ast knackt
über ihren häuptern