ihr habt nun: traurigkeit

nicht aufhebbar

aqua.rell: schmerz
in kaltfassung

haiku
mit vorrede

ich gehe jetzt immer
mit regenschirm
abzuhalten das unheilvolle
das vom himmel herabfallen kann.

oder: auf ihn gestützt
das gewicht der erde zu prüfen
an der achse der schwerkraft
an der aufhängung der welt.

wenn ich nur wüsste
wo ich stand
den abend zuvor
als das wort abschied nahm

aus küste
wurde ebene
aus sehnsucht
fläche ohne rand.

wenn ich sagen könnte
was ich mir aus den augen rieb—

wäre es nicht mehr da


zweig einer esche. zur erde
zum wasser gezogen

und wie das schicksal: nicht aufhebbar

ihr habt nun: traurigkeit

trag.werk
schwebe.balken

tag der abreise
die leeren schiffe versenkt

aber so schön: der sonnenaufgang
über den trümmern

fast wie: ein erstes erwachen
küstenblick
klippe
von den oberen rängen
aufs große orchester

heute: im tiefer gefahrenen graben
unterzugehen in klängen aus vorhalt und verweigerung

f-h-dis1-a1
h-dis-fis-a
gis-h-d1-f1

mir persönlich
hätte ein steg gereicht

denn das wasser ist tückisch
und sieht nur von oben flach aus

die wahrheit ist aber: die liebenden
stehen in der mitte zwischen insel und insel

sie merken kaum
wie nah sie dem tode sind

nicht
dass der tod sie nicht kümmern würde
aber er sorgt sie nicht mehr
und ist nun zugleich alles für sie

ein ewiger sturz
ins endlich endlos verwaltete dunkel

da ist kein fragen mehr und kein warten

gewiss: sie haben für diesen dauernden moment
sehr lange einatmen müssen
vielleicht sechs-achtel eines lebens

damit ihre stimmen von küste zu küste tragen

doch alles kam
auf diesen einen gewaltigen atem an
der die seelen von den knochen riss
wie ein heftiger windstoß die segel von den masten

dass es sie wieder – ein letztes mal – landwärts zog
in die gärten des anfangs
wo die beete zu betten werden
und die gebete zu gesängen

zwischen buchsbaum und apfel und
halb zertrampelten kräuterrabatten
die alten lieder wie christbaumschmuck
an die nackten zweige zu hängen

fiebriges träumen
und angst
sich beim küssen auf die zungen zu beißen

oder überreife brombeeren zu pflücken
und sie sich auf die lippen zu legen

während sich wundern die der welt verhafteten
die von der welt verhafteten: über
so viel herzkrankheit
und kopfweh und
krampfhafte verwilderung.

welcher narr
der ein gott sein wollte
hatte ihnen nur diesen floh ins ohr gesetzt
der sodann zum wurm wuchs
und durch ihre venen rutschte
hinunter den ganzen langen weg
bis zur sackgasse des großen zehs?

ein uralter oheim
mit schütterem haar
aber
stand die ganze zerdehnte
zerdrückte zeit
über den ewigen mauern
wartend auf
ein paar reife freuden
die sie ihm gönnen mögen
sie oder er
ganz gleich

er hätte
den unterschied
nicht bemerkt

ihr habt nun: traurigkeit

herbst. zeit. lose

man hört nicht mehr viel. stumpfes glas. trübe wolken. dahinter. pulsloses rauschen. man schneidet die luft des frühlings in die scheiben der erinnerung. man ist es gewohnt, ohne musik zu sein. man wähnt sich angekommen. an den stätten der langsamkeit.

da. ist uns. das schicksal. sehr rasch. losgeworden. wie ein im schweiß gebadetes kind. befreit vom schlaf. und von den nachtgespenstern.

eng sind die lichtungen des abschieds. schattenriss. der zweige. und särge. verschüttete wege. was will die zeit mit den spurlosen?

wir geben der erde leise nach. wir tragen die namen der fremden. und die anderen farben. jetzt. in der epoche des flüsterns. der im garten flatternden wäsche. während es regnet. den zwölften tag.

die hände haben schwellungen vom heimweh. füße aus stein. im strömenden wasser. das jedes gewebe aus licht und atem zerreißt.

aber. schon jetzt. hat alles ent-täuschen. die klarheit des kommenden winters. und die präzision der spindeln.

man hört jetzt sehr viel. von den verirrten. und den zurückgesandten. die ihre stimmen tauschten. gegen den wind.

gebet in der dunkelheit

[triptychon einer restlichen gegenwart]

I

sei mir ein atem. wenn ich keinen mehr habe. sei mir ein blick. wenn ich nichts mehr sehe. sei mir ein schatten. an der wand meines herzens. ein restliches licht in jener nähe, wo ich verlorenging.

lass mich dessen entsonnen sein, was ich nicht halten konnte. lass es noch ein wenig an meiner wachen seite ruhen – nicht als bild. sondern als wärme unter der haut.

wenn der schmerz kommt. nimm mich in seine mitte. lass ihn nicht um mich kreisen. wie ein tier um seine beute. lass ihn mit mir weinen. lass ihn müde werden. lass ihn schlafen.

und mich mit ihm.

II

und wenn ich nicht mehr gehen kann. dann trage mich. nicht weit. nur bis an den rand des erinnerns. dorthin. wo die luft noch nach ihm duftet.

wenn ich zu tief sinke. dann leg mich nieder. zwischen die falten des alten tages. in das tal. wo die schatten schlafen.

ich habe keine worte mehr. nur geräusche. die in mir klirren. wie glas in einem verlassenen haus.

die liebe – sie ist kein versprechen. sie ist ein abdruck. in der feuchten erde meines inneren. ich trete hinein. und weiß nicht, ob ich je wieder hinausfinde.

mein körper: ein archiv des berührten. meine haut: ein echo seiner hand. mein mund: ein verschlossener vers. der sich weigert, ihn loszulassen.

und wenn ich sterbe in dieser stunde? dann sei es keine flucht. sondern ein eintreten in den raum. wo er noch einmal meinen namen sagt.

III

dort. wo mein sprechen versagt. bleibe das wort. aus dem ich mich löse. und sei mir ein klang. kaum mehr als ein hauch. zitternd am rand einer zeile.

sagen will ich. was nicht gesagt werden kann. lass es in mir zerspringen. zu silben aus licht.

nicht mehr mit meiner hand. setze ich das zeichen. sondern mit dem herbst meines atems.

ich schreibe auf. was mich verlässt. ich schreibe fort. was mich erhält. hier. in der stimme. die zum raum wird. hier. in dem raum. der zu bildern wird. unterhalb meines vergessens. landschaften. ferne. die nie mich verließen. solange ich sie durchwanderte.

sie sollen mich schreiben. als einen, der liebte. einen, der fragte. der blieb – im anhauch des wortes. das niemand spricht. das dennoch alles trägt.

wie ich ihn. in mir.

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 14 neue strophen]

wohin sich treiben lassen
wohin vertrieben
immer dem schmerz aus dem weg zu gehen
statt an seinem verbranden ein ufer zu bauen
den abendlich blauen ort eines wundervollen endes

steige noch nicht hinab
zum tiefsten der heiligen worte
furcht ist die zärtliche freundin
dass unberührt bleibe das kostbarste
und verborgen die empfindliche schönheit deines namens

wann begann die lange nacht
die des herzens rede endete
als sich spiegelten die geheimnisse
in den erblindeten augen
die das lichtlose meer geschaut

lass sie doch sein. wie die träumenden
die durch die sage wandern. einer nicht endenden liebe
so wund von ihren hoffnungen
und fast ertaubt. flüstern sie: ANGESICHT
aufgesucht. und daheim. in jeder seele. die sich hingab

ach. so verödete knospen
ach. ein so trübes auge
blickend auf alles. was nicht aufging
was sich gewünscht, vergehen zu können
dass es mische sein mattes summen in ein verwehendes weh

und wenn das licht entwichen
suchen die schatten nach ihren trägern
zu ziehen die schleppe
an der noch haftet
der duft der verheißung

dann. sei ein tag
an dem du stehst. auf der schwelle. ungebeten
auf einem fußbreiten steg
zwischen stern und stern. zwischen ruf und widerhall
im einsamen klang. des letzten schlags. der dunkelsten glocke

was sagte ich anderes. als: du
was hieße es. ausgesprochen zu sein
in der stimme des anderen. enthalten. in der stimmung des harrenden
der seine wünsche kennt
die schätze des unvollendeten. solange er schwieg

einer. von den vielen
ausgesucht. für alle tage
durch die zeit zu laufen. mit verborgenem herzen
immer zu ziehen. wie wege um seine insel
die kreise. um jede stunde

ja. die große liebe. die eine. vielleicht
das uneingestandene licht
im schattenreich der sommerlichen wälder
die bänder des nebels am morgen
aufzutrennen. mit den scheren der sagenden stimme

ich komme vom träumen nicht los
so weit ich auch gehen und fliehen mag
steht bei jedem abend
am einen, lautlosen ufer:
der liebe trauriges auge

die mageren schatten
auf saftigem gras
wartet nicht immer das ziel auf den suchenden?
haucht sein kühles wort:
wer nicht wandelt, wird nicht verwandelt

nicht das einzige leben
das an unbekannter stelle einer langen reise verschwunden
nicht der einzige tote
der die welkende blüte seines namens zu den steinen legte
die das kommen und gehen der gezeiten nicht schrecken muss

trauern darfst du. freund
am bleibenden ufer. das ich verließ
stehen darfst du bei der traurigkeit. mit der ich fortgezogen wurde
doch: gehe heim in der freude der liebe und
mit dem unauslöschlichen licht. meiner schritte. voraus