Werkstatt VIII [Vierte Elegie | im Vorsprung zur Zehnten]

[Sonett, 64,28% | reine Hoffnung | Neigung der Waage]

die Szenen des Abschieds sind gut dokumentiert

die Gärten erwarten den Frühling, den Fröhling, der dort spaziert
und seine Gedanken an gestern verliert
sie warten auf die frisch Verliebten,
auf die zärtlich Ungeübten,
die auf ihren Schatten liegen,
mit Krokuslippen und Augen von Tausendschön,
die Sanftes sich flüstern, ohne zu lügen
z.B.: wir werden uns morgen wiedersehn

[3 Waka-Variationen | Froschklappen. Fallleitung. Schmerz. im Überlauf. Staubfluss. vorletzte Waschung]

dein blick hängt
schlaff über reglosem wasser
weidenlaub
schlafend über den sternen
im see versunken. wie steine

dein blick hängt
schaukelnde anker verwaister boote
verwester träume gewölle
immer deine frage:
wer geht mit mir —
fort

fern —
dein himmel. der schlingengrund
der schlangen häute. und netze aus silbernem garn
wunder des spiegels, über den jeder zweifler laufen kann
wie jeder fromme über die klamm
wenn dort sein blick hängt

wenn er ihn fängt

peregrinari [LiederGabe 2]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

ich fühle die Möwen über den funkelnden Wellen
dein Boot. am ferneren Ufer
darin ein altes Schilf geduldig wachsen konnte

ich spüre: ein anderes Leben will sich erzählen
die leisere Stimme: sie kündete tiefer
und tropfte ins Erdreich, wohin ich mich wandte

da rufen die Wurzeln wie eingegrabene Laute
darin dein Gedanke: ans Licht zu klettern
dem besseren Kinde reifere Früchte zu bringen

der Garten, versteckt hinterm Haus, das ich dir baute
als Zuflucht vor jeglichen Wettern
blieb einsames Ufer, wo mir die Amseln singen:

komm‘, Frühling. das Echo der ziehenden Jahre
komm‘, Herbst. dass ich mein stilleres Auge erfahre

peregrinari | veni creator spiritus [LiederGabe]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

warum die hohen Feste sich so schnell vergessen
so fern die Zeit, in der man bleiben mochte
steig‘, Gott, herab, gelöst aus deiner Trauer

aus deiner gold’nen Zweige Fesseln
was immer einer, der auch schöpft, sich dachte
gelt‘ deinem stillen, matten Blick die nächste Feier

wenn wir die Gärten deiner Jugend dann verlassen
sind wir einander die Verliebten wieder
die an den Fenstern wie an leeren Ufern stehen

wir werden wissen dann, was wir vermissen, ungelassen
im Sang der späten, zärtlicheren Lieder
weil wir, wie lahm auch immer, leichter gehen

am Rand der viel betret’nen Straßen
wo wir zuletzt allein im Blick des And’ren saßen