end.los | brief aus der isolation

man hat sich lange nicht gesehen. irgendwann kommt der tag, an dem man nicht mehr weiß, wie lange. dann unterscheidet sich die vergangenheit nicht mehr von der zukunft und heißt ebenfalls nur noch irgendwann. dennoch ist der morgen gerade so, als ob hinter dem erwachen und jenseits der mauern, in denen es stattfindet, hügel aufsteigen, durch die sich uralte sandige straßen schlengeln, gesäumt von pappeln und ahorn. man hat sich lange nicht gesehen. sich selbst. irgendwo in der welt, deren orte alle gleich sind. ein hier unterscheidet sich nicht mehr von einem dort und heißt auch nur noch nirgendwo. man sieht den regen nicht mehr. es reicht aus, ihn zu hören. er ist wie ein müdes zeichen des wirkens eines traurigen gottes. endlos haben sich die wälder gemacht, für sein verschwinden und verschweigen. er hatte zuletzt eine dünne haut, während der mensch mehr und mehr ein dickes fell bekam. seine wimpern sind ein dörrgras – sie halten den letzten sehnsuchtsduft einer mitten im frühling erkalteten erde. die zeit ist gekommen, da so viel von ihr bereits verrann, dass die tage so wenig gezählt werden können wie die silben, die auf der tauben zunge lagen. tropfen und steine bilden eine masse, wenn alles spurlos geworden ist. boote schaukeln an den leeren stegen; ihre taue bleiben uneingeholt. das meer ist wie ein abgelegtes gewand eines geistlichen; es hat sich zerschneiden lassen von den verwegenen küsten, die ein weitgehend schattenloses land rahmen wie den rand einer wachsenden wunde. nichts gehört ihm. das wenige, das sich ereignet haben mag, hat sich nur allzu bereitwillig von der zeit fortziehen lassen. und es spielt ja nun auch wirklich keine rolle mehr, wann die suche begann oder wo. ja, vor allem das wo hat sich sehr rasch im ungefähren verflüchtigt, auf dass es immer suche gäbe, doch nimmer finden. eine zarte welle der luft (hyperion) mag sich durch das gekippte fenster in die kissen und ins haar schleichen, aber das ändert jetzt nichts mehr daran, dass das atmen sich nicht mehr spürt. stimmen mögen vielleicht noch durch die träume irren, aber sie bleiben ohne echo, ohne halt im zeitlichen. die geschichte kann es besser: sie sammelt das ihre als einen gleitenden bestand des vergangenen; nicht beständigkeit ist ihre sache, sondern ablage des kurzfristig freigesetzten, sobald es sich verfing in der zone der vergessenheit all dessen, was unter schicksal läuft, sobald sich das fleisch von den knochen löste, nach der spätzeit des zitternden laubes, der frühzeit stumpfen sinnens all des übrigen in der natur, das seine eigene überwindung voraussichtlich nicht mehr erleben wird. judica. das recht kommt ohne leidenschaft aus. tautropfen im netz der spinne (saigyō). törichte anrufung eines gebrochenen lichts. das einem nun aufgeht, wenn man nicht mehr einer ist, sondern irgendeiner. als sei ein fremder in die wohnung eingezogen, seit die zeit von hier auszog. sie hat die irregegangenen zurückgelassen und weiß jetzt schon, wie irre die bald wieder gehen werden. aber vorher wird der raum auf links gedreht; außen wird innen und umgekehrt. der raum als dia-negativ. der ausweg im weg-aus. man sieht das wesen der dinge, ohne sie berühren zu können. man hatte eine heimat, aus der die landschaften vertrieben wurden. das ende des zitterns in der vereisung. das ende des hungers in der verspeisung. die stille einer wildnis in den versteiften gelenken angewinkelter knie. der tiefe brunnen eines milchkaffees, der wohl auch nicht weiß, wann das zeitalter der gepackten koffer endete. sicher: die krise hat einen überrumpelt. doch man könnte sich jetzt entrümpeln lassen. das schuldige tilgen. und abschütteln das schattige. das warten beenden mit gegenwart. nicht der eigenen. dafür ist es zu spät. denn das ist ja das land, in dem alle liebe endet (TSE/AW). erbschaft. die friedlich entfernten. die traumenteigneten. trunken von den leeren vasen. badende. im sumpfigen schwemmland der irdischen gutheiten. im fast schon himmlischen glanz einer temporären unerreichbarkeit. in der schonung des behaupteten hin-und-weg. in der schönung des wohligen und des wolligen. das man nicht gewollt haben muss. als hin-und-weg-gefährte. als blinde mitte im äffchen-triumvirat. als wahl-versandter. unentsonnen. und geknüpft in die zwischennetze. mit dem seelen-aufschnitt hinter den mattscheiben. als protagonist der sesseldionysien. während der dummy-opferung. zum augen-konfekt. jedenfalls: zwischenräumlich. in der verwaisten kammer eines mürbeteigigen herzens. eingeschlossen: zwei, die mit aufgerissenem blick in den wald der disteln rannten. man ahnt es, dann und wann, was draußen zu blühen beginnt. eine ahnung, die entsteht, weil es erinnerung gab. aber es bleibt der verdacht, dass man von der möglichen welt nur geträumt wurde. man war auf der falschen seite (schäl sick), in einem buch-heim, scheinbar aufgerichtet an einem buch-stab, an der grenzlinie von losung und lesung, während in der zelle der zeitfraß, hängend an der zellwand (folivorum), der zählwand, um die tage der welt-flucht, von der erst noch zu klären sein wird, wer vor wem – wir vor der welt oder die welt vor uns…

end.los | brief aus der isolation

ein gedanke hing noch. zwischen zwei buchseiten. als das geäst knackte im schon zu lange nicht mehr bewegten rücken. als das gehör zu klingeln begann, nach der stille eines frühlings, als ob es einlass begehre, an der unsichtbaren tür des gedächtnisses. dort abgelegt wurde – in einer der unteren schubladen – die seltsame spiegelung, die wohl so viel sagen wollte wie: ein jeder anfang geschieht um einer bewegung willen. doch was kann getan werden, wenn jeder neue tag als sinnbild eines möglichen anfangs direkt nach dem erwachen in den abend rutscht und die nächte wie schleusen sind, die – um sie vor anbruch des nächsten morgens noch rechtzeitig zu passieren – zölle erheben für den kleinsten traum, in dem so etwas wie ein wunsch schon lange keinen platz mehr beanspruchen durfte. jegliche wohnung wird zum verlies des aufgeschobenen lebens. jede bettstatt wird zur truhe der abgehakten versäumnisse. das ende der welt wird befördert von einem reiseziel zu einem zustand, der nach verkürzter probezeit seine verstetigung feiern darf. es hätte das jahr der wanderung sein sollen. nun müssen alle guten vorsätze der verfügung geopfert werden, damit es fügung gibt statt schwebe und vorhalt einer richtungsentbundenen hoffnung, statt irrung und wirrung zwischen denken und lust. dem ferneren nahe zu kommen, ohne sich selbst zu ent-fernen, sich auf die suche zu machen nach einem haus, einsam bewohnt wie das eigene.

end.los | brief aus der isolation

Ich stelle momentan meine neuen Texte in etwas größeren zeitlichen Abständen in den Blog, nicht weil ich weniger schreibe, sondern weil ich seit einigen Wochen ausschließlich an einem prosalyrischen Langtext arbeite, von dem ich – wie heute – dann und wann einen Abschnitt als Kostprobe präsentiere. Ich verarbeite in diesem „Endlos“-Monolog meine täglichen Notizen aus der ersten Corona-Zeit.

ausgestreckte hände. schwarm der gedanken. wucherndes hinter dem auge, das nicht zu wachen vermag. gestockte träume in der flut der verdrängung. mondsüchtige worte. unzeitiges, sprach-los. windleben, als ob sich der tod verkürzen ließe. kind, das mit flammendem kopf um die waldseen rennt. offener querriegel. jemand geht durch die wohnung als schattenriss. als falte im dunkel, um den einsamen schlaf. jemand ging durch die wohnung. und räumte die vergangenheit aus. nur das bett im gästezimmer blieb noch so wie nach dem letzten besuch. vor der unabgeschlossenen tür stand ein ein- oder ausbrecher, der sich ins herz schoss, als der schnapper sich bewegte. jemand wird durch die wohnung gehen und sich setzen auf die kante des bettes und sagen: ich erzähle dir alles, von anfang an. ich kopiere dein gesicht und lege es auf die kopflosen puppen, dort, auf die lehne des sofas, die aufgereihte und ausgestopfte kindheit. vor dem großen sturm, der den winter fortfegt, fällt noch einmal meterdick ein schnee auf die schlachtfelder und friedäcker, wo sie einmal sitzen werden um die steine, in wattierte häute gehüllt, und sich erzählen von unserem sterben und wie wir lebwohl sagten und einander unsere augen aßen und unsere zungen aus den kehlen rissen wie die papiernen flügel der falter vom puppenrumpf und wie wir enthaupteten behaupteten, wir könnten uns unter den wurzeln der weiden durch die wintererde graben, um zum ufer zu gelangen und könnten durch den nebel schweben wie luftkissenboote, oder der nebel durch uns, und würden dann einfach auf der anderen seite des stroms warten, bis der sommer gekommen, der späte, der schon nach herbst duftet, dem frühen, der das verstreute noch einmal verdichtet im saftigen fruchtfleisch, so dass man nur zugreifen muss und kraftvoll hineinbeißt, ehe die süße umschlägt ins poröse gestein. und wenn sich dann wieder die tage verkürzen, wird der docht entzündet, um die entzündung zu lindern. unter den schläfen. unter der rinde. unter den worten. unter den akten. vita contemplativa. den tod zu denken. nach der lamm-speise. nach dem schlupf der seele ins fell. und dem haus in der buchenknospe. denn auch die ewigkeit muss sich einrichten und bedarf eines artgerechten mobiliars. wenn man endlich nicht mehr veraltet ist, sondern nur noch verwaltet wird. und seine versäumten guten taten zählt. bis sich die un-zeit verjüngt hat zum letzten tag, der wie der erste ist, der wieder wie alle tage ist, wenn sie nicht mehr gezählt werden. wenn man wieder ein wanderer ist, von dem man nicht mehr weiß, woher er kam und wohin er wollte, damit man insgesamt sagen kann: das ist wanderung – ziellos, spurlos, weglos. man weint vielleicht. dann und wann. aber nicht die eigene träne sieht man, sondern den tau auf maifrischen weinblättern, oder dem raps, einige wochen zuvor, wenn für einen kurzen moment die letzte frage des gegangenen ins gedächtnis zurückschießt. ja, aufschlag der augen, wie einschlag der sekunde in die zeit, der sternsaat in den mondacker, der frostnadel in die kirschblüte, der pupille ins licht. die reise beginnt bei der letzten erinnerung. mit dem körper einer trichterwinde, eines windtrichters, mit dem gesicht eines morgens, mit dem gesicht von morgen, wenn es sich nur heute schon auffalten mag. da, wo die zeit niederkniet. „una mo sa-kosa wa“ (saigyo) — ein schritt im gras, der länger dauert als ein leben.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[erster Ort: Düsseldorf Flughafen]

Es gibt Träume, die sich schnell vergessen und die nur im Träumen selbst eine Fortsetzung finden; in ihnen ist ein immer verschüttetes anderes Leben. Und dann gibt es Ereignisse, die dieses Träumen – mindestens in Fragmenten – hervorholen und es heben auf die Stufen und Bühnen der wirklichen Zeit; sie erinnern an lange verlorene Hoffnungen, an Entschlüsse, die (scheinbar) alles veränderten, an mögliche neue Entschlüsse, die ganz sicher alles aufs Neue verändern werden, im klaren Wissen um die Unmöglichkeit einer Heimreise als einer schlichten Rückreise, selbst wenn der Eindruck entstehen mag, im Kreis gegangen zu sein und wieder an derselben Stelle zu stehen, an der das Gedächtnis all die Zeit festhielt. Die schlimmsten Entschlüsse aber sind die nicht gefassten, denn sie entspringen der Illusion, dass sich mit ihnen nichts ändern wird…

missa lecta [ICE 1155 | das unsichtbare | das schmelzende | unter den wellen | schatten des bergs | ort deines wartens | stille | aufgequollen | fülle des möglichen]

pfingstpsalmodie

farbe dieser landschaft farbe dieses lebens trockenes gras auf endlosen ebenen

und wie schön erst die farben der träume so wie der tag enden soll

zwischenzeitlich

müsste er angekommen sein alle steine alle seelen wurden aufgestellt die menschheit heute als eine gemeinschaft der suchenden und morgen als eine gemeinde der wartenden

gestern

wir erinnern uns der gesten salz und sand aus den augen gerieben atem geschickt von einer dämmerung in die vereinzelte hoffnung hinein

etwas

gesichtet etwas wie ein gesicht etwas wie ein seufzer etwas wie vom anfang zu uns hinübergewunken wankend doch wacker im erwachen entlang der linien der küste des horizonts das band an dem wir gezogen gegenwärtlich erwartend die gegenwart die gegenwarte

beharrlich

ohne zu verharren tatenlos unverhandelbares wenn es verwandelt war beweglich zwischen den streifen lichtes auf den sich kreuzenden wegen wer ihn bezeugte zeugte ihn auch wer sich verbarg dem zeigte er sich und wer ihn sagte wuchs in der sage treppauf ohne furcht vor der luft der höhe treppab ohne angst vor der katabasis kuss auf etwas zu für das flügelgeschenk für die stimmgabe[l] adoratio augenblicklich herzblicklich[t] hand und fußblickdich[t]

die zahlenden mit ihren schritten zurück

die zahlen rückwärts auf dem taxameter rückzahlung ausgeschlossen wenn die schlüssel klappern wenn die gedanken rasseln und die worte prasseln wenn das laub raschelt vom rauschenden blut keine erstattung an dieser statt keine verrechnung des unberechenbaren alles unbezahlbare war schon da ist schon fort näher rückt der ablauf allen die ihren rücken nicht abschütteln konnten die nicht kannten die drehung der zum licht wachsenden zweige der in liebe züchtenden und im schmerz ziehenden mutter

doch wo blieb der vater

die kinder erzählen sich abends von den kriegen von den weiten wilden wassern von den vergifteten inseln

[das übliche muss gar nicht übel sein | befragung der restlichen | der übrigen zeugnisse]

wenn der tod

begonnen wenn sich die zeit entfernt hat und in der kalten bleibe deiner gedanken daran was noch hätte sein können was sich da alles versammelt in der kühlkammer der schöpfung und wie glücklich wenn eine wiederkehr in einer fernen trauer

der eine atem

dessen du nicht beraubt sein wirst der lange atem des einen geistes und als ob dich streichelt die graue wange des geduldigen gesteins die leeren flure heiliger haine der heimkehr gläserne fäden aus staub

wohin er blickt

hinaus wie hinein stille wurzel seiner verkündung spätere stufen ganz gleich wohin woher die kundschaft der schweigenden und gänge in die zeit zurück verriegelte nacht der grund dann auf dem du liegen magst und warum das ohr nun befreit von den dunklen fernen klängen schmerzende stimme vom brennenden schweif deiner worte wie frisches wasser im satten boden dort die fragen nicht verkümmern zu lassen nach den pfaden und den pforten die hand der treuen seele nicht abzuschlagen die über die schwelle half über den abgrund reichte

farbe der flügel

farbe dieser einen hoffnung das ziehen der wolken über von hügeln umschlossenen seen klein ist der schmerz unter den floßen der schatten die nordöstlich verschwinden wandernde himmelsinseln wundernde heerscharen der nimmermüden nothelfer:innen freiheit ruft es unter der rinde freilich[t] tönt es im licht wenn es die fenster das laub durchschlug getragen von allen erinnerungen in allen ereignissen eigen[tl]ich[t] das flehende unvergessliche unverlässliche nicht zu verlassen wenn es vergessen in einsamen ecken trage mich weiter ruft es aus der umrandung der verlorenen zeit hängt von den türmen von den stirnen von den gestirnen ein sternenhaar durch das kein gott mehr schicken will seinen sohn und selbst wenn er wüste sagt wenn er wüsste was jener schrie vom baum der erkenntnis hernieder ist im echo erstarrt was er wusste vom sterben der eisige winkel der punkt an dem sich alle verworrenen wege kreuzen der nagel auf den kopf getroffen auf die haut des wassers gestellt um der zeiten fluss ans schwarze brett zu heften damit er ewig erinnert sei warum er verlassen wurde

schäme dich

so nackt in der gegend zu stehen insel und ufer des anfangs farbe des schaums des schnees je nach dämmerung je nachdem wer dann folgte und wann die früchte fielen vom goldenen zweig

to be continued…

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.10.29 | Tag 174 der Erstarrung

was könnte sein? mühlos vergegenwärtigt. Vergangenes, das sich bewegt. Bestehendes, das sich kaum zu rühren scheint. Zwischen allem Lebendigen, das sich flackernd verzehrt. du schaust in die Namen hinein. du siehst hinter Mauern blühende Wiesen. du hörst zwei Menschen vertraut miteinander reden. und weißt nicht, wer ist wer. die Stimmen bekommen Gesichter. und aus ihren Schritten wachsen die Körper in deine Träume hinein. du fühlst dich gerufen. hinaus aus deiner Einsamkeit. und hast wieder Hoffnung, an die Schwelle zu gelangen, hinter der sich zeigte aller Sinne Sinn. und endlich steht das Endliche da. in all seiner Fülle. erschüttert und selig. das Kraftvollste aus dem Zartesten. aus Licht und Gelingen ein Schatten des Schicksals. falls du noch Zeit hast. über die Pausen des Daseins hinaus. am Rande sitzend. und über ihn hinweg blickend. dass sich dir zeigten alle Dinge, die Schatten werfen.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 41 der Erstarrung

du hattest verstanden. jeder für sich. gegen jeden. gegen sich selbst.

an unseren Knochen. hängend. ein seltsam verwandeltes Haar. die kleinen Freuden. die über die Hügel gestiegen. in die Gärten Verpflanztes. Tröstliches. Namen. unter Sprockholz und Seetang. an uns. Auftrag. wie Bienen zu fliegen. ein aus Gras geflochtenes Haus. zu tragen. über Gebirgskämme. über Meere. den Inseln zu. bevor verbrennen die Blüten des Mutterkrauts.

du hattest verstanden. Wirbel des Sandes. Spiegel der Luft. Welt im Honiggestein. Wissen. das den Tod nicht nötig hat.

tauche wieder auf. frage. aber zweifle nicht mehr. fühle keine Sorge. und wenn du schon nicht laufen kannst über das Wasser. so erblicke darin. was es bezeugt.

Eumaios. hinter den Fenster

Tag 43 der Wanderungen

er wird weinend kommen. du wirst hinausgegangen sein. Lichter werden fallen in das Innere. letzte Tropfen Regen in den Brunnen. einsam kam er zu dir. einsam warst du gegangen. er könnte jetzt beginnen zu erzählen. nachdem du verstummt bist. er wünscht sich, hoffen zu können. dass du dich erinnerst. wie du wachsen konntest mit ihm. wie du welken musstest. als er fort war. und weil er der Gefundene war, musste er nicht mehr gesucht werden. und weil er verloren ging, konntest du nicht mehr bleiben. das Jahr brachte keine Fülle mehr. die Zeit lag erschlagen mit ihrer Felsenhaut unter der Sonne. doch er wartet noch immer auf deinen Ruf. er steht an den verschlossenen Pforten. er will dem Tode nahe sein. und hinabschauen in das Land des Lebens. die Landschaften, durch die er noch nicht wandern konnte. durch die du nicht mehr wandern wirst. er wird erfahren, wo du gelegen hast im Elend. und dein Geheimnis kann in ihm noch erwachen. und aus größter Ferne, zugleich in tiefster Zärtlichkeit, das Schwerste von sich selbst fordern: an einem Ort zu bleiben, den du verlassen hast.

Kernower Elegien [Pendoggett-Psalter]

halbschattiges Zimmer | in der Mitte ein Tisch | gedeckt | als ob Gäste erwartet werden | geschrumpfter Raum | zu einem letzten Augenblick der Hoffnung

ich weiß nicht, wohin. ich kenne mich nicht mehr aus. die Welt rennt fort. sie nimmt die Zeit mit. ich werde nicht mehr gebraucht. dort nicht. und dann nicht. die Häuser fahren in die Nacht davon. ihre Lichter werden kleiner und kleiner. bis sie sich zusammenziehen zu Sternenhaufen. ich werde indessen durch meine Träume gejagt. und kann den Ausgang des Erwachens nicht finden. ich irre durch ein halbes Haus. durch einen halben Garten. durch ein halbiertes Leben. innerhalb dessen sich alles teilt. innerhalb einer Stunde. die ich so gern noch einmal hätte. wäre für mich noch ein Wunsch frei.

Kernower Elegien [Pendoggett | solange du wanderst, fällst du nicht | die gleitenden Möwen | solange der Wind | bald nun ist Ruhezeit | bald wirst du uns nahe gewesen sein]

alle kommenden Tage werden sich gleichen. doch du wirst verwandelt sein. andere wird es geben. die wie du sind. alle werden erblindet sein. alle werden sich in ihre Seelen schauen. alle gehen wie Kinder durch die endlosen Wälder. sie wachen nicht auf. sie wissen nicht, ob sie geschlafen haben.

wo ist mein Herz? bin nicht mehr da. sie drängen. sie stoßen. mit steinernen Händen. die von hohlen Köpfen herabhängen. ich muss jetzt fort. ich wollte ja immer woanders hin. und weit weit weg. lang sind die Züge. so lang wie die langen Strecken. ich gehe durch sie hindurch. bevor sie ihr Ziel erreicht haben. eisiger ist es da vorn. und einsamer. früher konnte ich leichter atmen, je einsamer ich war. heute drückt das Gestein von allen Seiten. ich denke, ich bin ein Gestrüpp, das noch zum Baum werden kann und über alles hinauswächst. nur nie über sich selbst. ich gehe lieber dahin. bevor ich dahingegangen sein werde. ich bin noch nicht weit gewandert. aber ich fand die Frage schon. nach der ich immer gesucht hatte.

still lag das Meer bei deiner Abreise. es hatte alles Licht zu sich genommen. alle Bitten um Frieden. dir sprach es zu das Bewahrende. auf das sonst niemand gehört hatte. dir waren gefolgt die Gezeiten. Geduldiger. du kehrst zurück zu den Wohnungen deiner Geburt. Gott hat dich gesehen. du hast ihn erkannt im Unauslöschlichen deines Namens. nun kann dein Staub über die Dünen wehen. Jegliches fließt aus den brüchigen Waben der Zeit. und ihre Wandungen hielten aufrecht den Himmel. der immer frei ist. für den, der erlöst sein will.