Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[sechster Ort, noch einmal: Doha, Transit-Futterhof – Limbus, Tax Free – Mangel an Schatten]

der Weg aus dem Traum in die Landschaft. Traum ist aber nicht gleich Unwirklichkeit und Landschaft nicht gleich Wirklichkeit. beides jedoch holt eine wunderliche Wahrheit ins Haus, in dem die Abstände zwischen den Räumen – und in den Räumen zwischen Tür und Fenster – je nach Tages- und nach Jahreszeit verschieden groß sind. die phasenweise Nervosität und die schönen Geschichten, zur Ruhestunde vorgetragen, sind sich stets sehr nah. die Suche nach dem Leben, das ohne Hindernisse geradeaus geht, ist allerdings ein absurdes Unternehmen. auf einer solchen Straße stünden die Gespenster Spalier oder ließen aus ihren Hufen giftige Sträucher wachsen. sie streuten süßen Samen in die Augen der Verlaufenen, und jene hätten fortan ein bitter-rauhes Schauen wie durch zerkratztes, rissiges Glas. die Klagen und die Wünsche würden nur so wuchern, und um jeden balsamischen Tropfen entbrannte ein aus Neid und Missgunst hervortobender Krieg, und jede Partei ginge auf jede andere Partei los, aus Angst vor der Vernichtung durch die je anderen und fremden; aber natürlich lägen am Ende alle geschlachtet in den selbstgeschaufelten Gräben…

aber noch einmal zurück zum Traum: die törichte Zuflucht ist in den getrimmten Gärten heimischer Dörfer; den Speckgürteldörfern zu eng und zu teuer gewordener Städte. Rasengärten ohne Raserei. Heckengärten ohne Ausgehecktes. Gärten der strengen Beete. der strengen Gebote. Rasenrobotergärten, in denen das Leben erst wieder – ein seltenes Vergnügen – jubelt, wenn die Katze eine Freifahrt unternimmt…

Landschaft aber ist ein gänzlich anderes Terrain: Landschaft ist ein Stückchen Land, das uns erschaffen hat – ohne Deutungs- und Rechtfertigungsdruck – und das uns zuruft: kommt! geht. und dann – bleibt für immer.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[fünfter Ort: Mönchgut, Hagensche Wiek]

[Ur-Sache]

weil wir nicht hoffen umzukehren. weil wir nicht hoffen. weil wir nicht wissen, worum die Sage und die Trauer gingen. wenn uns einer fragte. und weil wir dennoch nicht verzichtet haben. auf die Gewitterworte. und jeglicher Zorn seine Stimme fand.

[Wir-kung]

darum stöhnen die Bäume unter zu viel Laub. und ihre nervösen Zweige sind wie ins Luftleere schlagende Flügel. der Wille, der einst die Wurzel der Buche zur Kralle bog, rutschte in den Spalt zwischen Fels und losem Gestein, hoch über der Brandung, lächerlich drohend dem unerschöpflich wogenden Wasser. wie eine bockige Göre, die sich für zwei Kugeln Eis die Stirn blutig schlägt auf dem Asphalt, hämmert der Wind gegen das Steilufer. und fleht bei den Schwalben um Stille.

[andere Zeichen]

ja, ja, die trockenen Wiesen des müdgeschwitzten Sommers. ja, ja, die vollen Beete und üppigen Stauden. und ja: die Trendfarben der Augen(Trauer)Weide. ja, ja, die in Küchenfenstern an den Dörrseelen nuckelnden Keramikhascherl. und viele weitere Gaben der Vergessenheit. und vor allem: ja, die endlose Reise, die ihr Verträumen drückte in die Sofakissen. wie die lichtschweren Gesichter in die Peelingmasken.

[Danksagung]

dem Gebein, das zu Sand zerbröselte. der Kühle des Abends und des Herbstes. der Zeit, weil sie sich uns vom Buckel schüttelt wie nach dem Bad das zottige Tier aus seinem Fell das Wasser.

[nachtragend]

weiß Gott, wohin es die Verschlagenen verschlägt. oh, die Schädel der Glocken. oh, die Zungen ihrer Klöppel. ja, satt ist das Land der Klänge und der Stimmen. hat sich gefunden im großen, letzten Ersäufnis. hat sich abfinden lassen vom schalen Atem der Leberkranken.

[Wettervorhersage]

unvermeidliche Traurigkeit. dunkler Grund des glücklichen Wachstums unzerstörbarer Träume. die untrennbare Bleibe in den unerreichbaren Tiefen der Kindheit. Furcht und Frucht. unlösbar der Schatten vom Licht, der Schaffende vom Schlaf, die Erzählung vom Gedächtnis, die Erinnerung vom Ereignis, das Denken von der Schuld. des Danach. das ja auch nicht wäre ohne Davor. die Übrigen dann als die Sagenden. als die Hörenden unter den Schweigenden. und all die Schönheit des Lebens. weil unzerstreut seine Schmerzen.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[vierter Ort: alte Dorfstraße. Rabenplatz]

[nicht zu vergessen: wie schön das Blau des Himmels unterm Wolkenzug. und: ganz ohne Zeitdruck zu beschreiben ein leeres Blatt Papier. dorthin zu schauen. ist. wie hier anzukommen. als wir noch Kinder. als wir noch hatten Mütter und Väter. denn: dort oben ist es sehr tief. aber: hier unten und dazwischen ist es jetzt. also: der Bereich einer möglichen Sprachlichkeit für den Augenblick. sofern er uns an etwas erinnert. das noch kommen soll]

wildes Gras. letzte Entfaltung im Träumen. ohne Ansprüche an die Wirklichkeit. auch das Lamm ist spät. und in seinem Fell ist die Müdigkeit des frühen Nachmittags. dennoch: die Zeit der Metaphern läuft ab. das Säkulum der Protokolle bricht an. die unverschlüsselten Gedanken täglich und pünktlich abzuliefern. bevor es dämmert. bevor es einem dämmert. und all die verstrickte und verstümmelte Sprache. abzulassen. ohne Ablass. wie den kondensierten Atem aus der Wasserklappe der ewigen Posaune.

es ist als ginge…

[bevor das Gras vergeht. baltische Elegien]

es ist als ginge…

…die Landschaft mit den Sterbenden. die Enden des Vergehens dehnen sich. als reiche die Unendlichkeit dem Zeitlichen ihre Hand. dem in seiner Ermattung immer noch zögernden Leben zu helfen. auf die andere Seite. weil hier selbst der letzte Atemzug noch einen Schatten Sehnsucht in sich trägt. im Blick zurück. da. wo er hängenblieb. den Schritten nachzuschauen. die er noch hätte gehen können. zu spüren. wenn er steht. an den Grenzen. Küsten. Ufern. dass sie erinnert sein werden. in ihm. der die Zeit trug durch die Wälder und um die Seen und die stillen Flüsse entlang. denn so dachte er einmal: solange ich gehe durch die nahen Gegenden, aus denen ich wurde und wuchs, werden sie nicht verödet sein und nehmen mich zu sich in die Tiefe ihres Schweigens. da. wo die Seelen weiden.

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.2.5 | Tag 18 der Erstarrung

siehst die Hungrigen. hörst die Sprachlosen. teilst die Einsamkeit. die sich nicht teilen lässt. ihre Blicke werden sich nicht mehr heben über die steinerne Schwere ihrer Füße hinaus.

du bist der Hirte der Schweine. du hast nie vergessen, was sie über die Schweine sagen. und über die Ställe. wende dich einfach um. da war das Ufer seiner baldigen Rückkehr. zehn Jahre lang. darüber der Himmel, der diesem Land seinen verspannten Rücken zeigt. er lässt sich massieren von den Schiffen, die durchfurchen das schwere Wasser, so alt und grau wie dein Haar. in seinen Spiegelungen quellen hervor deine Gedanken an die golden schimmernden Wege, die vom Ende her gegangen werden. du wirst der Rufende sein und der Gerufene. der Fremde, der die Fackel hält um der verlorenen Schatten willen.

aber wenn er die Dünen aufwärts schreitet, hältst du die Küste mit deinen wurzelnden Füßen, dass die Heimat, die er glücklich wiederfand, den Schritten des viel zu lange Geirrten nicht entgleitet und davonläuft wie die Zeit.

Eumaios. hinter den Fenstern

[2023.4.14 | Tag 67 der Erstarrung]

ich habe mir die Ohren verstopft. ich habe mir die Augen verklebt. die Herde ruft: wir wollen uns schlachten lassen. Ausgelassenes. kreuz und quer. Eingelassenes. Lot der vereisten Träne. des geschmolzenen Glases. ans Lichtlose die Spitze des Fingers zu halten. ans Gestein die Gedanken. dass es sich ihrer erbarme.

schaue dich um. schaue hinaus. hin und her. auf und ab. ohne weiterzukommen. langsam entfernt sich ein Boot. heißt: der sich zurückzog. der zusammenzuckte. als sich alles zusammenzog. da draußen. wo alle mitziehen. um nicht begraben zu sein. hier drinnen. lang sind die Zeitalter der Erwartungslosigkeit. der Erzählungen von den Ertrunkenen. denen die Klippen ins Herz sprangen. weil sich ein schlafendes Meer darin spiegelte.

hohes wiegendes silbern schimmerndes Gras. an den Tischen sitzen sich gegenüber die Vertrockneten und die Verbluteten. leise schnarchende baumelnde Köpfe. aufgeleint. auf die Schnur gezogen. dass die Zeit aus ihren Haaren tropfen kann. an- und abschwellend. ein Pfeifen. durch ihr Atmen hindurch. als finde Syrinx keinen Schlaf. wie der Mond. heute Nacht. hin- und hergeschubst. zwischen Wolken und Zweigen.

Glatze. und Glotze. die Netze aller Verstrickung. die unsozialen. Gebell und Geheul. Teufel und Hexen fressen sich auf. wollen am nächsten Morgen vom Jäger als Englein aus den Wänsten geschnitten werden. dass alles Beginnen nie ende. dass jeder fragend in seine Träume fällt. das Leben als fußbreite Passerella. über die sie eilen müssen mit zugekniffenen Augen. mit zugeknöpften Seelen. sie kommen von links und von rechts und stürzen in die Orchestergräben. in die Gruben der Schlangen. in ihren hölzernen Händen die Schallbecher to go. sehr rasch und duftlos zerstäubende Pollen. beim Aufschlag auf die versteinerten Saiten der Celli.

draußen am Fenster haften Gesichter. sie schauen hinein. sie wollen zu dir. um sich selbst zu betrachten. weil du die Gnade der Masken in deinen Händen hältst.

deine Gedanken fliegen hinaus. Flügelloser. jeden Morgen. und kehren heim. jeden Abend.

niemand sonst lebt auf der Insel. der noch das Ferne wünscht.

missa lecta IV

die ganze landschaft liegt mit allen entlassenen seelen

[krukower psalter | was lernten wir nicht alles über die gerechtigkeit. was lernten wir alles nicht]

die blindheit. das andere. das einsame gesicht. das verzerrte lächeln. das entgeisterte. der stachel. der nicht sticht. die zahllosen gründe. nicht mehr finden zu können den grund. erdrückt von den urteilen. gesprochen. vor der frage. vor der suche. einen rückblick wird es geben. nicht aber einen weg zurück. eine einsicht. möglicherweise. dass das beil zu früh gefallen. lang sind die zeitalter der rechtfertigung. doch ein tag wird sein. an dem das glück sich ausruft. von den erstickten stimmen der engel herab. die lüge wird sich in schönheit verwandelt haben. wenn die ohren überlaufen von der fülle der erzählungen. die ganze landschaft liegt mit allen seelen. verschlungen. vor einem himmelsspiegelnden schlafenden meer. jedem herz erscheint eine gute botschaft. auf ein dunkles wort. fällt regen und licht. einer anderen antwort. nicht als sein widerspruch. doch als ein teil des einen ortes. der zur bleibe wurde. weil es verlassen gab. ein reiches gut. dem geringsten. dem das schicksal zustieß. der verstoßung. der vorhandene. der vorwärts ging. uns voraus. der zuhandene. der die handlung wusste. und nicht scheute. der zureichende zugereiste. in der ewigen wohnung der kurzen verweilung. des langen abschieds. der durch die knospen aller augen schaute. der seine stimme und seinen schatten opferte. für die endlose weite. für die dauernde stille. die angstbefreite.

missa lecta III

[krukower psalter | der stein. der ins rollen kam. der sich festbiss. am ufer. wo der bach floss. immer am jetzt entlang. dem dann entgegen. und auf seinem rücken das einst. das immer wachsende]

zumute. wie dem fremden. wenn er nach langer zeit zurückkehrt. in die heimat. die karge landschaft. die sich mit dir verbrüderte.

viel platz in ihr. für die elenden. für das kraut der scham. zwischen den gräbern. der unverwandelten gesichter.

wangen des täglichen brotes. steine am rande versiegender bäche.

missa lecta II

[krukower psalter | die blendung. die andere sicht. die gestohlenen augen. die verstohlenen blicke]

gehe jetzt. wenn einmal etwas auf dich zukommen soll. sage abschied. wenn einmal dein name gerufen sein soll.

sei ganz still. doch stille deinen durst jetzt noch nicht. nehme mit auf die reise. wonach dich verlangt. ungeachtet der frage. wohin es dich führen mag.

eine sage wird sein. vom anfang. der fernen ufer. von deinen träumen. aus denen du nicht erwachtest. von allem wahren. das sich nicht ereignet hat.

das echo werden geben. die verrotteten boote. die verwitterten türme. von allem unausgesprochenen.

missa lecta [ICE 1155 | das unsichtbare | das schmelzende | unter den wellen | schatten des bergs | ort deines wartens | stille | aufgequollen | fülle des möglichen]

pfingstpsalmodie

farbe dieser landschaft farbe dieses lebens trockenes gras auf endlosen ebenen

und wie schön erst die farben der träume so wie der tag enden soll

zwischenzeitlich

müsste er angekommen sein alle steine alle seelen wurden aufgestellt die menschheit heute als eine gemeinschaft der suchenden und morgen als eine gemeinde der wartenden

gestern

wir erinnern uns der gesten salz und sand aus den augen gerieben atem geschickt von einer dämmerung in die vereinzelte hoffnung hinein

etwas

gesichtet etwas wie ein gesicht etwas wie ein seufzer etwas wie vom anfang zu uns hinübergewunken wankend doch wacker im erwachen entlang der linien der küste des horizonts das band an dem wir gezogen gegenwärtlich erwartend die gegenwart die gegenwarte

beharrlich

ohne zu verharren tatenlos unverhandelbares wenn es verwandelt war beweglich zwischen den streifen lichtes auf den sich kreuzenden wegen wer ihn bezeugte zeugte ihn auch wer sich verbarg dem zeigte er sich und wer ihn sagte wuchs in der sage treppauf ohne furcht vor der luft der höhe treppab ohne angst vor der katabasis kuss auf etwas zu für das flügelgeschenk für die stimmgabe[l] adoratio augenblicklich herzblicklich[t] hand und fußblickdich[t]

die zahlenden mit ihren schritten zurück

die zahlen rückwärts auf dem taxameter rückzahlung ausgeschlossen wenn die schlüssel klappern wenn die gedanken rasseln und die worte prasseln wenn das laub raschelt vom rauschenden blut keine erstattung an dieser statt keine verrechnung des unberechenbaren alles unbezahlbare war schon da ist schon fort näher rückt der ablauf allen die ihren rücken nicht abschütteln konnten die nicht kannten die drehung der zum licht wachsenden zweige der in liebe züchtenden und im schmerz ziehenden mutter

doch wo blieb der vater

die kinder erzählen sich abends von den kriegen von den weiten wilden wassern von den vergifteten inseln

[das übliche muss gar nicht übel sein | befragung der restlichen | der übrigen zeugnisse]

wenn der tod

begonnen wenn sich die zeit entfernt hat und in der kalten bleibe deiner gedanken daran was noch hätte sein können was sich da alles versammelt in der kühlkammer der schöpfung und wie glücklich wenn eine wiederkehr in einer fernen trauer

der eine atem

dessen du nicht beraubt sein wirst der lange atem des einen geistes und als ob dich streichelt die graue wange des geduldigen gesteins die leeren flure heiliger haine der heimkehr gläserne fäden aus staub

wohin er blickt

hinaus wie hinein stille wurzel seiner verkündung spätere stufen ganz gleich wohin woher die kundschaft der schweigenden und gänge in die zeit zurück verriegelte nacht der grund dann auf dem du liegen magst und warum das ohr nun befreit von den dunklen fernen klängen schmerzende stimme vom brennenden schweif deiner worte wie frisches wasser im satten boden dort die fragen nicht verkümmern zu lassen nach den pfaden und den pforten die hand der treuen seele nicht abzuschlagen die über die schwelle half über den abgrund reichte

farbe der flügel

farbe dieser einen hoffnung das ziehen der wolken über von hügeln umschlossenen seen klein ist der schmerz unter den floßen der schatten die nordöstlich verschwinden wandernde himmelsinseln wundernde heerscharen der nimmermüden nothelfer:innen freiheit ruft es unter der rinde freilich[t] tönt es im licht wenn es die fenster das laub durchschlug getragen von allen erinnerungen in allen ereignissen eigen[tl]ich[t] das flehende unvergessliche unverlässliche nicht zu verlassen wenn es vergessen in einsamen ecken trage mich weiter ruft es aus der umrandung der verlorenen zeit hängt von den türmen von den stirnen von den gestirnen ein sternenhaar durch das kein gott mehr schicken will seinen sohn und selbst wenn er wüste sagt wenn er wüsste was jener schrie vom baum der erkenntnis hernieder ist im echo erstarrt was er wusste vom sterben der eisige winkel der punkt an dem sich alle verworrenen wege kreuzen der nagel auf den kopf getroffen auf die haut des wassers gestellt um der zeiten fluss ans schwarze brett zu heften damit er ewig erinnert sei warum er verlassen wurde

schäme dich

so nackt in der gegend zu stehen insel und ufer des anfangs farbe des schaums des schnees je nach dämmerung je nachdem wer dann folgte und wann die früchte fielen vom goldenen zweig

to be continued…