hier keine bleibende Statt

Chor der Verlorenen

I

immer wenn wir weiterziehen wollten. nachts. schneiten die Wege zu. als wollte das Land uns nicht lassen. als hielte es in seinen Händen die letzte Erde. die noch nicht zu Wegen zertreten war.

II

[was wir wohl suchten… vielleicht den Tod. als Ende der Schlaflosigkeit]
Mutter irrte durch den Garten. fand nicht zurück ins Haus.
[wir wollten wandern. damit wir uns erinnern |…| da sind sehr stille Orte. sehr verlassene. sie liegen unter der Sonne. doch niemand ruft ihnen den Sommer zu. alle sind in den Wäldern verschwunden. sie glauben nicht mehr an die Straßen. sie haben Angst vor dem Schlaf. wo das Unheil wohnt. das der Welt nicht gezeigt werden darf. das die Welt nicht wissen soll]
die Kinder wie Spatzen im Sand. mit Elfengeweihen aus Holunderzweigen. Kinder der Liebe. im Weißdorn versteckt. sie kommen zurück als Amseln und Tauben
[das Unheil kommt aus einer anderen Welt]

Bildersturm

ein Stück vom Buchenast. in altes Leinentuch gewickelt. gewogen in den Armen einer alten Frau. und die vierzehn Englein versteckt in ihrer Schürzentasche.

Chor der Kinder

warum weint Mama immer? sie sucht ihre Haare. aber wir dürfen ihr nicht hinterherlaufen. sonst bleiben unsere Schritte im Dickicht stecken
[große Augen und Ohren hat der Tod. darfst ihn nicht denken. darfst ihn nicht sagen. damit er dich nicht holt]
sie weint im Bad. die Tränen hinunterzuspülen in die Erde unter den Häusern
[iss den Apfel mit der roten Wange. gegen deine Blässe]
sie stehen Schlange. an den Ufern der Bäche. auszuschütten die vollen Kannen mit Milch
[wir backen das dunkle Brot. vor dem Aufgang der Sonne. wir backen die Klage. für die Totenfeier. auf der sich alle Mütter versammeln. wir singen die Lieder der sterbenden Geschwister. wir legen ihre Stimmen zwischen die Fliederbüsche]

allem Abschied voran

[unter den Schritten. Orpheus. RücksichtsLos]

XVI

die Stimme muss noch warm sein. die Sprache bleibt kalt. sie ist dem Schmerz überlegen. in ihrem Dunkel trifft das schon Beendete auf das noch nicht Begonnene. wir merken es in dem Moment, in dem ein Stein ins Wasser fällt und wir den Kreisen der Wellen zuschauen. und nicht genau sagen können, ob sie auf uns zurollen oder sich entfernen.

[wollte dir gehören
wollte deine Schöpfung sein
Nebel auf dem See
Irrlicht. darin gefangen
warte. dass dein Tag anbricht]

man denkt sich so etwas nicht aus. man hatte davon keine Vorstellung. sie waren geflohen. man konnte nicht mehr ermitteln, ob voreinander oder vor sich selbst. die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, sind vielleicht nie abgeschlossen. man hegt den Verdacht, dass sie sich auf die Suche nach dem Verlorenen begaben, von dem man sich so viel erzählt hatte. man sah etwas aufblitzen über dem Horizont, als sei ein Stern ins Meer gestürzt. etwas heulte auf zwischen den Wolken. seitdem ist das Wasser reglos wie ein Spiegel, der sich statt nach Bildern und Widerbildern nach Hall und Widerhall sehnt. seither ist alles verdreht. alles verworren. man arbeitet bis zur Erschöpfung an der Lösung der Knoten. man weiß nicht, was gefunden wird. man ist sich nicht sicher, ob ein Befund überhaupt von Belang sein wird. man wird schon sehen. man hat schon größeren Unfug geglaubt.

[er ging ohne Ton
zur Blendung eisiger Stille.
immer. ist Dunkel.
auf seiner Seite das Licht.
verhallt. Lied seiner Heimkehr…]

Leere der Fülle.
Ekel der Erinnerung.
Kind. Seele im Sprung

[werde dich nie verlassen. will mit dir sterben. bleibe immer bei dir. auch ohne dich] vom Rausch blieben nur die Bärte [bin voll leer jetzt. krass abgerauscht. im muffigen Ausatmen eines Luftballons] drehe dich nicht um. rückwärts. heimwärts. langsam die Gänge hinunter. raunende Stimme. lasse dir Zeit. wie die Zeit dich ließ. Ewiger. Einziger. siehst du denn nicht unser beider Schatten? er zeigt uns unser Sterbliches. sie treten es ins Gestein. noch einen halben Abend. noch eine ganze Nacht. dann wird mich dein schlafloses Träumen verewigt haben. dann sind wir frei von Vergangenheit. und von Zukunft. dann schauen wir einander in die Augen und erkennen in ihnen die endlosen Kreise der Sterne um unsere verlorenen Nächte. und aus diesem Augen-Schein wächst uns die Winde der Ewigkeit.

[wohin fallen wir
oder steigt die Welt um uns
Schlinge der Arme
lassen nie voneinander
und nie von unserer Furcht]

XXXIX

wo bist du dann
wenn die Rückkehr nicht mehr gelingt

wolltest du nichts beginnen
aus Angst vor dem Ende?

jede Entfernung schien dir sicherer
um dem Schmerz der Begegnung auszuweichen

[…]

meine Hand
streckte ich durch das Licht
des Morgens

ich versuchte
solange den Atem anzuhalten
bis mich dein Finger berührte

du solltest
mir nicht verlorengehen
weder in der Fülle des Fremden
noch in der Entbehrung des Eigenen

weil ich glaubte
du würdest mir folgen
ging ich hinaus

allem Abschied voran

dabei hatte es den Anschein
als folgte ich dir

ich lernte schnell
in meiner Hoffnung zu überwintern

reglos lag ich
wie ein Findling
auf unbestelltem Felde

nein
du solltest mir nicht gehen
um mir nicht zu vergehen
unter der zeitlichen Neige

ein Augenblick genügte
zahllos zu sein
in meinem Erinnern

um zu wissen
dass der Tod längst begonnen hat

XL

ich will mich freuen
ich durfte den Garten wässern
die Ewigkeit wird ohne Durst sein

ich will mich freuen
wenn ich das Ufer erreicht habe
das schon so lange auf mich wartete

andere werden sich mit mir freuen
und meine Stimme
wird nicht mehr einsam sein

zum vollständigen Gedichtzyklus

Mondwiege XII/XIII

XII

gehe zur Quelle
dein Atem ruht
unter den Steinen

er kann sich nicht mehr zurückhalten
er fließt dir nach
durch jede Dürre
selbst noch die Stufen hinauf

Hauch
der den Klang sucht
und für den Klang eine Wohnung

und für sich selbst
einen Namen
der in ihn zurückfließen kann
die Wege über die Flüsse hinweg

[…]

der zurückkehrt
an einem Morgen
wenn der leise Schlaf
sich aufzulösen beginnt

wenn es der Wartende
selbst noch nicht weiß
auf dem einsamen Lager
verlassener Inseln

und wenn er erwacht ist
und die Stille um ihn herum
kann ja nur Frühling sein
ganz gleich zu welcher Jahreszeit
aufgebrochen sein wird
sein Herz

wie die nackte schwarze Erde
von Pflug und Egge
dass Platz hat ihr Durst

XIII

du kennst mich noch nicht
du hast mich noch nicht erkannt
du bist noch nicht herausgetreten
aus deiner Wunde
du kamst noch nicht zur Erde herab
um an einem anderen Ort
und in deiner Liebe
rastlos zu sein

hier kannst du dich
zum Geschenk machen
und musst nicht mehr einsam deine Gaben zählen

hier gibst du Schutz
und könntest selber Frieden finden
und Freuden
die nicht tot durch dein Fleisch kriechen
sondern noch im Abschied
das schaffende Licht des Geistes
im Gewebe deines Namens halten

und es ist ja nicht bedeutend
woher du kommen wirst
sondern dass es eine Ankunft gibt
für den Wandernden
dass du nicht fällst
wie aus allen Wolken
sondern aus einem Haus ins Freie hinaustrittst
und dass du nicht
wenn die Nacht begonnen hat
in ausgestorbenen Wäldern stehst

was soll dir bleiben
was soll von dir bleiben
wenn Norden ist
über- und überall
und Winter
die eine
nicht mehr veränderliche Zeit

zum vollständigen Gedichtzyklus

Intermezzo

[…]

zum Ende hin muss die Stille nicht mehr erzwungen werden. man muss nicht mehr warten, bis der Schnee fällt. man kennt seinen Ort, als ob man selbst das Ziehende ist, das aufs Meer hinausblickt. man weiß sehr genau, was man dem einen fernen Menschen noch sagen würde. und sonst keinem. man hofft, dass er versteht den Sang der Amsel. an einem künftigen Frühlingsmorgen […] was ist denn die Seele anderes, als das stille Land zwischen den Küsten, über das hinwegziehen die Kraniche, mit allen Sehnsüchten fort und heimwärts in unserem grauen Gefieder, darin sich die Zeit angesammelt, die schon verging.

spreche jetzt bitte nicht von Ferne. lasse jetzt bitte diesen einen Moment im Innenhalt. im Gestrüpp auf verwitterten Mauern. für die Knospen eines künftigen Glückes. […] war noch einmal eingeschlafen. als draußen Regenschauer… als draußen rauschender Wald… nahe der Küste. aber in der Schilfharfe saßen noch die Stare. wie halbe Noten. im noch stillen Gewitter des Klanges, wenn es noch sucht nach seinen Stimmen. Und ungeduldig wartend eine jede, auf den Finger, der ihre Saite zupfen wird, damit sie endlich abgeben können, in einem Wimpernschlag, diesen einen einsamen Ton, den sie eingeatmet haben, ihr ganzen Leben.

[…]

die einsamsten Vögel. werden am schönsten singen. ihre fernen Triller rauschen silbrig durch das Erstarrte der unbetretenen Gärten, in denen die Zeit wartet auf ihren Anfang. ein wunderliches Lied. es handelt davon, wie ein Geborener zum Lebenden wird. durch die Liebe. im Schmerz der Erkenntnis. und selbst sich fragend, warum er so lange tot war.

[…]

die Dolen stürzen herab. von schneebedeckten Gipfeln. wie schwarze Pfeile rammen sie ihre Schnäbel in unser Schauen des Himmels. und an den Ufern werden sie zu Pfählen, zu Wellenbrechern. wo die Möwen ruhen. bis zum nächsten Hunger.

[…]

zum Text

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.22 | 771-SARS-CoV-2

[Tag 348 der Rückkehr]

wir setzen uns entschieden für die Verunklarung ein [von weitem sah der Bio-Müllbeutel auf der Straße aus wie eine zur Hälfte ihres Körpers schwanzseitig überfahrene Katze. alles Fleisch war in ihren Kopf gepresst worden. und so blickte sie jetzt wie ein versteinerter Schrecken den kommenden Fahrzeugen entgegen] die Klärwerke fahren ihren Betrieb herunter. ab jetzt einen mittleren Trübegrad des Wassers zu gewährleisten [die Ertrunkenen tasten sich weiter durch ihr Unausgesprochenes. man sagt jetzt aber nicht mehr dem Tastsinn gemäß sondern taktil]

[…]

[kann das nicht. inmitten der Herde. kann nicht darüber sprechen, warum ich als verschollen galt. und über die brennende Schollen-Sehnsucht. habe meine eigene Theorie: immer kurz vor dem Status der Mythoswerdung das Gedächtnis verloren zu haben. und grad so auszusehen, als hätte ich ein überlanges Leben immer nur beinahe geatmet oder wurde unterbrochen, während des Ansetzens zu einem Schritt] sie sagen, vielleicht zu Recht: er ist uns teuer. er ist uns zu teuer geworden. wir waren doch nun lange genug in Sorge. jetzt ist es Zeit für seine Entsorgung.

zum vollständigen Text

Ent/fern/te L/EBE

bin gestrauchelt. gewichen. dachte an dich, als ich mich ins Bett legte. ängstliches Herz. Zerschlagenes. […] dass ich dein Freund heiße […] Weg in die Tiefe, zum Menschen, wo der Himmel hausen muss. […] war schon einmal dort. vor der Lähmung. glaubte etwas zu hören. vor dem Hörsturz. muss etwas gesehen haben. vor der Blindheit. […] öffnete die Vorhänge mitten in der Nacht. stand vor einem fernen Tag. war zerfallen zu Staub. war verschollen unter den Schwingen des Gestürzten. Federn wie gelbes Pappellaub, an den Ufern der Flussinseln, und bevor die Pegel steigen zum Ende des Winters hin. und als meine Augen offen waren und wach vor dem eingedrungenen Licht, waren alle verschwunden, an die ich mich erinnern konnte. […] hätte länger träumen sollen. von einem Laut. von einer Laute. von einem Grashalm. Klang des Endgültigen. vor dem Verlorenen. von Schritten in den Gärten vor den Häusern.

[…]

[bitte nichts verbessern. bitte alles verändern. keine Ausnahmen machen. bitte beseelt sein vom Entwurf. alles verlangen. nichts erzwingen. die Brut beenden. die Geburt einleiten.] gehe jetzt nicht mehr auf etwas zu. lasse die Wege liegen. links und rechts. sehe Gebirge und Meere. sehe den nächsten Tag. vor der Dämmerung. [wünsche mir Achtung. Selbst- und Fremd-. suche den Traum, in dem ich gefunden werde.] ich sehe trauriger aus als ich bin. ich bin trauriger als ich aussehe. [was könnte ich morgen tun. oder für immer sein lassen.] was ich geschehen lasse. damit ich nachdenken kann. was ich träume. damit ich gelebt habe. und meine Geschichte stand vor eines Anderen innerem Auge. irgendwann. oder dazwischen. damit ich gewusst haben werde. was ich hätte empfinden können.

[…]

[die versiegenden Wasser. keine Landschaft. weiterzusuchen. Bäume, von denen gut zu essen wäre.] bin schon halb tot geschlagen. nirgendwo hin vertrieben. wo es nichts zu sagen, nichts zu hören gibt. und die Zeit ist da ein Fraß an der Rinde der Felsen. man verlässt die Verlassenen. und kehrt nicht zurück in die Augenblicke der zerstörten Vergangenheit. es ist kein Unterschied, ob einer schreit oder singt. oder wohin die Glocke stürzte. ihr letzter Nachklang haust in der einsamen Verzweiflung Gottes. ewig ist das Ende, das nicht endet.

[…]

zum Text

Mondwiege VII

auf der vorletzten
Stunde | Staub

weiß nicht
woher ich komme

weiß nicht
von welcher Fremde man spricht

Wasser des Sees
schimmert die Haut
Pollengewölk sind die Schritte
unter dem Aufprall der Regentropfen

man hat sich geschmückt
für die Heimkehr eines Anderen

schlief die Nacht auf der Treppe
als mir ein Gras wuchs am Abhang des Traumes

jedes Wort
ist ein Stein
der sich die Kehle
hinunterschiebt

aber von mir ging die Rede nicht

doch hatte ich etwas ins Glas der Fenster gehaucht
die Sätze wurden zu Knoten in Taschentüchern
dass ich mich noch erinnern würde
woran ich geglaubt
als ich fortgehen musste

bin noch allein
das letzte Viertel
bin ein Halm in der Asche
Finger der sich verbinden will
mit dem zergehenden Faden des Himmels

nicht sehr viel Zeit
ist um den verwitterten Rand meines Mundes
neben dem Schlaf liegt das Fernste und Älteste
und hat noch den Anschein des gestrigen Abends
als ich die Jugend verließ

ach
wenn ich wüsste
wo
mein Herz jetzt schlägt
ging
ich die letzte Stunde
hinaus
und sammelte Akelei

LotosLolli

der Host hat gehustet. er darf das in Isolation | fahren Sie fort. bevor wir vergesslich werden. unsere Nachsicht vergessen. unsere Absichten verbessern. unsere Ansichten verwässern. bevor sich alles verdreht hat. bevor wir in der RundUmsicht nicht mehr wissen, wohin wir schauen | führen Sie Protokoll. damit wir uns erinnern werden. ja! lutschen Sie jetzt den Drops unseres Gedächtnisses. damit wir vergessen können. wir sind nämlich nicht so versessen wie Sie auf Geschichte. uns reicht das Einmaleins. das macht Eins. uns reichen sogar Stücke davon. die Hälfte der Hälfte der Hälfte. was immer sich spalten lässt. Seele für Seele ein Spaltmaterial. wenn wir an den Kaffeekränzen basteln, die uns zu Kronen werden sollen. die Petits Fours mit geschlagener Sahne aus den ungezählten geschlagenen Stunden, die wir uns um die Ohren geschlagen haben. bis uns übel wurde vom Übel. vom Hagel aus dem CupcakeHimmel erschlagen | Sie wissen nicht, wie das wird. Führen Sie Chronik. das Chronische drückt sich sicherer aus in der Geduld des Papiers. Drücken Sie das aus. Egal wie. Irgendwie. Uns ist das Denken wie zu Akne geworden. Wir wollen es einmal loswerden. das Los. das uns schüttelt. Wir haben es ausgesungen. und die Klänge des Klagens aushungern lassen. jetzt wollen wir uns noch ausweiden lassen. damit wir uns ausweisen können. die Hohlen. die Gestopften. mit unseren Distelaugen. unseren Kaktushänden. here we go round the prickly pear at five o’clock in the morning. […] es wird nicht leicht werden. aber früher war es auch schon einmal schwer | wir graben die Toten aus. sie sollen uns davon erzählen | aber wenn es dann eine zeitlang schwer war, auch wenn wir nicht wissen, wie lang diese Zeit sein wird, muss es ja danach wieder leichter werden | nicht wahr | die Gewichte verschieben sich. sie atmen erst ein und dann wieder aus. ihre Wucht ist ein ewiger Wandel. vom Fels zur Feder. und wieder zurück | doch wir könnten vermutlich zur Seite treten, wenn das Pendel auf uns zurast. wir könnten ihm in die Seite treten, wenn es knapp an uns vorbeischlägt | seine endlose Bewegung hat es schwer werden lassen. wie ein von zu vielen Schritten verklumpter Fuß. also werden wir dort stehen und im richtigen Moment das Steinerne von seinem Antlitz klopfen | wie leicht wird er da ins Bodenlose fallen. wie leicht wird uns da fallen das Bodenlose | aber das jetzt hatte noch keine Vorstellung. nicht einmal eine Probe. auf der Seitenbühne. wer stellt sich denn so etwas vor? wer stellt sich davor? wer hält es auf? hellt es auf? es hätte sich doch freundlicherweise erst einmal vorstellen können. bevor es die Szene betrat. bevor es die Landschaft zertrat | jedenFalls | uns lag kein Antrag vor. das hätte es wissen können. das stand auf den schwarzen Brettern. im Kleingedruckten. die Frist ist um. und abermals… es tut uns nicht leid. aber das war eine Ausschlussfrist. jetzt ist ein Rücktritt ausgeschlossen. jetzt ist das Davor vorbei. jetzt lungert es im Dazwischen […]

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vernisSage

[sehnSucht: Firnis]

schwarzlederne Äpfel
in gläsernen Kuben

Laubteppiche und Sand
aus Sohlen gefallen

von Bächen Getragenes
gefangen in Leinwand

und was der Furcht vor ruhelosen Nächten
auch immer Angst machen kann
und die Zeit ver-treibt
des einsamen Brütens
von Eiern in Form von Posthornschnecken
aus denen schlüpfen sollen
die kleinen Seelchen
die keinen Traum erzählen

ganz gleich
ob
noch nicht
oder
nicht mehr

sie bedürfen einer Geburt
und dem Sturz einer Frucht
auf geduldige Erde

sie blieben allein
weil es Erkennen gab
und der Garten ihres Wachstums
noch nicht gewohnt war
an Jahreszeiten

ein Ort
am Ende
wo stummes Leid
ist allen Lebens
anFang

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.20 | 769-SARS-CoV-2

[Tag 346 der Rückkehr]

doch | dieser Ort gefällt mir | werde vorerst nicht weiterziehen | werde Wurzeln schlagen | im Bett | im Gebet | im Beet meiner Gewohnheit | … | kündige jetzt diese Entscheidung an | kündige alle weiteren auf | werde darin ganz klar sein | will mich dazu eindeutig bekennen | nein | es gibt kein Vorübergehend oder Vorsichtshalber | das hier ist jetzt alles, was ich noch sein werde, auch wenn ich es noch nicht ganz und gar bin | auch wenn ich noch nicht ganz bin | noch nicht gar | … | hier wurzelt mein Werk | hier ist mein Wurzelwerk | auch wenn es in der Erde ist und unterhalb der schlichten Sichtbarkeit von Sand und Lehm und Grasnarben und Gestein verschwunden scheint | aber wenn noch einer von mir wissen will, wenn ich mich selbst längst vergessen habe, muss er hier gewesen sein, muss hier gestanden oder gesessen, gesucht oder gegraben haben | aber dieser wird ein ganz anderes Wasser auf das Erdreich gießen und wird aus demselben Wurzelwerk ein ganz neues Blattwerk hervorgehen sehen | und so wird mein Werk zu seinem Werk werden | und ganz gleich, was ich einmal gesagt haben mag – die Sage wird nun durch seine Stimme gehen | und so zu seiner eigenen Erzählung

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