TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.10.9 | 941-SARS-CoV-2

[Tag 463 der Isolation]

unabgeschlossene Welt. und meine Not, mich abschließen zu müssen. das Ende zu finden. das Künftige sein zu lassen [die Welt macht nicht mehr mit bei meinen Phantasien. von kindlicherer Zeit. von gesponnenen Abenteuern. zwischen deftigen Mahlzeiten. wenn es auf Sankt Thomas geht… ich werde jetzt häufiger nach dem Weg gefragt. nach einem gemütlichen Café. nach Souvenirgeschäften. fußläufig. zwischen Bahnhof und Dom. und weil ich mich selbst nicht auskenne, gebe ich umso ausführlichere und kompliziertere Wegbeschreibungen, damit jeder von ihnen Lust bekommt, sich zu verlaufen, ohne auch nur einen Schritt tun zu müssen] ich höre jetzt kaum noch, wenn sich ein Mensch nähert. und ich denke immer, wenn er ganz dicht vor mir steht, dass er mir die Hand geben will, um sich zu verabschieden [die Dinge um einen herum sind nicht dunkler, wenn man erblindet ist. man schaut aus ihrem Inneren hinaus. in die verhüllte Welt hinein. in die Teilchen der Zeit. und wie sie durch die härteste Kruste fließen] die Begegnung ist einfach. sie ist die reine Widerfahrnis, nach der nicht gesucht werden muss. der Abschied jedoch bedarf des richtigen Augenblicks. nicht im falschen Versprechen der Wiederkehr. sondern im zärtlichen Schwur der Erinnerung. der die großen Worte nicht nötig hat… es bleibt noch sehr lange danach unbemerkt, dass die Zeit verging. dass die Träume sich nicht mehr so gut halten lassen. wie die früheren Jahre sind sie bedeckt vom reglosen Grau, das sich auf alles Entfernte legt. irgendwann ist vergessen die Traurigkeit von einst. dann tragen die Menschen wieder bunte Hemden und gehen, versunken in flüchtige Gedanken, in Parks und entlang der Flussufer spazieren und haben das satte Strahlen des Herbstlaubs im Gesicht [ich gehe durch die Menschen hindurch, die mir entgegenkommen. ich stehe im noch jungen Weizenfeld und breite die Arme, als seien sie Flügel, aus Ähren gewachsen. ich lege das dunklere Tuch des Abends, das ich im Flug hinter mir her zog, über das erschöpfte Land, bis ich dort angekommen sein werde, wo alle Städte fern sind, in der wunderlichen Sage der Alten, denen man Sandkuchen zwischen die Worte stopft] man kommt nicht weg. man kommt nicht weg vom Fleck. von den Flecken. eigentlich will man so nicht fortgeschickt werden. und noch weniger wiederkehren. ganz besonders deshalb, weil man sich nicht aussuchen kann, wem man wiederbegegnet. also sollte man sich doch besser einige Flecken aus der Haut schneiden und wie gesammelte Ahornblätter zwischen die Seiten eines noch nicht gelesenen Buches legen. man muss aber zuvor aufgehört haben, davon zu träumen, an ein fremdes Ufer gespült zu werden und als einer von Abermillionen Steinen aufgelesen und verschenkt zu sein. wo man dann für einige Jahre auf einer Kommode oder einem Fensterbrett zwischen Passionsblumen und Orchideen liegt. man behält sein fremdes Gesicht und sein Schweigen und darf dennoch für ein paar schöne Erinnerungen sorgen [in meinem Gehäuse wäre bewahrt der Klang der Küste. an einem einzigen Nachmittag. in einem einzigen Gedächtnis. das sich mitteilen wollte einem anderen Einzigen] der feine Film des Vergessens lässt sich nicht abwischen. ebenso wenig wie die Schatten unter den Augen des Trauernden. wie sehr man seine Seele auch putzen mag. wie sehr man die Schwämme spült und wringt [doch was hatte ich für einen Durst. als ich als Stein unter den Wellen lag. hätte trinken können das ganze Meer. mit all der Zeit, die darin schon versunken war] man wird als Patient eines Tages zum Faktotum. man meint, die Pfleger redeten über einen wie über eine im Keller gefundene Topfpflanze, die man nach draußen auf den Balkon gestellt hat, um zu schauen, ob sie es noch schafft. man spürt, wie sie Wetten abschließen um einen. und man hört mit der Zeit immer besser, was sie einem nicht sagen wollen [aber seit ich die Augen nicht mehr öffnen kann, stelle ich mir vor, wie sie die Fäden des Schicksals aus meinen Wimpern ziehen. und durch ihre Stimmen endlich meine unausgesprochene Erzählung geht]

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

Foto: Vera Nemirova

2022.10.14 | 946-SARS-CoV-2

[Tag 477 der Rückkehr]

ich war auf der anderen Seite der Insel. von wo die Boote nicht ablegen [er kehrte nach langer Abwesenheit zurück. die Abwesenheit kehrte zurück. und die Augen in Richtung Wasser]

wenn ich doch wüsste, von wo ich mich aufgemacht hatte. wo meine Seele aufgemacht wurde. [er wählte sich einen Hund als Begleiter. obwohl er eigentlich eher Katzen mochte. doch Katzen gehen nicht gerne auf Reisen]

die Straßen sind endlos. die Wälder und Ufer, von denen erzählt wurde, sind nicht in Sicht. aber wer so lange gegangen ist, hat irgendwann Angst vor der Ankunft. und wer sich die Ankunft nicht mehr vorstellen kann, dem kommt nichts weiter entgegen als ein schnurgerader Pfad, der die uferlose Ebene wie eine Schere durchtrennt. wer vor sich nichts sieht, sieht hinter sich umso mehr, ohne sich umdrehen zu müssen [Hunde sind immer gut gelaunt. und immer folgsam. und treu an der Seite des Wandernden] je länger ich ging, desto kleiner wurde ich. in der immer größeren Welt [Hunde verstehen gut. und wollen immer noch mehr lernen. Katzen dagegen wissen schon alles. und haben die Weisheit der Langeweile ob ihres Wissens in Trägheit und Schlaf kultiviert] bis ich an der letzten Küste als winziger Kiesel die Dünen hinunterrollte und mich unter die Wellen legte [er folgte seinen Spuren. aber er kann sich einfach nicht einholen. wie die Taue, an denen er zieht und zieht, ohne dass ein Ende zu erreichen ist] ich konnte ihn so gut verstehen. ich konnte ihn nicht verstehen [man muss das Glück nur wollen. und schöpft es aus dem Vollen] dann stand ich auf. wo ich gelegen hatte. ohne zu wissen, wo das war. dann ging ich weiter. ohne zu wissen, wohin. [er ruft jetzt nicht mehr. damit ich mich nicht umdrehe] ich bin zu allen Menschen freundlich. aber ich halte mich fern. ich traue niemandem, der unentwegt von seiner Zufriedenheit spricht. die Geschichten brauchen lange, bis sie ankommen in mir. Jahre später höre ich sie. und halte sie für die meinen [es gibt keine Sprache für das absolute Leid. und keine für das vollendete Glück. alles, was dazwischen liegt, irgendwo, dem einen oder anderem Pol näher, wird irgendwie gesagt werden können. jede Idealisierung jedoch ist eine Lüge, wenn sie nicht Traum ist oder Vision]

ich tue nicht viel. wenn ich mit mir selbst spreche. aber ich tue es, damit Welt und Zeit zu mir reden…

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

Foto: Vera Nemirova (Herbstabend am Müggelsee)

2022.10.17 | 949-SARS-CoV-2

[Tag 468 der Isolation]

Ich erinnere mich an den Tag, als wir die Entenküken retteten. Ich frage mich, ob es einen Tag gab, an dem ich dich hätte bitten können zu bleiben. […] Ich weiß immer weniger, wovon ich rede. Was heißt es schon, wenn ich mich an dieses oder jenes zu erinnern glaube? Aber ich kann sehr präzise davon sprechen, was ich versäumt habe und was ich mir wünschte. […] Ich habe wenig erlebt. Ich habe viel miterlebt. Ich kannte zahlreiche Namen. Ich entsinne mich ihrer kaum. […] Ich hätte gerne eine Mutter, die alles weiß und die nicht stirbt vor ihren Kindern, weil sie die Einzige ist, die sie nicht vergessen wird. […] Aber vielleicht habe ich auch Angst davor, dass ihr immer lächelnder Mund größer und größer wird, je länger sie lächelt, und dass ihre kleinen Mädchenzähne zu Stoßhauern wachsen. Doch falls ich Glück habe, wird sie mit zunehmendem Alter immer kleiner und sanfter und ist am Ende wie ein Püppchen. Nur, dass ich nicht möchte, dass sie überhaupt endet, ohne zu wissen, wie wir enden. Ich wünsche mir, dass wir uns Klopfzeichen geben, solche für die Not und andere für die Freude. Ich wünsche mir, in ihrem Kopf eine Kerze anzünden zu können, wenn es dunkel wird und damit sie keine Angst hat, wenn sie durch die Nacht irrt und ihren Schlüssel sucht, und dass sie, wenn sie ihn gefunden hat, ihr Haus nicht suchen muss, sondern davor steht und weiß, wer sie begrüßen wird.

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.24 | 773-SARS-CoV-2

[Tag 421 der Isolation]

wir dürfen die Toten nicht sehen. damit wir sie nicht vergessen. als Lebende. ihr Land ist nicht hier. ist kein Land. hat keine Hügel. hat keine Ufer. hat keine Fugen. hat keine Stege. die Schritte zu halten. über den Untiefen. ein Teil ihres Schlafs spaltete sich ab vom letzten Traum, den sie hatten. und fiel zurück ins Fruchtwasser, aus dem sich jeder von uns drei Wünsche hat angeln dürfen.

[du wolltest so gerne noch bleiben. und sei es nur für eine glückliche Nacht. und einen traurigen Morgen. aber beides wäre alles. was sich noch wünschen ließe]

sie nahmen aber nicht mit sich das schwere Stück Geschichte. das sie geschichtet hatten. das sie zurückgelassen hatten. hier. in den stillen Schichten der Gegenwart. verwittertes Strandgut. vergessen. weil davon nicht erzählt wurde. weil danach nicht gefragt wurde.

[aber warum hast du dich entfernen lassen. aus deinem eigenen Atem. und hast freiwillig verlassen dein Haus. dunkel waren die Zimmer. still war dein Garten. dass du fort warst, hat dennoch fast ein Jahr lang niemand bemerkt. manche behaupteten, sie hätten Schritte und Stimmen gehört oder konnten frisch gebackenes Brot riechen]

ihre Bleibe ist uns nicht bekannt. und was von ihnen geblieben ist, hat sich gelöst von ihren Namen. also wurden sie, die Verschwundenen, abgelöst von den Erschienenen, die nicht wissen, was sie von ihnen erzählen sollen. darum wurden die Erzähler ersetzt durch Chronisten. sie sitzen auf den Tragen der Geschichte. sie sehen über das Tragische der Gegenwart gelassen hinweg. denn die Geschichte löst die Zeit ab. von unserer Furcht. von unseren Falten. die Geschichte wird befreit von Gegenwart. und ihrer Entschichtung in Erzählungen wird nun ein Ende gesetzt. dass die Gegenwart beschichtet sei mit dem wunderlichen Firnis unglaublicher Einmaligkeiten. über die es unendlich viele Meinungen gibt. schrecklich ist ihr Gebell und Gekreisch‘. und ohne jeglichen Widerhall. Meinungen, sozusagen, ohne Deinungen. Ereignisse als Enteignisse. unserer Erinnerungen. unserer Träume. ein von der Zukunft abgelöstes Leben. in dem ein jeder Tag ein zwanghaftes Hecheln hervorbringt. als läge einfach jeder Mensch unablässig in Wehen und presse nichts weiter heraus als leere Vergessenheit. des Gestern. des Vorgestern. und des Vorvorgestern. oder wann immer sein Denken hätte einsetzen sollen.

[du wanderst still. du wandelst vielleicht schon in der Klanglosigkeit. wo sich keiner mehr hört. wo jeder umherirrt. im Gestein seiner Frage. wieso er sich nicht beizeiten Gehör verschafft hatte | … | du stehst in verschneiten Landschaften. aber du siehst jetzt nichts mehr. also duftet der Schnee nach frisch gemähtem Gras | … | ich stünde gerne ganze Nächte an verwaisten Bahnsteigen. wüsste ich nur, dein Zug führe bald ein, mit reichlich Verspätung zwar, aber so, dass du mich noch lebend anträfest. du wärst vielleicht nur auf der Durchreise. aber ich stiege ein und führe eine kurze Strecke mit. so weit wenigstens, wie ich sie zu Fuß zurück an einem Tag bewältigte | … | aber als du gingst, hattest du mir nicht gesagt, wen ich von dir hätte grüßen sollen. aber wem kann ich erzählen, dass du bei deiner Ankunft noch gelebt hast. dass du traurig warst, als dir niemand entgegenfuhr. dass sonst niemand gewartet hat. nach so langer Zeit. nicht mehr erwartet zu sein]

hier keine bleibende Statt

[Chor der Gelassenen]

welchen Sinn soll es haben. das Feuer zu stehlen. sie werfen es den Fliehenden in die Hacken…

wir können uns nicht um alles kümmern. wir sind die Anständigen. nicht die Zuständigen. unsere Sprache ist nicht die der Seele. sondern die der verrichtenden Glieder unserer Existenz. wir sind die glücklich Beschränkten. wir schränken die Hoffnung ein. denn zu viel Hoffnung ist ein Mangel an Erfüllung. und wir haben ja unsere Vorgaben für die Abgaben. für die wir uns gerne verausgaben. unser Denken entfaltet sich gemäß einer sauber gefalteten Ordnung. damit es nicht die Richtung seiner Zwecke verliert. denn es genügt uns, geradeaus zu gehen. so wie die Linien der Wege gezogen sind. weil auf den geraden Straßen niemand lenken muss. weil da niemand abgelenkt sein muss. damit wir niemandem die Gelenke brechen müssen. wenn er woanders hin wollte. wo es ihm nicht erlaubt wäre zu sein. auf dass ihm genehm ist das Genehmigte…

niemand muss hier erst noch erwachen. alle, die hier leben dürfen, wurden schon aus den Betten gescheucht, bevor es dämmerte. damit es ihnen, den Verdammten, nicht dämmert, vor den brüchigen Dämmen…

ganz enorm ist die Norm. dass wir mit den kürzesten Beinen die längsten Schritte machen. uns reicht der Fortschritt. auch wenn wir nicht fortkommen. denn der Fortschritt ist eine Vorschrift. die uns verschrieben ist. der wir uns verschrieben haben. aus der wir nicht fortschreiten. aus der sich die Seele nicht fort schreit. und nur um ihretwillen gehen wir nicht hinaus. denn sie soll drinnen bleiben. von wo sie nicht raus kann. selbst wenn sie dorthin will. mit uns…

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.10.2 | 934-SARS-CoV-2

[Tag 469 der Rückkehr]

die allerschönste Weisheit [du warst sehr nahe] die Rufe zwischen den Steinen. alle Dinge geschaffen [habe nicht alles geschafft] er muss einfach alles lieben [offenbart im Verborgenen] woraus wir entstanden. worin wir versanken. wovor wir uns hüten. ängstigen. beugen. setzen. neigen [Gedanken. fliegende. die Kraniche fort. mit ihnen. für dieses Jahr] er tat uns kund. wir taten wie Kunden. die auf die Bewirtung warten [klettere die Leiter hoch. durch den Himmel. ins Luftlose. Klanglose] leicht knickende Rohre. an denen wie Äffchen empor… aber von oben saugt jemand die Erde auf. wie durch einen Strohhalm [Finger wie glimmende Dochte. an der Haut der Luftballons] unser täglich Stoß gib uns morgen [und die Augen aus Löschpapier] wer weiß schon. ob er uns hört [bleib‘ fern. für den Glauben an dich. dort. für unsere Hoffnung. hier] wir müssen uns beeilen. die Zukunft beginnt jeden Augenblick [der echte Raum. falls man gelebt hat. Zeit] in den Zellen. das Leben [beginne zu wohnen. habe die Fenster verhängt. vor dem Verhängnis. liege aufgebrochen. unter den Sternen. muss unterbrechen. den Aufbruch. durchbrechen. das Angebrochene. weiß Rat. in der Dunkelheit. ein Rad zu bewegen. aus dem Unermesslichen fort. ins Angebrachte] in den Gewölben der Stimme. auf den Pfaden. die sich wölben vom Wunsch durch die Trauer in die Gegenwart(e) des Vergangenen [rührst dich nicht. dort. wo du hin wolltest. wo es ihn gab. nur für dich. allein. den einen Moment] allein… weh… ganz allein [mich erwartet. zur anderen Zeit] halte dir einen Platz frei. für die nächste Stunde. die letzte. immer

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.25 | 927-SARS-CoV-2

[Tag 459 der Isolation]

man wird viel suchen. und tief hinabschauen. man will den Menschen nicht zu ungleich sein. man will es ihnen dennoch nicht zu gleich tun. man kleidet sich freundlich. und möchte an sie erinnern. die Ungekannten. man weiß sehr genau, wovon man mit Freuden singen muss. man weiß noch besser, wie klein der Teil aller Versprechungen, die man nicht uneingelöst lässt, sein muss, wenn man den Geist weit hinausgesandt hat und die Hände, so fest sie eben angewachsen sind, nicht folgen wollen. man spürt, was sich in einem erhoben hat und dass die Füße weit unten stehen und gehen müssen. und fängt eines herbstlichen Tages an, die Wege nur noch zu denken. als seien sie Ufer von Wolkeninseln und tauchten kurz auf mit jedem Traum und schwanden sehr rasch mit jedem Schlaf. bis man erkannt hat, dass nicht mehr Ruhe entsteht, nur weil es immer stiller wird um einen herum. und wieviel ein Licht ist im einsamen Winkel. groß ist das Schweigen, dass die Wünsche nicht verdrängen kann. lang scheint das Ausatmen aller Zeit. des Ungelebten. und ist doch kurz wie der Pfad durch den Flecken Hintergarten bis zur Küchentür. man sucht etwas für den langen Atem, den die Ewigkeit vorausschickt. etwas, das noch zu Lebzeiten einen Ausgang fand. etwas, das zumindest versucht wurde und nicht verschwunden ist, nur weil der Versuch scheiterte. etwas, das sich selbst trägt, wenn der Träger es hat fallen lassen. etwas, das den Träger trägt, wenn er fiel. etwas, das ihn erträglich macht, wenn er träge über den Leinen seiner Jahre hängt und die Augen sind wie der Halbmond, der sich zur Sichel verkleinert. jede Nacht.

[erinnere dich. wo die Fenster waren. vergesse nicht. was die Mauern verhüllten. wer schon alles hier war. und vorbeiging am Verschlossenen. wer nicht bleiben konnte. und verloren ging in den Landschaften des Winters]

es gibt noch andere, die sich befragen ließen. nach ihrem Gedächtnis. sie könnten interessanter sein. vielleicht sogar schöner. man muss ihrer habhaft werden. man muss sie sich anverwandeln. und baut mit ihren Städten den eigenen Himmel. aber man will die eigene Natur nicht schlicht wiederholen. man holt sie nicht mehr ein. die Taue. man holt nicht mehr aus. im Traum. aus Angst, man könnte sich davon nicht mehr erholen. oder dass man sich ihn holt. den Tod.

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.24 | 926-SARS-CoV-2

[Tag 458 der Isolation]

ich habe mein Auge öffnen wollen. weil ich dachte, dann hörten die Träume auf und ich könnte versuchen, die Wirklichkeit selbst zu erschaffen, indem ich sie erzählte. von Anfang an. und lange davor. weil schon der Anfang wirkte wie ein beginnendes Ende. und dass ich laut sagte, „ich denke es“, obwohl ich wüsste, dass es sich kaum denken ließe. und noch weniger sagen. aber ich wollte es denken. solange, bis ich es fühlte. und weil ich es dann fühlte, hätte ich überhaupt erst begonnen zu fühlen. und etwas etwas gefunden. weil ich es erst erfand. etwas, das sich nie vergessen ließe. das meiner Erinnerung nicht bedurfte. undenkbar im Grunde. als ob ich den Gedanken auf die Wege schickte, die ich selbst nicht mehr gehen konnte. und kurz vor der Schwelle, wo das Ende aus seinem Schatten heraus in den Anfang hinüberreicht, würde ich erkennen, dass ich, je mehr ich versuchte zu vergessen, umso mehr sehen könnte, was nicht vergessen sein darf. und also stünde ich wieder vor dem Offenen, das sie Leere nennen, und könnte sehen den Sinn der Schöpfung, ich, der ich selbst nur noch einige Stunden eines sich neigenden Tages sein würde, ich, der ich bald schon als Teil des großen Vergessens aufgelöst wäre, ich sähe nun, was Schöpfung bedeutet, jenseits von Traum und Wirklichkeit. und zugleich in beidem enthalten. wie ein noch schlafender Keim. eine Erinnerung an das Kommende. dem ich körperlich nicht mehr angehörte. das ich gleichwohl wüsste. das ich sagen könnte. hörte mir nur einer zu.

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.17 | 919-SARS-CoV-2

[Tag 456 der Isolation]

der Ort ist die Mitte. die Mitte ist überall. der wir zu entkommen versuchen. von der aus wir suchen. die Grenze. die wir überschreiten können [ich werde mich dort befinden. ich hatte viel Zeit. mich einzufühlen. einzufinden. die Bucht ist schattig. ist verborgen. weit. weit entfernt. von den brennenden Bergen. die Zeit ist gegangen. und je mehr ich ihrer entsagte. desto tiefer drang sie ein in mich. dass ich die Sterne erinnern konnte. auf denen es mich gegeben hat. ich bin jetzt hier. was dort war. zuvor. die Fenster sind ganz nach oben gewandert. wo der Himmel vorbeizieht. als hätte jemand die Segel gehisst. für die Heimkehr] brauche ein Dach. brauche den Innenraum. ganz gleich, wie dicht und finster der Wald darum gewachsen sein mag. da war ein Spalt. durch den ein Licht eindrang. da gab es einen guten Augenblick. ohne im Gedächtnis zu haften. ohne das Gedächtnis zu verhaften. da war ich schon einmal. um zu vergehen. um mich lassen zu können. in Schönheit und Schmerzen [du musst nichts sagen. die Worte ziehen ihre Kreise um das Schweigen. ich spende dir Schatten. ich kann dir Dickicht sein und Laub. das ich zur Seite schiebe. wenn du nach Licht verlangst] ich war auf den Meeren und in den Gebirgen. ich war in den Städten und in den leeren Landschaften. auf der Suche nach Sehnsucht. nach dem Offenen. das keine Linien hat. keine Winkel. wo der Grund haust. der kindlichen Angst. wo ich fremd sein wollte. und mit anderem Namen gerufen. und von wo aus ich beobachtete die Liebenden. die noch nicht Verlassene waren. die noch nicht wussten um ihr Glück. die ihre Augen schlossen. um zu spüren ihre Seelen [wie schnell du gegangen bist. wie rasch ich vergangen bin] in den Schoß legten sich die Hände der Matten. die nach ihren Herzen zu suchen begannen. dem Unsichtbaren zu folgen. heimlich wie Schatten vorüberzugehen. vorbei an den Steinen und Tafeln

zum Text (Stand 17.09.2022)

hier keine bleibende Statt

Nach der Sommerpause melde ich mich hier zurück und schreibe weiter an meinem neuen Prosagedicht HIER KEINE BLEIBENDE STATT…

[Stimme des Wanderers]

sag du mir doch. was ich erzählen soll. bin bald zurück vom Tod. werde mich gründlich ausgeschlafen haben. werde Zeit haben. endlos. bin dann in einer anderen Liebe. bin bald wieder fort. durch das lautlose Glas aus den Flammen gestiegen. aus der Asche der Wartenden. sie regnete einen Winter lang vom Himmel herab. sie war zergangen in den warmen Händen der Schöpfenden. weil sie Frühling rufen. weil sie ins Leben zerren die Schlafenden. weil ihre Uhren gestellt sind. auf die Altäre. weil ihnen niemand reden soll. von der Zukunft.

[Chor der Engel]

wir wissen die Orte der blühenden Gärten. wir kennen die Zahl der grünenden Bäume und Sträucher. wir hören das Flehen der Hungernden. wir weinen viel. wir können die Wüsten nicht wässern.

[Bildersturm]

was sollen wir machen. fragen sich die frisch Verliebten. gehe fort von hier. sagt der junge Söldner. fast noch ein Kind. zu seiner noch jüngeren Frau. sie hält das schlafende Neugeborene in ihren zitternden Armen. sie blickt auf ihn mit angsterstarrten Augen. als hätte er sie fortgeschickt aus ihrer Liebe. irgendwann später wacht sie auf. dann wird ihr ganz anders sein von ihrer blühenden Phantasie. mit der sie den Toten bedeckt. als ob mit den letzten Blumen des Jahres.

[Chor der Verlorenen]

wir gingen fort. in der Hoffnung, verlassen zu können unsere Erinnerungen. wir ahnten einige Tage später, wer unter den Trümmern liegt. wer nicht mehr zurückkehrt. in die geweihte Erde.

[Chor der Kinder]

wir wissen, dass es vorbei ist mit uns, wenn die Fragen verstummen. das Unheil begann mit dem Schweigen. wir wollen ganz still sein, dass uns nicht hören die Gespenster.

Zum Text (Stand 17.09.2022)