peregrinari [Bekenntnisse | Meditationen]

durch Ödland. die Heimwege. zur Heimwiege. da hängt der Mond zwischen Wäscheleinen. die Züge rasseln hinter den Häusern. zwei Straßen weiter. und landende Flieger ziehen über den Dächern vorbei. einer nach dem anderen. wie an Schnuren herabgezogen. mit den Schatten uralter Ungeheuer. die durch alle Wohnungen rasen. wie die hilflosen Rufe des Daidalos an den leeren Ufern von Ikaria.

Wechselgesichtige. Nicht Unbeschreibliche. Blicke hinaus. wie die Blicke hinein. doch ging ihnen verloren. Davor. Und Einst. die anderen Namen. unter ihren Füßen versteckt. oder ins Wasser gestoßen. wie lästiger Stein. aber nur. wenn es keiner sieht. und dass sich die Tore nicht öffnen. wenn jemand naht. ist bei ihnen die Zeit ein versickernder Regen. in den harten Furchen dürrer Erde. unerinnerlich.

[…]

du hast die Räume noch nicht durchschritten. in denen sich die Zeit dehnt. dahinter zu finden heimische Küste. Duft von Tang. Sand. Hafer. Kiefern. Heidekraut. stiller Glaube. und leiser Zweifel. Gesichter aus Stein. dahinter das Lächeln zu suchen. ihr Rauhes. ein gänzlich natürlicher, zärtlicher Klang. sie sagen nichts. sie erinnern alles. sie leiden im Verborgenen. sie schauen dir hinterher. wenn du vorübergegangen bist. als ob einer sinkenden Abendsonne nach. sie sind in den späten, wärmeren Farben. im Gedeckten des Herbstes. groß werden ihre Augen in der Rückschau. aber niemand muss ihnen jetzt erscheinen. von weit her. um ihnen zu sagen. woher sie kommen. sie sind alle Vertriebene. Gestrandete. mit zerstoßenen Seelen. und rissigen Händen. du aber kannst schweigen. unter den Schweigenden. mit Krügen voll Wasser gehst du durch die trockenen Gärten ihres stummen Brütens. zu gießen alles Unmögliche. das du dir vorstellen kannst.

[…]

als dich nichts mehr zurückhielt. herauszutreten. aus der Last des Erinnerns. dich zu erschöpfen. in schweigender Wanderschaft. die Augenblicke zu sammeln. in den Schritten. sorglos die Finger zu legen. in den Staub. der die Wunden schloss.

dunkler. des Pilgers Gesicht. wenn er heimkommt. Schatten des Freundes. der ihm die Hand reichte. und so kostbar das Wenige. das er geben konnte. Welkendes. das sich verwandelt. unter den Sohlen. Anderes spiegelnd. wenn er Wasser holt. und im Brunnen die Augen dessen erkennt, der ihn nicht mehr fand. der Düfte zurückließ. von Gräsern. und Blüten. 

du schöpfst mit deinen Händen. so lange. bis der Sand zu Schnee geworden ist. in der Schönheit des Sternjasmin. in der Reinheit des weißen Lotus. rastlos zu sein. solange die Trauer. wortlos. solange die Träume. blühend im matteren Licht. in den Tropfen geschmolzenen Glases. im Herz eines schon brüchigen Gesteins.

Eumaios. hinter den Fenster

Tag 43 der Wanderungen

er wird weinend kommen. du wirst hinausgegangen sein. Lichter werden fallen in das Innere. letzte Tropfen Regen in den Brunnen. einsam kam er zu dir. einsam warst du gegangen. er könnte jetzt beginnen zu erzählen. nachdem du verstummt bist. er wünscht sich, hoffen zu können. dass du dich erinnerst. wie du wachsen konntest mit ihm. wie du welken musstest. als er fort war. und weil er der Gefundene war, musste er nicht mehr gesucht werden. und weil er verloren ging, konntest du nicht mehr bleiben. das Jahr brachte keine Fülle mehr. die Zeit lag erschlagen mit ihrer Felsenhaut unter der Sonne. doch er wartet noch immer auf deinen Ruf. er steht an den verschlossenen Pforten. er will dem Tode nahe sein. und hinabschauen in das Land des Lebens. die Landschaften, durch die er noch nicht wandern konnte. durch die du nicht mehr wandern wirst. er wird erfahren, wo du gelegen hast im Elend. und dein Geheimnis kann in ihm noch erwachen. und aus größter Ferne, zugleich in tiefster Zärtlichkeit, das Schwerste von sich selbst fordern: an einem Ort zu bleiben, den du verlassen hast.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 27 der Erstarrung

aber hast du etwas pflanzen können? was nicht verwelkt? und würde es nicht reicher noch im Vergehen? und brächten nicht reifere Früchte Trauer und Gedächtnis?

Klang der Stege. die schlafenden Möwen. die wartenden Boote. da sieht schon vor Sonnenaufgang der Besuchte seine Verlassenheit. in den grauen Schatten. auf zarten Wellen. auf dem feuchten Holz […] leere Klause. wenn er heimkehrt. auf den kahlen Stab gestützt. aber er ist gegangen. hat sich übersetzen lassen. als er schlief. wartet auf einen Fragenden. der noch wissen will. was alles in seinem Schweigen lag.

[…]

noch ist der Abend nicht gekommen. an dem du sagst: genug. und nicht mehr schließt die Vorhänge. abzuhalten das kalte Licht des vollen Mondes. ein Tag wird das sein, von dem Du am Ende noch wissen wirst, wie er begonnen hatte. das Verlorene wirst du noch einmal erinnern können. bevor es durch die Gewebe letzter Träume sickert. dir war es dennoch für einen Moment, als wolltest du ihnen zurufen: haltet mich fest, bevor die Flut kommt und das Ewige in den Furchen verschwindet und alle Geheimnisse ans Licht gedrückt werden und eine Haut sich legt um die gelassene Zeit und ein Gestein um jedes Wort, das du nicht mehr sagen konntest. da härten aus deine Schmerzen. und die Wangen lassen sich streicheln. vom Fluss eines tieferen Wassers.

Kernower Elegien [Pendoggett-Psalter]

halbschattiges Zimmer | in der Mitte ein Tisch | gedeckt | als ob Gäste erwartet werden | geschrumpfter Raum | zu einem letzten Augenblick der Hoffnung

ich weiß nicht, wohin. ich kenne mich nicht mehr aus. die Welt rennt fort. sie nimmt die Zeit mit. ich werde nicht mehr gebraucht. dort nicht. und dann nicht. die Häuser fahren in die Nacht davon. ihre Lichter werden kleiner und kleiner. bis sie sich zusammenziehen zu Sternenhaufen. ich werde indessen durch meine Träume gejagt. und kann den Ausgang des Erwachens nicht finden. ich irre durch ein halbes Haus. durch einen halben Garten. durch ein halbiertes Leben. innerhalb dessen sich alles teilt. innerhalb einer Stunde. die ich so gern noch einmal hätte. wäre für mich noch ein Wunsch frei.

Kernower Elegien [Pendoggett | solange du wanderst, fällst du nicht | die gleitenden Möwen | solange der Wind | bald nun ist Ruhezeit | bald wirst du uns nahe gewesen sein]

alle kommenden Tage werden sich gleichen. doch du wirst verwandelt sein. andere wird es geben. die wie du sind. alle werden erblindet sein. alle werden sich in ihre Seelen schauen. alle gehen wie Kinder durch die endlosen Wälder. sie wachen nicht auf. sie wissen nicht, ob sie geschlafen haben.

wo ist mein Herz? bin nicht mehr da. sie drängen. sie stoßen. mit steinernen Händen. die von hohlen Köpfen herabhängen. ich muss jetzt fort. ich wollte ja immer woanders hin. und weit weit weg. lang sind die Züge. so lang wie die langen Strecken. ich gehe durch sie hindurch. bevor sie ihr Ziel erreicht haben. eisiger ist es da vorn. und einsamer. früher konnte ich leichter atmen, je einsamer ich war. heute drückt das Gestein von allen Seiten. ich denke, ich bin ein Gestrüpp, das noch zum Baum werden kann und über alles hinauswächst. nur nie über sich selbst. ich gehe lieber dahin. bevor ich dahingegangen sein werde. ich bin noch nicht weit gewandert. aber ich fand die Frage schon. nach der ich immer gesucht hatte.

still lag das Meer bei deiner Abreise. es hatte alles Licht zu sich genommen. alle Bitten um Frieden. dir sprach es zu das Bewahrende. auf das sonst niemand gehört hatte. dir waren gefolgt die Gezeiten. Geduldiger. du kehrst zurück zu den Wohnungen deiner Geburt. Gott hat dich gesehen. du hast ihn erkannt im Unauslöschlichen deines Namens. nun kann dein Staub über die Dünen wehen. Jegliches fließt aus den brüchigen Waben der Zeit. und ihre Wandungen hielten aufrecht den Himmel. der immer frei ist. für den, der erlöst sein will.

Kernower Elegien [Pendoggett | Augenblicke | per definitionem | kurz. plötzlich und unerwartet | das schnell Vergessene | wirres Träumen | zwischen Nacht und Morgengrauen | ferner Klang von etwas Sagendem | gehe dorthin | wo du noch nicht warst | wo du noch einmal sein wirst | weil du wer anders bist | woanders | dem Tag erschienen | Schein ohne Schattenwurf | aus schäumenden Wellen gestiegen | um zu beenden | die Verschwundenheit]

selten. kommt einer vorbei. immer. zu spät. wenn ein Schatten durchs Zimmer fliegt. immer schon Herbst. und die ziehenden Kraniche. Fracht der Seelen. unterm Gefieder. hinter anderen Küsten. in die winterharten Furchen gelegt.

fandst heute, was dir nicht gehört, was einer liegen ließ, damit es ein Anderer aufhebt, wie einen Stein, aufgelesen an fremder Küste und zwischen den Fingern bewegt, alle Stufen Grau, auf deiner rauen Haut.

aber was hat er gegeben? bevor er nah ans Fenster geschoben wurde. und die Hand gegen die Scheibe drückte. als ob er wegschieben wollte den unablässigen Besuch der vorbeieilenden Gegenwart. oder als ob wüchsen aus dem Glas Finger, die er früher schon einmal hat berühren dürfen. wenn er allein war. mit sich. mit einem Einzigen. der auch keine Zeit zu verlieren hatte. und nicht darauf achtete, wie das Haar lag. denn die Zeit ließ sich ja nicht aufhalten. und die Sorgen nicht vertreiben. jeden Tag der Liebe musste er an den seidenen Fasern gebrochenen Lichtes zu sich ziehen. in die Stille des einsamen Sterbens.

Chor der Verlorenen, VII [hier keine bleibende Statt]

wir gehören den Straßen. wir gehören den Wäldern. wir kehren zurück aus der verronnenen Zeit. so schön das Gras auf unseren Gräbern. so still die Seen des letzten Schattenwurfs. und wie verglühender Stein das keusche Mondlicht. wie aus Milchkannen gegossen. das Weiße unserer Augen. in jenem Moment, als wir nicht mehr blind waren und sich die Erde fest an unsere Sohlen heftete, spiegelte sich da unten auf den kalten, feuchten Steinen der Himmel. und endlich konnten wir sehen die Wolken, in denen sich unserer Kinder Flügel verfangen hatten. als hätten die Heerscharen Netze ausgeworfen für ihre Seelen. aber wir sangen: sie gehören den Furchen, wo wir das Reis unserer Jahre ernten; sie gehören dem Wegesrand, wo das restliche Wilde wuchern soll. so schön die Klage am Ufer der Zeit. so still das Land der Felsen, und ihre Schultern von Wellen massiert. Wind im Laub. wo wir uns wiegen. wo unsere Seelen gewogen sind.

hier keine bleibende Statt

was der Marschierende sagt

strecke die Hand aus. rühre dich nicht. bis sie brüllen. dass du dich rühren kannst. ungerührt.

die Waffe wird leicht. wenn es Nacht wird. hinter den letzten Blicken. wenn sie sich entfernt haben. die deinen Namen kannten.

[vor Mittag die Wüste verlassen. vor Abend hinter den Horizont gelangen. gleichmäßig atmen. vor Anbruch des Tages. wenn deinem Herzschlag lauscht. die erschöpfte Zeit]

Echo seiner Mutter

er kam nicht heim. kalt war mir. wenn ich einschlafen wollte. nur wenn ich träumte, konnte ich ihm weisen die Pfade. nach wärmenden Worten suchte ich. doch müde wurden die Feuer. mit allem, was verbrannte.

alle Dinge sage ich mir. die ich ihm nicht mehr sagen konnte.

hier keine bleibende Statt

Wanderers Klage

ich war anderswo
nicht dort
wo ich hin wollte
nicht dort
wo ich mich schweigend hätte verbergen können
still zu sein
um etwas sagen zu können
und ein Gehör zu finden
in anderen Stimmen
weil nicht ich es sein kann
der weitermachen muss
der sich entsinnen wird
des Künftigen
um die Geschichte nicht zu wiederholen
die unvergessliche
deren Namen unbrauchbar wurden
wie mein Gedächtnis
das sich nun andere Orte sucht
wo es sich aufhalten kann
wo es sich aufhalten lassen kann