Eumaios. hinter den Fenstern

2023.8.10 | Tag 88 der Wanderungen

wohin gewiesen? solltest du nicht dort sein? wo sie das Licht noch ohne Brechung sehen? doch du siehst die Stimme nur. dessen. der so sprach… Traum vom wachenden Herzen. das alle Zeit hat. zu erzählen. oder zuzuhören. nächtelang… aber heute muss alles gepitcht werden. in max. 33s. und vom Gebell und Getöse sind die Allermeisten eh schon ertaubt… schaue zurück. ohne Rücksicht. sage. was immer du selbst hören musst… du bist nicht in Eile. die Eule bist du. im Tannengeäst. hoch über den Trümmern. doch ist nicht Erinnern die menschlichste Tat? goldene Tropfen Harz auf uralter Borke. Honigperlen in halbvollen Schüsseln Milch. Duft von kaltem Gestein… denke dich als geölter Blitz. Wald zu Wald. Küste zu Küste. sieh dich gebreitet. wie mit geölten Gliedern. nach dem Regen. der den Sand fortspülte. nach so langer Dürre. Waschung der Füße. durch einen Letzten. der bei dir blieb… wenn selbst die Steine rufen: lasst uns rasten! und ihre Poren öffnen. bis aber auch sie sehen. welche Wunden in die Haut der Sonne zu schlagen sind. für das bisschen Licht in den Winterhainen… doch jetzt ist dir ganz gleich, ob du im Wasser stehst. oder im Gras. Hauptsache: knietief. und dein Gehör wird durchströmt vom Klang der Wellen und des Windes. für fernere, dunklere Gesänge. pendelnd zwischen den Inseln. zu denen die Anderen aufbrachen. ohne Abschied zu nehmen… dann plötzlich. dir fielen ein. ganz neue Landschaften. wo das Laub die wunderlichsten Geräusche atmet. blind alle Stimmen. für das göttliche Schicksal. ihr Sterben zu überwinden. zu gehen. die Küste auf und ab. und denken im Traum nicht an geblähte Segel. einzufangen den Mond. und zurückzusenden das Kreischen der Möwen. zu den unermüdlichen Brandungen. und glauben zu lassen. die Daheimgebliebenen. es wären nicht die Schatten der Felsen. sondern ihre Seelen. aus dem Fleisch gezogen. wie goldene Fäden. aus verwittertem Flies. Trugbilder allen. die den Staub auf ihren Augen halten. für Gewölk schlechten Wetters. das sich verzogen haben wird. nach drei bleiernen Tagen… ach. die traurigen Vögel! in den immergrünen Hecken. die ihr Gefieder fraßen. und die täglich wandernden Schatten der Zweige mit ihren Schnäbeln aufzuspießen drohten… du musst hier gewesen sein. Mehltau. auf ihrer grauen Haut. als zögen die Engel Decken über ihre Leiber. und brüllten: JETZT SCHLAFT DOCH ENDLICH! sie hätten ja aber auch einmal das Kleingedruckte lesen können: dass der Tod nur gefeiert wird, wenn er als überwunden gelten darf…

am achten Tag

viel schon geschrieben. noch nicht viel gesagt. ein Leben fügt sich ein. verlassene Wohnung. schlafe jetzt besser. seit dem Anfang des Sterbens. dann wieder furchtlos. fruchtlos dann wieder. fahl und falb. mit dem halben Jahr. das schwer in den kahlen Zweigen hängt.

Wandungen deines Endes. Wendung wohin. nicht so wichtig. mit wem du zu tun hattest. doch was du getan. dünne Haut der Schrift. zu halten das Mögliche. wäre die Reise weitergegangen.

Wanderungen. oft wiederholte. was noch gebraucht wird. vom Hingegebenen. still stehen die Berge da. wie am Rande der Zeit. in den Winkeln der Welt. hinaufzusteigen. von wahren Orten sagen zu können. die Feuer zu sehen. auf den entferntesten Gipfeln. flackernde Schatten. über den ziehenden Wolken.

viel noch zu wünschen. viel schon verloren. setze dich fort. dorthin. einsame Bank im verwitterten Garten. schweigend zu gießen die Setzlinge. die da bleiben sollen. zu nähren die Kommenden. die deinen Namen nicht mehr kennen.

Aufbruch schon bald. und nicht zu vergessen die Brechungen. unter den Wegen. unterwegs. Zunge der Viper. noch durch dein Auge tropfen zu lassen fremde Gedanken. ruhe dich aus vom Vergangenen. mach‘ dich nicht tot. vor dem Tod. falte Servietten fürs Abendmahl. tupfe dir die Bekenntnisse von den trockenen Lippen. Falter auf deinem Mund. deine Seele zu kosen. entfernt zu sein aus den Geräuschen deiner Schritte.

Künder späterer Zeiten. Schatten. je länger. desto kürzer die Jahre. sanfterer Wind in den Wipfeln. klarer der Blick von den Steilufern hinab. bald nun beginnt die Sprache. Wunder über den Wunden. selig. wer sich erinnern kann. was er sagte im Traum.

bevor das Gras vergeht [VI]

wohin? unendlicher Raum. Seligkeit, beengte. die Insel. atmende Hügel. eigentlich. die aus dem Wasser, aus den Wolken ragen. Lande, entfernte. Schlag des Lichtes. auf die Wellen.

alles ist schön. ohne Schatten. nichts ist da. weniger. je weiter geschaut. brennend Gestein in den Händen. Durchsicht des göttlichen Auges. weil es erblindet. verknotete Schöpfung. dass er sich merkt, wo er sich zuletzt unterbrach. plötzlich. im wirren Nachmittagstraum. wusste er wieder. für eine Milli-Sekunde. wo er geboren wurde. wo es ist. wenn sie sagten. irgendwo.

Gärten. kurz vor der Apfelernte. mildere Luft. nach langen Wintern. Duft der Kräuter. des nassen Grases. Blüten. wie Glöckchen. anzustoßen. von winzigen Zeigefingern. Zeugefingern. zitternden. dass herausfällt ein einzelner Name. und noch einer. und noch einer.

und die Insel. schlafende Buchten. Boote. angefressen. verwettete Fracht. verwitterte. hier könnte man bleiben. gute Winkel. Schätze. vergraben. Jause. die ganze Zeit. die sich selbst vertreibende. aber nicht wissen. was Glück ist. nicht. was wahr. und hinterher. das Gesagte. das Verfolgte. niemals. die Stunde. bevor sie vergangen. vorzeitig. das Vergessene. Fenster. verhangene. zerschlagene Wege. wie Schlangen durch die Gärten. und hinaus. und ihr Fall. kaum zur Kenntnis genommen.

bevor das Gras vergeht [IV]

wie drückt sich die Stille aus? ihre Farbigkeit nah an gealterten Blüten. wenn die Abschiede schon eine Weile zurück. wie gekündigtes Leben. weil sich das neue nicht ankündigen möchte. sich aufzugeben. weil keine Aufgabe mehr an den Schaltern des Künftigen. nichts mehr anzunehmen von den zu lange Verschollenen. Wege. als ob davongemachte. unter zu vielen Schritten. Umspiegeltes. bis sich nichts mehr erkennt. die bare Sicht. die Unsicht-Bahre. und hinauszuschauen. falls du jetzt noch etwas sehen willst. unterhalb des Himmels. oberhalb der Landschaft. und falls ihr Flügel wachsen. falls sie sich beflügeln lässt. von den Erzählungen der Wanderer. die sich die Beine ausrissen. und das Gestein ihrer Blicke in die Brandung warfen.

bevor das Gras vergeht

am Ende aber wird dir wieder eingefallen sein, was du wolltest. bevor sie eingefallen sein werden. in die leeren, kühlen Wohnungen. die Himmlischen. denen hungert und dürstet nach den verlassenen Seelen. die sich nicht mehr besohlen lassen. und wie Zerknülltes liegen in den Ecken der Zeit

und dein eingefallenes Gesicht anzufassen, strecken sie ihre Arme aus, als stünde ihr letztes Mahl auf den Tischen, als sei ein letztes Mal die Sonne versunken in ihrem Tränenmeer und zöge dann mit sich alles Verschüttete und wüsste die Wiesen nicht mehr, die unter ihr wuchsen und dufteten und ihr jetzt sagen könnten, dass alles Farbige aus der Lust gerät und alles Schattige aus der Idee

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 46 der Wanderungen

lass dich fangen. die offenen Arme. wenige Stunden. rasch verronnene. spreche jetzt noch nicht aus, was du denkst. welche Blüten noch offen, die ganze Nacht. welche Gärten einsam und duftend, in der Sehnsucht nach Zartem. ja, hast jetzt schon lange gesessen, über den Büchern, die sie dir gaben, um in ihnen zu lesen, von ihm. und deren Seiten man dreht, wenn die Geschichte vom Ende her erzählt werden soll. und plötzlich ist dir, als läsest du laut, und Kinder lägen im Gras, ihr Kinn auf die Arme gestützt, und hörten dir zu und blickten auf deine Lippen, mit Augen wie von Mittagsblumen. sie wurden still über den Worten, als spürten sie einen geheimen Auftrag, ihr Sprechen über die Grenzen der Träume zu bringen, wo es dich Älteren hinzieht, um wieder klein zu sein, fragend, erfindend. ein mit allen Wesen der Zweige und Wurzeln und Gräser verflochtenes Leben, das feinerer Sinne bedarf und seine eigene Dauer hat.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 109 der Erstarrung

du denkst jetzt aber nicht mehr darüber nach, was er gesucht haben könnte. in der Wanderschaft hat er gewohnt. so wie du im Warten. er hat sich geträumt, solange du in den Untergang deiner Sonne blicktest. sehr innig ist heute euer voneinander entferntes Denken. hin und her gehen die Träume. zwischen eurem Schlaf. zu ganz unterschiedlichen Zeiten. die Frühlinge zogen vorbei an euren Jahren. die Blüten blieben unberührt. und euer Atmen ist immer nah an der Quelle. wie der ruhende Fuß vor dem ersten Schritt. doch jetzt macht sich etwas auf, was die Boote nicht besteigen muss. und leben wird, weil es dem Tod folgte.

hier keine bleibende Statt [wir zupfen die Saiten der Margeriten]

jemand fragte: wie soll ich hier leben?
und trank aus Angst kein Wasser mehr

jemand schlug sich die Knöchel zu Splittern
weil die Wälder so endlos

jemand pflückte roten Mohn
und sah am Wegrand die himmlischen Zeichen

jemand ging einen anderen Weg
und dachte nicht an seinen Tod

jemand blickte vom Fenster herab
und schaute den Zügen hinterher

jemand schüttete Milch in den Abguss
jemand sprang von der Klinge
jemand ging die Ufer flussaufwärts
Anfang November

jemand hatte einen Gedanken
jemand wünschte sich einen Traum
jemand stand unter dem Apfelbaum
Mitte April

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 41 der Erstarrung

du hattest verstanden. jeder für sich. gegen jeden. gegen sich selbst.

an unseren Knochen. hängend. ein seltsam verwandeltes Haar. die kleinen Freuden. die über die Hügel gestiegen. in die Gärten Verpflanztes. Tröstliches. Namen. unter Sprockholz und Seetang. an uns. Auftrag. wie Bienen zu fliegen. ein aus Gras geflochtenes Haus. zu tragen. über Gebirgskämme. über Meere. den Inseln zu. bevor verbrennen die Blüten des Mutterkrauts.

du hattest verstanden. Wirbel des Sandes. Spiegel der Luft. Welt im Honiggestein. Wissen. das den Tod nicht nötig hat.

tauche wieder auf. frage. aber zweifle nicht mehr. fühle keine Sorge. und wenn du schon nicht laufen kannst über das Wasser. so erblicke darin. was es bezeugt.

Eumaios. hinter den Fenster

Tag 43 der Wanderungen

er wird weinend kommen. du wirst hinausgegangen sein. Lichter werden fallen in das Innere. letzte Tropfen Regen in den Brunnen. einsam kam er zu dir. einsam warst du gegangen. er könnte jetzt beginnen zu erzählen. nachdem du verstummt bist. er wünscht sich, hoffen zu können. dass du dich erinnerst. wie du wachsen konntest mit ihm. wie du welken musstest. als er fort war. und weil er der Gefundene war, musste er nicht mehr gesucht werden. und weil er verloren ging, konntest du nicht mehr bleiben. das Jahr brachte keine Fülle mehr. die Zeit lag erschlagen mit ihrer Felsenhaut unter der Sonne. doch er wartet noch immer auf deinen Ruf. er steht an den verschlossenen Pforten. er will dem Tode nahe sein. und hinabschauen in das Land des Lebens. die Landschaften, durch die er noch nicht wandern konnte. durch die du nicht mehr wandern wirst. er wird erfahren, wo du gelegen hast im Elend. und dein Geheimnis kann in ihm noch erwachen. und aus größter Ferne, zugleich in tiefster Zärtlichkeit, das Schwerste von sich selbst fordern: an einem Ort zu bleiben, den du verlassen hast.