wir gehören den Straßen. wir gehören den Wäldern. wir kehren zurück aus der verronnenen Zeit. so schön das Gras auf unseren Gräbern. so still die Seen des letzten Schattenwurfs. und wie verglühender Stein das keusche Mondlicht. wie aus Milchkannen gegossen. das Weiße unserer Augen. in jenem Moment, als wir nicht mehr blind waren und sich die Erde fest an unsere Sohlen heftete, spiegelte sich da unten auf den kalten, feuchten Steinen der Himmel. und endlich konnten wir sehen die Wolken, in denen sich unserer Kinder Flügel verfangen hatten. als hätten die Heerscharen Netze ausgeworfen für ihre Seelen. aber wir sangen: sie gehören den Furchen, wo wir das Reis unserer Jahre ernten; sie gehören dem Wegesrand, wo das restliche Wilde wuchern soll. so schön die Klage am Ufer der Zeit. so still das Land der Felsen, und ihre Schultern von Wellen massiert. Wind im Laub. wo wir uns wiegen. wo unsere Seelen gewogen sind.
worüber ihr nicht sprechen könnt. was wird euch wieder zusammenbringen? Schmerz oder Glück? oder Glück des Schmerzes?
er hört dich reden. wenn du die Küste auf- und abschreitest. die Wunden müssen offen liegen. dass die Wunder Platz haben darin. wenn die Stimmen ersterben. hinter den Schwellen der Zeit.
was tut man, wenn man wartet? man hat Gärten, mit ein wenig Glück. man könnte schreiben. über alles, was man denkt. und was nicht gesagt werden kann. man kann sich um die Kranken kümmern. oder den Vergesslichen ein paar Geheimnisse verraten. man kann die Wellen zählen, die in einer Stunde gegen die Dünen klatschen. man kann Plätzchen backen und sie verteilen in der Nachbarschaft. man kann voller Träume sein und lange schlafen, um sie zu vergessen. man kann alle unbeantworteten Fragen aufschreiben und in späteren Jahren schauen, ob sie sich erledigt haben. man stellt die Bepflanzung der Beete um, von Gemüse auf Blumen, damit das spazierende Volk statt Hunger ein paar Träumereien verspürt. aber man arbeitet nur nachts, denn der Gärtner will nicht gesichtet sein.
ob er noch weiß, dass du ihm immer gesagt hast, die Stille danach ist das eigentlich bedeutende Geräusch? und im Konzertsaal müsse man dem kadenzhungrigen Publikum das Klatschen verbieten, hast du ihm immer gesagt. und dass es hilfreicher wäre, man würde nach dem Orgasmus keine Fragen stellen, vor allem nicht, ob es schön war; gleich so, als fragte man einen Toten, ob ihn die Ewigkeit nicht langweile.
haltbarer sind die Verwundungen, hast du ihm immer gesagt, als die Verwunderungen. wie leicht machen die Menschen aus ein paar albern im Wind pfeifenden Küstenfelsen seelenfressende Sirenen. während ein ganz anderer Schmerz sie quält. unterhalb des Hörbaren.
du hast dich nie gefragt, wie angenehm dein Leben sein könne. auf einer hinter den Hecken versteckten Bank. sondern immer, wie anders es wäre mit ihm darin. jemand, der abends heimkommt, wenn du den letzten Tee aufgegossen hast. jemand, der auf dich wartet, wenn du selbst noch lange beschäftigt warst. jemand, mit dem sich keine Weile zu lang anfühlte und das Zeitliche nur insofern Bedeutung hätte, als es ein einmal Vergangenes sein wird, ein Unwiederbringliches, das nur den wahrhaft Liebenden mit einem Schmerz erfüllt, der jenem eines Schöpfers gleichen muss, wenn er sein Liebstes entlässt in die wilden Landschaften eines noch ungewissen Lebens.
du wirst aus seinem Gesicht ablesen können. die wahren Geschichten. die nicht erzählten. und du wirst erkennen: du warst der Verlassene. doch er war der Suchende. der dich nach aller Verlorenheit wiedererkennen wollte. du selbst warst es, der es hat dunkler und dunkler werden lassen. und weil du zu lang und tief geschlafen hattest, dachtest du, er hätte sich entfernt, ohne sich zu verabschieden. doch dann waren dir seine fernen Worte wie ein Murmeln von Wind und Gras. all die Jahre des Wartens hindurch. seine Träume näherten sich wieder deinen Gedanken. mit denen du fuhrst von Insel zu Insel. und seit du selbst nicht mehr gesungen hast, war es dir angenehm, die Augen zu schließen und das Laub säuseln zu lassen. halb sitzend, halb liegend auf mächtigen Wurzeln. Niedrigster, Einsamster du. allein mit deinem Gott. von dem sie sagten, er würde nie lächeln. doch du wusstest es besser. und hieltest die leeren Hände ihm hin.
[der Rückweg führte durch die Nächte und die Dämmerungen. jeder Abend ein Anfang. ein erster Schritt. voranzukommen durch die Geschichte. durch alles Geröll. das die Sintflut hinterlassen hatte. zu wandern allein. durch vierzig Winter. und sieht ja alles so aus unter dem Schnee, als stünde es nie wieder auf. doch kräftiger alle Dinge der Natur. und fanden zurück in den Frühling jedes Jahr. und widerstanden der trügerischen Ruhe des Schlafes. denn es konnte ein wirkliches Schweigen ja erst entstehen nach dem Erwachen und dem Beginn der einen, tiefen Schau durch den Schmerz des Lichtes hindurch.]
es ist immer dieser Augenblick. der günstigste. doch du spürst nur sein Ende. und da steht die Frage: wann hat er begonnen? [das Warten dauert. die Zeit dehnt sich. wenn sie Dauer ist | unablässig kräht der Hahn. klingelt der Wecker | unentrinnbar dem Atmen. dem Fluss. dem Zug der Wolken | bin schon wieder ein Vergangener. noch einen Schritt tiefer. jetzt. in der Vergangenheit | aber man wird nie fertig. und das unendliche Male. wieder und wieder | dunkle Flügel wachsen. mit denen du gleiten willst. über die verlorene Steppe. vom Meer überflutet | Abgründe tun sich auf. über die kein Mensch mehr springen kann | was helfen die Bekenntnisse dem Entfernten. dem Verbannten. der seine Zunge verschluckte. samt aller göttlichen Worte. und in der Furcht versank | doch nur für ihn endete tödlich das Spiel. um die Wahrheit. um an fernen, leeren Ufern den Rest des einsamen Lebens über das Unveränderliche und das Nicht-Vergehende zu brüten. das ihm versprochen war] Fragment um Fragment habe ich gesammelt. und überhaupt. Haupt über Haupt. Masken zu tragen. wenn ich hinter den Fenstern stand. wenn ich hinunterblickte. auf den Friedhof der Großen. wo jetzt statt der Lieder der Amseln das Gekreisch der Papageien ertönt [alles vermehrt sich im Schlaf. bläht sich auf | sag doch. was sich in dir aufhält. was dich aufhält | du brauchst doch nichts mehr als einen letzten Schritt zu machen. in die Weite hinaus: da beginnt die Unendlichkeit. in die sich hineinbrennen die Sonnenwinde | ja. du hast alles erschaffen. auch das Erschöpfte. ja. du hast lange geschlafen. wie die Schlaffen. lasse dir sagen vom frischen, warmen Regen, der im Meer ertrinkt] hier aber sind jetzt alle Ärzte. auf der Suche nach den Kranken. und niemand ist mehr da, der ihnen sagen könnte von den fernen Dingen. und wohin ihre Seelen ausgewandert sind | sie haben sich verabredet. ab morgen rückwärts zu laufen. damit sich die Erde mal andersrum dreht. und die Tage beginnen mit dem Abend. dessen Land die Erde überziehen soll. mit ruhlosem Schlummer. weil das ewige Hoffen so müde macht.
dann stelle ich die Bilder auf. von allem, was ich erfahren habe. und wenn es Frühling wird, gehen sie auf wie junge Blüten. und werden mich darum bitten: es muss aber immer Frühling sein [wie singt die Lerche noch einmal? lang war die Zeit im Wald. sein Ende kann nicht mehr weit sein. unter den fernen Rufen der Möwen] ich träume jetzt immer davon, was ich noch nicht gesehen habe. ich bin jetzt noch einer von zwei Wanderern. ich vergesse die Wege, die gegangen wurden. ich kann nichts mehr sagen vom Verlangen, das ich einmal hatte. ich habe das Andere verloren. ich bin der Andere, der verloren ging. ich kehre nicht mehr dorthin zurück, von wo ich kam. doch alle Orte kehren heim ins Seelenhaus. und ein Jeder ist Teil seiner Stille [Rabe oder Amsel auf dem Dach des Hauses gegenüber. als wollte mir jemand zurufen, dass ich noch bleiben soll] war nicht erst Mitternacht? der Morgen brennt in den Augen. war nicht schon Mittag? die Zeit trägt jetzt die Schleier des Regens und der Dämmerung. Nacht wird kommen. wenn du die Augen schließt. wie hast du geheißen bis zum Ende des Sommers? aber war nicht zu jeder Jahreszeit die Schwelle des Lebens vor deinen Füßen? morgen ist Sankt Andreas. wie wirst du dann heißen? und wenn wieder zufrieren die Seen, in denen ihr gefischt, fließen die Schmerzen noch weiter, dem ferneren Ufer zu. dort auf der anderen Seite des Lichts, das immer noch versucht, die gegangenen Pfade zu spiegeln. und übermorgen dann ist sogar schon Sankt Stephanus, der unter den Steinen die Stücke seiner Rüstung einsammelt, falls sie noch wichtig sind, nach der ewigen Aufrichtung. und weil er sich noch nicht sicher ist, ob ein gleißendes Licht ihn verbrennt und blendet, grad so als fühle er sich verwechselt mit den Helden des Martyriums. und wollte ja nur den Erlöser als Möglichkeit in Betracht ziehen [schwarze Bücher liegen geschlossen auf leeren Kirchenbänken. das Wetter draußen ist zu schön, um hier drinnen zu hocken. die Steine halten die Stille, an die sich noch niemand so richtig gewöhnen mag. aber selbst in ihnen ist schon die Idee des Auszugs] sie sah so aus, als hätte sie eben erst den Garten betreten. sie blieb vor mir stehen wie vor einem Spiegel und sah sich selbst tief in die Augen und strich mit dem rechten Zeigefinger über die untere Lippe, als ob der neue Tag die Worte von gestern Abend nicht vertrüge. es sah für mich so aus, als würde sie das Haus anders verlassen, als sie es betreten hatte. und als eines anderen Mutter [die Bücher sind noch leer. die Lesung kann noch nicht beginnen. wir verlassen uns vorerst darauf, was uns berichtet wurde. wir fahren an den Stätten vorbei und suchen nach Erklärungen und sehnen uns nach Erzählungen, die nicht enden]
was sprachst du mir. von der Überwindung der Welt. vom Platz an der Seite eines, der meinen Namen kennt. der ein Wort von mir festhielte wie meine Seele. wie seine eigene Seele. und sagte: du bist da. und so wollte auch ich dorthin, immer schauend in die Richtung, wo er mich finden könnte, der mich zurückbringt ans Ufer des Sonnenaufgangs, der das erhörte, was ich nicht hatte sagen können, auf der vorletzten Stufe stehend, ahnend die Geschenke der Ewigkeit und stumm geworden von so viel Liebe. doch weil du an mich geglaubt, konnte ich ihr vertrauen und blind durch die Gärten gehen. weil sie noch den Duft hatte des ersten Grases nach Sankt Benedikt. bis ich stünde am Eingang eines Hauses, wo ich dir in die Arme fiele und wo ich, wenn ich mich umschaute, kaum wüsste, für welche Freude ich mich als Erstes bedanken sollte. und einmal über die Schwelle gegangen, müsste ich nicht mehr wissen, was ich tun sollte. und seine Heilung endete nicht in den Kostbarkeiten der Wunden, durch die ich geschickt worden war, um dich in dem zu erkennen, was du gesprochen.
die Einöden nehmen kein Ende. sie nehmen sich alles von den Endenden. und die Dinge suchen in ihnen nach ihrem Ort. aber ihr Grund kann nicht sicher sein. wohin das Licht kaum vordringt. des kommenden Tages [wer entsinnt sich noch des Morgens? vor wenigen Stunden] hast dich ins Unbewegte eingehüllt. zu eng die Haut. um dich gewickelt. kannst dich nur mit ihr drehen. musst ohne Mitte sein [wir sind jetzt dort. wo wir uns umschauen können. falls es einen gibt, der uns die Köpfe dreht. auf unseren Pfahlhälsen. tief ins Erdreich gestoßen] regst dich nicht mehr. hast aus dir hervorgebracht das Ende. das die anderen alle erst noch beginnen müssen. in ihren Augen ist die Welt. die auch einmal einen beschwerlichen Anfang hatte. die auch schon so weit entfernt ist von sich. doch wenn sie alle nicht bei sich sind, können sie auch nicht in ihr sein. und werden für immer vergessen bleiben. und werden sich, wenn das Ende da ist, nicht mehr erinnern, wonach sie sich sehnten [wir hören das ferne Summen derer, die noch Augen haben, sie zu werfen auf etwas Begehrtes, ins Wasser ihrer Wünsche. doch sie wurden im Flug zu Steinen. und schlugen ein die Köpfe der Träumenden] musstest dort enden, wo dein Leiden begann [wir wissen aber jetzt noch nicht, dass wir eines Tages davon erzählen werden. wir können uns jetzt noch nicht vorstellen den wahren Schmerz. der Endlosigkeit. unserer Liebe. in dieser Enge. dazu sind wir jetzt noch zu erwachsen. zu verwachsen. mit unseren Hoffnungen. |…| was wir nicht gerne hören. was wir zerstören. weil wir glauben, dass niemand zuschaut. und dass die Künftigen es nicht sehen werden. denn sie erblicken nur noch, was ihnen erzählt wird. nicht, was die Welt ihnen zeigen will] Bruchstücke gegen Trümmer gestemmt | jetzt: in der Stille. ist jeder Laut ein besonderer Klang. für den du kein Gehör mehr brauchst [man hat uns gesagt, dass wir die unbekannten Wege schon gegangen sind. wir haben das nicht bemerkt. wir lassen es uns dennoch gerne berichten] jetzt: ist immer Neumond. der Heilige Geist ruft den Tauben zu. sie hören das Himmlische besser [lasst unseren empfindlichen Ohren noch etwas Zeit, sich zu gewöhnen an den Sang der Ewigen] jetzt: zwischen den Bergen. ist Nacht. die Hiesigen behaupten, der Mond sei verschlungen worden von den oberen Gebirgsseen. Zorn der Hl. Mutter. ach. lass sie so reden. dass die Wirklichkeit ihrer Träume Platz hat. und dass ihre Seelen unversehrt bleiben |…| mondlos heißt: ohne Gedächtnis. heißt: sich erzählen zu lassen. und weiterzuerzählen. was sich nicht selbst erinnert. ob all des Schlafes. aus sich heraus… [doch der Himmel müsste nicht mehr anders sein. wären wir uns selbst nicht mehr fremd] sag‘ uns noch nicht, wohin du zurückkehren willst. die Wintersachen liegen ausgebreitet. kahle Zweige wippen vor dem Fenster, als wollten sie deinen Namen ins Glas ritzen. du gehst durch die Türen. du kommst immer wieder. ins selbe Zimmer. wo dein Körper in den Sessel sackte. und mächtig durchhängt. ohne Seele. sie merkt erst jetzt, dass sie keine Flügel braucht, um zu schweben und zu fliegen. und ist selbst erstaunt über deine wahre Stimme. und hätte sich selbst nicht vorstellen können, wozu du fähig gewesen wärst. und wozu am Ende die Zeit fehlte.
[du hast die Jahre verstreichen lassen. nun hat die Zeit dich gestrichen. wie die weißen Wände. in denen alles Licht gesammelt scheint. durch sie hindurch siehst du. jetzt. die Heimat wachsen. die du nicht mehr erreichen konntest. und die sich ja dennoch um jede Heimkehr kümmert]
unabgeschlossene Welt. und meine Not, mich abschließen zu müssen. das Ende zu finden. das Künftige sein zu lassen [die Welt macht nicht mehr mit bei meinen Phantasien. von kindlicherer Zeit. von gesponnenen Abenteuern. zwischen deftigen Mahlzeiten. wenn es auf Sankt Thomas geht… ich werde jetzt häufiger nach dem Weg gefragt. nach einem gemütlichen Café. nach Souvenirgeschäften. fußläufig. zwischen Bahnhof und Dom. und weil ich mich selbst nicht auskenne, gebe ich umso ausführlichere und kompliziertere Wegbeschreibungen, damit jeder von ihnen Lust bekommt, sich zu verlaufen, ohne auch nur einen Schritt tun zu müssen] ich höre jetzt kaum noch, wenn sich ein Mensch nähert. und ich denke immer, wenn er ganz dicht vor mir steht, dass er mir die Hand geben will, um sich zu verabschieden [die Dinge um einen herum sind nicht dunkler, wenn man erblindet ist. man schaut aus ihrem Inneren hinaus. in die verhüllte Welt hinein. in die Teilchen der Zeit. und wie sie durch die härteste Kruste fließen] die Begegnung ist einfach. sie ist die reine Widerfahrnis, nach der nicht gesucht werden muss. der Abschied jedoch bedarf des richtigen Augenblicks. nicht im falschen Versprechen der Wiederkehr. sondern im zärtlichen Schwur der Erinnerung. der die großen Worte nicht nötig hat… es bleibt noch sehr lange danach unbemerkt, dass die Zeit verging. dass die Träume sich nicht mehr so gut halten lassen. wie die früheren Jahre sind sie bedeckt vom reglosen Grau, das sich auf alles Entfernte legt. irgendwann ist vergessen die Traurigkeit von einst. dann tragen die Menschen wieder bunte Hemden und gehen, versunken in flüchtige Gedanken, in Parks und entlang der Flussufer spazieren und haben das satte Strahlen des Herbstlaubs im Gesicht [ich gehe durch die Menschen hindurch, die mir entgegenkommen. ich stehe im noch jungen Weizenfeld und breite die Arme, als seien sie Flügel, aus Ähren gewachsen. ich lege das dunklere Tuch des Abends, das ich im Flug hinter mir her zog, über das erschöpfte Land, bis ich dort angekommen sein werde, wo alle Städte fern sind, in der wunderlichen Sage der Alten, denen man Sandkuchen zwischen die Worte stopft] man kommt nicht weg. man kommt nicht weg vom Fleck. von den Flecken. eigentlich will man so nicht fortgeschickt werden. und noch weniger wiederkehren. ganz besonders deshalb, weil man sich nicht aussuchen kann, wem man wiederbegegnet. also sollte man sich doch besser einige Flecken aus der Haut schneiden und wie gesammelte Ahornblätter zwischen die Seiten eines noch nicht gelesenen Buches legen. man muss aber zuvor aufgehört haben, davon zu träumen, an ein fremdes Ufer gespült zu werden und als einer von Abermillionen Steinen aufgelesen und verschenkt zu sein. wo man dann für einige Jahre auf einer Kommode oder einem Fensterbrett zwischen Passionsblumen und Orchideen liegt. man behält sein fremdes Gesicht und sein Schweigen und darf dennoch für ein paar schöne Erinnerungen sorgen [in meinem Gehäuse wäre bewahrt der Klang der Küste. an einem einzigen Nachmittag. in einem einzigen Gedächtnis. das sich mitteilen wollte einem anderen Einzigen] der feine Film des Vergessens lässt sich nicht abwischen. ebenso wenig wie die Schatten unter den Augen des Trauernden. wie sehr man seine Seele auch putzen mag. wie sehr man die Schwämme spült und wringt [doch was hatte ich für einen Durst. als ich als Stein unter den Wellen lag. hätte trinken können das ganze Meer. mit all der Zeit, die darin schon versunken war] man wird als Patient eines Tages zum Faktotum. man meint, die Pfleger redeten über einen wie über eine im Keller gefundene Topfpflanze, die man nach draußen auf den Balkon gestellt hat, um zu schauen, ob sie es noch schafft. man spürt, wie sie Wetten abschließen um einen. und man hört mit der Zeit immer besser, was sie einem nicht sagen wollen [aber seit ich die Augen nicht mehr öffnen kann, stelle ich mir vor, wie sie die Fäden des Schicksals aus meinen Wimpern ziehen. und durch ihre Stimmen endlich meine unausgesprochene Erzählung geht]
Ich erinnere mich an den Tag, als wir die Entenküken retteten. Ich frage mich, ob es einen Tag gab, an dem ich dich hätte bitten können zu bleiben. […] Ich weiß immer weniger, wovon ich rede. Was heißt es schon, wenn ich mich an dieses oder jenes zu erinnern glaube? Aber ich kann sehr präzise davon sprechen, was ich versäumt habe und was ich mir wünschte. […] Ich habe wenig erlebt. Ich habe viel miterlebt. Ich kannte zahlreiche Namen. Ich entsinne mich ihrer kaum. […] Ich hätte gerne eine Mutter, die alles weiß und die nicht stirbt vor ihren Kindern, weil sie die Einzige ist, die sie nicht vergessen wird. […] Aber vielleicht habe ich auch Angst davor, dass ihr immer lächelnder Mund größer und größer wird, je länger sie lächelt, und dass ihre kleinen Mädchenzähne zu Stoßhauern wachsen. Doch falls ich Glück habe, wird sie mit zunehmendem Alter immer kleiner und sanfter und ist am Ende wie ein Püppchen. Nur, dass ich nicht möchte, dass sie überhaupt endet, ohne zu wissen, wie wir enden. Ich wünsche mir, dass wir uns Klopfzeichen geben, solche für die Not und andere für die Freude. Ich wünsche mir, in ihrem Kopf eine Kerze anzünden zu können, wenn es dunkel wird und damit sie keine Angst hat, wenn sie durch die Nacht irrt und ihren Schlüssel sucht, und dass sie, wenn sie ihn gefunden hat, ihr Haus nicht suchen muss, sondern davor steht und weiß, wer sie begrüßen wird.
wir dürfen die Toten nicht sehen. damit wir sie nicht vergessen. als Lebende. ihr Land ist nicht hier. ist kein Land. hat keine Hügel. hat keine Ufer. hat keine Fugen. hat keine Stege. die Schritte zu halten. über den Untiefen. ein Teil ihres Schlafs spaltete sich ab vom letzten Traum, den sie hatten. und fiel zurück ins Fruchtwasser, aus dem sich jeder von uns drei Wünsche hat angeln dürfen.
[du wolltest so gerne noch bleiben. und sei es nur für eine glückliche Nacht. und einen traurigen Morgen. aber beides wäre alles. was sich noch wünschen ließe]
sie nahmen aber nicht mit sich das schwere Stück Geschichte. das sie geschichtet hatten. das sie zurückgelassen hatten. hier. in den stillen Schichten der Gegenwart. verwittertes Strandgut. vergessen. weil davon nicht erzählt wurde. weil danach nicht gefragt wurde.
[aber warum hast du dich entfernen lassen. aus deinem eigenen Atem. und hast freiwillig verlassen dein Haus. dunkel waren die Zimmer. still war dein Garten. dass du fort warst, hat dennoch fast ein Jahr lang niemand bemerkt. manche behaupteten, sie hätten Schritte und Stimmen gehört oder konnten frisch gebackenes Brot riechen]
ihre Bleibe ist uns nicht bekannt. und was von ihnen geblieben ist, hat sich gelöst von ihren Namen. also wurden sie, die Verschwundenen, abgelöst von den Erschienenen, die nicht wissen, was sie von ihnen erzählen sollen. darum wurden die Erzähler ersetzt durch Chronisten. sie sitzen auf den Tragen der Geschichte. sie sehen über das Tragische der Gegenwart gelassen hinweg. denn die Geschichte löst die Zeit ab. von unserer Furcht. von unseren Falten. die Geschichte wird befreit von Gegenwart. und ihrer Entschichtung in Erzählungen wird nun ein Ende gesetzt. dass die Gegenwart beschichtet sei mit dem wunderlichen Firnis unglaublicher Einmaligkeiten. über die es unendlich viele Meinungen gibt. schrecklich ist ihr Gebell und Gekreisch‘. und ohne jeglichen Widerhall. Meinungen, sozusagen, ohne Deinungen. Ereignisse als Enteignisse. unserer Erinnerungen. unserer Träume. ein von der Zukunft abgelöstes Leben. in dem ein jeder Tag ein zwanghaftes Hecheln hervorbringt. als läge einfach jeder Mensch unablässig in Wehen und presse nichts weiter heraus als leere Vergessenheit. des Gestern. des Vorgestern. und des Vorvorgestern. oder wann immer sein Denken hätte einsetzen sollen.
[du wanderst still. du wandelst vielleicht schon in der Klanglosigkeit. wo sich keiner mehr hört. wo jeder umherirrt. im Gestein seiner Frage. wieso er sich nicht beizeiten Gehör verschafft hatte | … | du stehst in verschneiten Landschaften. aber du siehst jetzt nichts mehr. also duftet der Schnee nach frisch gemähtem Gras | … | ich stünde gerne ganze Nächte an verwaisten Bahnsteigen. wüsste ich nur, dein Zug führe bald ein, mit reichlich Verspätung zwar, aber so, dass du mich noch lebend anträfest. du wärst vielleicht nur auf der Durchreise. aber ich stiege ein und führe eine kurze Strecke mit. so weit wenigstens, wie ich sie zu Fuß zurück an einem Tag bewältigte | … | aber als du gingst, hattest du mir nicht gesagt, wen ich von dir hätte grüßen sollen. aber wem kann ich erzählen, dass du bei deiner Ankunft noch gelebt hast. dass du traurig warst, als dir niemand entgegenfuhr. dass sonst niemand gewartet hat. nach so langer Zeit. nicht mehr erwartet zu sein]