man hat sich lange nicht gesehen. irgendwann kommt der tag, an dem man nicht mehr weiß, wie lange. dann unterscheidet sich die vergangenheit nicht mehr von der zukunft und heißt ebenfalls nur noch irgendwann. dennoch ist der morgen gerade so, als ob hinter dem erwachen und jenseits der mauern, in denen es stattfindet, hügel aufsteigen, durch die sich uralte sandige straßen schlengeln, gesäumt von pappeln und ahorn. man hat sich lange nicht gesehen. sich selbst. irgendwo in der welt, deren orte alle gleich sind. ein hier unterscheidet sich nicht mehr von einem dort und heißt auch nur noch nirgendwo. man sieht den regen nicht mehr. es reicht aus, ihn zu hören. er ist wie ein müdes zeichen des wirkens eines traurigen gottes. endlos haben sich die wälder gemacht, für sein verschwinden und verschweigen. er hatte zuletzt eine dünne haut, während der mensch mehr und mehr ein dickes fell bekam. seine wimpern sind ein dörrgras – sie halten den letzten sehnsuchtsduft einer mitten im frühling erkalteten erde. die zeit ist gekommen, da so viel von ihr bereits verrann, dass die tage so wenig gezählt werden können wie die silben, die auf der tauben zunge lagen. tropfen und steine bilden eine masse, wenn alles spurlos geworden ist. boote schaukeln an den leeren stegen; ihre taue bleiben uneingeholt. das meer ist wie ein abgelegtes gewand eines geistlichen; es hat sich zerschneiden lassen von den verwegenen küsten, die ein weitgehend schattenloses land rahmen wie den rand einer wachsenden wunde. nichts gehört ihm. das wenige, das sich ereignet haben mag, hat sich nur allzu bereitwillig von der zeit fortziehen lassen. und es spielt ja nun auch wirklich keine rolle mehr, wann die suche begann oder wo. ja, vor allem das wo hat sich sehr rasch im ungefähren verflüchtigt, auf dass es immer suche gäbe, doch nimmer finden. eine zarte welle der luft (hyperion) mag sich durch das gekippte fenster in die kissen und ins haar schleichen, aber das ändert jetzt nichts mehr daran, dass das atmen sich nicht mehr spürt. stimmen mögen vielleicht noch durch die träume irren, aber sie bleiben ohne echo, ohne halt im zeitlichen. die geschichte kann es besser: sie sammelt das ihre als einen gleitenden bestand des vergangenen; nicht beständigkeit ist ihre sache, sondern ablage des kurzfristig freigesetzten, sobald es sich verfing in der zone der vergessenheit all dessen, was unter schicksal läuft, sobald sich das fleisch von den knochen löste, nach der spätzeit des zitternden laubes, der frühzeit stumpfen sinnens all des übrigen in der natur, das seine eigene überwindung voraussichtlich nicht mehr erleben wird. judica. das recht kommt ohne leidenschaft aus. tautropfen im netz der spinne (saigyō). törichte anrufung eines gebrochenen lichts. das einem nun aufgeht, wenn man nicht mehr einer ist, sondern irgendeiner. als sei ein fremder in die wohnung eingezogen, seit die zeit von hier auszog. sie hat die irregegangenen zurückgelassen und weiß jetzt schon, wie irre die bald wieder gehen werden. aber vorher wird der raum auf links gedreht; außen wird innen und umgekehrt. der raum als dia-negativ. der ausweg im weg-aus. man sieht das wesen der dinge, ohne sie berühren zu können. man hatte eine heimat, aus der die landschaften vertrieben wurden. das ende des zitterns in der vereisung. das ende des hungers in der verspeisung. die stille einer wildnis in den versteiften gelenken angewinkelter knie. der tiefe brunnen eines milchkaffees, der wohl auch nicht weiß, wann das zeitalter der gepackten koffer endete. sicher: die krise hat einen überrumpelt. doch man könnte sich jetzt entrümpeln lassen. das schuldige tilgen. und abschütteln das schattige. das warten beenden mit gegenwart. nicht der eigenen. dafür ist es zu spät. denn das ist ja das land, in dem alle liebe endet (TSE/AW). erbschaft. die friedlich entfernten. die traumenteigneten. trunken von den leeren vasen. badende. im sumpfigen schwemmland der irdischen gutheiten. im fast schon himmlischen glanz einer temporären unerreichbarkeit. in der schonung des behaupteten hin-und-weg. in der schönung des wohligen und des wolligen. das man nicht gewollt haben muss. als hin-und-weg-gefährte. als blinde mitte im äffchen-triumvirat. als wahl-versandter. unentsonnen. und geknüpft in die zwischennetze. mit dem seelen-aufschnitt hinter den mattscheiben. als protagonist der sesseldionysien. während der dummy-opferung. zum augen-konfekt. jedenfalls: zwischenräumlich. in der verwaisten kammer eines mürbeteigigen herzens. eingeschlossen: zwei, die mit aufgerissenem blick in den wald der disteln rannten. man ahnt es, dann und wann, was draußen zu blühen beginnt. eine ahnung, die entsteht, weil es erinnerung gab. aber es bleibt der verdacht, dass man von der möglichen welt nur geträumt wurde. man war auf der falschen seite (schäl sick), in einem buch-heim, scheinbar aufgerichtet an einem buch-stab, an der grenzlinie von losung und lesung, während in der zelle der zeitfraß, hängend an der zellwand (folivorum), der zählwand, um die tage der welt-flucht, von der erst noch zu klären sein wird, wer vor wem – wir vor der welt oder die welt vor uns…
ein gedanke hing noch. zwischen zwei buchseiten. als das geäst knackte im schon zu lange nicht mehr bewegten rücken. als das gehör zu klingeln begann, nach der stille eines frühlings, als ob es einlass begehre, an der unsichtbaren tür des gedächtnisses. dort abgelegt wurde – in einer der unteren schubladen – die seltsame spiegelung, die wohl so viel sagen wollte wie: ein jeder anfang geschieht um einer bewegung willen. doch was kann getan werden, wenn jeder neue tag als sinnbild eines möglichen anfangs direkt nach dem erwachen in den abend rutscht und die nächte wie schleusen sind, die – um sie vor anbruch des nächsten morgens noch rechtzeitig zu passieren – zölle erheben für den kleinsten traum, in dem so etwas wie ein wunsch schon lange keinen platz mehr beanspruchen durfte. jegliche wohnung wird zum verlies des aufgeschobenen lebens. jede bettstatt wird zur truhe der abgehakten versäumnisse. das ende der welt wird befördert von einem reiseziel zu einem zustand, der nach verkürzter probezeit seine verstetigung feiern darf. es hätte das jahr der wanderung sein sollen. nun müssen alle guten vorsätze der verfügung geopfert werden, damit es fügung gibt statt schwebe und vorhalt einer richtungsentbundenen hoffnung, statt irrung und wirrung zwischen denken und lust. dem ferneren nahe zu kommen, ohne sich selbst zu ent-fernen, sich auf die suche zu machen nach einem haus, einsam bewohnt wie das eigene.
Ich stelle momentan meine neuen Texte in etwas größeren zeitlichen Abständen in den Blog, nicht weil ich weniger schreibe, sondern weil ich seit einigen Wochen ausschließlich an einem prosalyrischen Langtext arbeite, von dem ich – wie heute – dann und wann einen Abschnitt als Kostprobe präsentiere. Ich verarbeite in diesem „Endlos“-Monolog meine täglichen Notizen aus der ersten Corona-Zeit.
ausgestreckte hände. schwarm der gedanken. wucherndes hinter dem auge, das nicht zu wachen vermag. gestockte träume in der flut der verdrängung. mondsüchtige worte. unzeitiges, sprach-los. windleben, als ob sich der tod verkürzen ließe. kind, das mit flammendem kopf um die waldseen rennt. offener querriegel. jemand geht durch die wohnung als schattenriss. als falte im dunkel, um den einsamen schlaf. jemand ging durch die wohnung. und räumte die vergangenheit aus. nur das bett im gästezimmer blieb noch so wie nach dem letzten besuch. vor der unabgeschlossenen tür stand ein ein- oder ausbrecher, der sich ins herz schoss, als der schnapper sich bewegte. jemand wird durch die wohnung gehen und sich setzen auf die kante des bettes und sagen: ich erzähle dir alles, von anfang an. ich kopiere dein gesicht und lege es auf die kopflosen puppen, dort, auf die lehne des sofas, die aufgereihte und ausgestopfte kindheit. vor dem großen sturm, der den winter fortfegt, fällt noch einmal meterdick ein schnee auf die schlachtfelder und friedäcker, wo sie einmal sitzen werden um die steine, in wattierte häute gehüllt, und sich erzählen von unserem sterben und wie wir lebwohl sagten und einander unsere augen aßen und unsere zungen aus den kehlen rissen wie die papiernen flügel der falter vom puppenrumpf und wie wir enthaupteten behaupteten, wir könnten uns unter den wurzeln der weiden durch die wintererde graben, um zum ufer zu gelangen und könnten durch den nebel schweben wie luftkissenboote, oder der nebel durch uns, und würden dann einfach auf der anderen seite des stroms warten, bis der sommer gekommen, der späte, der schon nach herbst duftet, dem frühen, der das verstreute noch einmal verdichtet im saftigen fruchtfleisch, so dass man nur zugreifen muss und kraftvoll hineinbeißt, ehe die süße umschlägt ins poröse gestein. und wenn sich dann wieder die tage verkürzen, wird der docht entzündet, um die entzündung zu lindern. unter den schläfen. unter der rinde. unter den worten. unter den akten. vita contemplativa. den tod zu denken. nach der lamm-speise. nach dem schlupf der seele ins fell. und dem haus in der buchenknospe. denn auch die ewigkeit muss sich einrichten und bedarf eines artgerechten mobiliars. wenn man endlich nicht mehr veraltet ist, sondern nur noch verwaltet wird. und seine versäumten guten taten zählt. bis sich die un-zeit verjüngt hat zum letzten tag, der wie der erste ist, der wieder wie alle tage ist, wenn sie nicht mehr gezählt werden. wenn man wieder ein wanderer ist, von dem man nicht mehr weiß, woher er kam und wohin er wollte, damit man insgesamt sagen kann: das ist wanderung – ziellos, spurlos, weglos. man weint vielleicht. dann und wann. aber nicht die eigene träne sieht man, sondern den tau auf maifrischen weinblättern, oder dem raps, einige wochen zuvor, wenn für einen kurzen moment die letzte frage des gegangenen ins gedächtnis zurückschießt. ja, aufschlag der augen, wie einschlag der sekunde in die zeit, der sternsaat in den mondacker, der frostnadel in die kirschblüte, der pupille ins licht. die reise beginnt bei der letzten erinnerung. mit dem körper einer trichterwinde, eines windtrichters, mit dem gesicht eines morgens, mit dem gesicht von morgen, wenn es sich nur heute schon auffalten mag. da, wo die zeit niederkniet. „una mo sa-kosa wa“ (saigyo) — ein schritt im gras, der länger dauert als ein leben.
traum eines einsamen gottes. sich selbst zu vergessen. für einen kurzen moment. seines langen wartens. wohin schickte er das gespenst seiner ersten schöpfung? das der träumende nicht zu vertreiben vermag. bild und abbild stehen in einem ständigen widerspruch. dem jedoch nicht widersprochen wird. er trägt seine eigene asche zum ufer. an dem die rufenden auf ein echo warten. müdgewandert ließ er sich fallen. einen halben schritt vom offenbarten entfernt. den sehnenden, die ihm noch bis an den rand des zweifels gefolgt waren, gebot er schlaf und abschied. denn die inzwischen fast verdurstete erde sollte nicht verzweifeln ob ihrer dürren seelen. die schon zu lange versucht hatten, sich aus einem verborgenen zu ernähren. darum musste das schweigen ihre heilige sprache sein. und jede rede musste gehen vom unsagbaren. denn es ist unter allem, was klingen kann, das vom schrei am weitesten entfernte. und zugleich ist es sein unmittelbarer spiegel. das blinde glas. in dessen haut sie sich zurückwerfen. um nicht aus der eigenen fahren zu müssen. und um ihr blutleeres gewebe im roten licht des abends zu baden. der schöpfende aber. kennt den brunnen. in den er den eimer hinablässt. den er gefüllt wieder vom dunkel ans licht ziehen möchte. er wird, ohne zu trinken, nur ins flüssige schauen. eine nacht lang. bis zum anbruch des nächsten tages der frühere schmerz nur noch ein gedanke ist. der anfang einer lust. das leben zu erzählen. ohne es zu beklagen. den leib zu bewohnen. ohne ihn zu geißeln. und die seele dort zu suchen. wo die stimme ob aller kurzatmigkeit verloren ging. und also beim hauch zu beginnen. aus dem heraus sich atmen und schreiten lässt. beim ufer. aus dem – wie gezweig aus dem stamm – die pfade wachsen. die zu den breiteren wegen und straßen führen. an deren rand entlang gegangen werden kann ohne weisung. einfach der eigenen inneren güte nach. die sich den menschen nicht aufdrängt. sondern sich unmerklich als heilender schatten auf ihre zahllosen blendungen legt. und die – am äußersten rand einer wüste stehend – um einer fernen verheißung willen das öde ihrer vertrauten geborgenheit nicht verlassen. denn das bild einer tollkühnen tat. und der ihr folgende tod. wurde ihnen in die augen gestempelt. damit die angst – dieses wirksamste aller betäubungsmittel – sie hält in der lähmung. dabei hatte kein schöpfer jemals verkündet. dass die seele eine schnecke sei. und der körper das gehäuse. in das sie sich verkrieche. nein! schon seit eh und je war sie das verirrte gestirn. das – ob mütterlich oder väterlich – still zur nächtigen seite seines kindlichen planeten herabblickt. und geduldig wartet. bis es dem geist – dem sie hauch sein möchte – einmal so richtig dämmert. und da stand er nun – nicht mehr gott, nicht mehr mensch, nur atem zwischen zwei erkalteten lungen. sein auge, leer wie eine muschel, spiegelte die blicke der hungernden. und wer noch sehen konnte, sah das nichts und nannte es frieden. wir aber, kinder der aufgelösten ordnungen, standen im kreis um das schweigen. ein kreis – kein altar, kein tribunal – nur die letzte form einer gemeinschaft, die noch nicht vergessen hat, zu horchen, wenn niemand mehr spricht.
anlässlich der Premiere der ELEKTRA von Richard Strauss (Text: Hugo von Hofmannsthal) am 4. Juli 2025 im Rahmen der Opernfestspiele Heidenheim, in der Regie meiner lieben Freundin Vera Nemirova
I – Mägde
Auftakt. Akkord eines Namens. Der Name eines Toten. Die Szene als Schlund. Sog einer Frage: Wo bleibt Elektra? Der Name der Übrigen. Der Erinnernden. Des Widerstands. Der Klage. Des Schreis. Des Sagens… Überleben im Wort. In der Prophetie – blutend aus Auge und Stimme.
Ort: Mykene. Zeit: Mythos. Wir sind nicht am, sondern im Hof. Ein Nebenschauplatz. Und doch: alles beginnt hier. Nicht im Zentrum des Palastes. Nicht bei Agamemnons Knochen. Nicht bei Klytämnestras Hysterie. Sondern beim Waschwasser. Beim Fußschmutz. Beim Tiergeruch der Unterdrückten. Kein Beginn im Glanz. Sondern: im Stöhnen. Im Hohn. In grauer, grausamer Arbeit.
Denn sie ist die ewige Exposition als nächtlicher Nachhall des Schlachtens, das immer gleiche Intermezzo im Schatten des Alltags – der Epilog einer kollektiven Spurenbeseitigung und zugleich der Prolog für die nächste Vernichtung.
Die Szene ist eine Putz-Schicht – im doppelten Sinne: Sie zeigt, was die Oberen weggewischt haben möchten und trägt in der Verrichtung der Unterdrückten den Bodensatz der Wahrheit. Hier: das Personal, das das Blut von den Dielen schrubbt – täglich. Nicht Worte halten die Erinnerung wach, sondern die Wiederholung einer ritualisierten „Leer“Stunde.
Diese Mägde sind keine Chorfrauen. Keine Seherinnen oder Sirenen. Sie sind Stimmen aus der Ecke. Im diagonalen Gegenüber zu Elektras „traurigem Winkel“. Was sie sagen, hat keine Form, kein Pathos – aber: eine Genauigkeit, die auf jegliche Poesie verzichten kann.
Und doch ist da Poesie. Eine, die schweigt. Eine, die sich im Schweigen wehrhaft zeigt. Denn was Elektra da durchleidet, erleben wir nicht über ihren Monolog – sondern in den Blicken der Anderen. Hofmannsthal/Strauss zeigen Elektra zuerst als Reflex. Ein Zucken. Ein Tier. Ein Schatten. Radikaler geht es kaum.
„Ich füttre mir einen Geier auf im Leib.“ Eine solche Zeile ist keine Pose. Sie ist Metapher als Diagnose. Da ist etwas in ihr, das frisst. Nicht ihr Hass. Nicht ihre Erinnerung. Sondern: die Nicht-Möglichkeit zu vergessen. Nein! Sie ist kein Racheengel. Sondern: eine offene Wunde. In einem Haus, das die Fenster verriegelt hat.
Zur Einsamen tritt die Einsame – die fünfte Magd. Eine sich opfernde Lichtgestalt. Sie erkennt Elektra nicht als Wahnsinnige, sondern als Königin der Verwundung. Eine Frau, die weiß, was die Wahrheit kostet. Und den Preis bezahlt.
In diesem Haus, in dem alles in Schuld getränkt ist, wird nicht durch Argumente gestritten, sondern mit den körperlichen Gerüchen. Blut. Schweiß. Sperma. Tränen – alles vermengt sich zu einem chorischen Destillat der Geschichte.
Darum ist dieser Anfang nicht beiläufig. Er ist die politische Setzung der Oper. Diese Mägde sprechen nicht über Elektra. Sie sprechen über die Frage: Was darf eine Frau fühlen? Wie viel Zorn? Wie viel Erinnerung? Wie viel Tierisches? Sie nennen sie: Katze, Schmeißfliege, Dämon. Aber was sie nicht sagen – und was alles durchzieht – ist: Sie fürchten sie. Weil sie den Unverzeihlichen nicht vergisst. Und das ist ihre Sünde. Nicht der Hass. Nicht der Schmerz. Sondern die Treue zu dem, was nicht mehr da ist.
Die fünfte Magd resümiert: „Es gibt nichts auf der Welt, das königlicher ist als sie“. Das ist kein Lob. Das ist eine Verurteilung des ganzen Hauses. Denn wenn eine Frau in Lumpen, in Blut und Dreck, königlicher ist als alle, dann ist das Königshaus gefallen. Nicht durch Mord. Sondern durch Wahrheit.
II – Elektra. allein
„Allein! Weh, ganz allein…“ – Dies nicht einfach ein Monolog. Dies ist ein Überfall der Sprache auf den Körper. Strauss lässt Elektra nicht sprechen – er lässt sie rasen, reißen, rufen. Der Monolog als Beschwörung und Fiebertraum zugleich. Zwischen Dämmerung und Nacht. Gesungen von einer, die nicht schläft, bevor die Leviten einer unvergesslichen Wahrheit gelesen sind.
Agamemnon – dieser Name: ein Schmerz, ein Schwur, eine übermächtig drückende Erscheinung, hinter der ein Großteil der verfluchten Vergangenheit verschwindet. Was weiß Elektra schon von den Verbrechen des Kriegers, der an der Seite der Spartaner die Feinde niederstreckte – und die Schuld in den eigenen Zelten vergaß; der sich Ruhm erfocht – und dabei das eigene Kind dem Wind opferte? Was will sie wissen von der Trauer und dem Zorn der Mutter, der das Kind (Iphigenie) auf immer genommen wurde? Agamemnon – dieser Name: er ist zu ihrer Seele geronnen – gequält, zertrümmert, vernichtet.
Wir hören: Elektra – im Zwiegespräch mit einem Toten. Jeder Trauernde weiß: Das ist kein Wahn. Das ist Erinnerung in ihrer radikalsten Form. Nicht: du fehlst. Sondern: du fehlst so sehr, dass ich selbst mich verloren habe.
Ihre Klage aber ist kein übertriebenes Pathos. Sie ist vielmehr ein Kind ohne Vater. Damit wurde ihr ein Teil ihrer Kindheit aus der Seele gerissen. Bevor das Kind schlafen kann, muss es den Vater herbeirufen. Er muss zur Projektion eines wiederaufgerichteten Glückes werden. Als Ursprung. Als Held. Als Gott. „Nur so wie gestern, wie ein Schatten…“ Elektra bettelt nicht um Rache. Sie bittet um Anwesenheit. Sie will nicht Macht. Sie will: gesehen werden. Wenigstens von einem Schatten. Nur einen kurzen Augenblick. Um nicht mehr allein zu sein.
Der Mythos hat viele Töchter. Aber Elektra ist die einzige, die ihren Vater nicht loslässt. Sie tanzt um ein Grab, das mehr ist als ein Stein: eine Wunde im Text der Welt. Und sie tanzt darüber. Sie tanzt, „über Leichen hin“ und hebt das Knie hoch, „Schritt für Schritt“.
Der Textdichter schrieb dies, so bekennt er in seinem „Chandos-Brief“, nicht auf Papier, sondern: in den Bewegungen seines Rückzugs. Im Ausbleiben seiner Antworten. In den nicht abgeschickten Sätzen. In den nicht sagbaren Worten einer universellen Sprachlosigkeit, auf tauben Zungen zergehend wie Pilze.
Umso mehr wird in der Elektra die imaginierte Wiederauferstehung des Vaters zu einem „Prunkfest“, „angestellt“ für einen „großen König“, von „seinem Fleisch und Blut“. Und Strauss komponiert einen triumphalen Vernichtungs-Tanz – Elektra tanzt über sich selbst hinweg und über den Rand des theatralen Jetzt hinaus.
Was bleibt? Nicht Erlösung. Sondern: eine Spur. Ein Schatten im Staub. Ein Rest. Vergangenheit. In einem ausgelöschten Namen…
III – Chrysothemis. Verzweiflung einer Wünschenden
Chrysothemis will Kinder. Elektra will Gerechtigkeit. Beide bekommen: nichts. Die eine richtet ihren Blick in die Möglichkeiten einer lebenswerten Zukunft. Die andere schaut zurück, um aus der missratenen Vergangenheit ein einzig Rettbares für die Gegenwart herbeizuzwingen. Doch die Gegenwart entgleitet ihr fortwährend. Und wenn die ersehnte Rache in den Vollzug tritt, tritt sie die Erinnernde in die Auslöschung. Denn die Erinnernde darf keine Vollziehende sein.
Was sagt dieses Stück über die Kinder des Krieges? Sie müssen lernen zu schreien; vor dem ersten Atemzug. Und dann: vergessen. Elektra will nicht vergessen; ihre Auflehnung ist ihr Gedächtnis. Aber nicht, um der Welt zuzurufen: Nie wieder. Sondern um einer Vergeltung willen, die alles und vor allem sich selbst in die Vernichtung zieht.
Chrysothemis aber will fort. Fort aus diesem Kreislauf des Verderbens. Fort aus den vergeblichen Hoffnungen. Fort aus einem erzwungenen Schicksal. So groß und mächtig es auch immer in den Mythenbüchern prangen mag. Fort, um frei zu sein. Für eine einfache, hingebungsvolle, gebärende, mütterlich-nährende Existenz. „Ich will heraus! Ich will nicht jede Nacht bis an den Tod hier schlafen!“ – Das ist keine Metapher. Das ist ein Begehren gegen die semantische Erstickung. Gegen das Schweigen als Todesform.
Sie ist die, die sich willig den gebärenden Frauen anschließt, die den Eimer aus dem Brunnen zieht. Jedoch: was sie hervorholt, sind immer und immer wieder nur Bilder in einem Zerrspiegel. Unerfüllte oder zerstörte Körper. Zerbrochene Zeit.
Elektra nennt sie „armes Geschöpf“. Das ist kein Spott. Das ist das Urteil der Radikalen über Jene, die sich nichts weiter als eine schlichte, unbedeutende, friedliche Existenz herbeisehnt, weit weg vom Politischen und Historischen. Chrysothemis will leben, lieben, gebären. Elektra aber hat nur noch einen Totenschatten als Brautkleid.
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Einwurf aus dem poetischen Zwischen
In der Dichtkunst ließe sich nicht sagen: Ich schreibe nicht aus Hoffnung, sondern – wie Elektra – aus einer entgleisten Form der Treue.
In der Dichtkunst muss es immer lauten: Ich will, dass jemand mir den Namen wiedergibt, den ich verloren habe – beim ersten Schrei.
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Es ist mehr als eine Ahnung, was die Tochter von den Träumen der Mutter berichtet. Denn was man über diese Träume weiß, ist über die Jahre zum Echo eines Orakels geworden.
Klytämnestras Traum – der immer gleiche, jede Nacht – ist ein unterbewusst manifestiertes Erwachen, hinein in den Augenblick des Beginns vom Ende – ein Augenblick, der sich unendliche Male wiederholt und durch kein Opfer und keine Medizin getilgt werden kann.
Ja, wenn Mütter träumen, wird es gefährlich. Nicht so sehr vielleicht, weil sie schuldig sind, sondern weil sie tragen und zugleich zerstören. Noch die tote Mutter würgt ihr träumendes Kind. Sie verlässt es nie. Sie hat ihre dauernde Bleibe im Schatten der Worte, der sich durch Schlaf und Wachen schraubt.
Nicht nur Elektra, auch Chrysothemis zeigt uns: mit dieser Mutter – wie mit der Vergangenheit insgesamt – gibt es keine Versöhnung. Es gibt nur: ein Driften, den Spalt, den unheilbaren Unterschied. Und: den unentwegten Aufschrei einer Gefangenen.
Wie endet die Szene? Elektra ist bereit, mit ihrer Mutter „zu reden wie noch nie“. Chrysothemis will es nicht hören. Sie rennt. Sie bricht ab. Um nicht zusammenzubrechen. Sie ist: wie wir.
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Nachruf aus dem lyrischen Riss zwischen Rand und Abgrund
Ich: habe auch nicht mehr zugehört. irgendwann wurden alle Stimmen zu einer: dem Echo, in dem ich hause – schweigend.
IV – Interludium. Eine Klage im Echo von Jahrhunderten
„Eifersüchtig sind / die Toten: und er schickte mir den Hass, / den hohläugigen Hass als Bräutigam. / So bin ich eine Prophetin immerfort gewesen / und habe nichts hervorgebracht aus mir / und meinem Leib als Flüche und Verzweiflung.“
Elektra klagt. Und klagt an. Ihre Wunde: Die väterliche Geschichte. Ihre Worte: die Klinge, die diese Wunde Tag für Tag aufs Neue öffnet. Aus ihrer vernarbten Sprache ruft es: Ich bin keine Stimme. Ich bin das, was nach ihr bleibt. Das, was in den Kelchen der Wunden gerinnt, ein versiegter Gesang, aus der Milch der Toten. Ich sah, wie sie fielen: Antigonae, mit Blut auf den Lippen, und keine Götter, nur Sand in den Augen. Ich sehe mich selbst, Elektra, immer wieder, mit meinem Geier im Leib, und kein Licht, nur das Echo meines Vaters. Ich sehe Medea, mit den Kindern im Arm und der Stadt im Nacken, ein Feuer in den Haaren, das niemals gelöscht wird. Ich sehe Penelope, die stillste, die einzige, die blieb. Die nie vergessen wurde, weil niemand sich an sie erinnerte. Ich bin eine Prophetin, die das Schweigen übersetzt. Mein altes Alphabet besteht aus: Tränenrinnen. Schnürfurchen. Geburtsnarben. Ich bin die, die sich nicht auflehnt, sondern aufzeichnet. Ich schreibe mit abgerissenen Fingern. Ich schreibe in eurem Schlaf. Ich bin die, deren Stimme durch eure Tunnel hallt, wenn ihr nachts allein durch die verwinkelten, flackernden Straßen irrt und denkt: Das ist Freiheit. Ich bin die Frage, die ihr nie zu stellen wagtet: Was habt ihr mit den Klagenden gemacht? Wo sind sie jetzt? In welchen Psychiatrien, in welchen Ruinensälen, in welchen verwaisten Schulen, in welchen abgestellten Fahrstühlen, in welchen Dokumenten, verschwunden im Staub der Archive oder längst verschimmelt von den letzten Wasserschäden? Ich bin die, die den Wind kennt, der durch die eingestürzten Häuser pfeift. Ich bin das, was von den Liedern blieb, wenn die Stimmen gingen. Ich bin eine Prophetin. Aber ich habe keine Zukunft. Doch ich erinnere euch an das, was ihr längst vergessen habt: eure Mütter. Und das Blut, das in ihren Gedichten schwieg.
V – Klytämnestra: die Frage. Elektra: die Antwort.
Die Wahrheit. Die Bühne. Der traurige Winkel. Oder: Befragung einer Befragten.
ELEKTRA
Sie haben mich oft gefragt, warum ich nicht einfach verzeihe. Und ich wollte antworten: weil meine Mutter ein scharlachrotes Gewand trägt, geschmückt mit ringen aus Zynismus und einem Stab aus Schuld. Aber ich habe nur geschwiegen. So wie sie es wollte. Und dann, vielleicht: geschrie[b]en.
EINE DRAMATURGIN
Diese Szene ist eine Umkehrung der Beichte. Nicht die Tochter bekennt sich – sondern die Mutter wird zur Angeklagten im eigenen Haus, ohne Tribunal, ohne Gesetz. Nur: durch die Sprache des Schmerzes. Elektras Sprache ist das Beil. Und die Rhetorik des Rituals bricht durch jede Grammatik hindurch.
ELEKTRA
Ich wollte keine Sprache. Ich wollte einen Ort. Aber es gab nur Gänge. Und diese Gänge führten immer wieder zu ihr zurück. Sie: mit ihren schlaflosen Augen, mit dem Alb in den Rippen, mit der Fackel, die den Schatten nährt. Sag mir, Bruder: wie oft muss ein Körper schlafen, um nicht mehr von seiner Mutter zu träumen?
EINE DRAMATURGIN
Die Körper dieser Szene sind erschöpft von Bedeutung. Das Opfer-Tier, das Elektra nennt, ist kein Symbol. Es ist Körperrealität in der Sprache der Liturgie. Ein Weib, erkannt vom Manne. Ein Körper, der wusste. Und der geopfert werden soll, weil seine Erinnerung nicht schweigt.
ELEKTRA
Ich trage sie noch. Ihre Träume. Nicht die mit den Dämonen und Schnäbeln. Die anderen. Die leeren. Die wie eine flache Hand auf meinem Gesicht liegen. Nachts. Wenn alle Betten warm sind. Und nach Vergebung duften.
EINE DRAMATURGIN
Wir müssen diese Szene nicht deuten. Wir müssen sie halten lernen. Wie eine schwere Schale. Wie ein Gefäß, das überläuft – mit dem nicht verarbeiteten Mythos der westlichen Mütter.
Und Elektra? Sie ist nicht die Rächende. Sie ist die, deren Herz noch weiß, was fehlt. Ein Bruder, der einmal kommen soll. Ein Vater, der nicht mehr starrt. Ein Körper, der nicht mehr lügt.
VI – Mutter. Durst. Blut. Das die Träume nicht stillt
Sie hat ihn empfangen. In ihrem Leib. Das Tier. Das schlingt und nährt. Sie hat ihn empfangen und nicht wieder losgelassen. Sie hat das Messer nicht geworfen, Sie hat es in der Hand behalten. Hat es an der Milch vorbeigeführt, an der weichen Brust vorbei, in das Herz, das ihr nicht gehorchte. Sie hat nicht vergessen. Keine Mutter vergisst. Sie erinnern mit dem Körper. Mit dem Schatten. Mit dem Schlaf. Sie gebären nur einmal. Und dann verzehren sie. Sagt nicht: Klytämnestra ist ein Mythos. Sagt: sie ist ein Protokoll. Sagt: sie ist das Organigramm des Schuldgedächtnisses. Sagt: jede Tochter trägt das Geräusch des unbezahlten Schreis. Sagt: jede Nacht ist eine Waage. Auf der einen Schale: das Schweigen. Auf der anderen: das Messer. Sagt: sie träumt. Sagt nicht: sie hat geträumt. Sagt: sie träumt noch immer.
VII – Ein Kopf. Heutig. Eine Szene. Ganz nah. Ohne großes Orchester. EinsameMundharmonika. Die Bühne: ein Holzverschlag im Hinterhof. Filmset. Netflix hatbestellt: einen Achtteiler – historische Familien-Dramedy – für die Zeit zwischen den Jahren.
ELEKTRA (kauernd beim Urnenträger)
Was trägst du da? Ist das die Urne? Ist das – Was du da in der Hand hältst? Das?
URNENTRÄGER (OREST, noch nicht von ihr erkannt)
Ja. Ein Freund von ihm gab mir das Gefäß.
ELEKTRA
Nicht öffnen! Lass es geschlossen. Lass mich es nicht sehen. Nicht wissen, nicht wissen. (Stille. Dann mit bebender Stimme) So klein ist er nun. So klein. Mein Bruder. In meiner Hand. (sie wiegt die Urne wie ein schlafendes Kind) Das ist alles? Er – war – so – schön. (Pause. Wie in ein fremdes Leben sprechend) Ich hatte ihm das Haar geflochten. Wir waren Kinder. Er war König. Er war mein Bruder. Er war ein Satz in meinem Blut. Und jetzt ist er: ein Gefäß.
FLÜSTERER IM AUDITORIUM
Sie erkennt ihn nicht. Die List ist vollkommen. Die Stimme – verstellt, das Haar – fremd. Und doch – Der Tod ist glaubhafter als die Heimkehr.
ECHO DER SITZNACHBARIN
Ja. Denn die Trauer hat bereits Besitz ergriffen. Sie wohnt in ihr. Sie hat sich eingerichtet. Ein Wiedersehen wäre: Verlustverlust. Ein Abschied vom Abschied.
ELEKTRA
Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr klagen. Ich kann nicht mehr hassen. Ich bin – leergebrannt. (sie starrt den Urnenträger an) Wie hieß dein Freund?
URNENTRÄGER
Er hieß – Orest.
ELEKTRA (verstummt. Dann sehr leise)
Du lügst… (eine Weile darauf: plötzlicher Aufschrei) Du lügst! Du kannst so nicht heißen! Er ist tot! (sie tritt zurück, fast stürzt sie) Sag – Sag noch einmal – wie du heißt.
OREST
Ich heiße – Orest. (Schweigen. Dann, ein Laut aus einer anderen Welt)
ELEKTRA
Mein Bruder! (sie stürzt auf ihn zu, will ihn umfassen, bleibt aber wie gebannt stehen) Du – bist es. Du – bist es! (leise, wie in Trance) Ich sehe dich – Ich sehe dich. O mein Gott, ich sehe dich.
FLÜSTERER IM AUDITORIUM
Und alles Dunkel hat einen Riss.
ECHO DER SITZNACHBARIN
Hier beginnt die Umkehr der Zeit.
VIII – Auswertung. Erkenntnis. Bei einem Blanc de Noir. In den zwei Tränen fielen.
Wir treten nun in die absolute Zone. Nicht: Wiedersehen. Nicht: Versöhnung. Sondern: das kurze, überirdisch helle Aufreißen einer Zeitfalte. Orest kehrt zurück. Aber er nennt sich nicht. Er steht da – als Urnenträger. Die Schwester erkennt ihn nicht. Das ist das grausamste aller Missverständnisse: der lebendige Bruder – gehalten für Asche.
In Elektras Händen: das Gefäß. In ihrer Stimme: das Nichts. „So klein ist er nun.“ Diese Zeile ist nicht nur Klage. Sie ist Anthropologie. Die Reduktion des Menschen auf das, was bleibt, wenn nichts mehr bleibt. In der Musik: ein abwärts sinkendes Motiv – eine Linie, die sich auflöst in Staub.
Und doch: sie ahnt es. Sie schreit nicht. Sie fragt. Die Sprache beginnt zu zittern. Die Wirklichkeit wankt. Denn der Schmerz ist größer als die Hoffnung. Größer als jede Vorstellung. Das Erkennen ist ein körperlicher Schock. Nicht durch Wissen – sondern durch Stimme.
Strauss komponiert hier keine Wendung – sondern eine Offenbarung. „Orest! Orest! Orest!“ – ein göttlicher Akkord. Kaum mehr Gesang – viel eher ein leises Fallenlassen des letzten Atems aus der fast verstummten Stimme.
Doch Elektra fällt nicht. Sie steht. Wie eine Statue, der das Herz schlägt.
„O lass deine Augen / mich sehn! Traumbild, mir geschenktes / Traumbild, schöner als alle Träume. / Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht, / o bleib bei mir! Lös nicht / in Luft dich auf, vergeh mir nicht, vergeh mir nicht, / es sei denn, das ich jetzt gleich / sterben muss und du dich anzeigst / und mich holen kommst: dann sterb ich / seliger als ich gelebt.“
Worte, größer als jedes Epos. Größer als alle Rache. Hier ist keine Heldin mehr – nur ein Mensch, der zurückgeschenkt wurde.
Und wir – wir, die Zuschauer, Hörer, Leser – werden Zeugen eines Moments, der in der antiken Welt als Anagnorisis bekannt war: das plötzliche Wiedererkennen. Aber hier ist es kein Moment des Wissens. Es ist ein Moment des Durchglühtwerdens. Der Mythos schlägt ins Innere.
Man wünschte: es bliebe so. Nur das Wiedersehen. Kein Danach. Doch das Danach ist schon da. Im Hintergrund hebt sich das Motiv der Erinnyen. Die Toten wollen Gerechtigkeit. Nicht Liebe.
IX – Mythos. Ein Zwang. Rache. Ein Fluch. Gedächtnis: das nutzlose Beil. Gerechtigkeit: die kalte Entsorgung des Rechts. Und der Erinnerung.
Es ist geschehen. Kein Bühnenblut. Kein Pathos. Nur: ein Schrei. Und das Echo einer Welt, die sich selbst getötet hat.
Klytämnestra stirbt, wie sie lebte: in einem Albtraum aus Symbolen. Sie sieht ihn – den Sohn – wie er in ihren Träumen jede Nacht herabstieg. Aber diesmal ist er Fleisch. Fleisch mit einem Beil.
Und Elektra? Sie ruft es: „Triff noch einmal!“ Kein Zögern. Kein Zartgefühl. Nur die brutale Vollstreckung. Die Stimme – eine Axt. Der zornige Ruf nach Gerechtigkeit. Kein Ariadnefaden, sondern eine Guillotine aus Vokal und Atem.
Dann: Aegisth. Ein Schatten von Männlichkeit. Selbstverliebt. Parfümiert. Verbeamtet in seiner eigenen Machtphantasie. Er tritt auf wie ein König. Aber der Hof ist leer. Die Mägde fliehen. Die Frauen verstecken sich. Nur Elektra bleibt – mit der Fackel. Das Licht der Wahrheit – gereicht in der Hand des Hasses.
Sein Auftreten: pathetisch. Er will Meldung. Nachricht. Kontrolle. Doch das Haus hat sich gegen ihn verschworen. Es ist: ein Grab.
Elektra spielt mit ihm. Wie eine Katze mit der Maus. Sie umkreist ihn, sie beleuchtet ihm die Stufen – die Treppe ins Verderben.
Er geht hinein. Die Tür schließt sich. Stille. Dann: ein Kreischen. Sein Gesicht am Fenster – wie eine aufgespießte Karikatur. „Helft!“ Doch niemand hilft.
Elektra braucht nur einen Satz, der wie das Messer selbst ist, das Aegisth richtet: „Agamemnon hört dich.“ Endlich. Der Vater hört. Nicht mehr tot. Nicht mehr stumm. Ein Echo, das das Urteil spricht und vollstreckt.
X – Schweigen. Und Tanzen
Elektra steht auf. Ein letztes Mal. Nach allem. Nach Blut. Nach Fluch. Nach Erfüllung. Nach Orest. Nach dem Schrei. Nach der göttlichen Justiz. Sie erhebt sich – nicht, um zu sprechen. Sondern um zu tanzen.
Es ist kein Tanz. Es ist eine Entladung. Ein Beben. Eine Geburt: eine zweite, eine tödliche Geburt aus sich selbst heraus. Sie tanzt nicht für die Welt. Sie tanzt sich selbst aus dem Leib.
Und Chrysothemis? Die Schwester der Hoffnung? Sie ruft, und der Chor antwortet: „Komm!“ „Er lebt!“ „Orest!“ – ein Wort, das wie eine Glocke durch das Haus zieht, durch die Hallen, durch die Blutlachen. Ein Wort wie eine Salbung.
Doch Elektra hört davon nichts mehr. Denn alles, was da klingt, kommt aus ihr selbst. Sie ist nun Klangkörper. Weltresonanz. Sie ist Trommel, Tremor, Triptychon. Der Tanz ist kein Ausdruck – er ist das letzte Organ. Der Körper zuckt. Wie besessen. Wie eine Mänade ohne Dionysos. Ein ganzes Geschlecht tanzt sich hier aus dem Grab.
Was bleibt? Ein Sturz. Ein leiser Tod. Kein Aufschrei mehr. Nur: ein dumpfer Klang. Der Klang, wenn Geschichte sich schließt. Während Chrysothemis ruft. Sie hämmert die Rufe an die Palastpforte. „Orest! Orest!“ Aber der kommt nicht. Oder ist längst da. Oder ist längst gegangen. Wir wissen es nicht. Wir hören nur: Stille. Die Pforte bleibt verschlossen.
Was ist das Klopfen an der Palastpforte? Es ist der Versuch, eine Ordnung zu rufen, wo nur noch Leere ist. Eine Liebe zu evozieren, wo nur noch Schuld steht.
Das Stück verlässt uns nicht. Es schließt sich nicht. Es lässt uns offen. Zerschlagen. Bewegt. Hingerichtet. Und so gehen wir heim. Nicht mit Trost. Sondern mit einem Wort: Schweigen.
XI – Nachhall. Der Flüsternde. Auf dem Heimweg
Du gehst nun heim. An den Tisch. An den Herd. Zu Wein. Zu Wasser. Zu Kindern. Zu Schatten. Aber etwas geht nicht mit. Etwas bleibt auf den Stufen zurück, wo der Schrei fiel wie ein Vorhang. Du wirst das Licht löschen. Doch der Raum bleibt erhellt von etwas, was keinen Namen mehr trägt. Siehst du es nicht? In deiner Kaffeetasse spiegelt sich ihr Gesicht. Nicht das der Mörderin. Nicht das der Tochter. Nicht das der Überlebenden. Sondern: das Gesicht der Frage, die keine Antwort braucht. Hörst du es nicht? Wenn die Leitung summt zwischen zwei Räumen, zwischen gestern und heute, zwischen Schlaf und Schrei – dann ist es sie, die Prophetin deiner Träume, die dich anruft, nicht um zu retten, sondern um zu erinnern, dass du nicht vergessen darfst. Sie sagt: das Glück ist eine Flamme, die Leichen braucht. Das Recht ist ein Tanz, der sich selber richtet. Und Liebe – Liebe ist ein Messer mit einem Kuss als Griff. Also geh. Geh heim. Aber lausche. Auf den Boden deiner Zimmer. Unter den Fliesen klagt eine alte Stimme weiter. Und weiter. Und weiter.
die landschaft. wurde versenkt. in unseren blicken. die sind jetzt wie kläranlagen. in denen wird alles klar. in denen wird nichts verklärt. klarspülertränen tropfen ins trübe. dazwischen. wo sich die letzten undurchsichtigen verschanzt haben. aber die haben sich verschätzt. ihre augen. immer noch zu opaque. werden mit glaskristallen ersetzt. damit sie sich nicht mehr entsetzen. zu tief hinab. in ihre wolkigen gedanken. sie wissen noch nicht, was sie tranken. sie murmeln etwas von ich. es klingt wie: dies und das. und ist nur ein strich. durch die milchmädchenrechnung. es soll bedeutender sein. als die deutungen. die es schon immer gab. aber – und sie werden es auch bald merken – die irdenen kelche, die irdischen, sind gefüllt mit etwas, was nur ausschaut wie wasser, und wo sie aber lange warten können, bis sich das nasse in wein verwandelt haben wird; ins weinen vielleicht, ins weichen gewiss, unter den weichen, die ihnen gestellt sind, den weichen, die dem stein nicht entweichen, der ihnen auf die nervösen füße gestellt wurde. ich ist ein becher tensid, in den ein hauch hineinfällt und eine gischt hinauswächst, wie ein hungriger schwamm, der sich aufs organische legt und es zerlegt. in seine einzelteile. dass sie nicht übersehen ihre einsamkeit. dass sie nicht überspringen die lange weile, die dem tod sehr eigen ist, in so zwingender weise. ja. dem leben wird eine schaumkrone aufgesetzt. denn das leben soll sich gewaschen haben. es soll sich einmal bequemt haben. auf der unentwegten waschstraße, auf der es gebürstet und gestriegelt wird. bevor der tod es zersaust. in seinem schleudergang.
[zyklus: ohr.fois | off.line | sprechende reste. im gehen]
jäh. landet an. die vergangenheit. drängt sich auf. wie ein bettelndes kind. das man sich schwer von der schürze schütteln kann. das man nicht so einfach wieder fortschickt. mit ein paar groschen. oder einer wolke zuckerwatte. mit dem es sich hübsch die zähne verklebt. dass einmal ruhe herrscht im karton.
aber es hilft auch nicht zu schreien: jetzt nicht! oder gar der vergangenheit selbst, wenn sie sich vor einem aufbäumt wie ein lichtfressendes ungetüm mit metzgerpranken, ins gesicht sagen zu wollen: ich bedaure, aber ich habe jetzt keine zeit für dich. sie weiß eben genau, was abgeht. bevor es losgegangen ist. und sich noch gänzlich unwissend dem erst noch kommenden entgegnet.
also schreitet nur jener in die zukunft, der sich im vorwärts auch drehen und zurückbewegen kann. als ob sich jeder jetzige schritt nur auf dem spiegel eines früheren ereignete.
und dennoch: schon hier und heute sind wir nicht mehr in der geschichte. nicht mehr: in der zählung der jahre. sondern bereits in der erzählung des zeitenthobenen. im ersten kapitel (oder mindestens vorwort) eines mythos. der für uns erfunden wurde. damit wir ihn suchen und wiederfinden. und neu sagen. fast so: als seien wir selbst die helden. und liehen unsere seelen für eine kleine weile dem großen schicksal.
warum dürfen wir dies so unverfroren behaupten? weil es unsere augen sind, die sehen. unsere herzen, die schlagen. so stehen wir auf dieser bühne. damit sie euch welt sei. welt, die sich noch in der kleinsten innentasche des gedächtnisses mit nach hause nehmen lässt. wir heben die masken der mythoi auf, damit ihr die euren fallen lassen könnt…
wer wir waren. was wir sind. gleich. gekommene. gleich. geschaffene. immer anders. verglichen. mit den verblichenen | wer? wenn nicht wir. wie die sintflut | gegen. rede | generation abgang | postkommunistisch. zervikogenial | im irrsinnsgeäst | heute: bioabfall. morgen, vor dem sonnenaufgang: ab-holung zur inventur
gewinsel der gefeuerten. gesindel der gefeierten
wir hängen fest. im zahnfleisch der dinge. wir: die uneigentlichen. wir: die in stramplern verpackten. auf die schiffe gerufen. zu den inseln nicht begabt. wir kamen nach. und einen tag zu spät.
wir tragen adidas. statt schicksal. trinken cappuccino. statt geschichte. ziehen die wolle. der willigen. über unsere waghälse.
wir sind normal. parat. getrieben. ins gestein der undenkmäler. der undankmale. im putz der unentschlossenheit.
wir jobben. statt zu fühlen. wir angeln. statt zu fischen. wir tanzen primitiv. zwei mal die woche. wir tanzen den tod der fichten. auf den garagendächern.
einmal. als das vergessen begann
das schleifen. und kratzen. die geißel der wörter. die uns die haut von den sinnen schlägt. die fragen bilden blasen auf unseren lippen. die fragen faulen in unseren kehlköpfen. weiß noch einer? was da pochte. als der besoffene pförtner mit der vollgepissten jeans. und dem bauarbeiterdekolleté. und die olle des mörders am brunnen. die sich die fingerspitzen blutig knabberte. die ritze hatte sich auch so ne fratze geschnitten. von ohr zu ohr. joker. und die ungeborenen fischlein braten lassen. in der arschbreiten pfanne. villabajo. weiß das noch einer? säue gewürgt. die gesichtslosen leiber. die laiber. mit den pfirsichbacken. knallchargengebäck. der fraß eben. mit dem sie die schreie verschlucken.
Vor-Schriften | Rück-Versicherung
Sie dürfen, während Sie beten, nicht vergessen, Ihre Plastiktüten zu kauen! Atmen Sie tief den Dampf der Heißmangel ein! So lassen Sie sich doch endlich die alten Reste abschaben, die noch nach Ihnen stinken! Träumen Sie weiter von Käfigen und Ketten! Essen Sie Ihre Zelluloseschlangen vollständig bis zur bitteren Rassel auf! Gehen Sie weiter; hier gibt es nichts zu glotzen! Basteln Sie Himmelsleitern aus den Knochen und Haaren der Zertretenen! Legen Sie sich in den noch weichen, feuchten Beton! Wir werden Ihre sieben Sinne versiegeln! Wir werden Ihre wüsten Gedanken versieben! Das versichern wir Ihnen!
jetzt erzählt aber mal
mondverschlungene. schatten des fleisches. die nester der schaben. auf den verödeten adern. ach. der muffige verschlag unserer sprache. weh. die verschlossen krater. wie nun? die vernichtung der namen.
es war aber auch. ach. alles: ein mühsames durchsägen. der gesteine. nichts war mehr flüssig. tränen nicht. eiter nicht. stimmen nicht. hoffnung nicht. und das blut schmeckte wie klumpige laugensuppe. wie atem der dampfenden schöße. vom vampiristischen saugreflex. und ein jeder hunger. und eine jede vor-freude. ein hohler zahn. ein spröder zuckerknochen. und wenn wir schliefen. wohnten heimchen in unseren kehlköpfen. eine armee von kreaturen bevölkerte unsere schädel und gerippe. und kichernde wolpertinger saßen im kreis. während wir in der jammerkammer. im kummerschlummer. die rostigen drähte spürten, wie sie durch unsere lippen und wangen wuchsen. wir kauerten uns. auf dem letzten geklüft. das aus dem reglosen meer gen himmel stach. wir: die verhafteten. die anti-haftbeschichteten. doch unsere stachel hatten etwas verbindendes. wir rammten sie uns gegenseitig in die seiten und in die fersen. weil es nur eines gab, das uns erhalten konnte, das uns enthielt: der sinnlose schmerz.
die erde wird. sich bald. geschlossen haben. keine andere antwort. wird sie geben. als auf die fragen der jahreszeiten. sie wird sich schließen. statt sich endlos überwuchern zu lassen. sie ist nicht zuständig für gedächtnis oder verheißung. luftige schatten. oder getippel auf zehenspitzen. das alles ist ihr gleich. weder ist sie wach. noch schläft sie. sie schweigt. nicht zu sprechen von den anderen. die ohne rast sind. vom mond gezogen. in lautlos-bleicher wiederkehr.
aber die schatten altern nicht. bringen eine ferne stille in die wälder. reglos wissend um die liebe. die mögliche. unerfüllte. immer steht an einem ufer. die idee vom ersten tag. und unter den dünen. unter den himmelsspiegelnden wellen. mag eine verborgene speise gelegen haben. so bleibt die frage: um welcher hoffnung willen hörte das atmen nicht auf. zu keinem augenblick? [!]
sonne. nicht dieselbe. wie gestern. die träume. ruhig. mit tiefen strömen dahin. lichter wie fähnchen zwischen den wellen. vom abend begrenzt. vom sterbenden sommer überwuchert. an einem augenblick aber bleibt das gedächtnis hängen. morgen für morgen. bevor es versinkt im erwachen. augen. wie aufgeschnittene trauben. hängen über dem stein. und seiner verwitterten schrift.