Allem Abschied voran [II]

sie wachen und warten
fallen in den Klang
in die Klang-Fallen

erwarteten nichts
kamen aus dem Nichts

[…]

die Augen hätten sich treffen sollen
im Vorübergehen
die Köpfe hätten sich umdrehen können
man hätte Stimmen hören müssen
zaghafte Grüße und
Fragen nach den Namen

aber was wäre geschehen
wenn der falsche Name gerufen worden wäre
das falsche Wort gesagt
zur falschen Zeit
am falschen Ort
hinter der Stille
wo sie sich nicht mehr hätten treffen können

zum Text

Risse in der Haut der Zeit [Gesänge XXII/XXIII]

Foto: Patrick Hainbuch

XXII

[…]

man lässt sie gerne allein
damit sie ihre Gedanken
für sich behalten

denn niemand wünscht sich die Überraschung
einer bedeutenden Mitteilung

alle haben die Möglichkeit
in ihre Spiegel zu flüstern
bis ihr Atem Schleier legt
und ihr Erinnern Falten
über die breiten Gesichter

[…]

das Freundliche bleibt das Befremdliche

also schätzt jeder die großen Bögen
und zieht betäubt seine weiteren Kreise
sehr höflich die Begegnungen zu vermeiden
und heimzukehren ohne Erwartungen

denn das Gewicht des Himmels
soll nicht größer sein
als die eigene Angst

XXIII

was drehst du am Rad
als ob die Zeit ihm gehorchte

[…]

vielleicht gar
ist der Tod noch nicht
das Ende der Schönheit

vielleicht ja sogar
der Anfang
oder der Neubeginn
eines Verlangens nach ihr

Zu den Texten

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.22 | 771-SARS-CoV-2

[Tag 348 der Rückkehr]

wir setzen uns entschieden für die Verunklarung ein [von weitem sah der Bio-Müllbeutel auf der Straße aus wie eine zur Hälfte ihres Körpers schwanzseitig überfahrene Katze. alles Fleisch war in ihren Kopf gepresst worden. und so blickte sie jetzt wie ein versteinerter Schrecken den kommenden Fahrzeugen entgegen] die Klärwerke fahren ihren Betrieb herunter. ab jetzt einen mittleren Trübegrad des Wassers zu gewährleisten [die Ertrunkenen tasten sich weiter durch ihr Unausgesprochenes. man sagt jetzt aber nicht mehr dem Tastsinn gemäß sondern taktil]

[…]

[kann das nicht. inmitten der Herde. kann nicht darüber sprechen, warum ich als verschollen galt. und über die brennende Schollen-Sehnsucht. habe meine eigene Theorie: immer kurz vor dem Status der Mythoswerdung das Gedächtnis verloren zu haben. und grad so auszusehen, als hätte ich ein überlanges Leben immer nur beinahe geatmet oder wurde unterbrochen, während des Ansetzens zu einem Schritt] sie sagen, vielleicht zu Recht: er ist uns teuer. er ist uns zu teuer geworden. wir waren doch nun lange genug in Sorge. jetzt ist es Zeit für seine Entsorgung.

zum vollständigen Text

Mondwiege IX

Hauch | der durchdringt

die Haut
das Glas
das Gestein

[…]

und nur sehr wenig drang nach oben
tauchte auf für kurze Augenblicke
in denen das Vergängliche
dem Ewigen begegnen wollte

und mehr noch
das Ewige suchte
nach dem Vergänglichen

[…]

und wäre es nur der ferne Wunsch der Bleibe
in der einsamen Kammer seiner Zeitlichkeit
auch wenn es nicht bleiben könnte

im Sehnen danach
verschenkt zu sein
ans Unvergängliche

damit in allem Ungesagten
seine Stimme zu finden sei

und die Wege hinaus
in ihrer Beschwerlichkeit
eine Folge von Berührungen wären

als steigende Zahl von Schritten
wie wachsende Haut
um das Nichts

das ihn unsichtbar machte

zum vollständigen Gedicht

Mondwiege VIII

[…]

habe nicht vergessen
wie gut du warst
wie die Zeit
durch dein Schweigen floss
und ihr Gewicht verlor

und ohne dass ich haltlos weiterziehen müsste
auch wenn ich allein durch das Feuer gegangen sein werde
und der Schlüssel in den Abgrund fiel
und schmolz in der Glut
kann ich doch nicht mehr verloren gehen
in den freien Landschaften
hinter den zerbrochenen Toren

gehe ich manchmal auch
allein und traurig
an den Gräbern vorbei
und kenne den Ort nicht
meines Endes
und spüre zugleich
dass sich der Engel nähert
der mich in Fernen suchte
der sich nach Ankunft sehnte
wartend auf der Insel

wo meine Zeit ihren Ausgang hat

Ent/fern/te L/EBE

bin gestrauchelt. gewichen. dachte an dich, als ich mich ins Bett legte. ängstliches Herz. Zerschlagenes. […] dass ich dein Freund heiße […] Weg in die Tiefe, zum Menschen, wo der Himmel hausen muss. […] war schon einmal dort. vor der Lähmung. glaubte etwas zu hören. vor dem Hörsturz. muss etwas gesehen haben. vor der Blindheit. […] öffnete die Vorhänge mitten in der Nacht. stand vor einem fernen Tag. war zerfallen zu Staub. war verschollen unter den Schwingen des Gestürzten. Federn wie gelbes Pappellaub, an den Ufern der Flussinseln, und bevor die Pegel steigen zum Ende des Winters hin. und als meine Augen offen waren und wach vor dem eingedrungenen Licht, waren alle verschwunden, an die ich mich erinnern konnte. […] hätte länger träumen sollen. von einem Laut. von einer Laute. von einem Grashalm. Klang des Endgültigen. vor dem Verlorenen. von Schritten in den Gärten vor den Häusern.

[…]

[bitte nichts verbessern. bitte alles verändern. keine Ausnahmen machen. bitte beseelt sein vom Entwurf. alles verlangen. nichts erzwingen. die Brut beenden. die Geburt einleiten.] gehe jetzt nicht mehr auf etwas zu. lasse die Wege liegen. links und rechts. sehe Gebirge und Meere. sehe den nächsten Tag. vor der Dämmerung. [wünsche mir Achtung. Selbst- und Fremd-. suche den Traum, in dem ich gefunden werde.] ich sehe trauriger aus als ich bin. ich bin trauriger als ich aussehe. [was könnte ich morgen tun. oder für immer sein lassen.] was ich geschehen lasse. damit ich nachdenken kann. was ich träume. damit ich gelebt habe. und meine Geschichte stand vor eines Anderen innerem Auge. irgendwann. oder dazwischen. damit ich gewusst haben werde. was ich hätte empfinden können.

[…]

[die versiegenden Wasser. keine Landschaft. weiterzusuchen. Bäume, von denen gut zu essen wäre.] bin schon halb tot geschlagen. nirgendwo hin vertrieben. wo es nichts zu sagen, nichts zu hören gibt. und die Zeit ist da ein Fraß an der Rinde der Felsen. man verlässt die Verlassenen. und kehrt nicht zurück in die Augenblicke der zerstörten Vergangenheit. es ist kein Unterschied, ob einer schreit oder singt. oder wohin die Glocke stürzte. ihr letzter Nachklang haust in der einsamen Verzweiflung Gottes. ewig ist das Ende, das nicht endet.

[…]

zum Text

Mondwiege VII

auf der vorletzten
Stunde | Staub

weiß nicht
woher ich komme

weiß nicht
von welcher Fremde man spricht

Wasser des Sees
schimmert die Haut
Pollengewölk sind die Schritte
unter dem Aufprall der Regentropfen

man hat sich geschmückt
für die Heimkehr eines Anderen

schlief die Nacht auf der Treppe
als mir ein Gras wuchs am Abhang des Traumes

jedes Wort
ist ein Stein
der sich die Kehle
hinunterschiebt

aber von mir ging die Rede nicht

doch hatte ich etwas ins Glas der Fenster gehaucht
die Sätze wurden zu Knoten in Taschentüchern
dass ich mich noch erinnern würde
woran ich geglaubt
als ich fortgehen musste

bin noch allein
das letzte Viertel
bin ein Halm in der Asche
Finger der sich verbinden will
mit dem zergehenden Faden des Himmels

nicht sehr viel Zeit
ist um den verwitterten Rand meines Mundes
neben dem Schlaf liegt das Fernste und Älteste
und hat noch den Anschein des gestrigen Abends
als ich die Jugend verließ

ach
wenn ich wüsste
wo
mein Herz jetzt schlägt
ging
ich die letzte Stunde
hinaus
und sammelte Akelei

allem Abschied voran [I]

ging hervor aus einem Glück
schlief noch
als der Frühling lang vorbei
spiegelte Ferne in den Augen
wähnte weit die Welt
wünschte die Wachheit nicht

[…]

was sah da auf
und fragte
wo ist mein Tod

so begann die Suche
nach dem Tag der Heimat
und zog das Grau der Zeit
durch eine seltsame Stimme

und wusch das Licht aus
im wellenlosen Wasser

[…]

jetzt müsste noch Morgen sein
jetzt kann noch alles geschehen
was sich denken lässt
jetzt wird noch nicht gestorben
jetzt klingt die Stille über dem Nichts
wie ein Sang der Mütter
abends an den Wiegen

[…]

wo ist die Grenze
wenn Klang folgt auf Klang
und Welle auf Welle

wo sind
die Orte der Ankunft
die Orte der Bleibe
die allem Abschied vorangingen

[…]

fast schon war die Suche beendet
eben noch war das Ufer zu sehen
immer wieder tauchten die Inseln auf aus den Nebeln
immer wieder sandten sie einen Ton in die Nacht
einen Boten der künftigen Freiheit
immer wieder hatte die Sehnsucht sich zu Ende erzählt
immer wieder der Schlaf der Erschöpften
als ob nie ein Erwachen
als ob immer Morgen und Schlummer
als ob kein Ort um das Träumen herum

Mondwiege VI

wohin das Schweigen
tropft | woher sich aufdrängt
die haltlose Stille

es wird gehört sein
alles Verschwiegene

es wird unerhört sein
das nicht Gesagte

[…]

wie schütter die Haut im Licht
das das Laub zum Leuchten bringt

und das Träumen
wie verdünnter Klang
je ferner die Ufer der Geflohenen

sie nahmen die Hoffnung mit sich
und konnten doch selbst nicht anders sein
an anderen Orten

sie liegen wie Gestein in der Brandung
und schieben die Zeit des Wartens
zwischen die Laken ihrer Schatten

darin gespiegelt zugleich
was die Kommenden erwarten dürfen