einzige seele

[buchheimer fragmente]

am morgen
einzige seele
grauer himmel
der ahnung

mein haar
die ausgekämmten wunder
meine haut
das laub der verlorenen zeit

waldiger duft
farbloser träume
gestirne
leblose. wunde

später
der frühstückstisch gedeckt
mit allen gedanken
der vielen jahre. fort

z.b.
als überschwappte der see
vom licht des mondes

oder
als uns der atem stockte
kurz vor ende des frühlings

aber dann
plötzlich und unerwartet
blieben die augen geschlossen

die etwas gesehen hatten

es ist als ginge…

[bevor das Gras vergeht. baltische Elegien]

es ist als ginge…

…die Landschaft mit den Sterbenden. die Enden des Vergehens dehnen sich. als reiche die Unendlichkeit dem Zeitlichen ihre Hand. dem in seiner Ermattung immer noch zögernden Leben zu helfen. auf die andere Seite. weil hier selbst der letzte Atemzug noch einen Schatten Sehnsucht in sich trägt. im Blick zurück. da. wo er hängenblieb. den Schritten nachzuschauen. die er noch hätte gehen können. zu spüren. wenn er steht. an den Grenzen. Küsten. Ufern. dass sie erinnert sein werden. in ihm. der die Zeit trug durch die Wälder und um die Seen und die stillen Flüsse entlang. denn so dachte er einmal: solange ich gehe durch die nahen Gegenden, aus denen ich wurde und wuchs, werden sie nicht verödet sein und nehmen mich zu sich in die Tiefe ihres Schweigens. da. wo die Seelen weiden.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[dritter Ort: Manila, Makati City, Jazz Residences, Tower C]

Alles lässt sich denken. Das macht es nicht einfacher. Die Grenzen des Denkens sind fällig (Verordnungen, Entscheidungen, Zwecke) oder zufällig (Ungeduld, Müdigkeit, mangelnde Zeit). Wen das Denken nicht erschöpfen soll, muss es lieben. Und wer es liebt, hat Freude an den Vorstellungen und den Vermutungen, an den verzweigten Pfaden, am Spiel und an den Geheimnissen. Dieser fragt sich, ob es vor dem Leben schon eine Existenz seiner selbst gegeben hat. Er erlaubt es sich, eine solche zu wünschen und ist nicht gram um die unbeantwortete Frage, um den unerfüllten Wunsch. Auch wenn der Anfang des Lebens Geburt heißt und sein Ende Tod, schreckt er nicht davor zurück, das Ende zum Anfang und den Anfang zum Ende zu machen. Selbst der Beginn der Zeit kann ihm ein hilfreicher Gedanke sein und ein nötiger Zweifel zugleich. Er wagt es sogar, seine eigene Vergangenheit für veränderbar zu erklären. Es mag sein, dass er dies tut, weil er eine innere Not spürt. Denn die Geschichte ist eine Wunde und die Erzählung eine lindernde Tinktur.

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.2.5 | Tag 18 der Erstarrung

siehst die Hungrigen. hörst die Sprachlosen. teilst die Einsamkeit. die sich nicht teilen lässt. ihre Blicke werden sich nicht mehr heben über die steinerne Schwere ihrer Füße hinaus.

du bist der Hirte der Schweine. du hast nie vergessen, was sie über die Schweine sagen. und über die Ställe. wende dich einfach um. da war das Ufer seiner baldigen Rückkehr. zehn Jahre lang. darüber der Himmel, der diesem Land seinen verspannten Rücken zeigt. er lässt sich massieren von den Schiffen, die durchfurchen das schwere Wasser, so alt und grau wie dein Haar. in seinen Spiegelungen quellen hervor deine Gedanken an die golden schimmernden Wege, die vom Ende her gegangen werden. du wirst der Rufende sein und der Gerufene. der Fremde, der die Fackel hält um der verlorenen Schatten willen.

aber wenn er die Dünen aufwärts schreitet, hältst du die Küste mit deinen wurzelnden Füßen, dass die Heimat, die er glücklich wiederfand, den Schritten des viel zu lange Geirrten nicht entgleitet und davonläuft wie die Zeit.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[zweiter Ort: Doha Airport, Gate C26]

Sollten wir uns etwa nicht sorgen um Gott? Die Spuren des Traurigen unter uns. Das Erloschene zwischen den Fetzen der Träume. Vielfach hat es uns gegeben, damit wir es einmal begreifen, was uns hielt bei den Straßen und Ufern. Aber doch nichts zu erbitten um der Bitte willen, sondern weil es um das Leben ging, das eigene, vor allem aber das der Anderen. Wir setzten uns selbst ein Ende, setzten wir Ihn nicht ein als den höchsten, einsamsten Wächter, setzten wir uns nicht aus der schmerzvollen Warte, auf die ein jeder Liebende sitzt. Es gibt keinen Urlaub von der Sorge für die tief und wahrhaftig Liebenden. Denn ihre Seelen geben sich unverändert den in ihnen Wohnenden, ganz gleich ob sie empfangen oder verlassen wurden. Und um ihrer Treue willen werden sie verwandelt sein ins dreifach gebrochene Licht des wundgescheuerten Glases, durch das all die Blicke all den Augenblicken hinterherschauen.

seliges feld

[3 waka-variationen]

wo ist dein grab
im sand verlorener schatten
aus deinem letzten blick
wachsender zweig. ein baum vielleicht in 7 jahren
mit flammenden blüten im frühjahr. und bangenden früchten im herbst

wohin drehte sich der wind
und schlug das wasser der klage ins gestein
und kämmte die samen aus der mürben erde
gingst du ihm nicht entgegen? mit einem steten rufen:
wehe. hoffnung

ach. das kristall deiner zukunft
und der bleibende einschluss des schütteren
das gebrochene licht. verwandelt zum schmerz
weil die schwelle der zeit
überschritten sein muss

beim atem. der staub | beim stein. die stille

[buchheimer fragmente]

was sagtest du noch
was [s]ich nicht vergessen sollte
– ? –

dass es geben muss: einen vorschein
des noch nicht hervorgekommenen
die ordnung der unausgesprochenen wünsche
ein unverhofftes erbe vielleicht
den traum einer larve
das ende einer schuld
oder die trennung eines gefühls vom ereignis
– / –

etwas, das da ist
dem man aber nicht näherkommt
das wort
das man nicht keimfrei bekommt
– ! –

weil
beim atem der staub ist
wie
beim blatt das licht
und
beim stein die stille
– . –

buchheimer fragmente

[still-leben | still leben]

Foto: Miriam Halfmann

[still-leben]

apoplex. brotzeit – dionysos. parkbank – brennender dorn zwischen den blinden augen – teiresias. mit stopfen im ohr – mit dem gestopften horn – mit den gläsernen knochen – dem papyrus-geweih – hoffend. dass die taube hand als viper erwacht – dass er sie nimmer wundschreiben muss – im ewigen beschwerdemanagement – dass die prokura erlischt – dass ihn ein frisch rasierter mit nappa-etui unter dem arm – reißt aus der unfehlbarkeit.


[still leben]

nimm doch platz

der hier ist frei
der hier will befreit sein

er schreit: streben
er flüstert: sterben

er hält das geheimnis
zwischen den lehnen
er hat es nicht
fallen lassen. fell-an:

er ist der weise
der auf der wiese steht
wie die unbekümmerte einsame ulme

die der zeit geduld lehrte
unter deren schirm
die raubtiere schlafen

wie verwunschene helden
im burnout
ohne kraft oder lust

zur nervosität
wenn ein ast knackt
über ihren häuptern

buchheimer fragmente

[dies. dort]

dies soll leben. hier. in der schlichtheit des aufgangs. eines von ferne zu uns greifenden lichtes. eines solchen, das sich nicht vergessen kann. aus der blüte der erschöpfung tropfender balsam. wort. das aufbricht die sprachlosigkeit. wie den acker der seele. dass er die liebe auch atmen kann. wenn sie sich ausgießt auf dem land der ankunft.