hier keine bleibende Statt

[Chor der Gelassenen]

welchen Sinn soll es haben. das Feuer zu stehlen. sie werfen es den Fliehenden in die Hacken…

wir können uns nicht um alles kümmern. wir sind die Anständigen. nicht die Zuständigen. unsere Sprache ist nicht die der Seele. sondern die der verrichtenden Glieder unserer Existenz. wir sind die glücklich Beschränkten. wir schränken die Hoffnung ein. denn zu viel Hoffnung ist ein Mangel an Erfüllung. und wir haben ja unsere Vorgaben für die Abgaben. für die wir uns gerne verausgaben. unser Denken entfaltet sich gemäß einer sauber gefalteten Ordnung. damit es nicht die Richtung seiner Zwecke verliert. denn es genügt uns, geradeaus zu gehen. so wie die Linien der Wege gezogen sind. weil auf den geraden Straßen niemand lenken muss. weil da niemand abgelenkt sein muss. damit wir niemandem die Gelenke brechen müssen. wenn er woanders hin wollte. wo es ihm nicht erlaubt wäre zu sein. auf dass ihm genehm ist das Genehmigte…

niemand muss hier erst noch erwachen. alle, die hier leben dürfen, wurden schon aus den Betten gescheucht, bevor es dämmerte. damit es ihnen, den Verdammten, nicht dämmert, vor den brüchigen Dämmen…

ganz enorm ist die Norm. dass wir mit den kürzesten Beinen die längsten Schritte machen. uns reicht der Fortschritt. auch wenn wir nicht fortkommen. denn der Fortschritt ist eine Vorschrift. die uns verschrieben ist. der wir uns verschrieben haben. aus der wir nicht fortschreiten. aus der sich die Seele nicht fort schreit. und nur um ihretwillen gehen wir nicht hinaus. denn sie soll drinnen bleiben. von wo sie nicht raus kann. selbst wenn sie dorthin will. mit uns…

Intermezzo

[…]

zum Ende hin muss die Stille nicht mehr erzwungen werden. man muss nicht mehr warten, bis der Schnee fällt. man kennt seinen Ort, als ob man selbst das Ziehende ist, das aufs Meer hinausblickt. man weiß sehr genau, was man dem einen fernen Menschen noch sagen würde. und sonst keinem. man hofft, dass er versteht den Sang der Amsel. an einem künftigen Frühlingsmorgen […] was ist denn die Seele anderes, als das stille Land zwischen den Küsten, über das hinwegziehen die Kraniche, mit allen Sehnsüchten fort und heimwärts in unserem grauen Gefieder, darin sich die Zeit angesammelt, die schon verging.

spreche jetzt bitte nicht von Ferne. lasse jetzt bitte diesen einen Moment im Innenhalt. im Gestrüpp auf verwitterten Mauern. für die Knospen eines künftigen Glückes. […] war noch einmal eingeschlafen. als draußen Regenschauer… als draußen rauschender Wald… nahe der Küste. aber in der Schilfharfe saßen noch die Stare. wie halbe Noten. im noch stillen Gewitter des Klanges, wenn es noch sucht nach seinen Stimmen. Und ungeduldig wartend eine jede, auf den Finger, der ihre Saite zupfen wird, damit sie endlich abgeben können, in einem Wimpernschlag, diesen einen einsamen Ton, den sie eingeatmet haben, ihr ganzen Leben.

[…]

die einsamsten Vögel. werden am schönsten singen. ihre fernen Triller rauschen silbrig durch das Erstarrte der unbetretenen Gärten, in denen die Zeit wartet auf ihren Anfang. ein wunderliches Lied. es handelt davon, wie ein Geborener zum Lebenden wird. durch die Liebe. im Schmerz der Erkenntnis. und selbst sich fragend, warum er so lange tot war.

[…]

die Dolen stürzen herab. von schneebedeckten Gipfeln. wie schwarze Pfeile rammen sie ihre Schnäbel in unser Schauen des Himmels. und an den Ufern werden sie zu Pfählen, zu Wellenbrechern. wo die Möwen ruhen. bis zum nächsten Hunger.

[…]

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TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.22 | 771-SARS-CoV-2

[Tag 348 der Rückkehr]

wir setzen uns entschieden für die Verunklarung ein [von weitem sah der Bio-Müllbeutel auf der Straße aus wie eine zur Hälfte ihres Körpers schwanzseitig überfahrene Katze. alles Fleisch war in ihren Kopf gepresst worden. und so blickte sie jetzt wie ein versteinerter Schrecken den kommenden Fahrzeugen entgegen] die Klärwerke fahren ihren Betrieb herunter. ab jetzt einen mittleren Trübegrad des Wassers zu gewährleisten [die Ertrunkenen tasten sich weiter durch ihr Unausgesprochenes. man sagt jetzt aber nicht mehr dem Tastsinn gemäß sondern taktil]

[…]

[kann das nicht. inmitten der Herde. kann nicht darüber sprechen, warum ich als verschollen galt. und über die brennende Schollen-Sehnsucht. habe meine eigene Theorie: immer kurz vor dem Status der Mythoswerdung das Gedächtnis verloren zu haben. und grad so auszusehen, als hätte ich ein überlanges Leben immer nur beinahe geatmet oder wurde unterbrochen, während des Ansetzens zu einem Schritt] sie sagen, vielleicht zu Recht: er ist uns teuer. er ist uns zu teuer geworden. wir waren doch nun lange genug in Sorge. jetzt ist es Zeit für seine Entsorgung.

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Ent/fern/te L/EBE

bin gestrauchelt. gewichen. dachte an dich, als ich mich ins Bett legte. ängstliches Herz. Zerschlagenes. […] dass ich dein Freund heiße […] Weg in die Tiefe, zum Menschen, wo der Himmel hausen muss. […] war schon einmal dort. vor der Lähmung. glaubte etwas zu hören. vor dem Hörsturz. muss etwas gesehen haben. vor der Blindheit. […] öffnete die Vorhänge mitten in der Nacht. stand vor einem fernen Tag. war zerfallen zu Staub. war verschollen unter den Schwingen des Gestürzten. Federn wie gelbes Pappellaub, an den Ufern der Flussinseln, und bevor die Pegel steigen zum Ende des Winters hin. und als meine Augen offen waren und wach vor dem eingedrungenen Licht, waren alle verschwunden, an die ich mich erinnern konnte. […] hätte länger träumen sollen. von einem Laut. von einer Laute. von einem Grashalm. Klang des Endgültigen. vor dem Verlorenen. von Schritten in den Gärten vor den Häusern.

[…]

[bitte nichts verbessern. bitte alles verändern. keine Ausnahmen machen. bitte beseelt sein vom Entwurf. alles verlangen. nichts erzwingen. die Brut beenden. die Geburt einleiten.] gehe jetzt nicht mehr auf etwas zu. lasse die Wege liegen. links und rechts. sehe Gebirge und Meere. sehe den nächsten Tag. vor der Dämmerung. [wünsche mir Achtung. Selbst- und Fremd-. suche den Traum, in dem ich gefunden werde.] ich sehe trauriger aus als ich bin. ich bin trauriger als ich aussehe. [was könnte ich morgen tun. oder für immer sein lassen.] was ich geschehen lasse. damit ich nachdenken kann. was ich träume. damit ich gelebt habe. und meine Geschichte stand vor eines Anderen innerem Auge. irgendwann. oder dazwischen. damit ich gewusst haben werde. was ich hätte empfinden können.

[…]

[die versiegenden Wasser. keine Landschaft. weiterzusuchen. Bäume, von denen gut zu essen wäre.] bin schon halb tot geschlagen. nirgendwo hin vertrieben. wo es nichts zu sagen, nichts zu hören gibt. und die Zeit ist da ein Fraß an der Rinde der Felsen. man verlässt die Verlassenen. und kehrt nicht zurück in die Augenblicke der zerstörten Vergangenheit. es ist kein Unterschied, ob einer schreit oder singt. oder wohin die Glocke stürzte. ihr letzter Nachklang haust in der einsamen Verzweiflung Gottes. ewig ist das Ende, das nicht endet.

[…]

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LotosLolli

der Host hat gehustet. er darf das in Isolation | fahren Sie fort. bevor wir vergesslich werden. unsere Nachsicht vergessen. unsere Absichten verbessern. unsere Ansichten verwässern. bevor sich alles verdreht hat. bevor wir in der RundUmsicht nicht mehr wissen, wohin wir schauen | führen Sie Protokoll. damit wir uns erinnern werden. ja! lutschen Sie jetzt den Drops unseres Gedächtnisses. damit wir vergessen können. wir sind nämlich nicht so versessen wie Sie auf Geschichte. uns reicht das Einmaleins. das macht Eins. uns reichen sogar Stücke davon. die Hälfte der Hälfte der Hälfte. was immer sich spalten lässt. Seele für Seele ein Spaltmaterial. wenn wir an den Kaffeekränzen basteln, die uns zu Kronen werden sollen. die Petits Fours mit geschlagener Sahne aus den ungezählten geschlagenen Stunden, die wir uns um die Ohren geschlagen haben. bis uns übel wurde vom Übel. vom Hagel aus dem CupcakeHimmel erschlagen | Sie wissen nicht, wie das wird. Führen Sie Chronik. das Chronische drückt sich sicherer aus in der Geduld des Papiers. Drücken Sie das aus. Egal wie. Irgendwie. Uns ist das Denken wie zu Akne geworden. Wir wollen es einmal loswerden. das Los. das uns schüttelt. Wir haben es ausgesungen. und die Klänge des Klagens aushungern lassen. jetzt wollen wir uns noch ausweiden lassen. damit wir uns ausweisen können. die Hohlen. die Gestopften. mit unseren Distelaugen. unseren Kaktushänden. here we go round the prickly pear at five o’clock in the morning. […] es wird nicht leicht werden. aber früher war es auch schon einmal schwer | wir graben die Toten aus. sie sollen uns davon erzählen | aber wenn es dann eine zeitlang schwer war, auch wenn wir nicht wissen, wie lang diese Zeit sein wird, muss es ja danach wieder leichter werden | nicht wahr | die Gewichte verschieben sich. sie atmen erst ein und dann wieder aus. ihre Wucht ist ein ewiger Wandel. vom Fels zur Feder. und wieder zurück | doch wir könnten vermutlich zur Seite treten, wenn das Pendel auf uns zurast. wir könnten ihm in die Seite treten, wenn es knapp an uns vorbeischlägt | seine endlose Bewegung hat es schwer werden lassen. wie ein von zu vielen Schritten verklumpter Fuß. also werden wir dort stehen und im richtigen Moment das Steinerne von seinem Antlitz klopfen | wie leicht wird er da ins Bodenlose fallen. wie leicht wird uns da fallen das Bodenlose | aber das jetzt hatte noch keine Vorstellung. nicht einmal eine Probe. auf der Seitenbühne. wer stellt sich denn so etwas vor? wer stellt sich davor? wer hält es auf? hellt es auf? es hätte sich doch freundlicherweise erst einmal vorstellen können. bevor es die Szene betrat. bevor es die Landschaft zertrat | jedenFalls | uns lag kein Antrag vor. das hätte es wissen können. das stand auf den schwarzen Brettern. im Kleingedruckten. die Frist ist um. und abermals… es tut uns nicht leid. aber das war eine Ausschlussfrist. jetzt ist ein Rücktritt ausgeschlossen. jetzt ist das Davor vorbei. jetzt lungert es im Dazwischen […]

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TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.20 | 769-SARS-CoV-2

[Tag 346 der Rückkehr]

doch | dieser Ort gefällt mir | werde vorerst nicht weiterziehen | werde Wurzeln schlagen | im Bett | im Gebet | im Beet meiner Gewohnheit | … | kündige jetzt diese Entscheidung an | kündige alle weiteren auf | werde darin ganz klar sein | will mich dazu eindeutig bekennen | nein | es gibt kein Vorübergehend oder Vorsichtshalber | das hier ist jetzt alles, was ich noch sein werde, auch wenn ich es noch nicht ganz und gar bin | auch wenn ich noch nicht ganz bin | noch nicht gar | … | hier wurzelt mein Werk | hier ist mein Wurzelwerk | auch wenn es in der Erde ist und unterhalb der schlichten Sichtbarkeit von Sand und Lehm und Grasnarben und Gestein verschwunden scheint | aber wenn noch einer von mir wissen will, wenn ich mich selbst längst vergessen habe, muss er hier gewesen sein, muss hier gestanden oder gesessen, gesucht oder gegraben haben | aber dieser wird ein ganz anderes Wasser auf das Erdreich gießen und wird aus demselben Wurzelwerk ein ganz neues Blattwerk hervorgehen sehen | und so wird mein Werk zu seinem Werk werden | und ganz gleich, was ich einmal gesagt haben mag – die Sage wird nun durch seine Stimme gehen | und so zu seiner eigenen Erzählung

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