proficiscere, anima [versiculus]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

jetzt ziehen schon wieder die Schwalben
am Ufer stehst du
zwischen den Weiden. gebeugt
und siehst die Pfade zurück
die Spur, die sich dort zeigt
der Gräser am Wegrand, der falben
und hast einen Blick
als winkten dir Freunde zu
mit seidenen Fahnen, halben
die du durchschnitten
bevor sie dir Abschied sagten. und: gute Ruh‘
bevor du mit anderen Schritten
heimkehrst. und blätterst in staubigen Alben…

meine Zeit | in deinen Händen

[für Wolkenbeobachterin | Danke Dir…]

Seele
das Kind

das Gras wächst
wieder

wes‘ Namen trug es
sein Lied entstand am Ausgang unbewohnter Wälder

darin die Blüte aufging
und über laubbedeckte Böden ging hinweg ein Wind

wegloses Wandern
Gedanken. irrlichternde

auf jeglichem Erwachen
Apfelernte. versäumte

und plötzlich lag Schnee
der Hoffnungen. der ungezählten

gibt es nicht Inseln?

[Rhapsodie | Mitte August]

auf alles
fällt der Regen
Gras und Gestein
ins salzige Wasser

überall
die Schritte des Himmels
zu uns

gibt es nicht Inseln?
um in seiner Nähe zu sein

glücklichere Einsamkeit
unter den Perseiden

doch nicht
um zu vergessen
warum nicht Liebe
wenn Krieg
warum keine Heimkehr
in brennenden Schiffen

ziehend allein
die Schauer
über Dünen und Hügel
uns nicht
verdorren zu lassen

denn Wege sind
auf dem Wasser
und Stimmen
die rufen

zieht unsere Taue
die wir gedreht
aus der Gebete Fäden

gibt es nicht Inseln?
damit das Nahe sie schirme
und schlummere
im tieferen Innern
das Ferne

weiter zu wandern
als es Land hat
und Pfade
darauf zu wandeln

mehr zu erzählen
als die Geschichte
und auszuhalten
die Totenstille
umarmt vom reglosen Meer

und tiefer die Gräben hier
für die Gräber

und dass der Mond
ein anderes Gesicht bekommt
und das Rad des Schicksals
in Kreisen über die Küsten rollt

gibt es nicht Inseln?
den Blick zu heben
nachzuschauen allem Ziehenden

zu gehen
und doch nicht zu gehen
tanzend
bewegungslos
unmerklich
sich zu verwandeln

zu sein
in der Welt
und doch nicht in ihr

wie sie wurde
und wie sie sein wird

weil auch die Einsamen
in ihr einen Ort brauchen
sich zu begegnen

sie zwitschern oder flöten
zwischen trostlosem Gestein
an dem die Dornen zu Perlen geschliffen werden

für leiseres Sterben
in längeren Zeiten

refugium meum | ἀντίφωνος [Doxologie | Kadenz | Acht Waka-Variationen]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

und die Gespräche endeten.
als der Regen begann.
den Sang zu erinnern.
der dich vergessen ließ.
die Leere. als du heimgekehrt.

wie glücklich waren
die verwandelten Steine.
fremder Blüte Auge.
geh‘ nicht hinaus. schaue nur.
wer den Garten noch nicht verlassen.

um andrer Liebe willen.
Schatten der Flügel.
über den unruhigen Wassern.
Wohnung des Lichtes.
im Tau. was keiner Worte bedarf.

was wird erwartet?
Landschaften. ohne Grenzen…
Kind. das die Frage kennt.
wozu? die gefalteten Boote.
wie? erster Liebe Antlitz.

jeder Tag. ein letzter.
jede Stunde. die erste.
fremde Blüte. die dir zuruft:
sage doch. wer du bist.
wachtest an meiner Knospe Schlaf.

kahl. nun die Felder.
Fülle der Haine.
Früchte. prall von Gezeiten.
verlangend. den Fall.
wo die Wolken ziehen über das Hohe hinweg.

fern. deiner Heimat.
Hütte. nah bei den Ufern.
Stern. der dich entzündet.
reich in dem Wenigen.
reicht dir ein Blick. eine Gedanke.

Schweigsamer. Laufe nicht fort.
die Tür bleibe offen.
und unverhangen das Fenster.
alle Gaben der Stille.
jegliches. was ihm hinterlassen sei.