end.los | brief aus der isolation

Kölner Dom, am 22.03.2020

leere uns doch! blick-haft. über dem gnadenlos blühenden land. frühling der trauer. des durstes. nach vierzig jahren wüste. kehre auf halber treppe. verlust der sprache. im ver-lust-eten leib. alles wirft schatten – dächer, laternen, stufen – wandernd mit dem bogen der sonne. uns aber konnte nichts genug sein. nie. bis jetzt. bis diese gegenwart eintrat. bis sie uns eintrat. ja. diese neue gegenwart ist uns schon nach kurzer zeit genug, denn wir wissen, dass sie sich lang gemacht hat. wie gott. der sich endlich ausstrecken konnte. um sich auszuschlafen. nach dem biss ins feigenauge. nach dem riss der marmorwange. in dem ja wieder ein gras wachsen sollte, ein schütteres wie auf den dünen. zerbrechlich. wie das licht. das die gewölbe der kathedralen hochsteigt. ein flüstern. zwischen rückung und ausklang. man wurde also ins fest vertaute boot gelegt. bis zum großen re-boot. wenn wieder alle gleichzeitig aufs wasser hinaus wollen und das meer nicht groß und unheimlich genug sein kann. bis dahin aber wird man der nachrichten überdrüssig geworden sein. selbst, wenn es heißt: überlebenskünstler gestorben, nähe untersagt, optimist vermisst, zukunft verschoben. jawohl! ja. wohl dem volk, das jauchzen kann (psalm 89, 16). tanz auf den gräbern der unbekannten. das leben war zuletzt aber auch einfach zu seicht. jetzt siecht man einsam. zwar mit erreger, aber ohne die erregten. die pupillen mögen nach oben gerutscht sein, hinter halb geöffneten lidern. eingeschränkte sicht auf die bühne. hörplatz vielleicht, bevor einem das gehör platzt, wenn man noch so ein letztes etwas wie aus allen tagen vernimmt, etwas wie: maultaschenversorgung gesichert. trockengebinde kurzzeitig günstiger. oder: neunzig millionen jahre alter regenwald auf der antarktis entdeckt. lachkrampf der erdgeschichte. als der mensch seine frage an die zeit gerichtet hatte. auf dem weg in die neue welt, mit dem floß gegen den eisberg. verwundet: alle, verwandelt: niemand. anonymer kreis der neu erschöpften. die ihre eingeweckten seelen nicht mehr ziehen aus dem vakuum. die ihre einweg-seelen nicht in zahlung geben können. ihr metaphysisches zittern aber auch! ihre hocke im keller der gedanken, die wie asseln die wände hochklettern, solange niemand das licht einschaltet. aber ihr fraternisieren ist umso leichter im geworfenen unsinn, im gemütlichen uns-inn, dessen hausordnung ist ein stillhaltegebot. doch die liebe war den meisten schon lästig. wie lächerlich musste dann erst ein opfer erscheinen. und jetzt sieht es beim schaukeln der boote fast so aus, als massiere gott eine überarbeitete und vernachlässigte schöpfung, als schäme er sich seiner höhe, obwohl die noch nicht einmal seine eigene erfindung war. wo steht er, wird er nun täglich gefragt. und soll antworten geben im multiple-choice-verfahren. die schöpfung pfeift ja schon lange darauf, nur jetzt eben aus letztem loch. einer muss schuld sein, am abschied und an der rückkehr. wanderte durch die nächte. wurde vom stein zum staub. bekam eins mit dem benediktionale über den schädel, hatte himmlisches kopfweh, verging zeitig von der infektion mit den weihwassertröpfchen, zeigte uns seine wunden wie gefüllte tulpen und hatte am ende und weit darüber hinaus nicht so eine abgestandene seele wie wir, die sich gegen die hoffnung haben absichern lassen und dennoch auf jedes versprechen hereinfallen. virus = virtus } mit rausgerutschtem t = tod { des zweifels. anordnung: schlüpfer auf links drehen, dem volk rasch einen mundschutz schaffend, aus liebe zum nächsten und übernächsten und allerletzten. an die katastrophen hat man sich schnell gewöhnt. nur seine wunder hält man nicht lange aus. wo ist die welt, die in der welt war, in der man den atem anhielt und zugleich die lungen füllte vor dem heimgang in die luftleere enge? an den grenzen entstand sinn; dahinter konnte er sich halten. der mensch müsste eigentlich jetzt erst recht den menschen suchen, unter dem letzten schnee des vergangenen winters begraben, kauernd in einer reisighütte, eingeschlossen von zeit, während die märzschauer über das land ziehen. wovor hat er noch angst? vielleicht vor den nadelstichen durchs auge, die löcher zu stopfen zwischen traum und gedächtnis.

end.los | brief aus der isolation

man hat sich lange nicht gesehen. irgendwann kommt der tag, an dem man nicht mehr weiß, wie lange. dann unterscheidet sich die vergangenheit nicht mehr von der zukunft und heißt ebenfalls nur noch irgendwann. dennoch ist der morgen gerade so, als ob hinter dem erwachen und jenseits der mauern, in denen es stattfindet, hügel aufsteigen, durch die sich uralte sandige straßen schlengeln, gesäumt von pappeln und ahorn. man hat sich lange nicht gesehen. sich selbst. irgendwo in der welt, deren orte alle gleich sind. ein hier unterscheidet sich nicht mehr von einem dort und heißt auch nur noch nirgendwo. man sieht den regen nicht mehr. es reicht aus, ihn zu hören. er ist wie ein müdes zeichen des wirkens eines traurigen gottes. endlos haben sich die wälder gemacht, für sein verschwinden und verschweigen. er hatte zuletzt eine dünne haut, während der mensch mehr und mehr ein dickes fell bekam. seine wimpern sind ein dörrgras – sie halten den letzten sehnsuchtsduft einer mitten im frühling erkalteten erde. die zeit ist gekommen, da so viel von ihr bereits verrann, dass die tage so wenig gezählt werden können wie die silben, die auf der tauben zunge lagen. tropfen und steine bilden eine masse, wenn alles spurlos geworden ist. boote schaukeln an den leeren stegen; ihre taue bleiben uneingeholt. das meer ist wie ein abgelegtes gewand eines geistlichen; es hat sich zerschneiden lassen von den verwegenen küsten, die ein weitgehend schattenloses land rahmen wie den rand einer wachsenden wunde. nichts gehört ihm. das wenige, das sich ereignet haben mag, hat sich nur allzu bereitwillig von der zeit fortziehen lassen. und es spielt ja nun auch wirklich keine rolle mehr, wann die suche begann oder wo. ja, vor allem das wo hat sich sehr rasch im ungefähren verflüchtigt, auf dass es immer suche gäbe, doch nimmer finden. eine zarte welle der luft (hyperion) mag sich durch das gekippte fenster in die kissen und ins haar schleichen, aber das ändert jetzt nichts mehr daran, dass das atmen sich nicht mehr spürt. stimmen mögen vielleicht noch durch die träume irren, aber sie bleiben ohne echo, ohne halt im zeitlichen. die geschichte kann es besser: sie sammelt das ihre als einen gleitenden bestand des vergangenen; nicht beständigkeit ist ihre sache, sondern ablage des kurzfristig freigesetzten, sobald es sich verfing in der zone der vergessenheit all dessen, was unter schicksal läuft, sobald sich das fleisch von den knochen löste, nach der spätzeit des zitternden laubes, der frühzeit stumpfen sinnens all des übrigen in der natur, das seine eigene überwindung voraussichtlich nicht mehr erleben wird. judica. das recht kommt ohne leidenschaft aus. tautropfen im netz der spinne (saigyō). törichte anrufung eines gebrochenen lichts. das einem nun aufgeht, wenn man nicht mehr einer ist, sondern irgendeiner. als sei ein fremder in die wohnung eingezogen, seit die zeit von hier auszog. sie hat die irregegangenen zurückgelassen und weiß jetzt schon, wie irre die bald wieder gehen werden. aber vorher wird der raum auf links gedreht; außen wird innen und umgekehrt. der raum als dia-negativ. der ausweg im weg-aus. man sieht das wesen der dinge, ohne sie berühren zu können. man hatte eine heimat, aus der die landschaften vertrieben wurden. das ende des zitterns in der vereisung. das ende des hungers in der verspeisung. die stille einer wildnis in den versteiften gelenken angewinkelter knie. der tiefe brunnen eines milchkaffees, der wohl auch nicht weiß, wann das zeitalter der gepackten koffer endete. sicher: die krise hat einen überrumpelt. doch man könnte sich jetzt entrümpeln lassen. das schuldige tilgen. und abschütteln das schattige. das warten beenden mit gegenwart. nicht der eigenen. dafür ist es zu spät. denn das ist ja das land, in dem alle liebe endet (TSE/AW). erbschaft. die friedlich entfernten. die traumenteigneten. trunken von den leeren vasen. badende. im sumpfigen schwemmland der irdischen gutheiten. im fast schon himmlischen glanz einer temporären unerreichbarkeit. in der schonung des behaupteten hin-und-weg. in der schönung des wohligen und des wolligen. das man nicht gewollt haben muss. als hin-und-weg-gefährte. als blinde mitte im äffchen-triumvirat. als wahl-versandter. unentsonnen. und geknüpft in die zwischennetze. mit dem seelen-aufschnitt hinter den mattscheiben. als protagonist der sesseldionysien. während der dummy-opferung. zum augen-konfekt. jedenfalls: zwischenräumlich. in der verwaisten kammer eines mürbeteigigen herzens. eingeschlossen: zwei, die mit aufgerissenem blick in den wald der disteln rannten. man ahnt es, dann und wann, was draußen zu blühen beginnt. eine ahnung, die entsteht, weil es erinnerung gab. aber es bleibt der verdacht, dass man von der möglichen welt nur geträumt wurde. man war auf der falschen seite (schäl sick), in einem buch-heim, scheinbar aufgerichtet an einem buch-stab, an der grenzlinie von losung und lesung, während in der zelle der zeitfraß, hängend an der zellwand (folivorum), der zählwand, um die tage der welt-flucht, von der erst noch zu klären sein wird, wer vor wem – wir vor der welt oder die welt vor uns…

end.los | brief aus der isolation

Ich stelle momentan meine neuen Texte in etwas größeren zeitlichen Abständen in den Blog, nicht weil ich weniger schreibe, sondern weil ich seit einigen Wochen ausschließlich an einem prosalyrischen Langtext arbeite, von dem ich – wie heute – dann und wann einen Abschnitt als Kostprobe präsentiere. Ich verarbeite in diesem „Endlos“-Monolog meine täglichen Notizen aus der ersten Corona-Zeit.

ausgestreckte hände. schwarm der gedanken. wucherndes hinter dem auge, das nicht zu wachen vermag. gestockte träume in der flut der verdrängung. mondsüchtige worte. unzeitiges, sprach-los. windleben, als ob sich der tod verkürzen ließe. kind, das mit flammendem kopf um die waldseen rennt. offener querriegel. jemand geht durch die wohnung als schattenriss. als falte im dunkel, um den einsamen schlaf. jemand ging durch die wohnung. und räumte die vergangenheit aus. nur das bett im gästezimmer blieb noch so wie nach dem letzten besuch. vor der unabgeschlossenen tür stand ein ein- oder ausbrecher, der sich ins herz schoss, als der schnapper sich bewegte. jemand wird durch die wohnung gehen und sich setzen auf die kante des bettes und sagen: ich erzähle dir alles, von anfang an. ich kopiere dein gesicht und lege es auf die kopflosen puppen, dort, auf die lehne des sofas, die aufgereihte und ausgestopfte kindheit. vor dem großen sturm, der den winter fortfegt, fällt noch einmal meterdick ein schnee auf die schlachtfelder und friedäcker, wo sie einmal sitzen werden um die steine, in wattierte häute gehüllt, und sich erzählen von unserem sterben und wie wir lebwohl sagten und einander unsere augen aßen und unsere zungen aus den kehlen rissen wie die papiernen flügel der falter vom puppenrumpf und wie wir enthaupteten behaupteten, wir könnten uns unter den wurzeln der weiden durch die wintererde graben, um zum ufer zu gelangen und könnten durch den nebel schweben wie luftkissenboote, oder der nebel durch uns, und würden dann einfach auf der anderen seite des stroms warten, bis der sommer gekommen, der späte, der schon nach herbst duftet, dem frühen, der das verstreute noch einmal verdichtet im saftigen fruchtfleisch, so dass man nur zugreifen muss und kraftvoll hineinbeißt, ehe die süße umschlägt ins poröse gestein. und wenn sich dann wieder die tage verkürzen, wird der docht entzündet, um die entzündung zu lindern. unter den schläfen. unter der rinde. unter den worten. unter den akten. vita contemplativa. den tod zu denken. nach der lamm-speise. nach dem schlupf der seele ins fell. und dem haus in der buchenknospe. denn auch die ewigkeit muss sich einrichten und bedarf eines artgerechten mobiliars. wenn man endlich nicht mehr veraltet ist, sondern nur noch verwaltet wird. und seine versäumten guten taten zählt. bis sich die un-zeit verjüngt hat zum letzten tag, der wie der erste ist, der wieder wie alle tage ist, wenn sie nicht mehr gezählt werden. wenn man wieder ein wanderer ist, von dem man nicht mehr weiß, woher er kam und wohin er wollte, damit man insgesamt sagen kann: das ist wanderung – ziellos, spurlos, weglos. man weint vielleicht. dann und wann. aber nicht die eigene träne sieht man, sondern den tau auf maifrischen weinblättern, oder dem raps, einige wochen zuvor, wenn für einen kurzen moment die letzte frage des gegangenen ins gedächtnis zurückschießt. ja, aufschlag der augen, wie einschlag der sekunde in die zeit, der sternsaat in den mondacker, der frostnadel in die kirschblüte, der pupille ins licht. die reise beginnt bei der letzten erinnerung. mit dem körper einer trichterwinde, eines windtrichters, mit dem gesicht eines morgens, mit dem gesicht von morgen, wenn es sich nur heute schon auffalten mag. da, wo die zeit niederkniet. „una mo sa-kosa wa“ (saigyo) — ein schritt im gras, der länger dauert als ein leben.

ihr habt nun: traurigkeit

letztes licht. nach dem weg (worte eines gegangenen. vermutlich weise)

ich sah den stern. als er im sinken war. sein zeichen war schon seit langem eine erzählung der mütter, die ihre kinder mit wunderlichem gesäusel in den schlaf schicken.

ich alter mann aber hatte noch eine restwärme im auge, ein nachglühen der einstigen richtung.

dennoch: ich ging. denn gehen war das einzige, das mir nicht genommen werden konnte.

ich ging durch die bittere kälte. durch die verwaltete nacht. durch die orte des fremden gedächtnisses. obwohl ich wusste: hier wurde alles schon erklärt und nichts mehr geglaubt.

die mitgebrachten gaben waren nicht nötig. aber sie trugen den sinn des abgebens in sich. der kostbaren entlastung. denn jegliche herrschaft endet. und alles, was aufsteigt, sackt in sich zusammen. und vor allem: liebe kostet den körper.

ich erinnerte mich: das kleine lag durchaus nicht im licht. es lag am zugigen rand der welt. wo es niemanden hält, der bleiben könnte. man hätte dort noch ewig auf chorische gesänge hoffen wollen. doch es gab da nur dieses leise atmen des verletzlichen lebens. nur dieses eine, unverfügbare jetzt.

es war gleichwohl ein trügerisches bild: geburt als anfang? nein! geburt ist ein schnitt. ein verlust alter ordnungen. ein tod. der in mir begann, lange bevor ich anfing zu sterben.

die heimat hatte sich mir entfremdet. die sprache passte nicht mehr. das frühere himmlische stand nur noch als dekoware auf den anrichten.

ich aber war dem wirklichen begegnet. und lebte fortan im zwischen. unerlöst. unverloren. wach. in meinem drinnen.

und die welt draußen? wollte wieder herde sein. wollte geführt werden. gezählt. gesichert. nannte es frieden. norm und system. unter dem flackern der heiligen nächte.

in meiner stille wusste ich:  das heilige kommt nicht, um uns zu beruhigen. es kommt, um uns unbrauchbar zu machen für das falsche ganze. es kommt leise. es bleibt kurz. es hinterlässt keine anweisungen. nur eine wunde, die nicht heilt, damit wir fühlen. (in vertretbarer dosierung, versteht sich)

wenn du mich fragtest, wo es heute und vielleicht immer liegt, dieses licht, das versprochene, sagte ich dir: nicht im himmel. nicht im staat. nicht im geschmückten raum.

es liegt dort, wo du bleibst, wenn alles gehen will. wo du sprichst, wenn schweigen einfacher wäre. wo du trägst, was sich nicht rechtfertigen lässt.

das ist die nacht, nachdem sie vergangen ist. das ist der stern, nachdem er erloschen ist.

nenne es weihnachten. nenne es fest- oder auszeit. was immer du willst. sei es dir auch nur diese kurze zeit dazwischen, in der du etwas schlaf nachholst und dir ein paar träume liefern lässt, bei zu viel essen und zu wenig bewegung. was immer du willst. nur frage dich selbst: was anschließend weitergeht. die welt oder du?

ich, der einmal gegangene, will ganz offen zu dir sein: ich ging, weil mich jeder schritt veränderte. ich kehrte zurück, weil ich es gerade noch konnte. doch nicht um anzukommen. sondern um zu erinnern.

ihr habt nun: traurigkeit

gleich | wege. von ende zu ende | dritte nacht

wege.

von ende zu ende. gleiche ufer. gleich entfernt. auf der warte der gleichen. da heißt immer die zeit: gleich. oder dann. aber gleich ist früher als dann. es ist ein versprechen der zeitigeren ankunft. es ist der versuch, einen namen zu sagen, bevor ein mythos erzählt wird. es ist der wunsch, geboren zu werden, bevor die geschichte sich in endlosen wiederholungen selbst eingeholt hat, wie eine gelichtete ankerkette, um den ort des wartens in bewegung zu bringen.

doch ein wort suchte seine wohnung in mir. und ich unbewegter wusste nicht mehr, in welche richtung ich mein schauen gehen lassen sollte. und als ich einmal erwacht war, hatte der tag mich verschlungen. ich hatte mich sehr verändert, war ganz plötzlich um jahrzehnte gealtert, war innerlich schon nahezu aufgelöst, in so unmittelbarer nähe zum tod. ich sah mein herz noch schlagen, aber es war nicht mehr teil meines körpers. es gehörte schon nicht mehr zur wirklichkeit des sterbens, sondern zum gedanken, der ihm folgt. also zündete ich kein feuer mehr an, so angekommen in der mitte des winters. und ließ die jungen zweige ungebrochen. in der erinnerung an einen hagelschauer im april auf meiner kinderhaut. ein auge des vaters fiel in meines und nahm mit sich das wissen um meine zeugung. ein zweites, von der mutter losgelassen, trug in sich den augenblick der geburt. den ersten schrei, in der stille eines steins, der von wind und wasser gekitzelt wird. im metallischen duft einer entkörperten seele.

doch dann sah ich wieder auf und stand vor den schnurgeraden straßen, die vom horizont verschluckt werden, wie vor dem unendlich gestreckten schatten meiner selbst. ein finger, ins ende zeigend und bohrend durch seine geschichtete haut.

da rief es mir zu, aus dem mund der schöpfung, dass der moment gekommen sei, sich zu entscheiden zwischen schlaf und aufbruch. doch ich hörte mich nur lautlos fragen: wie wird es dir gehen nach der dritten nacht?

in einsamkeit.

ihr habt nun: traurigkeit

rede doch. weiter. unsere herzen sind still. unsere ohren sind brunnen. die auf regen warten. bereit. den überlauf zu öffnen. zu wässern: die verbrannten ränder der wege. der abgelegten dokumente unserer gesichert erledigten hoffnungen.

rede doch. wieder. einer muss anfangen. das uralte wort der anrufung dem letzten aushauch des himmlischen zu entreißen.

so viele steine. so viele stimmen. an den stränden. die knirschenden zähne der engel. wenn wir wandern: den schmalen grat zwischen land und meer. mit dicken sohlen. hart. wie die rinde unserer dünnen seelen.

uns wurde berichtet: einen würde es geben. der hätte: etwas zu sagen. wir haben uns davon sehr oft erzählt. an entlegenen orten. wo es nichts gab. als erinnerung und erwartung.

wir folgten der spur. seines aufbruchs. und nahmen an. er müsste uns suchen. denn: unsere herzen hatten noch nicht gekannt. die sagenhafte liebe einer tödlich verwundeten zeit. die sich selbst schickt: in die nacht. dass der nächste träumen kann: vom steigenden licht. am anfang des kürzesten tages. den das lange jahr kennt.

wir haben uns davon sehr oft erzählt: der narr. der auf dem unsichtbaren draht. zwischen den steinen gespannt. tanzte und sprang. der die linie zog. zwischen einst und jetzt und dann. wo die leiseren worte. die tieferen echos. von den wellenzungen rollten. wie aus gestürzten kelchen. getrunken vom durstigen sand.

es ist nichts. und das ist schon alles. vom allerschönsten: wenn man eine zeitlang hier gewesen ist. oder woanders. ohne flucht und furcht: vor dem ende solchen glückes.

ihr habt nun: traurigkeit

herbst. zeit. lose

man hört nicht mehr viel. stumpfes glas. trübe wolken. dahinter. pulsloses rauschen. man schneidet die luft des frühlings in die scheiben der erinnerung. man ist es gewohnt, ohne musik zu sein. man wähnt sich angekommen. an den stätten der langsamkeit.

da. ist uns. das schicksal. sehr rasch. losgeworden. wie ein im schweiß gebadetes kind. befreit vom schlaf. und von den nachtgespenstern.

eng sind die lichtungen des abschieds. schattenriss. der zweige. und särge. verschüttete wege. was will die zeit mit den spurlosen?

wir geben der erde leise nach. wir tragen die namen der fremden. und die anderen farben. jetzt. in der epoche des flüsterns. der im garten flatternden wäsche. während es regnet. den zwölften tag.

die hände haben schwellungen vom heimweh. füße aus stein. im strömenden wasser. das jedes gewebe aus licht und atem zerreißt.

aber. schon jetzt. hat alles ent-täuschen. die klarheit des kommenden winters. und die präzision der spindeln.

man hört jetzt sehr viel. von den verirrten. und den zurückgesandten. die ihre stimmen tauschten. gegen den wind.

prayer in darkness

[triptych of a remaining presence]

I

be breath to me. when i have none left. be a gaze to me. when my sight is gone. be a shadow. on the wall of my heart. a remainder of light in the nearness where I vanished.

let me recall what I could not hold. let it rest a little longer by my waking side – not as image. but as warmth beneath the skin.

when pain comes. take me into its centre. do not let it circle me. like a beast around its prey. let it weep with me. let it grow tired.blet it sleep. and me with it.

II

and if i can no longer walk. then carry me. not far. only to the edge of remembrance. to that place where the air still carries his scent.

if i sink too deep. then lay me down. among the folds of the old day. in the valley. where the shadows sleep.

i have no more words. only sounds. that rattle within me. like glass in an abandoned house.

love – it is no promise. it is an imprint. in the damp soil of my inwardness. i step into it. and do not know if i shall ever find my way out again.

my body: an archive of the touched. my skin: an echo of his hand. my mouth: a sealed verse. refusing to let him go.

and if i die in this hour? then let it not be an escape. but an entrance into the room where he once more speaks my name.

III

there. where my speaking fails. let the word remain. out of which i unravel. and be to me a tone. no more than a breath. trembling at the edge of a line.

i wish to say. what cannot be said. let it shatter within me. into syllables of light.

no longer by my hand. do i inscribe the mark. but by the autumn of my breath.

i write down. what leaves me. i write on. what sustains me. here. in the voice. that becomes space. here. in the space. that becomes image.

beneath my forgetting. landscapes. distance. that never left me. as long as i wandered through them.

let them write me. as one who loved. one who asked. who stayed – in the breath of the word no one speaks. that nonetheless carries all things.

as i carry him. within me.

meditation: rückstandsf[r]eier selbstab[t]rieb. tensidprotokolle. spülung im ich-behälter. tauchgang im klärbecken der identitätsreste.

die landschaft. wurde versenkt. in unseren blicken. die sind jetzt wie kläranlagen. in denen wird alles klar. in denen wird nichts verklärt. klarspülertränen tropfen ins trübe. dazwischen. wo sich die letzten undurchsichtigen verschanzt haben. aber die haben sich verschätzt. ihre augen. immer noch zu opaque. werden mit glaskristallen ersetzt. damit sie sich nicht mehr entsetzen. zu tief hinab. in ihre wolkigen gedanken. sie wissen noch nicht, was sie tranken. sie murmeln etwas von ich. es klingt wie: dies und das. und ist nur ein strich. durch die milchmädchenrechnung. es soll bedeutender sein. als die deutungen. die es schon immer gab. aber – und sie werden es auch bald merken – die irdenen kelche, die irdischen, sind gefüllt mit etwas, was nur ausschaut wie wasser, und wo sie aber lange warten können, bis sich das nasse in wein verwandelt haben wird; ins weinen vielleicht, ins weichen gewiss, unter den weichen, die ihnen gestellt sind, den weichen, die dem stein nicht entweichen, der ihnen auf die nervösen füße gestellt wurde. ich ist ein becher tensid, in den ein hauch hineinfällt und eine gischt hinauswächst, wie ein hungriger schwamm, der sich aufs organische legt und es zerlegt. in seine einzelteile. dass sie nicht übersehen ihre einsamkeit. dass sie nicht überspringen die lange weile, die dem tod sehr eigen ist, in so zwingender weise. ja. dem leben wird eine schaumkrone aufgesetzt. denn das leben soll sich gewaschen haben. es soll sich einmal bequemt haben. auf der unentwegten waschstraße, auf der es gebürstet und gestriegelt wird. bevor der tod es zersaust. in seinem schleudergang.