Kernower Elegien [Pendoggett | Kelter der Öle | wachet]

morgen wäre ein guter Tag. über den Tod zu sprechen [für wen freust du dich? niemand heilig. und nur einer treu. über den Morgen hinaus] wovon wir gelebt haben [kennst du einen, der nach dem Verlorenen suchte, der das Verirrte zurückbrachte?] wir schauen uns unsere Wunden an. wir schauen uns an. und wollen sehen, wer als Erster aufsteht, Salben zu holen [er kam heim. rief meinen Namen. draußen Brandung und Brausen. drinnen Knäuel von zahllosen Pfaden und Fäden. noch zu entwirrenden. zu knüpfen ein wärmeres Hemd. für den nächsten Winter] heute ist ein guter Abend, zu sich zu reden und jede Angst wie einen Keim des kommenden Leids, der künftigen Leidenschaft in die nackte, noch harte Furche zu legen

Kernower Elegien [Pendoggett | Augenblicke | per definitionem | kurz. plötzlich und unerwartet | das schnell Vergessene | wirres Träumen | zwischen Nacht und Morgengrauen | ferner Klang von etwas Sagendem | gehe dorthin | wo du noch nicht warst | wo du noch einmal sein wirst | weil du wer anders bist | woanders | dem Tag erschienen | Schein ohne Schattenwurf | aus schäumenden Wellen gestiegen | um zu beenden | die Verschwundenheit]

selten. kommt einer vorbei. immer. zu spät. wenn ein Schatten durchs Zimmer fliegt. immer schon Herbst. und die ziehenden Kraniche. Fracht der Seelen. unterm Gefieder. hinter anderen Küsten. in die winterharten Furchen gelegt.

fandst heute, was dir nicht gehört, was einer liegen ließ, damit es ein Anderer aufhebt, wie einen Stein, aufgelesen an fremder Küste und zwischen den Fingern bewegt, alle Stufen Grau, auf deiner rauen Haut.

aber was hat er gegeben? bevor er nah ans Fenster geschoben wurde. und die Hand gegen die Scheibe drückte. als ob er wegschieben wollte den unablässigen Besuch der vorbeieilenden Gegenwart. oder als ob wüchsen aus dem Glas Finger, die er früher schon einmal hat berühren dürfen. wenn er allein war. mit sich. mit einem Einzigen. der auch keine Zeit zu verlieren hatte. und nicht darauf achtete, wie das Haar lag. denn die Zeit ließ sich ja nicht aufhalten. und die Sorgen nicht vertreiben. jeden Tag der Liebe musste er an den seidenen Fasern gebrochenen Lichtes zu sich ziehen. in die Stille des einsamen Sterbens.

Kernower Elegien | Pendoggett | Waka-Variation

[weiter. lief die Zeit. das Unsrige liegt verlassen. doch es bleibt. das Unsrige. müssen nicht mehr wissen. was geschah. an jenem Tag. uns genügt ein Erinnern. an das einsame Haus. und das Rauschen des Schilfs. das in uns Wohnende. was die Liebe tat]

abends. Heimfahrt. allein. | an unterschiedliche Ufer. | zwischen uns: Winde. | über den Klippen: Wolken – | Zug der Himmlischen | auf gebrochenen Schwingen

Kernower Elegien [Pendoggett | aber wenn keiner ihm entgegenkäme]

er geht jetzt anders. seit die Welt vernichtet wurde. da sind jetzt andere Pfade. über dieselben Hügel gespannt. wie Seile, das Land zu halten. so nah beim hungrigen Meer. wie Seele, entrollt aus allem Verworrenen seiner Vergangenheit. um es zu wickeln um sein Übriges. das er jetzt noch halten möchte. es zu bewahren. vor der Vollendung.

was sollte ihm fehlen. wenn nichts mehr ist. aber vielleicht würde er gerne etwas teilen. vielleicht sich selbst. und geben eine Hälfte dem Anderen. der ihm das brüchige Halbe hinhält. wie gebrochenes Brot.

Zum Text (Stand: 29.03.2023): https://stefanplasa.org/pendoggett-kernower-elegien-waka-variationen/

Kernower Elegien

Pendoggett | Waka-Variation

[Fraß des Alls | über Nacht | halbe Inseln | übernachtet | Meer der Zeit | jetzt | nicht mehr | früher | am Fenster | die Streifen Regen | heute | noch nicht | in Staub verwandelt | später | aus leeren Händen | morgen | Flug der Möwe]

tot ist die Welt | wenn du dich nicht erinnerst | Augen wie Schatten welker Narzissen | unter dem Flattern der Tauben | Stein über dem Schlaf

hier keine bleibende Statt [Wanderers Traum]

ich stand
in der Mitte des Schweigens
an der Scheide der Tage
als zurückkehrte ein erstes Wort

da schlief noch die Welt
da war ich ihr einsamer Wächter

und hatte vor Anbruch des Lichtes
die ganze Klarheit des stillen Sehens

mein Opfer
stieg aus dem Schatten
den das Mondlicht warf

darin
konnte ich spüren
wieviel Kraft es kosten würde
hinauszutreten
und über die Wunden zu steigen
um überwunden zu sein
in Liebe

und hinter den Mauern
in ihren Gärten
wüchse die Freiheit
läge in Erde und Wurzelgeflecht
der Schoß meiner Werke

Chor der Verlorenen, VII [hier keine bleibende Statt]

wir gehören den Straßen. wir gehören den Wäldern. wir kehren zurück aus der verronnenen Zeit. so schön das Gras auf unseren Gräbern. so still die Seen des letzten Schattenwurfs. und wie verglühender Stein das keusche Mondlicht. wie aus Milchkannen gegossen. das Weiße unserer Augen. in jenem Moment, als wir nicht mehr blind waren und sich die Erde fest an unsere Sohlen heftete, spiegelte sich da unten auf den kalten, feuchten Steinen der Himmel. und endlich konnten wir sehen die Wolken, in denen sich unserer Kinder Flügel verfangen hatten. als hätten die Heerscharen Netze ausgeworfen für ihre Seelen. aber wir sangen: sie gehören den Furchen, wo wir das Reis unserer Jahre ernten; sie gehören dem Wegesrand, wo das restliche Wilde wuchern soll. so schön die Klage am Ufer der Zeit. so still das Land der Felsen, und ihre Schultern von Wellen massiert. Wind im Laub. wo wir uns wiegen. wo unsere Seelen gewogen sind.