in viam pacis

Abschluss der Sammlung: Mecklenburgische Elegien [Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

I

du gabst ihnen Herzen
darin die Rede von einem Geheimnis ruht

keine Arbeit vergeblich
keine umsonst verzehrte Kraft

spät kam der Regen
und fiel bis zu ihrem Erwachen

du wirst sehen
ob sie nicht vergessen haben
ihr Glück zu teilen in Dankbarkeit

ach
lass sie doch erzählen
Genügsamer
vom vollen Mond hinter ziehenden Wolken
von den leicht wippenden Zweigen der Birken
unter denen sie friedlicher gehen
mit der zärtlichen Lüge von einer besseren Kindheit

die wenigen Wünsche
leise gesprochen
und als ob von dir selbst
auf die Zungen gelegt

nimm ihnen nicht
die Kraft, schwach zu sein

lass es ihnen so geschehen
als hättest du selbst geflüstert
so geschehe es

aber im Klang vieler Stimmen
so viele
wie es Farben hat
im Reich der Blüten

ach
Schönheit ihres frühen Opfers
um der späten Früchte wegen
den reiferen Duft und dunkleren Glanz
noch haltend einen Regen lang

daran erinnernd
was vor ihnen war
was ihnen folgen wird
wenn tiefer das Licht im Wasser steht

Abschied zu nehmen
von allen Jahreszeiten

mögen sie spüren
des Windes Schmerzen
wenn er durch das Gefallene greift
wenn sie das stillere Wissen erfasst
was sie nicht lassen können
was du ihnen gelassen hast
für Schatten und Schutz
an den heimischen Ufern ihrer Fremdheit
wo sie nicht mehr sagen können
was ihnen entschwand
wartend
erwartend
was ihnen entgegenkommt
wenn es sich umdrehte
ihnen zuwinkend
auf dass sie ihm folgen mögen
die Wolkenwege, die Lichtwege
wo die Luft sich bewegt
als atmeten selbst die Felsen
auf dass sie gemeinsam denken
es braucht nur diese kurzen Aufenthalte in den Augenblicken
um in der Zeit zu sein und sie zugleich lassen zu können

und sie wissen doch sicher
dass sie alle Hände haben
zu schöpfen das kühle Wasser der Bäche
in denen
als sie noch schliefen
das erste Licht des Tages badete

II

du hörst doch die Gebete derer
die ihre letzten Samen auf die Wege streuten
bevor sie sich der Wiegen nicht entsinnen konnten

wen stört der Staub?
der sich auf ihren Hunger legte

Wind und Wellen
gehen über ihren Schlaf hinweg

Uhren und Glocken und Atmen
im wunden Gehör

so lass doch
ein Gras wachsen
ein Laub
einen einsamen Blick
der ihnen sagte von deiner Liebe
von der sie früher einmal sangen

aber allein sitzt jetzt die Amsel auf dem First
stumm und als ob versunken
in der Schwere der sich zum Winter schleppenden Tage

unerträgliche Sonne
über den sandigen Ebenen
vertraute Wälder der Kindheit
brennendes Haar der Nymphen
was auch immer
die Träume der Sterbenden heimsucht

treib sie nicht fort
aus dem Duft der Äpfel
und den Farben der Dämmerungen

leg doch dein Schweigen in ihre Starre
unter die Haut der frostigen Wangen

für kommende Blüte ein Odem
für den Ruf ihrer Namen dort

wo ein duldsames Gestein
um ihre Seelen bittet

peregrinari [Bekenntnisse | Meditationen]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

im Traum nur. warst du nicht mehr müde. da tagte es ein ganzes Jahr. und kühler Wind in den Zweigen deiner Wünsche. in die Mitte des Lichts, wo die Stille jeden Klang umschließt, fiel, was du geflüstert haben musst. wie eine Kugel in den Brunnen. da sitzt ein Kind. und singt allein vor sich hin. und hat die Gespenster hinter sich zu Stein verwandelt. ihre Augen wurden zu Flechten. und ihre Tränen zu Straßen, aus der Zeit geflossen.

[…]

was ihnen blieb: Sterne zwischen den Streifen, als ließe der Himmel die Wege fallen der Kranichzüge und der zwischen den Seelen pilgernden Engel. sie gehen gen Norden die Gleise entlang. als ob zurück zu jenen Tagen, als die eigentliche Wahrheit ruhte in der Not einer Lüge.

[…]

in dir wachsen Ideen, wohin es dich zöge, wärst du ein Pilger. die Zeit fährt immer fort. ganz gleich, wo du weilst. oder ob du dich bewegst. du würdest dorthin wandern, wo die Weile eine andere Länge bekäme. und nach einer gewissen Strecke würdest du denken: sie folgt mir. ich gehe ihr voraus. aber dann kämen die Aufenthalte. und sie würden von Mal zu Mal länger. bis dir die Stille sagte: sie lässt sich betrachten. an allem. was vergeht.

[…]

grau mag sein das schon lange Vergangene. fahl die Zukunft. die uns in diesen müden Tagen erzählt wird. doch dass wir uns erkennen am Warten aufeinander. an der Sehnsucht. nach des Anderen Stimme. und keine andere Sprache zu haben scheinen als die gemeinsame. weit. weit voraus. den üblichen Worten und Tönen. viel tiefer noch. dort. wo Augenblick und Erinnerung in eines zusammenfließen. wo der Spiegel, vor dem man steht, den Anderen zeigt, wie er dich anschaut. und nach dem Schlaf noch eine unbestimmte Zeit Haut an Haut, im einigen Atmen zu liegen.

[…]

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in dubio

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenspalter | Tagzeitenbuch]

I

der Töne Grund
die ihrer Lieder ledig
von Hoffnung wund geriebene Hände
das Glück. vergessenes. weiß dich noch
in den entferntesten Winkeln. hört es dich atmen
reißt sich die Ängste aus dem Schauen der Nächte

II

[Klage des Christophorus]

was habe ich hier verloren?
deine Stimme im Schatten, den ich werfe, flüstert: Tod
träumend muss ich gegangen sein an ein Ufer ohne Wiederkehr
anders zu schlafen. ohne Sehnsucht
keiner soll mir folgen. in die dunkle Behausung
wo ich nichts erinnere. als die Idee von Gott. die es einmal gab
ich nahm dorthin nichts mit
und wo ich zuletzt gewesen sein muss, schleifen die Wellen die Spuren
fern ist dort die Rede von einem Morgengrauen
wo, wenn es regnet, keiner an Tränen denkt
ich liege in der Ermattung der Zeit
schmerzlos unter den morschen Armen der Mütter
das Laub meiner Lieder fiel in die eisigen Hände ferner Monde
und meine Finger sind wie zerstoßenes Gestein
darin noch ein Gehör in stumpfer Wachheit
für den Wind, der kommen mag
doch ist ein Trost in der Stille
und die Seele noch sehr jung
als sie zum Geschenk wurde
zur Gabe
inmitten einer umfassenden Verwitterung
Trümmer der Webstühle
Trümmer der Altäre
Trümmer der Wangen
der Hände der Füße der Wege der Gedanken
nicht mehr wachsen wird das Gras
und die Knospen haben verkohlte Augen
ein Scheitern der Zeit
zurücklassend weder Zorn noch Fragen
unvorstellbar werden sein
Landschaften und hilfreiche Opfer und wartende Boote
fallende Sterne und steigende Nebel
nicht einmal das Unvorstellbare
das Kinder sich erzählen, nachts, in Zelten, wenn die Schatten der Gespenster
zwischen den Ästen der Eichen schaukeln
aber immer wird eine Brandung durch das erstarrte Schauen gehen
und Felsen stehen darin, wie Säulen, die sich zuwerfen möchten das Echo ihrer Klagen
dass ohne Trauer ist die Zeit. ohne Hauch. ohne Klang

III

bist du glücklich?

leicht ist der Körper im Traum
etwas bewegt sich
klopft ans Fenster
oder zieht die Schatten ab
vom Boden
von den Wänden
wie Klebebilder die du drehen sollst
um sie als Wolken an den Himmel zu heften

oder gefaltete Boote
zwischen die Wellenkämme gelegt
oder aufgezogen auf Fäden
von Licht und Staub

deine Stimme
rieselt in die Spalten
zwischen Müdigkeit und Kuss

die Hand greift in den Abgrund
ein anderes Reifen und Rufen
der Zweige über der Brandung
ein engerer Raum
wo Land und Meer sich streiten
als ob um Licht und Schatten

allein geblieben
mit allen Gedanken
Sterben und Lieben
geopferte Zeit
und die Frage
wofür

aber sind nicht Gebete
wie endlose Flure
von denen die ungezählten Zimmer abgehen
für Schlaf und Wachen
und hinter manchen von ihnen
die Gärten und Küsten
dorthin hinauszutreten
wo Irdisches und Himmlisches sich sehr nahe kommen
ein Sprung nur über den gefallenen Stamm der Esche
ein Schritt nur von der letzten Stunde des alten Jahres zur ersten des neuen
ein Griff nur durch das Glas wie durch Quellwasser
in den Händen zu halten diesen kurzen Moment
bis es die Augen erfrischt und reinigt von den wirren Träumen

dem Heiligen dort am nahesten
wo das gebrochene Licht seine Schmerzen am stärksten empfindet

IV

und nie vergessen
konntest du jene
die dich verließen
die ausstiegen aus ihren Seelen
und ihr Schauen verstauben ließen

oben hast du gesessen
still
in deiner Verzweiflung
und blicktest über das Land
und legtest sein müdes Gesicht in deine wunden Hände

Hirte Du
ohne Flöte und Stab
Sänger Du
ohne Lyra und Echo

fragend
immer und immer wieder
warum du dich in die Welt schicktest
warum sie nicht überlassen
dem Feuer und den Winden

und so einsam bei Nacht
hinter den Altären
und in allen Zeichen der fließenden Zeit

vor allem aber
dem eigenen Geist nicht zu entkommen

V

spät erst
habe ich zu leben begonnen

fern
ist der Garten der Heimat

seine Vögel
höre ich singen und schwatzen
täglich
nach dem Erwachen

mich überflutet
die Welt

ein einsames Boot
habe ich mir gebaut
und auf einen Hügel geschoben
der aus der Brandung ragte

über den Liedern
wuchs Gras
aus dem Hauch
der die Wange der Mutter streifte

mein Finger
fast wie ein Halm
der das erste Licht
das über den Horizont kroch
berühren möchte

die Gewitter sind fern
und die Ufer ohne Rückkehr

einsame Bäume
werfen Schatten

und einzelne Wolken
als hielten sie sich fest am Himmel

ein Ort für mich
mit etwas Platz
für letzte Träume

so gut wie vorbei
ist das Leben
und früh am Morgen
blickt es mich an
aus dem Winkel des Unversuchten

zwischen den Gräsern
der Stein
sieht aus wie Brot

in meinen Händen
zerstoßene Muscheln

es fehlt nicht mehr viel
dann hat sich verzehrt die Zeit

mir fehlt nicht mehr viel
außer die besseren Worte des Geliebten im Ohr

Lied der Stufen [veni creator spiritus]

[Mecklenburgische Elegien | LiederGabe]

siehst du nicht auch: das Laub verdorrte
Ruf des Erbarmens. des Schweigenden…
wie klingt sein Gedächtnis. in den Falten der Ewigkeit

wärst du nicht auch sein Gefährte, der mit ihm verharrte
in seinem Schatten, dem tiefer sich beugenden,
weil ihn der Dienst am Lichte so freut?

bald nun die Eiszapfen. glühend über den Schächten
an jedem Ort der Trauer, wo er nach Leben begehrte
Fugen dazwischen. sinkend in Worten und Tönen:

träumt er davon, was sie ihm Kostbares brächten,
wenn er sie reicher und zärtlicher nährte,
summend sein fernes, einsames Sehnen:

komme. lautlos. windstill. ein Regen wie Firnis auf deiner Haut.
sehen wir, blind, um zu erkennen, wenn unser Auge ergraut.

peregrinari [Bekenntnisse | Meditationen]

durch Ödland. die Heimwege. zur Heimwiege. da hängt der Mond zwischen Wäscheleinen. die Züge rasseln hinter den Häusern. zwei Straßen weiter. und landende Flieger ziehen über den Dächern vorbei. einer nach dem anderen. wie an Schnuren herabgezogen. mit den Schatten uralter Ungeheuer. die durch alle Wohnungen rasen. wie die hilflosen Rufe des Daidalos an den leeren Ufern von Ikaria.

Wechselgesichtige. Nicht Unbeschreibliche. Blicke hinaus. wie die Blicke hinein. doch ging ihnen verloren. Davor. Und Einst. die anderen Namen. unter ihren Füßen versteckt. oder ins Wasser gestoßen. wie lästiger Stein. aber nur. wenn es keiner sieht. und dass sich die Tore nicht öffnen. wenn jemand naht. ist bei ihnen die Zeit ein versickernder Regen. in den harten Furchen dürrer Erde. unerinnerlich.

[…]

du hast die Räume noch nicht durchschritten. in denen sich die Zeit dehnt. dahinter zu finden heimische Küste. Duft von Tang. Sand. Hafer. Kiefern. Heidekraut. stiller Glaube. und leiser Zweifel. Gesichter aus Stein. dahinter das Lächeln zu suchen. ihr Rauhes. ein gänzlich natürlicher, zärtlicher Klang. sie sagen nichts. sie erinnern alles. sie leiden im Verborgenen. sie schauen dir hinterher. wenn du vorübergegangen bist. als ob einer sinkenden Abendsonne nach. sie sind in den späten, wärmeren Farben. im Gedeckten des Herbstes. groß werden ihre Augen in der Rückschau. aber niemand muss ihnen jetzt erscheinen. von weit her. um ihnen zu sagen. woher sie kommen. sie sind alle Vertriebene. Gestrandete. mit zerstoßenen Seelen. und rissigen Händen. du aber kannst schweigen. unter den Schweigenden. mit Krügen voll Wasser gehst du durch die trockenen Gärten ihres stummen Brütens. zu gießen alles Unmögliche. das du dir vorstellen kannst.

[…]

als dich nichts mehr zurückhielt. herauszutreten. aus der Last des Erinnerns. dich zu erschöpfen. in schweigender Wanderschaft. die Augenblicke zu sammeln. in den Schritten. sorglos die Finger zu legen. in den Staub. der die Wunden schloss.

dunkler. des Pilgers Gesicht. wenn er heimkommt. Schatten des Freundes. der ihm die Hand reichte. und so kostbar das Wenige. das er geben konnte. Welkendes. das sich verwandelt. unter den Sohlen. Anderes spiegelnd. wenn er Wasser holt. und im Brunnen die Augen dessen erkennt, der ihn nicht mehr fand. der Düfte zurückließ. von Gräsern. und Blüten. 

du schöpfst mit deinen Händen. so lange. bis der Sand zu Schnee geworden ist. in der Schönheit des Sternjasmin. in der Reinheit des weißen Lotus. rastlos zu sein. solange die Trauer. wortlos. solange die Träume. blühend im matteren Licht. in den Tropfen geschmolzenen Glases. im Herz eines schon brüchigen Gesteins.

peregrinari [LiederGabe 2]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

ich fühle die Möwen über den funkelnden Wellen
dein Boot. am ferneren Ufer
darin ein altes Schilf geduldig wachsen konnte

ich spüre: ein anderes Leben will sich erzählen
die leisere Stimme: sie kündete tiefer
und tropfte ins Erdreich, wohin ich mich wandte

da rufen die Wurzeln wie eingegrabene Laute
darin dein Gedanke: ans Licht zu klettern
dem besseren Kinde reifere Früchte zu bringen

der Garten, versteckt hinterm Haus, das ich dir baute
als Zuflucht vor jeglichen Wettern
blieb einsames Ufer, wo mir die Amseln singen:

komm‘, Frühling. das Echo der ziehenden Jahre
komm‘, Herbst. dass ich mein stilleres Auge erfahre

peregrinari | veni creator spiritus [LiederGabe]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

warum die hohen Feste sich so schnell vergessen
so fern die Zeit, in der man bleiben mochte
steig‘, Gott, herab, gelöst aus deiner Trauer

aus deiner gold’nen Zweige Fesseln
was immer einer, der auch schöpft, sich dachte
gelt‘ deinem stillen, matten Blick die nächste Feier

wenn wir die Gärten deiner Jugend dann verlassen
sind wir einander die Verliebten wieder
die an den Fenstern wie an leeren Ufern stehen

wir werden wissen dann, was wir vermissen, ungelassen
im Sang der späten, zärtlicheren Lieder
weil wir, wie lahm auch immer, leichter gehen

am Rand der viel betret’nen Straßen
wo wir zuletzt allein im Blick des And’ren saßen

proficiscere, anima [versiculus]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

jetzt ziehen schon wieder die Schwalben
am Ufer stehst du
zwischen den Weiden. gebeugt
und siehst die Pfade zurück
die Spur, die sich dort zeigt
der Gräser am Wegrand, der falben
und hast einen Blick
als winkten dir Freunde zu
mit seidenen Fahnen, halben
die du durchschnitten
bevor sie dir Abschied sagten. und: gute Ruh‘
bevor du mit anderen Schritten
heimkehrst. und blätterst in staubigen Alben…

meine Zeit | in deinen Händen

[für Wolkenbeobachterin | Danke Dir…]

Seele
das Kind

das Gras wächst
wieder

wes‘ Namen trug es
sein Lied entstand am Ausgang unbewohnter Wälder

darin die Blüte aufging
und über laubbedeckte Böden ging hinweg ein Wind

wegloses Wandern
Gedanken. irrlichternde

auf jeglichem Erwachen
Apfelernte. versäumte

und plötzlich lag Schnee
der Hoffnungen. der ungezählten