Eumaios. hinter den Fenstern

2023.10.29 | Tag 174 der Erstarrung

was könnte sein? mühlos vergegenwärtigt. Vergangenes, das sich bewegt. Bestehendes, das sich kaum zu rühren scheint. Zwischen allem Lebendigen, das sich flackernd verzehrt. du schaust in die Namen hinein. du siehst hinter Mauern blühende Wiesen. du hörst zwei Menschen vertraut miteinander reden. und weißt nicht, wer ist wer. die Stimmen bekommen Gesichter. und aus ihren Schritten wachsen die Körper in deine Träume hinein. du fühlst dich gerufen. hinaus aus deiner Einsamkeit. und hast wieder Hoffnung, an die Schwelle zu gelangen, hinter der sich zeigte aller Sinne Sinn. und endlich steht das Endliche da. in all seiner Fülle. erschüttert und selig. das Kraftvollste aus dem Zartesten. aus Licht und Gelingen ein Schatten des Schicksals. falls du noch Zeit hast. über die Pausen des Daseins hinaus. am Rande sitzend. und über ihn hinweg blickend. dass sich dir zeigten alle Dinge, die Schatten werfen.

Werkstatt II [Tropfen | letztes Licht | gebrochenes]

nach dem ersten Herbststurm
Heimweh und Fernweh
verstreut zwischen Laub und Schritten
drei Wolken verteilt über den Tag
drei Gebete in Decken gewickelt
die Blicke hinaus voller Falten
und rankend um die Gesichter ein hilfloses Wünschen

die Fahrt geht weiter
die Fährten von Zeit bedeckt
und Föhren über die Klippen gebeugt
als hätte die Küste ihr Wandern unterbrochen

ach
so lang die Wege zwischen Tag und Bestimmung
und wund die Pfade vom wuchernden Dickicht

wussten die Tränen nicht
was die Hände halten wollten
was mit den Rehen hinter der Lichtung verschwand?

ein Meer
rauschend um die Augenblicke
ein Wehen
ein Weh
um das endlose Schauen

aber. mein Wandern. mein Warten

Beginn eines neuen Text-Zyklus

ich bin fort. ich bin steckengeblieben. unterwegs. hängengeblieben in mir. die Augenblicke. die mich nicht verlassen wollen. als ich noch hier war. also: dort. wo ich wieder hin will. das ist lange vorbei. doch ich bin es noch lange nicht. ich bin der Gleiche. unter allem Veränderten. an den fremden Ufern. doch die Fragen lassen sich nicht auswaschen. und die Augen haben wechselnde Farben. aber ich muss das Fürchten nicht mehr lernen. darum gibt es keinen Grund auszuziehen. ich habe mich gut eingerichtet in den Wünschen. die sich nicht erfüllen werden. lieben und furchtlos sein. lieben und ein Pfund verlorene Seele zurückbekommen. von einem, der auszog, um sie zu finden. der mich so anschaut, als hätte er immer nach mir gesucht.

zum Text-Zyklus (Stand: 22.10.2023)

Rostocker LiederGaben

Fünf Waka-Variationen

Schicksal. Fall der Schöpfung.
Tag. an seinem Ende.
freie Wege. lichtlos.
Krüge voll Asche. in den Brunnen gegossen.
schöpfend ein Wasser. dem Unstillbaren.

verstecke dich. Blüte.
im Schatten der Kiefern.
warte noch ab das sattere Licht
nach dem Tag der verblutenden Möwe,
wenn das Meer ihren letzten Wunsch an die Küste gespült.

am Anfang. ein Blick.
Schweigen. am Ende.
Augen wie welkende Astern
im Gewölle der Zeiten,
wehend zwischen dem morschen Holz ihrer Lippen.

aber der Tod. das ganze Leben.
aber die Liebe. das halbe Sterben.
da rieselt der Staub meiner Träume…
Leben: weil Liebe.
Lieben: weil Tod.

sagt nichts. das Meer ist tief.
in dem das Boot versank.
schweigt. dass es euch sage
von den Ertrunkenen.
und was sie hofften.

Zu den Texten der Sammlung Rostocker Liederbuch

Rostocker Liederbuch

Prolog zum ENGEL DER VERZWEIFLUNG, Heiner Müller | Zwischenakttext zur Rostocker CARMEN, gesprochen von Lillas Pastia | Premiere: 30.09.2023 | Neuinszenierung von Vera Nemirova

ich bin frei. seit ich die Sehnsucht nicht mehr kenne. ich bin frei. ich stehe zur Verfügung. doch heute habe ich Ruhetag. ich bin frei. ich träume nicht mehr. aber ich lasse mir die Träume der Menschen erzählen. seit tausenden Jahren schon. Träume sind besser als das Leben, sagen die Menschen. Träume sind Leben. dann frage ich sie: und, wie war das Leben? sie antworten immer: ach, es war schon ganz gut, aber es hätte noch besser sein können. nun, ich kann das nicht beurteilen. ich habe selbst nicht gelebt. mein Leben floss durch ihre Erzählungen. ich bin so frei! und sie? Dem Einsamen brachte sie ihre Einsamkeit. und ging hinaus. mit ihren Träumen. ach, wie schön sie immer sang! aber ich kenne ihr geheimes Lied…

Rostocker LiederGabe II | Rostock Song Offering [II]

[Waka-Variation | Lied von der Akazienblüte | dans la montagne | das Summen des wilden Kindes | versteckt | in dornigen Zweigen | wanderndes Leben | Schlingen der schwarzen Haare | unter offenem Himmel | Geheimnis | hinter den dunklen Augen | eisblauer Steine Verwandlung | in zitrusfarbenen Dolden | Sehnsucht | der Winde | in Richtung Là-bas]

[Waka variation | song of the acacia blossom | dans la montagne | the wild child’s humming | hidden | in thorny branches | wandering life | creepers of black hair | under the open sky | secret | behind dark eyes | metamorphosis of ice-blue stones | in citrus-coloured umbels | yearning | of winds | towards Là-bas]

hart liegt ihr Schatten
auf deiner wunden Seele
in des Sterbenden Hoffnung
Duft des verlängerten Frühlings
in ihrem Lächeln.
einsame Frage: wann kehrst du zurück

hard lies her shadow
on your sore soul
in the hope of the dying
scent of a prolonged spring
in her smile.
lonely question: when will you return

Rostocker LiederGabe | Rostock Song Offering

[Waka-Variation | Mais nous ne voyons pas la Carmencita! | sie kommen | sie gehen | die Zeit fließt dahin | nimm deine Fragen mit | für später einmal | die Stunde der scharfen Messer | sie schneiden auf | sie schneiden dich auf | in Scheiben | dein singendes Herz | darin ein einziges Lied: fort! fort!]

[Waka variation | Mais nous ne voyons pas la Carmencita! | they are coming | they are going | time goes by | take your questions with you | for later on | the hour of sharp knives | they cut | you | into slices | your singing heart | in it your only song: away! away!]

dunkel. deine Stimme
in ihr: deiner Klage Schatten
deiner Seele verlassenes Haus
dein Tanz. auf staubigen Stufen –
leicht wie ein Wind in den brennenden Flügeln

dark. your voice
therein: your lament’s shadow
your soul’s abandoned house
your dance. on dusty steps –
light as a wind in burning wings