Acht Miniaturen

WiederSprüche

I

bringt euch ein
!
setzt euch aus
[…]

II

ich möchte so gerne
zu dir kommen
dich fragen
wohin die Welt
aus der wir kamen
ging

III

die Gräber
wichen den Türmen
wo sie Wache halten
wichen den Gärten
wo wir uns glücklich laufen sollen
wenn wir wieder zu viel träumten

IV

fremd wird uns bleiben
bis zum Tod
die eiserne Sonne
der eisige Mond

V

bin ich
das
nicht mehr
?

VI

die Schönheit
zu schön
diese Dinge
im Gestein
unter wuchernden Zweigen

VII

diese Zweifel
die sie hegen
viel lieber
als die Beete
und die Gewohnheiten

VIII

es ist
nie zu schön
um spät zu sein

hier keine bleibende Statt

Bildersturm

tiefergelegt. der Himmel. schwer, wieder hochzukommen. wenn man sich einmal gesetzt hat. damit sich einmal alles setzen konnte. Seen wie Krater. ein Mond, von der Erde zu sich gezogen. Wohnung der leeren Zisternen. gleich ist unsere Liebe vorbei. gleich will sie neu beginnen. wenn unsere Leiber lieber zerstückelt grasen in der verlassenen Landschaft. einsam ist unser Beten. ein Murmeln im reglosen Holderbusch. ein Kauen der Pergamente, in die wir das Heilige brannten. Zergangenes auf unseren durstigen Zungen. Überliefertes. dem wir ausgeliefert waren. das wir nicht mehr ausliefern werden. den Kommenden, die wir geliefert haben. den Gelieferten. wir wandern um die Hügel und suchen unsere Schatten. wir wundern uns nicht ob der verlorenen Gräber der geopfterten Ahnen, die ja nicht ahnen konnten, zu welchen Hoffnungen wir einmal fähig sein würden.

dein Schlaf im Gestein des Leibes. erloschene Träume. Saum der Stege. hinüber in den Dunst der Vergessenheit. dort. wo sich ein rötlicher Nebel legt auf ein graues Wasser. deine Stimme. zergangen auf Gottes Zunge. hausend im Rätsel. hinter der harten Rinde der Buchen. die ihr Wachsen wagten am Rande der steilen Ufer. deine Sehnsucht. vergangene. Tau und Tränen. der endlosen Schritte Ende. endlich. Neige der Wege. der Umwege. Wiege des schrumpfenden Mondes. der Sterne Verwandlung. und die Knospen erkaltender Trauer. Engelsaugen. perlend ihr Staub. auf den Eibennadeln. und ihr ewiges Bangen wandernd die Scherbenpfade. aus Nacht und Unzeit.

Zwei herbstliche Waka-Variationen

Schmerz einer Drehung | letztes Schauen | während das Schicksal gewrungen und geschleudert || Reinigung von seiner Irrsal | durch die endlosen Tunnel | der einsam schlafenden Schlange

der Winter wartet
auf die Verlassenen
die ohne Trauer sind
die in ihren Schatten warfen
den Nachhall eines zerschlagenen Lebens

Frühlingsgedanke | im späten Herbst

ihr kleinen Blätter
fallt doch auf unsere Füße
fällt doch das Licht des Ufers
zwischen die Schritte
dass unsere Augen Knospen seien

aber. mein Wandern. mein Warten

Foto: Allan Acosta Greño

wie du warst. den letzten Herbst. Laub, das ins Dunkel fiel. stilles Herz. Straße. durch den leeren Tunnel. zwischen den Nachtgewächsen. Stunden des Schweigens. ein erster Sturm. am Anfang der Zeit. sprachen doch zueinander. in unseren Träumen. sangen uns zu. die weißen Segel. ferne Rufe. nacktes Gestein. in die Beete gepflanzt. starr in der Hoffnung. die Schatten nicht mehr verschwunden. lautloses Band. zwischen Abend und Abend.

aber. mein Wandern. mein Warten

子供

Stimmen. die sich entfernen. Wort. das den Sprechenden sucht. letzte Geburt. vor Anbruch des Tages. ein unruhiger Gott. im Haus seiner tausendheiligen Stille. rufe. wenn du noch bleiben willst. im Tiefen. die hohe Zeit. die drängende Bleibe. zu beschließen das Leben. liebend.

unerschöpflich. das Vergehende. Schmerz des Lassens. wer etwas hervorgebracht. wer zurückbleiben muss. einsam. erschöpft. Atem. der Seele Freude und Klage. Klang ihres wehenden Wehs. zwischen Bewohntem und Unbewohntem. ein Riss. wie ein Steg. über die Moore. die Meere.

ihre Hände. gelöst vom müden Gesicht. ihre Augen. in der gefüllten Schale. Schlag ihres Herzens. nach dem ersten Schrei. und wenn sie es trug. zum Ufer. zum Abgrund.

Zum Text (Stand: 12.11.2023)

aber. mein Wandern. mein Warten

noch ein kleiner Schlaf. vor den Scheidewegen. noch ein vergessener Traum. um die Wunden gewickelt. denn wo die Entwurzelten an den Ufern stehen, tropft die stumme Not der Hoffnung von den Weidenzweigen.

legt eure Kindheit zu den Steinen am Abhang. geht euch nicht von der Seite. dass Schatten an Schatten lehne. vor der Stunde des einsamen Flügelschlags.

aber. mein Wandern. mein Warten

沈黙

ich bin kein Letzter. auch wenn mir die Zukunft nicht mehr gehört. die Gegenwart mag ein Irrtum sein. die Zukunft wird sie zurechtrücken wollen. wenn sie stattfindet. als Gegenwart.

ich bin ein Geschöpf des Dazwischen. die Pfade sind eng. zwischen Zeit und Zeit. und alle Wege sind unentwegt, bleiben sie unbeschritten.

ich mache Rast in den Augenblicken. dort, wo das Leben entsteht. dort, wo es zur Ruhe kommen möchte. wandernd erdenke ich Trauerreden. wartend will ich sie schreiben.

anderes könnte ich tun, gegen die Sorge. zwischen Schlaf und Schlaf. Sterne zählen. Steine sammeln. Steine waschen. Stricken. oder Gestricktes wieder aufräufeln.

ich will still sein. und lauschen. schweigend lasse ich den Sand durch meine Finger rieseln. schweigend lasse ich die Stimmen fliegen. wie Schwalben, die ihre Jungen füttern. doch schon im Sommer bin ich der spätere Herbst. und reib‘ mir den Reif von der dünnen Haut. mit dem Birkenlaub, solang es noch Licht trinken kann.

im fernen Rufen mögen die Namen sein. ihr Nachhall ist wie Wellen, die die brandungslose Küste verlassen. der Himmel nimmt alle Spurlosen zu sich. wenn die Zeit sie entlassen hat. wenn niemand mehr nach ihnen sucht. wenn sie niemand mehr vermisst. an einsamen Abenden. wenn niemand mehr vermisst wird, der sie vermisste. weil jede Kette von Vermissten einmal reißt. selbst für jene, denen man Denkmäler baute. Werke mag man erinnern. vielleicht sogar Worte. nicht aber Menschen. ihre Namen sind ein fernes Rufen. ohne Gehör.

過去の愛

er ist jetzt sehr nah. ich müsste nur über eine Schlucht springen können. zwei x zwei Meter breit. oder zwei x drei. ich kann es nicht genau sagen. es ist jeden Tag anders. wir könnten uns zurufen. die Stimmen reichen weiter als unsere Hände. wir könnten uns gegenüber sitzen. ich am einen Ende des Abgrunds. er am anderen. wir könnten uns nicht berühren. aber wir könnten uns alles sagen, was uns berührt. und das Gesagte könnte sein wie ein Federball, den wir uns hin- und zurückschlagen. ein Wetter zöge über uns hinweg. ein Schlund klaffte unter unseren Füßen. aber wenn wir uns wieder umdrehen, um in unsere Häuser zurückzukehren, werden wir wieder zwei Seelen sein, die sich teilten und nicht mehr ganz werden konnten.

悲しみ

er ist schon lange weg. er war noch lange da. er konnte nicht bleiben. er war noch da. wo ich verblieben. die Zeit unterscheidet nicht. sie fließt nur. sie steht nur da. wo sie geschrieben steht. im grauen Gesicht. im matten Blick. in den Flecken auf der Haut.

er ist da, wo ich nicht hinkomme. er ist weg. kein Weg führt von dort zurück.

wenn ich gehe, folge ich mir selbst. und wenn ich auf etwas warte, dann auf meine Rückkehr. das Blut taut auf, wenn ich gehe. tief in mir gerät etwas in Bewegung, wenn ich draußen bin. aber ich rede nur, wenn mich jemand fragt. fragt mich jemand nach dem Weg, werde ich schweigen. ich zeige mich, wenn mir jemand entgegenkommt. aber ich stelle ihm keine Fragen, es sei denn, ich kenne die Antwort schon.

er ist weg. seine Einmaligkeit kennt keine Wiederholung. die Auslöschung ist unumkehrbar. für das Unverwechselbare ist kein Umtausch vorgesehen. die Ausnahme nimmt mich ein. ein Leben lang. obwohl sie selbst so kurz war, dass noch etliche von ihnen in mein Leben passen könnten.

die Zeit verschwendet sich. im Verschwundenen. bevor sie verschwindet.