Werkstatt IX [suchend.sehnend | SuchtSehne]

eisiges atmen. bodennah
klarheit des letzten schöpfungstages
mit den auraflecken der ersten sünde

schuf die welt
schuf aber auch die gegenwelt
ufer und ferne
spiegelung auf dem gespannten draht des horizonts

fallwinde. wundfalle
stürzen zu lassen. himmlisches. in die stimme
flügellose engel. bis einer spricht:
deine augen. mein brunnen
der durstigen seele. kein ende

Werkstatt VIII [Vierte Elegie | im Vorsprung zur Zehnten]

[Sonett, 64,28% | reine Hoffnung | Neigung der Waage]

die Szenen des Abschieds sind gut dokumentiert

die Gärten erwarten den Frühling, den Fröhling, der dort spaziert
und seine Gedanken an gestern verliert
sie warten auf die frisch Verliebten,
auf die zärtlich Ungeübten,
die auf ihren Schatten liegen,
mit Krokuslippen und Augen von Tausendschön,
die Sanftes sich flüstern, ohne zu lügen
z.B.: wir werden uns morgen wiedersehn

[3 Waka-Variationen | Froschklappen. Fallleitung. Schmerz. im Überlauf. Staubfluss. vorletzte Waschung]

dein blick hängt
schlaff über reglosem wasser
weidenlaub
schlafend über den sternen
im see versunken. wie steine

dein blick hängt
schaukelnde anker verwaister boote
verwester träume gewölle
immer deine frage:
wer geht mit mir —
fort

fern —
dein himmel. der schlingengrund
der schlangen häute. und netze aus silbernem garn
wunder des spiegels, über den jeder zweifler laufen kann
wie jeder fromme über die klamm
wenn dort sein blick hängt

wenn er ihn fängt

Werkstatt VII: das Leben [nicht zu] einfach machen

für Vera Nemirova (Freundin. Muse. Meisterin)

Foto: Vera Nemirova

das Leben [nicht zu] einfach machen
nicht zu
im Klang von Wind und Regen

am Rand des Steges sitzt das Kind
und zählt die Fische
und gibt den Sternen Namen
wenn es sich schlafen legt

es kennt nicht die Furcht vor dem Staube
und sieht sich hissen die Segel einsamer Boote
zuzusteuern dem Ferneren
der mütterlichen Liebe Fesseln zu entkommen
und eines Tages
aus den Augen sich den Sand zu waschen
nach langer Wanderschaft

heilend nun dem Tode zugewandt
wenn mancher Liebe Schmerz durchschritten
wenn eines Lebens Hoffnung die gegangnen Wege säumt
und wenn es endlich von der Stille in den Wunden, in den Wundern träumt

7 nocturnal poems & 1 love song

[interim notice | Πένθος]

for Miriam Halfmann & Allan Acosta Greño

in narrow places. among the angels. they find room everywhere. waiting for you to move on. and ascend. once again to higher planes. far away from the lost shores. where the remains of the wall are no longer visible under the grass. remembrance. weary clouds. that will no longer discharge. the footsteps of the escaped. through the sleep of the earth. wasteland. devoid of desire. sacred crystalline toneless infinite field of lilies. the moderation of transience. not to squander eternity. the slender dream. the dew of memory. the deaf tongue of the pilgrim. the blind gardener’s glued eyes. because he is prohibited from speaking about what he has nourished. for a life too long.

to the complete text

aber. mein Wandern. mein Warten

die Sehnsucht schießt ins Kraut in diesen grauen Tagen. wie Frühlingswiesen. die Luft möchte tauen mit den Kinderstimmen. auf einem schlafenden Meer. das nichts von seiner Tiefe weiß. und der Sand seiner Küsten wie die Stirn, hinter der das Vergessene lauert. darüber Felsen, an denen der Himmel zerbrach.

aus allen Schloten steigt der Irrtum. und mischt sich mit dem Atmen der Engel. die ihre Stimmen wund gesungen haben.

frei. in jedem Augenblick. still. aber nicht klanglos. in der Klarheit der Erinnerungslosen. das schlafende Leben in allen Dingen. ungetrennt vom Traum. ununterbrochen in der Idee des Anfangs. im Glauben, dass alles geschehen kann. auch das Gegenteil.

keine Furcht. keine Helden. keine Opfer. und wenn das Licht sich dreht, geht es weiter in aller Ruhe. am schönen Wasser entlang. und es entsteht eine Lust. hinüberzulaufen. und eine Gewissheit, dass dies gelingen kann. ohne nasse Füße zu bekommen.

der Rand ist die Mitte. so hat sie überall Platz. da ist viel von dem, was etwas sein kann. und viele sind da, die jemanden zu sich rufen. der Tod teilt sich mit. und das Leben breitet sich aus. ein erster Klang fällt durch die Leere der frühen Luft. und will sich nicht aufhalten in seiner Einsamkeit. weitere Klänge werden ihm folgen. und das Nichts in die Farbigkeit der Dämmerungen heben. im Moment des Verhallens. wenn der Zeit nicht mehr zu entkommen ist.

Zum Text (Stand: 14.01.2024)

Werkstatt VI [Waka | Tagtraum. unter den Zweigen]

[durch Mark und Bein. die Kälte. Hütte nahe des Flusses. Orte, an denen das neue Jahr erst im Frühling… Wegesränder. wissen um das Verschwundene. was fort ist. was da war. was nicht bleiben konnte. weil sich das Dunkel breitete. auf den Wassern… Farben der Stimmen. zwischen Weiß und Dämmerung. bronzen. Hügel ohne Namen. im Trost des Morgennebels… erwarte nichts, wenn du ans Ufer trittst]

zeig mir ein Schönes
das Atmen einer Schneenacht
zur Mondzeit. den schlafenden See
sing mir ein And’res
wenn sich der Klang des Windes verliert

aber. mein Wandern. mein Warten

Foto: Miriam Halfmann

wir könnten lieben. die Zeit. wir könnten sie uns schenken. wir könnten sie uns einschenken. wie feinsten, grasduftenden Tee. wie etwas, das uns bleibt, weil es mit uns verging. wir könnten es lieben. mehr als alles andere. wir könnten uns lieben. und wären einander die Einzigen. wir schenkten uns einen Augenblick, der auf uns gewartet hatte. mehr als ein einsames Leben lang. wir führen nicht fort, bevor wir nicht einmal ausgestiegen wären, um für eine Stunde zusammen am Ufer gesessen zu haben. und nichts zu sagen. und alles zu denken. wir könnten lieben. was wir sehen. wir könnten teilen. den einsamen Wunsch. hier schon früher einmal gesessen haben zu wollen. hier noch länger sitzen zu dürfen, als es die Zeit erlaubt. und wenn wir auch zeitig fort müssten, könnten wir lieben. den Ort. den wir nicht mehr verlassen. weil es der Ort war, an dem wir uns nicht mehr verließen.

Zum Text (Stand: 21.12.2023)