TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

Foto: Vera Nemirova (Herbstabend am Müggelsee)

2022.10.17 | 949-SARS-CoV-2

[Tag 468 der Isolation]

Ich erinnere mich an den Tag, als wir die Entenküken retteten. Ich frage mich, ob es einen Tag gab, an dem ich dich hätte bitten können zu bleiben. […] Ich weiß immer weniger, wovon ich rede. Was heißt es schon, wenn ich mich an dieses oder jenes zu erinnern glaube? Aber ich kann sehr präzise davon sprechen, was ich versäumt habe und was ich mir wünschte. […] Ich habe wenig erlebt. Ich habe viel miterlebt. Ich kannte zahlreiche Namen. Ich entsinne mich ihrer kaum. […] Ich hätte gerne eine Mutter, die alles weiß und die nicht stirbt vor ihren Kindern, weil sie die Einzige ist, die sie nicht vergessen wird. […] Aber vielleicht habe ich auch Angst davor, dass ihr immer lächelnder Mund größer und größer wird, je länger sie lächelt, und dass ihre kleinen Mädchenzähne zu Stoßhauern wachsen. Doch falls ich Glück habe, wird sie mit zunehmendem Alter immer kleiner und sanfter und ist am Ende wie ein Püppchen. Nur, dass ich nicht möchte, dass sie überhaupt endet, ohne zu wissen, wie wir enden. Ich wünsche mir, dass wir uns Klopfzeichen geben, solche für die Not und andere für die Freude. Ich wünsche mir, in ihrem Kopf eine Kerze anzünden zu können, wenn es dunkel wird und damit sie keine Angst hat, wenn sie durch die Nacht irrt und ihren Schlüssel sucht, und dass sie, wenn sie ihn gefunden hat, ihr Haus nicht suchen muss, sondern davor steht und weiß, wer sie begrüßen wird.

hier keine bleibende Statt

[Chor der Gelassenen]

welchen Sinn soll es haben. das Feuer zu stehlen. sie werfen es den Fliehenden in die Hacken…

wir können uns nicht um alles kümmern. wir sind die Anständigen. nicht die Zuständigen. unsere Sprache ist nicht die der Seele. sondern die der verrichtenden Glieder unserer Existenz. wir sind die glücklich Beschränkten. wir schränken die Hoffnung ein. denn zu viel Hoffnung ist ein Mangel an Erfüllung. und wir haben ja unsere Vorgaben für die Abgaben. für die wir uns gerne verausgaben. unser Denken entfaltet sich gemäß einer sauber gefalteten Ordnung. damit es nicht die Richtung seiner Zwecke verliert. denn es genügt uns, geradeaus zu gehen. so wie die Linien der Wege gezogen sind. weil auf den geraden Straßen niemand lenken muss. weil da niemand abgelenkt sein muss. damit wir niemandem die Gelenke brechen müssen. wenn er woanders hin wollte. wo es ihm nicht erlaubt wäre zu sein. auf dass ihm genehm ist das Genehmigte…

niemand muss hier erst noch erwachen. alle, die hier leben dürfen, wurden schon aus den Betten gescheucht, bevor es dämmerte. damit es ihnen, den Verdammten, nicht dämmert, vor den brüchigen Dämmen…

ganz enorm ist die Norm. dass wir mit den kürzesten Beinen die längsten Schritte machen. uns reicht der Fortschritt. auch wenn wir nicht fortkommen. denn der Fortschritt ist eine Vorschrift. die uns verschrieben ist. der wir uns verschrieben haben. aus der wir nicht fortschreiten. aus der sich die Seele nicht fort schreit. und nur um ihretwillen gehen wir nicht hinaus. denn sie soll drinnen bleiben. von wo sie nicht raus kann. selbst wenn sie dorthin will. mit uns…

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.10.2 | 934-SARS-CoV-2

[Tag 469 der Rückkehr]

die allerschönste Weisheit [du warst sehr nahe] die Rufe zwischen den Steinen. alle Dinge geschaffen [habe nicht alles geschafft] er muss einfach alles lieben [offenbart im Verborgenen] woraus wir entstanden. worin wir versanken. wovor wir uns hüten. ängstigen. beugen. setzen. neigen [Gedanken. fliegende. die Kraniche fort. mit ihnen. für dieses Jahr] er tat uns kund. wir taten wie Kunden. die auf die Bewirtung warten [klettere die Leiter hoch. durch den Himmel. ins Luftlose. Klanglose] leicht knickende Rohre. an denen wie Äffchen empor… aber von oben saugt jemand die Erde auf. wie durch einen Strohhalm [Finger wie glimmende Dochte. an der Haut der Luftballons] unser täglich Stoß gib uns morgen [und die Augen aus Löschpapier] wer weiß schon. ob er uns hört [bleib‘ fern. für den Glauben an dich. dort. für unsere Hoffnung. hier] wir müssen uns beeilen. die Zukunft beginnt jeden Augenblick [der echte Raum. falls man gelebt hat. Zeit] in den Zellen. das Leben [beginne zu wohnen. habe die Fenster verhängt. vor dem Verhängnis. liege aufgebrochen. unter den Sternen. muss unterbrechen. den Aufbruch. durchbrechen. das Angebrochene. weiß Rat. in der Dunkelheit. ein Rad zu bewegen. aus dem Unermesslichen fort. ins Angebrachte] in den Gewölben der Stimme. auf den Pfaden. die sich wölben vom Wunsch durch die Trauer in die Gegenwart(e) des Vergangenen [rührst dich nicht. dort. wo du hin wolltest. wo es ihn gab. nur für dich. allein. den einen Moment] allein… weh… ganz allein [mich erwartet. zur anderen Zeit] halte dir einen Platz frei. für die nächste Stunde. die letzte. immer

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.25 | 927-SARS-CoV-2

[Tag 459 der Isolation]

man wird viel suchen. und tief hinabschauen. man will den Menschen nicht zu ungleich sein. man will es ihnen dennoch nicht zu gleich tun. man kleidet sich freundlich. und möchte an sie erinnern. die Ungekannten. man weiß sehr genau, wovon man mit Freuden singen muss. man weiß noch besser, wie klein der Teil aller Versprechungen, die man nicht uneingelöst lässt, sein muss, wenn man den Geist weit hinausgesandt hat und die Hände, so fest sie eben angewachsen sind, nicht folgen wollen. man spürt, was sich in einem erhoben hat und dass die Füße weit unten stehen und gehen müssen. und fängt eines herbstlichen Tages an, die Wege nur noch zu denken. als seien sie Ufer von Wolkeninseln und tauchten kurz auf mit jedem Traum und schwanden sehr rasch mit jedem Schlaf. bis man erkannt hat, dass nicht mehr Ruhe entsteht, nur weil es immer stiller wird um einen herum. und wieviel ein Licht ist im einsamen Winkel. groß ist das Schweigen, dass die Wünsche nicht verdrängen kann. lang scheint das Ausatmen aller Zeit. des Ungelebten. und ist doch kurz wie der Pfad durch den Flecken Hintergarten bis zur Küchentür. man sucht etwas für den langen Atem, den die Ewigkeit vorausschickt. etwas, das noch zu Lebzeiten einen Ausgang fand. etwas, das zumindest versucht wurde und nicht verschwunden ist, nur weil der Versuch scheiterte. etwas, das sich selbst trägt, wenn der Träger es hat fallen lassen. etwas, das den Träger trägt, wenn er fiel. etwas, das ihn erträglich macht, wenn er träge über den Leinen seiner Jahre hängt und die Augen sind wie der Halbmond, der sich zur Sichel verkleinert. jede Nacht.

[erinnere dich. wo die Fenster waren. vergesse nicht. was die Mauern verhüllten. wer schon alles hier war. und vorbeiging am Verschlossenen. wer nicht bleiben konnte. und verloren ging in den Landschaften des Winters]

es gibt noch andere, die sich befragen ließen. nach ihrem Gedächtnis. sie könnten interessanter sein. vielleicht sogar schöner. man muss ihrer habhaft werden. man muss sie sich anverwandeln. und baut mit ihren Städten den eigenen Himmel. aber man will die eigene Natur nicht schlicht wiederholen. man holt sie nicht mehr ein. die Taue. man holt nicht mehr aus. im Traum. aus Angst, man könnte sich davon nicht mehr erholen. oder dass man sich ihn holt. den Tod.

allem Abschied voran

[unter den Schritten. Orpheus. RücksichtsLos]

XVI

die Stimme muss noch warm sein. die Sprache bleibt kalt. sie ist dem Schmerz überlegen. in ihrem Dunkel trifft das schon Beendete auf das noch nicht Begonnene. wir merken es in dem Moment, in dem ein Stein ins Wasser fällt und wir den Kreisen der Wellen zuschauen. und nicht genau sagen können, ob sie auf uns zurollen oder sich entfernen.

[wollte dir gehören
wollte deine Schöpfung sein
Nebel auf dem See
Irrlicht. darin gefangen
warte. dass dein Tag anbricht]

man denkt sich so etwas nicht aus. man hatte davon keine Vorstellung. sie waren geflohen. man konnte nicht mehr ermitteln, ob voreinander oder vor sich selbst. die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, sind vielleicht nie abgeschlossen. man hegt den Verdacht, dass sie sich auf die Suche nach dem Verlorenen begaben, von dem man sich so viel erzählt hatte. man sah etwas aufblitzen über dem Horizont, als sei ein Stern ins Meer gestürzt. etwas heulte auf zwischen den Wolken. seitdem ist das Wasser reglos wie ein Spiegel, der sich statt nach Bildern und Widerbildern nach Hall und Widerhall sehnt. seither ist alles verdreht. alles verworren. man arbeitet bis zur Erschöpfung an der Lösung der Knoten. man weiß nicht, was gefunden wird. man ist sich nicht sicher, ob ein Befund überhaupt von Belang sein wird. man wird schon sehen. man hat schon größeren Unfug geglaubt.

[er ging ohne Ton
zur Blendung eisiger Stille.
immer. ist Dunkel.
auf seiner Seite das Licht.
verhallt. Lied seiner Heimkehr…]

Leere der Fülle.
Ekel der Erinnerung.
Kind. Seele im Sprung

[werde dich nie verlassen. will mit dir sterben. bleibe immer bei dir. auch ohne dich] vom Rausch blieben nur die Bärte [bin voll leer jetzt. krass abgerauscht. im muffigen Ausatmen eines Luftballons] drehe dich nicht um. rückwärts. heimwärts. langsam die Gänge hinunter. raunende Stimme. lasse dir Zeit. wie die Zeit dich ließ. Ewiger. Einziger. siehst du denn nicht unser beider Schatten? er zeigt uns unser Sterbliches. sie treten es ins Gestein. noch einen halben Abend. noch eine ganze Nacht. dann wird mich dein schlafloses Träumen verewigt haben. dann sind wir frei von Vergangenheit. und von Zukunft. dann schauen wir einander in die Augen und erkennen in ihnen die endlosen Kreise der Sterne um unsere verlorenen Nächte. und aus diesem Augen-Schein wächst uns die Winde der Ewigkeit.

[wohin fallen wir
oder steigt die Welt um uns
Schlinge der Arme
lassen nie voneinander
und nie von unserer Furcht]

XXXIX

wo bist du dann
wenn die Rückkehr nicht mehr gelingt

wolltest du nichts beginnen
aus Angst vor dem Ende?

jede Entfernung schien dir sicherer
um dem Schmerz der Begegnung auszuweichen

[…]

meine Hand
streckte ich durch das Licht
des Morgens

ich versuchte
solange den Atem anzuhalten
bis mich dein Finger berührte

du solltest
mir nicht verlorengehen
weder in der Fülle des Fremden
noch in der Entbehrung des Eigenen

weil ich glaubte
du würdest mir folgen
ging ich hinaus

allem Abschied voran

dabei hatte es den Anschein
als folgte ich dir

ich lernte schnell
in meiner Hoffnung zu überwintern

reglos lag ich
wie ein Findling
auf unbestelltem Felde

nein
du solltest mir nicht gehen
um mir nicht zu vergehen
unter der zeitlichen Neige

ein Augenblick genügte
zahllos zu sein
in meinem Erinnern

um zu wissen
dass der Tod längst begonnen hat

XL

ich will mich freuen
ich durfte den Garten wässern
die Ewigkeit wird ohne Durst sein

ich will mich freuen
wenn ich das Ufer erreicht habe
das schon so lange auf mich wartete

andere werden sich mit mir freuen
und meine Stimme
wird nicht mehr einsam sein

zum vollständigen Gedichtzyklus

Mondwiege XII/XIII

XII

gehe zur Quelle
dein Atem ruht
unter den Steinen

er kann sich nicht mehr zurückhalten
er fließt dir nach
durch jede Dürre
selbst noch die Stufen hinauf

Hauch
der den Klang sucht
und für den Klang eine Wohnung

und für sich selbst
einen Namen
der in ihn zurückfließen kann
die Wege über die Flüsse hinweg

[…]

der zurückkehrt
an einem Morgen
wenn der leise Schlaf
sich aufzulösen beginnt

wenn es der Wartende
selbst noch nicht weiß
auf dem einsamen Lager
verlassener Inseln

und wenn er erwacht ist
und die Stille um ihn herum
kann ja nur Frühling sein
ganz gleich zu welcher Jahreszeit
aufgebrochen sein wird
sein Herz

wie die nackte schwarze Erde
von Pflug und Egge
dass Platz hat ihr Durst

XIII

du kennst mich noch nicht
du hast mich noch nicht erkannt
du bist noch nicht herausgetreten
aus deiner Wunde
du kamst noch nicht zur Erde herab
um an einem anderen Ort
und in deiner Liebe
rastlos zu sein

hier kannst du dich
zum Geschenk machen
und musst nicht mehr einsam deine Gaben zählen

hier gibst du Schutz
und könntest selber Frieden finden
und Freuden
die nicht tot durch dein Fleisch kriechen
sondern noch im Abschied
das schaffende Licht des Geistes
im Gewebe deines Namens halten

und es ist ja nicht bedeutend
woher du kommen wirst
sondern dass es eine Ankunft gibt
für den Wandernden
dass du nicht fällst
wie aus allen Wolken
sondern aus einem Haus ins Freie hinaustrittst
und dass du nicht
wenn die Nacht begonnen hat
in ausgestorbenen Wäldern stehst

was soll dir bleiben
was soll von dir bleiben
wenn Norden ist
über- und überall
und Winter
die eine
nicht mehr veränderliche Zeit

zum vollständigen Gedichtzyklus

Tove ist stumm

[von Wegen, über die Inseln hin]

II

du hast auf Regen gewartet
das Licht wanderte
durch deine Augen
in die Tropfen

lass uns Liebende sein
so lange es niemand sieht

wir gehen die Pfade der Wurzeln
zwischen den Gräbern

mir wurde die Zeit sehr lang
ich hatte mich völlig verheddert
im Geflecht des Ungesagten

du hast gerufen
ich ging…

V

anders
leuchteten die Wolken
an jenem letzten Abend

deine Haut
spiegelte die stille Ferne
einer freien und fremden nächtigen Landschaft

bevor du einschliefst
legtest du deine Hand auf die seine
der schon wanderte durch die Räume der Wiederkehr

Einer wird warten
ein Anderer ankommen
wenn die Falter noch an den Zweigen kleben

vom Sommerregen die letzten Tropfen
auf dem Laub der Hortensiensträucher
mild duftende Zeit vor der Sorge

vor der Träne
die nur noch ein eisiger Wind aus dem Auge zog
weggewischt mit dem Rücken der Hand

das Gedächtnis wird rissig
wie vergilbtes Papier

und unter allen Gedanken
wird mürbe die Sehnsucht

[…]

es kommen keine Briefe mehr
grünlich färbt sich die Dämmerung

grasende Kühe im glücklichen Fraß
und ein badender Mond in ihrer Tränke

VII

um die Schmerzen zu lindern
um den Moment nicht zu versäumen
in dem er an die Tür klopft

aber es wird nicht nötig sein
sich die alten Geschichten zu erzählen

wir werden ganz still vor den Wänden sitzen
und nicht mehr sehen das Vergangene

hier nur
soll die Wahrheit sein
nicht dort

wo man sich verliert im Gehörten
und in den Vermutungen

[niemand wusste mehr
was man hätte wollen können
was man hätte tun sollen
jedem war nur
eine Hand geblieben und ein Fuß
ein Auge und ein Ohr
aber zwei halbe Menschen
ergaben noch keinen ganzen]

wohin also zurückkehren?

die Häuser sind abgebrannt
die Inseln hat das Meer geholt

[ich will nicht mehr sprechen
ich kann nichts mehr sagen
ich will mein Verlangen nicht kennen
ich will nicht noch einmal beginnen
ich will hier bleiben
dass mein Leben ohne Rückkehr ist]

Heimat und Trauer sind verloren

[wer warf sich ans Ufer
getragen über das Ende hinaus
man hat ihn nicht kommen sehen
er sagte uns nichts
er musste still bleiben
wie das Gras
wenn er nicht wieder weg sein wollte
wenn nicht von Schmerzen gesprochen wird
gibt es sie nicht
die Fragen müssten sich erledigt haben
die Betten sollen einsam sein
jedes Elend muss sich selbst genügen…]

er wird den helleren Tag schon noch sehen
und den Rest des Traumes
im Moment des Erwachens

warum hat er sich anschwemmen lassen?

bald wird auch für ihn alles fort sein
und kein Verhängnis wird mehr hängenbleiben
er wird nicht mehr wissen
wie er ausgesehen hat
und wird vergessen haben
an wen er so oft dachte

[du kannst die Liebe nicht erklären
wie alles Unverdiente
leg‘ dich zum Traum dort nieder
wo dein Bett bereitet ist
lass das Wasser von den Felsen stürzen
hinab zu den Wüsten
wo es versickern mag
vergesse die schrecklichen Jahre der Suche]

IX

warten…
die zartesten Dinge
finden ihren Ort

[…]

des Meeres Tiefe
nicht enthüllte Geheimnisse
Mitte der Seele

[…]

sahst Du die Schiffbrüchigen?
sinkende Steine im schwarzen Wasser
Rinde der Leiber rostig
und ihre letzte Sekunde im gefrorenen Auge

[…]

male doch andere Gesichter
und Runen des Lebens
in die Falten um ihre Münder
als blühte etwas
inmitten der väterlichen Kälte
oder als wüchse Moos auf blankem Fels

mache es gut
bis dann
bis wann

verlorene Stimme
wenn deine Sprache sich vollendet hat

Geräusch des Regens auf dem Fenstersims
Staub einer Trauer
unsagbar in den Straßen

[…]

und der Rand der Welt
da
in deiner Wohnung
einsam

diesseits der Mauern
alles
was seinen Anfang sucht

wo jeder Abend
die Fernen einatmet

wo gerufen werden
die Namen der Kinder
ungeboren

[…]

aber wie nebel- und regenverhangen
der Tag auf deinen Gedanken auch lasten mag:
die Stunde kommt
in der du dich in den Frühling hinausgehen siehst
und das durch deine dunklen Augen gebrochene Licht
zeichnet die schattigen Landschaften
in denen du stehest wolltest
am Ausgang zur Zeit

X

alles wird allmählich kleiner
durch die Spalten des Vergessens
ins Ferne wuchernde Triebe
zu Ästen dem Ewigen zugestreckt

du gehst durch die Fremde
und fragst nicht mehr nach dem Weg
und erwartest nicht mehr
dass jemand wartet

noch bist du müde
nach zu langem Schlaf
reibst dir die Träume aus deinen Augen
wirfst sie in den Nebel
der von den Flüssen aufsteigt

[Sie halten bitte noch eine Nacht durch
Sie sagen bitte ihren Namen nicht
[…]
und reservieren Sie uns doch bitte
für morgen einen Tisch beim Chinesen]

die Schlafenden sind nicht mehr hungrig
wenn ihre Seelen verzehrt wurden

die Wachenden haben ihre Köpfe verloren
wenn sie ihr Schweigen nicht brachen

die Müden trugen dunkle Mäntel
schwer vom Regen
und sollten in ihnen über die Schluchten fliegen

[…]

was aber am Morgen danach
wer geht zum Brunnen
und hält der Seele
sofern sie ihren Namen offenbarte
die Schale Wasser in offenen Händen unter die Lippen

diese Schmerzen
sind wie jene
und das Auge geht
in eine bleibende Richtung
woher das Licht kommen soll

wenn aus uns
der Wald herausgeirrt ist
und die Schatten der Buchen
auf unserer neuen Haut verblassen

hörst du sie auch flüstern
er wird wiederkommen
er wird sehr reizend sein
er wird seinen Namen sagen
er wird singen
mit grasduftender Stimme

und was wird er dir sagen
von den Geheimnissen der Heimat
die bei den Müttern sind
die ihre Küsse fallen ließen
von den leeren Fenstern
und in die Gärten
wo sich unsere Kindheiten verloren

du wirst erkennen
dass er zu dir kam
weil bei dir
alles Erinnern blieb
weil bei dir wunderschön sein werden
die Abschiede

und danach
alle Blicke wie Stein

Intermezzo

[…]

zum Ende hin muss die Stille nicht mehr erzwungen werden. man muss nicht mehr warten, bis der Schnee fällt. man kennt seinen Ort, als ob man selbst das Ziehende ist, das aufs Meer hinausblickt. man weiß sehr genau, was man dem einen fernen Menschen noch sagen würde. und sonst keinem. man hofft, dass er versteht den Sang der Amsel. an einem künftigen Frühlingsmorgen […] was ist denn die Seele anderes, als das stille Land zwischen den Küsten, über das hinwegziehen die Kraniche, mit allen Sehnsüchten fort und heimwärts in unserem grauen Gefieder, darin sich die Zeit angesammelt, die schon verging.

spreche jetzt bitte nicht von Ferne. lasse jetzt bitte diesen einen Moment im Innenhalt. im Gestrüpp auf verwitterten Mauern. für die Knospen eines künftigen Glückes. […] war noch einmal eingeschlafen. als draußen Regenschauer… als draußen rauschender Wald… nahe der Küste. aber in der Schilfharfe saßen noch die Stare. wie halbe Noten. im noch stillen Gewitter des Klanges, wenn es noch sucht nach seinen Stimmen. Und ungeduldig wartend eine jede, auf den Finger, der ihre Saite zupfen wird, damit sie endlich abgeben können, in einem Wimpernschlag, diesen einen einsamen Ton, den sie eingeatmet haben, ihr ganzen Leben.

[…]

die einsamsten Vögel. werden am schönsten singen. ihre fernen Triller rauschen silbrig durch das Erstarrte der unbetretenen Gärten, in denen die Zeit wartet auf ihren Anfang. ein wunderliches Lied. es handelt davon, wie ein Geborener zum Lebenden wird. durch die Liebe. im Schmerz der Erkenntnis. und selbst sich fragend, warum er so lange tot war.

[…]

die Dolen stürzen herab. von schneebedeckten Gipfeln. wie schwarze Pfeile rammen sie ihre Schnäbel in unser Schauen des Himmels. und an den Ufern werden sie zu Pfählen, zu Wellenbrechern. wo die Möwen ruhen. bis zum nächsten Hunger.

[…]

zum Text

allem Abschied voran (III-VIII)

[…]

jemand wird erwartet
sein Kommen
könnte die Ufer zurückbringen
und ein Gras wachsen lassen
auf den Narben der alten Erde

aber dann wäre die Sehnsucht zu Ende
der Abschied würde sie ängstigen
die Daheimgebliebenen
und ihre Gärten
wären aufs Neue ummauert

[…]

gerecht
ist die Zeit
allen gehört sie

aber der Morgen
an dem die Liebenden erwachen
ist ihr alleiniger Besitz

[…]

[was wird sie ewig müh‘n]
sie fliehen dem Winter

sie suchen einander
das Eigene wiederzufinden

sie hören etwas
vom anderen Ufer der Zeit

sie sagen nichts
wenn sie einander sehen
übers Wasser gebeugt

[…]

alle Züge
fahren in eine Richtung
alle
wollen die letzten Brücken erreichen

die Gesichter
fliegen vorbei an den Fenstern
wie die Jahre

[…]

wo bleibt denn
die Dämmerung

wo bleibt
mein Dämmern

und eigentlich
müsste der Morgen doch
ein sehr eigenes
ein sehr geheimnisvolles Licht
fast wie gebrochen
durch etwas Unbekanntes
in unser Schweigen schicken

wie ein Gesandtes
nach dem man nicht hätte rufen können

sichtbar erst
im Nebel auf dem Wasser
im dunkleren Brennen
in dem die Gestalten verschwanden
die da eben noch standen
am Saum der Nacht
als ob ein Floß sie mit sich nahm
als ob im Klang erdacht
der eben übers Ufer kam

zum Text

Risse in der Haut der Zeit (Gesänge XXVIII-XXX)

komm‘ doch her
es ist schon spät
lass uns nicht böse träumen
wir schleichen uns durch den Mauerspalt
und atmen ohne Angst
auf der anderen Seite des Gartens

[…]

nimm mich mit
in den kurzen Frühling

höre das Vöglein
am einsamen Ufer
Herbste und Winter
lang

[…]

sie wissen Bescheid
die Ersten verlassen die Häuser

draußen wird es hell

die Körper hungern
nach Umarmungen

sie eilen über die Flure
die Treppen hinunter
rufen sich zu
was sie gehört haben wollen

Vieles
will man gesehen haben
Wunden
Geröll
schlafende Kinder

[…]

hast du etwas gehört
komm‘
wir gehen zu den Feldern
gleich
geht die Sonne auf
komm‘
wir gehen zum Ufer
und steigen auf
wie Stare aus dem Schilf

[…]

wohin
der Klang
als wir so weit entfernt

erstickte Klage
unter den Wunden des Landes

Spuren der Schnecken
als ob sie aus letztem Loch
die alten Lieder pfiffen

sie ziehen durchs hohle Holz
wie der Wind

[…]

fremd die Toten
die aus den Häusern getragen werden

doch jung ist das Jahr
und Keinem fällt’s auf

[…]

war müde
ging ein Stück entlang am Wiesenrand
bis das Vergessene wiederkehrte

ging hindurch
unter der Stille
verlassener Nester

[…]

zum Text