bevor das Gras vergeht [IV]

wie drückt sich die Stille aus? ihre Farbigkeit nah an gealterten Blüten. wenn die Abschiede schon eine Weile zurück. wie gekündigtes Leben. weil sich das neue nicht ankündigen möchte. sich aufzugeben. weil keine Aufgabe mehr an den Schaltern des Künftigen. nichts mehr anzunehmen von den zu lange Verschollenen. Wege. als ob davongemachte. unter zu vielen Schritten. Umspiegeltes. bis sich nichts mehr erkennt. die bare Sicht. die Unsicht-Bahre. und hinauszuschauen. falls du jetzt noch etwas sehen willst. unterhalb des Himmels. oberhalb der Landschaft. und falls ihr Flügel wachsen. falls sie sich beflügeln lässt. von den Erzählungen der Wanderer. die sich die Beine ausrissen. und das Gestein ihrer Blicke in die Brandung warfen.

hier keine bleibende Statt [wir zupfen die Saiten der Margeriten]

jemand fragte: wie soll ich hier leben?
und trank aus Angst kein Wasser mehr

jemand schlug sich die Knöchel zu Splittern
weil die Wälder so endlos

jemand pflückte roten Mohn
und sah am Wegrand die himmlischen Zeichen

jemand ging einen anderen Weg
und dachte nicht an seinen Tod

jemand blickte vom Fenster herab
und schaute den Zügen hinterher

jemand schüttete Milch in den Abguss
jemand sprang von der Klinge
jemand ging die Ufer flussaufwärts
Anfang November

jemand hatte einen Gedanken
jemand wünschte sich einen Traum
jemand stand unter dem Apfelbaum
Mitte April

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 41 der Erstarrung

du hattest verstanden. jeder für sich. gegen jeden. gegen sich selbst.

an unseren Knochen. hängend. ein seltsam verwandeltes Haar. die kleinen Freuden. die über die Hügel gestiegen. in die Gärten Verpflanztes. Tröstliches. Namen. unter Sprockholz und Seetang. an uns. Auftrag. wie Bienen zu fliegen. ein aus Gras geflochtenes Haus. zu tragen. über Gebirgskämme. über Meere. den Inseln zu. bevor verbrennen die Blüten des Mutterkrauts.

du hattest verstanden. Wirbel des Sandes. Spiegel der Luft. Welt im Honiggestein. Wissen. das den Tod nicht nötig hat.

tauche wieder auf. frage. aber zweifle nicht mehr. fühle keine Sorge. und wenn du schon nicht laufen kannst über das Wasser. so erblicke darin. was es bezeugt.

Eumaios. hinter den Fenster

Tag 43 der Wanderungen

er wird weinend kommen. du wirst hinausgegangen sein. Lichter werden fallen in das Innere. letzte Tropfen Regen in den Brunnen. einsam kam er zu dir. einsam warst du gegangen. er könnte jetzt beginnen zu erzählen. nachdem du verstummt bist. er wünscht sich, hoffen zu können. dass du dich erinnerst. wie du wachsen konntest mit ihm. wie du welken musstest. als er fort war. und weil er der Gefundene war, musste er nicht mehr gesucht werden. und weil er verloren ging, konntest du nicht mehr bleiben. das Jahr brachte keine Fülle mehr. die Zeit lag erschlagen mit ihrer Felsenhaut unter der Sonne. doch er wartet noch immer auf deinen Ruf. er steht an den verschlossenen Pforten. er will dem Tode nahe sein. und hinabschauen in das Land des Lebens. die Landschaften, durch die er noch nicht wandern konnte. durch die du nicht mehr wandern wirst. er wird erfahren, wo du gelegen hast im Elend. und dein Geheimnis kann in ihm noch erwachen. und aus größter Ferne, zugleich in tiefster Zärtlichkeit, das Schwerste von sich selbst fordern: an einem Ort zu bleiben, den du verlassen hast.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 27 der Erstarrung

aber hast du etwas pflanzen können? was nicht verwelkt? und würde es nicht reicher noch im Vergehen? und brächten nicht reifere Früchte Trauer und Gedächtnis?

Klang der Stege. die schlafenden Möwen. die wartenden Boote. da sieht schon vor Sonnenaufgang der Besuchte seine Verlassenheit. in den grauen Schatten. auf zarten Wellen. auf dem feuchten Holz […] leere Klause. wenn er heimkehrt. auf den kahlen Stab gestützt. aber er ist gegangen. hat sich übersetzen lassen. als er schlief. wartet auf einen Fragenden. der noch wissen will. was alles in seinem Schweigen lag.

[…]

noch ist der Abend nicht gekommen. an dem du sagst: genug. und nicht mehr schließt die Vorhänge. abzuhalten das kalte Licht des vollen Mondes. ein Tag wird das sein, von dem Du am Ende noch wissen wirst, wie er begonnen hatte. das Verlorene wirst du noch einmal erinnern können. bevor es durch die Gewebe letzter Träume sickert. dir war es dennoch für einen Moment, als wolltest du ihnen zurufen: haltet mich fest, bevor die Flut kommt und das Ewige in den Furchen verschwindet und alle Geheimnisse ans Licht gedrückt werden und eine Haut sich legt um die gelassene Zeit und ein Gestein um jedes Wort, das du nicht mehr sagen konntest. da härten aus deine Schmerzen. und die Wangen lassen sich streicheln. vom Fluss eines tieferen Wassers.

Kernower Elegien [Pendoggett-Psalter]

halbschattiges Zimmer | in der Mitte ein Tisch | gedeckt | als ob Gäste erwartet werden | geschrumpfter Raum | zu einem letzten Augenblick der Hoffnung

ich weiß nicht, wohin. ich kenne mich nicht mehr aus. die Welt rennt fort. sie nimmt die Zeit mit. ich werde nicht mehr gebraucht. dort nicht. und dann nicht. die Häuser fahren in die Nacht davon. ihre Lichter werden kleiner und kleiner. bis sie sich zusammenziehen zu Sternenhaufen. ich werde indessen durch meine Träume gejagt. und kann den Ausgang des Erwachens nicht finden. ich irre durch ein halbes Haus. durch einen halben Garten. durch ein halbiertes Leben. innerhalb dessen sich alles teilt. innerhalb einer Stunde. die ich so gern noch einmal hätte. wäre für mich noch ein Wunsch frei.

Kernower Elegien [Pendoggett | solange du wanderst, fällst du nicht | die gleitenden Möwen | solange der Wind | bald nun ist Ruhezeit | bald wirst du uns nahe gewesen sein]

alle kommenden Tage werden sich gleichen. doch du wirst verwandelt sein. andere wird es geben. die wie du sind. alle werden erblindet sein. alle werden sich in ihre Seelen schauen. alle gehen wie Kinder durch die endlosen Wälder. sie wachen nicht auf. sie wissen nicht, ob sie geschlafen haben.

wo ist mein Herz? bin nicht mehr da. sie drängen. sie stoßen. mit steinernen Händen. die von hohlen Köpfen herabhängen. ich muss jetzt fort. ich wollte ja immer woanders hin. und weit weit weg. lang sind die Züge. so lang wie die langen Strecken. ich gehe durch sie hindurch. bevor sie ihr Ziel erreicht haben. eisiger ist es da vorn. und einsamer. früher konnte ich leichter atmen, je einsamer ich war. heute drückt das Gestein von allen Seiten. ich denke, ich bin ein Gestrüpp, das noch zum Baum werden kann und über alles hinauswächst. nur nie über sich selbst. ich gehe lieber dahin. bevor ich dahingegangen sein werde. ich bin noch nicht weit gewandert. aber ich fand die Frage schon. nach der ich immer gesucht hatte.

still lag das Meer bei deiner Abreise. es hatte alles Licht zu sich genommen. alle Bitten um Frieden. dir sprach es zu das Bewahrende. auf das sonst niemand gehört hatte. dir waren gefolgt die Gezeiten. Geduldiger. du kehrst zurück zu den Wohnungen deiner Geburt. Gott hat dich gesehen. du hast ihn erkannt im Unauslöschlichen deines Namens. nun kann dein Staub über die Dünen wehen. Jegliches fließt aus den brüchigen Waben der Zeit. und ihre Wandungen hielten aufrecht den Himmel. der immer frei ist. für den, der erlöst sein will.

Kernower Elegien [Pendoggett | Kelter der Öle | wachet]

morgen wäre ein guter Tag. über den Tod zu sprechen [für wen freust du dich? niemand heilig. und nur einer treu. über den Morgen hinaus] wovon wir gelebt haben [kennst du einen, der nach dem Verlorenen suchte, der das Verirrte zurückbrachte?] wir schauen uns unsere Wunden an. wir schauen uns an. und wollen sehen, wer als Erster aufsteht, Salben zu holen [er kam heim. rief meinen Namen. draußen Brandung und Brausen. drinnen Knäuel von zahllosen Pfaden und Fäden. noch zu entwirrenden. zu knüpfen ein wärmeres Hemd. für den nächsten Winter] heute ist ein guter Abend, zu sich zu reden und jede Angst wie einen Keim des kommenden Leids, der künftigen Leidenschaft in die nackte, noch harte Furche zu legen

Kernower Elegien [Pendoggett | Augenblicke | per definitionem | kurz. plötzlich und unerwartet | das schnell Vergessene | wirres Träumen | zwischen Nacht und Morgengrauen | ferner Klang von etwas Sagendem | gehe dorthin | wo du noch nicht warst | wo du noch einmal sein wirst | weil du wer anders bist | woanders | dem Tag erschienen | Schein ohne Schattenwurf | aus schäumenden Wellen gestiegen | um zu beenden | die Verschwundenheit]

selten. kommt einer vorbei. immer. zu spät. wenn ein Schatten durchs Zimmer fliegt. immer schon Herbst. und die ziehenden Kraniche. Fracht der Seelen. unterm Gefieder. hinter anderen Küsten. in die winterharten Furchen gelegt.

fandst heute, was dir nicht gehört, was einer liegen ließ, damit es ein Anderer aufhebt, wie einen Stein, aufgelesen an fremder Küste und zwischen den Fingern bewegt, alle Stufen Grau, auf deiner rauen Haut.

aber was hat er gegeben? bevor er nah ans Fenster geschoben wurde. und die Hand gegen die Scheibe drückte. als ob er wegschieben wollte den unablässigen Besuch der vorbeieilenden Gegenwart. oder als ob wüchsen aus dem Glas Finger, die er früher schon einmal hat berühren dürfen. wenn er allein war. mit sich. mit einem Einzigen. der auch keine Zeit zu verlieren hatte. und nicht darauf achtete, wie das Haar lag. denn die Zeit ließ sich ja nicht aufhalten. und die Sorgen nicht vertreiben. jeden Tag der Liebe musste er an den seidenen Fasern gebrochenen Lichtes zu sich ziehen. in die Stille des einsamen Sterbens.

Kernower Elegien [Pendoggett | aber wenn keiner ihm entgegenkäme]

er geht jetzt anders. seit die Welt vernichtet wurde. da sind jetzt andere Pfade. über dieselben Hügel gespannt. wie Seile, das Land zu halten. so nah beim hungrigen Meer. wie Seele, entrollt aus allem Verworrenen seiner Vergangenheit. um es zu wickeln um sein Übriges. das er jetzt noch halten möchte. es zu bewahren. vor der Vollendung.

was sollte ihm fehlen. wenn nichts mehr ist. aber vielleicht würde er gerne etwas teilen. vielleicht sich selbst. und geben eine Hälfte dem Anderen. der ihm das brüchige Halbe hinhält. wie gebrochenes Brot.

Zum Text (Stand: 29.03.2023): https://stefanplasa.org/pendoggett-kernower-elegien-waka-variationen/