in dubio

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenspalter | Tagzeitenbuch]

I

der Töne Grund
die ihrer Lieder ledig
von Hoffnung wund geriebene Hände
das Glück. vergessenes. weiß dich noch
in den entferntesten Winkeln. hört es dich atmen
reißt sich die Ängste aus dem Schauen der Nächte

II

[Klage des Christophorus]

was habe ich hier verloren?
deine Stimme im Schatten, den ich werfe, flüstert: Tod
träumend muss ich gegangen sein an ein Ufer ohne Wiederkehr
anders zu schlafen. ohne Sehnsucht
keiner soll mir folgen. in die dunkle Behausung
wo ich nichts erinnere. als die Idee von Gott. die es einmal gab
ich nahm dorthin nichts mit
und wo ich zuletzt gewesen sein muss, schleifen die Wellen die Spuren
fern ist dort die Rede von einem Morgengrauen
wo, wenn es regnet, keiner an Tränen denkt
ich liege in der Ermattung der Zeit
schmerzlos unter den morschen Armen der Mütter
das Laub meiner Lieder fiel in die eisigen Hände ferner Monde
und meine Finger sind wie zerstoßenes Gestein
darin noch ein Gehör in stumpfer Wachheit
für den Wind, der kommen mag
doch ist ein Trost in der Stille
und die Seele noch sehr jung
als sie zum Geschenk wurde
zur Gabe
inmitten einer umfassenden Verwitterung
Trümmer der Webstühle
Trümmer der Altäre
Trümmer der Wangen
der Hände der Füße der Wege der Gedanken
nicht mehr wachsen wird das Gras
und die Knospen haben verkohlte Augen
ein Scheitern der Zeit
zurücklassend weder Zorn noch Fragen
unvorstellbar werden sein
Landschaften und hilfreiche Opfer und wartende Boote
fallende Sterne und steigende Nebel
nicht einmal das Unvorstellbare
das Kinder sich erzählen, nachts, in Zelten, wenn die Schatten der Gespenster
zwischen den Ästen der Eichen schaukeln
aber immer wird eine Brandung durch das erstarrte Schauen gehen
und Felsen stehen darin, wie Säulen, die sich zuwerfen möchten das Echo ihrer Klagen
dass ohne Trauer ist die Zeit. ohne Hauch. ohne Klang

III

bist du glücklich?

leicht ist der Körper im Traum
etwas bewegt sich
klopft ans Fenster
oder zieht die Schatten ab
vom Boden
von den Wänden
wie Klebebilder die du drehen sollst
um sie als Wolken an den Himmel zu heften

oder gefaltete Boote
zwischen die Wellenkämme gelegt
oder aufgezogen auf Fäden
von Licht und Staub

deine Stimme
rieselt in die Spalten
zwischen Müdigkeit und Kuss

die Hand greift in den Abgrund
ein anderes Reifen und Rufen
der Zweige über der Brandung
ein engerer Raum
wo Land und Meer sich streiten
als ob um Licht und Schatten

allein geblieben
mit allen Gedanken
Sterben und Lieben
geopferte Zeit
und die Frage
wofür

aber sind nicht Gebete
wie endlose Flure
von denen die ungezählten Zimmer abgehen
für Schlaf und Wachen
und hinter manchen von ihnen
die Gärten und Küsten
dorthin hinauszutreten
wo Irdisches und Himmlisches sich sehr nahe kommen
ein Sprung nur über den gefallenen Stamm der Esche
ein Schritt nur von der letzten Stunde des alten Jahres zur ersten des neuen
ein Griff nur durch das Glas wie durch Quellwasser
in den Händen zu halten diesen kurzen Moment
bis es die Augen erfrischt und reinigt von den wirren Träumen

dem Heiligen dort am nahesten
wo das gebrochene Licht seine Schmerzen am stärksten empfindet

IV

und nie vergessen
konntest du jene
die dich verließen
die ausstiegen aus ihren Seelen
und ihr Schauen verstauben ließen

oben hast du gesessen
still
in deiner Verzweiflung
und blicktest über das Land
und legtest sein müdes Gesicht in deine wunden Hände

Hirte Du
ohne Flöte und Stab
Sänger Du
ohne Lyra und Echo

fragend
immer und immer wieder
warum du dich in die Welt schicktest
warum sie nicht überlassen
dem Feuer und den Winden

und so einsam bei Nacht
hinter den Altären
und in allen Zeichen der fließenden Zeit

vor allem aber
dem eigenen Geist nicht zu entkommen

V

spät erst
habe ich zu leben begonnen

fern
ist der Garten der Heimat

seine Vögel
höre ich singen und schwatzen
täglich
nach dem Erwachen

mich überflutet
die Welt

ein einsames Boot
habe ich mir gebaut
und auf einen Hügel geschoben
der aus der Brandung ragte

über den Liedern
wuchs Gras
aus dem Hauch
der die Wange der Mutter streifte

mein Finger
fast wie ein Halm
der das erste Licht
das über den Horizont kroch
berühren möchte

die Gewitter sind fern
und die Ufer ohne Rückkehr

einsame Bäume
werfen Schatten

und einzelne Wolken
als hielten sie sich fest am Himmel

ein Ort für mich
mit etwas Platz
für letzte Träume

so gut wie vorbei
ist das Leben
und früh am Morgen
blickt es mich an
aus dem Winkel des Unversuchten

zwischen den Gräsern
der Stein
sieht aus wie Brot

in meinen Händen
zerstoßene Muscheln

es fehlt nicht mehr viel
dann hat sich verzehrt die Zeit

mir fehlt nicht mehr viel
außer die besseren Worte des Geliebten im Ohr

peregrinari [Bekenntnisse | Meditationen]

durch Ödland. die Heimwege. zur Heimwiege. da hängt der Mond zwischen Wäscheleinen. die Züge rasseln hinter den Häusern. zwei Straßen weiter. und landende Flieger ziehen über den Dächern vorbei. einer nach dem anderen. wie an Schnuren herabgezogen. mit den Schatten uralter Ungeheuer. die durch alle Wohnungen rasen. wie die hilflosen Rufe des Daidalos an den leeren Ufern von Ikaria.

Wechselgesichtige. Nicht Unbeschreibliche. Blicke hinaus. wie die Blicke hinein. doch ging ihnen verloren. Davor. Und Einst. die anderen Namen. unter ihren Füßen versteckt. oder ins Wasser gestoßen. wie lästiger Stein. aber nur. wenn es keiner sieht. und dass sich die Tore nicht öffnen. wenn jemand naht. ist bei ihnen die Zeit ein versickernder Regen. in den harten Furchen dürrer Erde. unerinnerlich.

[…]

du hast die Räume noch nicht durchschritten. in denen sich die Zeit dehnt. dahinter zu finden heimische Küste. Duft von Tang. Sand. Hafer. Kiefern. Heidekraut. stiller Glaube. und leiser Zweifel. Gesichter aus Stein. dahinter das Lächeln zu suchen. ihr Rauhes. ein gänzlich natürlicher, zärtlicher Klang. sie sagen nichts. sie erinnern alles. sie leiden im Verborgenen. sie schauen dir hinterher. wenn du vorübergegangen bist. als ob einer sinkenden Abendsonne nach. sie sind in den späten, wärmeren Farben. im Gedeckten des Herbstes. groß werden ihre Augen in der Rückschau. aber niemand muss ihnen jetzt erscheinen. von weit her. um ihnen zu sagen. woher sie kommen. sie sind alle Vertriebene. Gestrandete. mit zerstoßenen Seelen. und rissigen Händen. du aber kannst schweigen. unter den Schweigenden. mit Krügen voll Wasser gehst du durch die trockenen Gärten ihres stummen Brütens. zu gießen alles Unmögliche. das du dir vorstellen kannst.

[…]

als dich nichts mehr zurückhielt. herauszutreten. aus der Last des Erinnerns. dich zu erschöpfen. in schweigender Wanderschaft. die Augenblicke zu sammeln. in den Schritten. sorglos die Finger zu legen. in den Staub. der die Wunden schloss.

dunkler. des Pilgers Gesicht. wenn er heimkommt. Schatten des Freundes. der ihm die Hand reichte. und so kostbar das Wenige. das er geben konnte. Welkendes. das sich verwandelt. unter den Sohlen. Anderes spiegelnd. wenn er Wasser holt. und im Brunnen die Augen dessen erkennt, der ihn nicht mehr fand. der Düfte zurückließ. von Gräsern. und Blüten. 

du schöpfst mit deinen Händen. so lange. bis der Sand zu Schnee geworden ist. in der Schönheit des Sternjasmin. in der Reinheit des weißen Lotus. rastlos zu sein. solange die Trauer. wortlos. solange die Träume. blühend im matteren Licht. in den Tropfen geschmolzenen Glases. im Herz eines schon brüchigen Gesteins.

bevor das Gras vergeht [VI]

wohin? unendlicher Raum. Seligkeit, beengte. die Insel. atmende Hügel. eigentlich. die aus dem Wasser, aus den Wolken ragen. Lande, entfernte. Schlag des Lichtes. auf die Wellen.

alles ist schön. ohne Schatten. nichts ist da. weniger. je weiter geschaut. brennend Gestein in den Händen. Durchsicht des göttlichen Auges. weil es erblindet. verknotete Schöpfung. dass er sich merkt, wo er sich zuletzt unterbrach. plötzlich. im wirren Nachmittagstraum. wusste er wieder. für eine Milli-Sekunde. wo er geboren wurde. wo es ist. wenn sie sagten. irgendwo.

Gärten. kurz vor der Apfelernte. mildere Luft. nach langen Wintern. Duft der Kräuter. des nassen Grases. Blüten. wie Glöckchen. anzustoßen. von winzigen Zeigefingern. Zeugefingern. zitternden. dass herausfällt ein einzelner Name. und noch einer. und noch einer.

und die Insel. schlafende Buchten. Boote. angefressen. verwettete Fracht. verwitterte. hier könnte man bleiben. gute Winkel. Schätze. vergraben. Jause. die ganze Zeit. die sich selbst vertreibende. aber nicht wissen. was Glück ist. nicht. was wahr. und hinterher. das Gesagte. das Verfolgte. niemals. die Stunde. bevor sie vergangen. vorzeitig. das Vergessene. Fenster. verhangene. zerschlagene Wege. wie Schlangen durch die Gärten. und hinaus. und ihr Fall. kaum zur Kenntnis genommen.

bevor das Gras vergeht [IV]

wie drückt sich die Stille aus? ihre Farbigkeit nah an gealterten Blüten. wenn die Abschiede schon eine Weile zurück. wie gekündigtes Leben. weil sich das neue nicht ankündigen möchte. sich aufzugeben. weil keine Aufgabe mehr an den Schaltern des Künftigen. nichts mehr anzunehmen von den zu lange Verschollenen. Wege. als ob davongemachte. unter zu vielen Schritten. Umspiegeltes. bis sich nichts mehr erkennt. die bare Sicht. die Unsicht-Bahre. und hinauszuschauen. falls du jetzt noch etwas sehen willst. unterhalb des Himmels. oberhalb der Landschaft. und falls ihr Flügel wachsen. falls sie sich beflügeln lässt. von den Erzählungen der Wanderer. die sich die Beine ausrissen. und das Gestein ihrer Blicke in die Brandung warfen.

hier keine bleibende Statt [wir zupfen die Saiten der Margeriten]

jemand fragte: wie soll ich hier leben?
und trank aus Angst kein Wasser mehr

jemand schlug sich die Knöchel zu Splittern
weil die Wälder so endlos

jemand pflückte roten Mohn
und sah am Wegrand die himmlischen Zeichen

jemand ging einen anderen Weg
und dachte nicht an seinen Tod

jemand blickte vom Fenster herab
und schaute den Zügen hinterher

jemand schüttete Milch in den Abguss
jemand sprang von der Klinge
jemand ging die Ufer flussaufwärts
Anfang November

jemand hatte einen Gedanken
jemand wünschte sich einen Traum
jemand stand unter dem Apfelbaum
Mitte April

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 41 der Erstarrung

du hattest verstanden. jeder für sich. gegen jeden. gegen sich selbst.

an unseren Knochen. hängend. ein seltsam verwandeltes Haar. die kleinen Freuden. die über die Hügel gestiegen. in die Gärten Verpflanztes. Tröstliches. Namen. unter Sprockholz und Seetang. an uns. Auftrag. wie Bienen zu fliegen. ein aus Gras geflochtenes Haus. zu tragen. über Gebirgskämme. über Meere. den Inseln zu. bevor verbrennen die Blüten des Mutterkrauts.

du hattest verstanden. Wirbel des Sandes. Spiegel der Luft. Welt im Honiggestein. Wissen. das den Tod nicht nötig hat.

tauche wieder auf. frage. aber zweifle nicht mehr. fühle keine Sorge. und wenn du schon nicht laufen kannst über das Wasser. so erblicke darin. was es bezeugt.

Eumaios. hinter den Fenster

Tag 43 der Wanderungen

er wird weinend kommen. du wirst hinausgegangen sein. Lichter werden fallen in das Innere. letzte Tropfen Regen in den Brunnen. einsam kam er zu dir. einsam warst du gegangen. er könnte jetzt beginnen zu erzählen. nachdem du verstummt bist. er wünscht sich, hoffen zu können. dass du dich erinnerst. wie du wachsen konntest mit ihm. wie du welken musstest. als er fort war. und weil er der Gefundene war, musste er nicht mehr gesucht werden. und weil er verloren ging, konntest du nicht mehr bleiben. das Jahr brachte keine Fülle mehr. die Zeit lag erschlagen mit ihrer Felsenhaut unter der Sonne. doch er wartet noch immer auf deinen Ruf. er steht an den verschlossenen Pforten. er will dem Tode nahe sein. und hinabschauen in das Land des Lebens. die Landschaften, durch die er noch nicht wandern konnte. durch die du nicht mehr wandern wirst. er wird erfahren, wo du gelegen hast im Elend. und dein Geheimnis kann in ihm noch erwachen. und aus größter Ferne, zugleich in tiefster Zärtlichkeit, das Schwerste von sich selbst fordern: an einem Ort zu bleiben, den du verlassen hast.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 27 der Erstarrung

aber hast du etwas pflanzen können? was nicht verwelkt? und würde es nicht reicher noch im Vergehen? und brächten nicht reifere Früchte Trauer und Gedächtnis?

Klang der Stege. die schlafenden Möwen. die wartenden Boote. da sieht schon vor Sonnenaufgang der Besuchte seine Verlassenheit. in den grauen Schatten. auf zarten Wellen. auf dem feuchten Holz […] leere Klause. wenn er heimkehrt. auf den kahlen Stab gestützt. aber er ist gegangen. hat sich übersetzen lassen. als er schlief. wartet auf einen Fragenden. der noch wissen will. was alles in seinem Schweigen lag.

[…]

noch ist der Abend nicht gekommen. an dem du sagst: genug. und nicht mehr schließt die Vorhänge. abzuhalten das kalte Licht des vollen Mondes. ein Tag wird das sein, von dem Du am Ende noch wissen wirst, wie er begonnen hatte. das Verlorene wirst du noch einmal erinnern können. bevor es durch die Gewebe letzter Träume sickert. dir war es dennoch für einen Moment, als wolltest du ihnen zurufen: haltet mich fest, bevor die Flut kommt und das Ewige in den Furchen verschwindet und alle Geheimnisse ans Licht gedrückt werden und eine Haut sich legt um die gelassene Zeit und ein Gestein um jedes Wort, das du nicht mehr sagen konntest. da härten aus deine Schmerzen. und die Wangen lassen sich streicheln. vom Fluss eines tieferen Wassers.

Kernower Elegien [Pendoggett-Psalter]

halbschattiges Zimmer | in der Mitte ein Tisch | gedeckt | als ob Gäste erwartet werden | geschrumpfter Raum | zu einem letzten Augenblick der Hoffnung

ich weiß nicht, wohin. ich kenne mich nicht mehr aus. die Welt rennt fort. sie nimmt die Zeit mit. ich werde nicht mehr gebraucht. dort nicht. und dann nicht. die Häuser fahren in die Nacht davon. ihre Lichter werden kleiner und kleiner. bis sie sich zusammenziehen zu Sternenhaufen. ich werde indessen durch meine Träume gejagt. und kann den Ausgang des Erwachens nicht finden. ich irre durch ein halbes Haus. durch einen halben Garten. durch ein halbiertes Leben. innerhalb dessen sich alles teilt. innerhalb einer Stunde. die ich so gern noch einmal hätte. wäre für mich noch ein Wunsch frei.

Kernower Elegien [Pendoggett | solange du wanderst, fällst du nicht | die gleitenden Möwen | solange der Wind | bald nun ist Ruhezeit | bald wirst du uns nahe gewesen sein]

alle kommenden Tage werden sich gleichen. doch du wirst verwandelt sein. andere wird es geben. die wie du sind. alle werden erblindet sein. alle werden sich in ihre Seelen schauen. alle gehen wie Kinder durch die endlosen Wälder. sie wachen nicht auf. sie wissen nicht, ob sie geschlafen haben.

wo ist mein Herz? bin nicht mehr da. sie drängen. sie stoßen. mit steinernen Händen. die von hohlen Köpfen herabhängen. ich muss jetzt fort. ich wollte ja immer woanders hin. und weit weit weg. lang sind die Züge. so lang wie die langen Strecken. ich gehe durch sie hindurch. bevor sie ihr Ziel erreicht haben. eisiger ist es da vorn. und einsamer. früher konnte ich leichter atmen, je einsamer ich war. heute drückt das Gestein von allen Seiten. ich denke, ich bin ein Gestrüpp, das noch zum Baum werden kann und über alles hinauswächst. nur nie über sich selbst. ich gehe lieber dahin. bevor ich dahingegangen sein werde. ich bin noch nicht weit gewandert. aber ich fand die Frage schon. nach der ich immer gesucht hatte.

still lag das Meer bei deiner Abreise. es hatte alles Licht zu sich genommen. alle Bitten um Frieden. dir sprach es zu das Bewahrende. auf das sonst niemand gehört hatte. dir waren gefolgt die Gezeiten. Geduldiger. du kehrst zurück zu den Wohnungen deiner Geburt. Gott hat dich gesehen. du hast ihn erkannt im Unauslöschlichen deines Namens. nun kann dein Staub über die Dünen wehen. Jegliches fließt aus den brüchigen Waben der Zeit. und ihre Wandungen hielten aufrecht den Himmel. der immer frei ist. für den, der erlöst sein will.