die vielen briefe. die. eines tages

[erste sendung | 2025]

der wanderer. kurzbiographie. bekenntnis

heute. sind die worte geheimnislos. darum. gewinnen die offenen landschaften an bedeutung.

bei deiner ankunft. werden sie dunkel. du brauchst noch eine nacht. ruhelosen träumens. und wirst sie erkennen. sobald sie der folgende morgen aufgehellt haben wird.

dir wird sehr schnell klar. dass du hier einen raum der zufälle betreten hast. die einzige linearität ist die der zeit. doch in ihrer gesetzmäßigkeit wirst du befreit einen schritt nach dem anderen machen. richtungslos. freudvoll. still.

wanderer werden heißt, ein einziges ziel zu kennen: das ende des tages. er läuft durch dich hindurch. während du selbst ein mäandernder fluss gewesen sein wirst. und erst nach seinem ablauf trittst du in den beginn all dessen ein, was sich erzählung nennt.

wiederum aber. brauchst du eine nacht. um zur stimme zu gelangen. zur stimmung. die alles klangliche erst hörbar werden lässt. nicht wie eine klinge oder schelle. sondern: hörbar und wieder hörbar als ein schon lange verklungenes.

denn die erinnerung kann sich nicht beschränken auf ein protokolliertes. sie selbst muss ein koloriertes sein. will sie sich nicht ausweisen lassen aus dem haus des gedächtnisses. will sie der bleibende ausweis werden: der vergangenheit.

wanderer bleiben aber bedeutet: ein unentrinnbarer zu werden. ein hiesiger. der vom dortigen zu singen vermag. ein im wandern abgetauchter. ein aus den wundern aufgetauchter.

das grenzland ist dein gefilde. das land der ufer. der stundenlangen, wortlosen blicke auf ruhendes oder tosendes wasser. das die krümmung der erde hat endlos werden lassen.

wanderer aber bist du. weil in dir die kraft der rückkehr wuchs. in deiner seele wurden eins: das verlassene. und das verlässliche. du nimmst wahr. gleichsam wertvoll sind dir das wirkliche wie das unwirkliche. in dir ist eine wahrheit: die wachsende hoffnung, dass dir kein weg im wege ist.

dennoch. hast du ein wissen: ganz gleich, ob dich hinaustreibt die traurigkeit oder die neugier, das heimgesuchte bleibt haften wie ein schatten.

jetzt. kamst du nach hause. weil es der immer zu kurze tag so wollte. gleich. legst du dich schlafen. brauchst noch eine nacht. ruhelosen träumens. morgen aber. also: dann. sind die worte geheimnisvoll. als teil der offenen landschaften. durch die du gegangen bist.

die vielen briefe. die. eines tages

[letzte sendung | 2024]

gleich den menschen. die aufbrachen. schwach. vor der welt. aufgehobene. zwei schritte vor dem abgrund. elend. im leib des todes. aus liebe zu werden. wegbereitete. in der sage vom frohen tag. wenn alles. was bald da sein sollte. nah ist.

[hängen geblieben. zwischen den jahren]

das land der hoffnung. fast. wie erdrückt. fest. vom reglos atmenden nebel. was sich nicht alles erfahren ließe. schübe der obere chor das schweigen beiseite. spiegelte der himmel ein jegliches. das wir uns vorstellen konnten. an wunderbarem. vergessen nur. im tiefen schlaf. wir steigen nun bald hinab. in die schattigen kammern. wo das herz des lichtes zur ruhe kam. und sich auflöste die sehnsucht. in der nähe der neuen zeichen. in der ferne alter stimmen. die uns zuriefen. aus den schlaffen zweigen. über dem fließenden wasser. der ohne erbarmen sprudelnden quelle. zweige. von denen unsere namen fielen. zahllose als laub. wenige als früchte. hier am matten punkt der zeit. wo das leben eine ahnung gewinnt. vom baldigen ende.

[wildes heer. kopf über | dorn. röschen. der nabel. die frist | land unter. nebel und frost]

aber die hohen hecken. wenn der wind. hindurch. der mond verdreht. zur leeren feuerschale. verfangen in ihren spiegelungen. schwarzerlen- und weidengezweig. und. aus einer silbrigen hand. wuchsen die seidenblumen. und. die augen gingen wie rosen auf. und. sanft strich ein graues wasser. über. und über. die steinernen wangen. im todesschlaf. und durch ihr träumen. zog sich ein faden. und zog die helden zu sich. jedes jahr. einen. furchtlos. furchen zu ziehen. über die gräberfelder.

[es geht jeden moment weiter]

wohin abgebogen. ohne abschiedsgruß. furcht vor den bedeutenderen gegenden. widerschein. der helleren gesichter. immer. das zu schnell vorübergezogene. immer das kreuz. der wege. und die verlegenheit. kein ziel zu haben. sich locken zu lassen. vom unbekannten. von der beziehungslosigkeit. der verschiedenen räume. die den rand der welt säumen. und überzuschwappen drohen. wenn einer zu hastig. zu tief hineintritt. ohne gegenwehr. und dennoch das innere singen der fremdheit sich enthebt. um das bleibende behaupten und das kommende erwarten zu können. in der schlichtheit des ufers. und im zu-fall einer gelegenheit. weil die zeit sich nicht stört. an einer kurzen unterbrechung.

die vielen briefe. die. eines tages

[es begab sich aber. zu jener… | ein an. fang | oder zwei. oder drei | stein. zunge | hüpfend über ein ruhiges wasser]

seit seinem sturz in die zeit. die große sorge. der kleine schwindel. unterhalb der stille. fremd. in dieser welt. in jeder. selbst im verzeihlichen schlaf. im dickicht der geschichte. in den geschichteten verwandlungen. in den verwandelten geschichten. den verwandten.

die quellgebiete sind unübersichtlich. vieles kann über sie gesagt werden. man beginnt besser zu erzählen, bevor es die anderen tun. dem ursprung gemäß. sind wir vergessliche. was heute hinter uns liegt. fängt morgen an. auf der suche nach den himmeltragenden säulen. kamen wir ab. vom weg. der aus den wäldern hinausführt. in die lieblichen gegenden. der gurgelnden leiblichen. der erste kuss aber. ein zeitalter später. hatte etwas verstörendes. wie immer. wenn ein schlaf beendet ist. und die zeit uns zurückzieht. uns nicht erlaubt. zurückgezogene zu sein. uns irdische hieß man frieden schließen. mit den himmlischen. den oberen. den wartenden. von denen abperlt die zeit. wie ein regen vom gefetteten glas. gleiche hieß man uns werden. unter den anderen. um gelassen zu sein. unter anderem. vom zorn und vom abgrund. wer uns was vormacht. macht uns nichts vor. der geifer im bart eines schöpfers werde immer zum schaum auf den wellen. in den wir nackte eintauchen dürfen. aus dem wir steigen lassen. alles unmögliche. solang es uns glaubhaft scheint. wir sind die entkommenen. nach denen der kinderfressende vater keinen hunger mehr verspürt. fern sind seitdem die inseln des gleichmütigen. des in der verdauung ermüdeten. doch seine gabe der sehnsucht blieb nah bei unseren schütteren herzen. die wir aus furcht. die seite des lichtes betraten. und über unsere grauen augen. die großen wolken ziehen sahen. ermattet von all den plagen. hatten wir nur einen wunsch: die stunde des todes nicht wissen zu müssen. dem konnte noch gerade so entsprochen werden. unter einer bedingung: uns stets vorzubereiten auf die immer unbekannte. wir glaubten plötzlich. erkannt zu haben. was zu tun sei. dazwischen. und bevor der laubschüttelnde wind uns durch haar und haut fuhr. und endlich der große selige. aus den klangtauben ohren tropfte. in die steinernen kissen. das ebenbild aber. gestattet die spiegelung nicht. und die verlorene unschuld band sich an einen vorbehalt: unverschuldet zu bleiben. was jedoch wissen wir seitdem? vor allem: was alles möglich gewesen wäre.

vor dem baum: sein schatten. hinter dem schatten: das reizvolle unerreichte. die offene pforte. der dunkle vorhang. nach dem das farbliche. das akkordisch durchwirkte. seinen beginn behauptet. als hätte ein verwaistes boot sich abgestoßen vom ufer.

die vielen briefe. die. eines tages

[bekanntes]

um zu denken. schließe ich die augen. gegen die störende welt. so voller gedanken. wie das gras. und die bäume. trag ich ein trübes wasser. zur klaren quelle zurück.

nichts ist leichter. als dem nicht sichtbaren zu vertrauen. der stunde des aufschlags. die erst noch kommen wird. der zeit. die ist. weil sie immer war. ganz gleich. welche namen sie trägt. sie geht. immerfort. immer fort. und folgend. gehe ich ihr entgegen.

schlicht. will ich mich machen. und still. ein haus bewohnen. nahe der mündung. fußläufig. bei den ufern des aufbruchs. vor unverdeckten horizonten. dicht bei den booten. in denen der augenblick hockt und wartet. irgendeines letzten schauens. da. wo die seele sich ablegt. zwischen zwei seiten. von nacht und tag.

die vielen briefe. die. eines tages

vor zehn tagen. oder hunderten. seither… jetzt aber versäume nicht. den augenblick. der lautlosigkeit. zwischen dem sprechen. unentwegt. verzweifelt. verzweigt. das schauen hinaus. ist zu einem gedicht geworden. ein klanglos dahingesagtes. die augen wollen sich nicht ablegen lassen. grad so wie die seele. über dem flimmern eines dunklen wassers. unter ihr. weil sie anachronistisch sein muss. keiner zeit gebeugt. sicher ist sie dem körper dankbarer. der sie trug. als dieser ihr, der sie so lange schon hat ertragen müssen. und doch galt für sie ein verbot der sparsamkeit im umgang mit der zeit. so wie es gilt für alles geträumte. bis zur bitteren stunde. wenn ihr das geträumt-sein nicht mehr reicht. sehr kurz vor ihrem schmerzhaften ende. jetzt aber käme es auf einen schritt an. der sich selbst nicht wagt. und also getan sein müsste vom fremden fuß. zehn minuten warten. diese eine duldung noch. weil die lider gerade sehr schwer. und gedämpft die erwartungen.

die vielen briefe. die. eines tages

auf großer reise. von den inseln gestört. erliegend den reizen ferner düfte. gestade. zwischen dem rauschen der meere und der himmel. keine zwei winde reichen da. um zu wecken die flügel und die segel. auf den südlichen wiesen sitzen die stimmen. die das wachs in den ohren schmelzen lassen. zu ihm ging ich. dem noch nicht heimgereisten. als er weinend am strand saß. der den höhlen die hütte vorzog. den der klang des hohlen hatte fast ertauben lassen. wandern. ja. aber dort. wo die stelle ist. von der man nicht mehr weg will. heimat eben. damit das sterben endlich beginnen kann. das höfliche. von der hoffnung befreit. schlafend. mit großen, zugeknöpften augen. traum vom schneeland. von kalkweißer wand. verschluckte schatten der frühlingsbirken. der sommerbarken. zärtlichkeit der steine. wenn sie dir auf die zehen fallen. ach. liebster. lies mir doch vor. aus dem fahrplan. aus dem fernsprechbuch…

die vielen briefe. die. eines tages

verzeih. wenn ich das. noch nicht. so ganz. und was mich so kühl anweht. gewiss. die unruhe. auf den wegen. und dass es wesentlich besser wäre, sich treiben zu lassen. hingabe an eine zeit. die überwunden ist. ohne je wundlos sein zu können. weil ja das verlorene an den fersen klebt. weil es ja nichts klareres gibt als das versäumte.

ich bin nicht traurig. die tage sind schön genug. die zeit hinterlässt keine spuren. ein taubes gewölle sind nun die früheren wünsche. ein kaum gehauchter saum des schlafes ist die restliche empfindlichkeit.

ein gedanke nur. der geliebte mensch. zu dem ich spreche.

heute verstehe ich viel besser. und bin in der stille angekommen. die am anfang und am ende eines jeden tages steht. und selbst die herzen, aus denen ich fortgestoßen wurde, können nicht leer sein, bei all dem erinnern.

wenn die einsamkeit kein geschwätz mehr ist. wenn sie schön geworden ist. wie eine ruhende schneelandschaft.

ist doch wesentlich besser so. als hörte man beschwerden der zeitverweser. weil die kastanien ein zweites mal blühen in diesem jahr.

aber wie viel mehr als eine gebärde ist das wort? und was soll denn schöner sein als der schlaf. sicher nicht das erwachen.

mühelos muss die liebe sein. wie das graue warten der häuser entlang zertretener straßen. sie lassen alles durch. doch bedeutung hat nur das angekommene. was in den heimischen zimmern sitzt. und sich nichts vornimmt. sich nichts vormacht.

bleiben ist so gut wie gehen. ohne die mühsal der hoffnung. und arbeiten. natürlich. ist sehr gesund. gegen die schnellen, flüchtigen tage. geschehnisse. die dem allerletzten nicht im wege sind.

anstoß. der monde [unaufgeregt]

weit entfernt. jenseits der feengebiete. schlaf des geschauten berges. nur den erwachten fliehen die landschaften im endlosen wechsel der gesichter. wir aber, adepten einer einsamen frage, standen lange genug auf dem höchsten scheitel eines scheinbar ruhenden ungeheuers und gehen seitdem hinab und tiefer hinein in die versteinerten kammern unserer sehnsucht. überwältigt zu sein von der anwesenheit des unerreichbaren.

matt aber wirkt der mond im gefühl unseres alterns. wie ins wasser gefallen. denen, die ihre häupter nicht heben können. kopf eines schlafenden pferdes vielleicht. glühend noch. und verglimmend aber. nach seinem ritt durch die brennenden felder. rest seiner träume. gestapelte trümmer. am äußersten rand der steilufer.

Werkstatt XVI | Beginn einer neuen Übersetzung

T. S. Eliot: Four Quartets – Vier Quartette

Burnt Norton, IV

Zeit und die Glocke begruben den Tag.
Fort zog Sonne, mit dem Gewölk, so zag.
Kehrt sich uns zu die Sonnenblume, wird die Waldrebe
straucheln, uns zugeneigt; ranken und reifen, oder mag
sie nur klammern und klingen?

Sticht
der Eibenfinger, schleichend gekräuselt
auf uns hernieder? Nachdem des Eisvogels Schwingen
erwiderten Feuer mit Feuer, schweigend, still wie das Licht
im reglosen Zentrum der kreisenden Welt.

Eumaios. hinter den Fenstern

[2023.4.14 | Tag 67 der Erstarrung]

ich habe mir die Ohren verstopft. ich habe mir die Augen verklebt. die Herde ruft: wir wollen uns schlachten lassen. Ausgelassenes. kreuz und quer. Eingelassenes. Lot der vereisten Träne. des geschmolzenen Glases. ans Lichtlose die Spitze des Fingers zu halten. ans Gestein die Gedanken. dass es sich ihrer erbarme.

schaue dich um. schaue hinaus. hin und her. auf und ab. ohne weiterzukommen. langsam entfernt sich ein Boot. heißt: der sich zurückzog. der zusammenzuckte. als sich alles zusammenzog. da draußen. wo alle mitziehen. um nicht begraben zu sein. hier drinnen. lang sind die Zeitalter der Erwartungslosigkeit. der Erzählungen von den Ertrunkenen. denen die Klippen ins Herz sprangen. weil sich ein schlafendes Meer darin spiegelte.

hohes wiegendes silbern schimmerndes Gras. an den Tischen sitzen sich gegenüber die Vertrockneten und die Verbluteten. leise schnarchende baumelnde Köpfe. aufgeleint. auf die Schnur gezogen. dass die Zeit aus ihren Haaren tropfen kann. an- und abschwellend. ein Pfeifen. durch ihr Atmen hindurch. als finde Syrinx keinen Schlaf. wie der Mond. heute Nacht. hin- und hergeschubst. zwischen Wolken und Zweigen.

Glatze. und Glotze. die Netze aller Verstrickung. die unsozialen. Gebell und Geheul. Teufel und Hexen fressen sich auf. wollen am nächsten Morgen vom Jäger als Englein aus den Wänsten geschnitten werden. dass alles Beginnen nie ende. dass jeder fragend in seine Träume fällt. das Leben als fußbreite Passerella. über die sie eilen müssen mit zugekniffenen Augen. mit zugeknöpften Seelen. sie kommen von links und von rechts und stürzen in die Orchestergräben. in die Gruben der Schlangen. in ihren hölzernen Händen die Schallbecher to go. sehr rasch und duftlos zerstäubende Pollen. beim Aufschlag auf die versteinerten Saiten der Celli.

draußen am Fenster haften Gesichter. sie schauen hinein. sie wollen zu dir. um sich selbst zu betrachten. weil du die Gnade der Masken in deinen Händen hältst.

deine Gedanken fliegen hinaus. Flügelloser. jeden Morgen. und kehren heim. jeden Abend.

niemand sonst lebt auf der Insel. der noch das Ferne wünscht.