Mondwiege VIII

[…]

habe nicht vergessen
wie gut du warst
wie die Zeit
durch dein Schweigen floss
und ihr Gewicht verlor

und ohne dass ich haltlos weiterziehen müsste
auch wenn ich allein durch das Feuer gegangen sein werde
und der Schlüssel in den Abgrund fiel
und schmolz in der Glut
kann ich doch nicht mehr verloren gehen
in den freien Landschaften
hinter den zerbrochenen Toren

gehe ich manchmal auch
allein und traurig
an den Gräbern vorbei
und kenne den Ort nicht
meines Endes
und spüre zugleich
dass sich der Engel nähert
der mich in Fernen suchte
der sich nach Ankunft sehnte
wartend auf der Insel

wo meine Zeit ihren Ausgang hat

Ent/fern/te L/EBE

bin gestrauchelt. gewichen. dachte an dich, als ich mich ins Bett legte. ängstliches Herz. Zerschlagenes. […] dass ich dein Freund heiße […] Weg in die Tiefe, zum Menschen, wo der Himmel hausen muss. […] war schon einmal dort. vor der Lähmung. glaubte etwas zu hören. vor dem Hörsturz. muss etwas gesehen haben. vor der Blindheit. […] öffnete die Vorhänge mitten in der Nacht. stand vor einem fernen Tag. war zerfallen zu Staub. war verschollen unter den Schwingen des Gestürzten. Federn wie gelbes Pappellaub, an den Ufern der Flussinseln, und bevor die Pegel steigen zum Ende des Winters hin. und als meine Augen offen waren und wach vor dem eingedrungenen Licht, waren alle verschwunden, an die ich mich erinnern konnte. […] hätte länger träumen sollen. von einem Laut. von einer Laute. von einem Grashalm. Klang des Endgültigen. vor dem Verlorenen. von Schritten in den Gärten vor den Häusern.

[…]

[bitte nichts verbessern. bitte alles verändern. keine Ausnahmen machen. bitte beseelt sein vom Entwurf. alles verlangen. nichts erzwingen. die Brut beenden. die Geburt einleiten.] gehe jetzt nicht mehr auf etwas zu. lasse die Wege liegen. links und rechts. sehe Gebirge und Meere. sehe den nächsten Tag. vor der Dämmerung. [wünsche mir Achtung. Selbst- und Fremd-. suche den Traum, in dem ich gefunden werde.] ich sehe trauriger aus als ich bin. ich bin trauriger als ich aussehe. [was könnte ich morgen tun. oder für immer sein lassen.] was ich geschehen lasse. damit ich nachdenken kann. was ich träume. damit ich gelebt habe. und meine Geschichte stand vor eines Anderen innerem Auge. irgendwann. oder dazwischen. damit ich gewusst haben werde. was ich hätte empfinden können.

[…]

[die versiegenden Wasser. keine Landschaft. weiterzusuchen. Bäume, von denen gut zu essen wäre.] bin schon halb tot geschlagen. nirgendwo hin vertrieben. wo es nichts zu sagen, nichts zu hören gibt. und die Zeit ist da ein Fraß an der Rinde der Felsen. man verlässt die Verlassenen. und kehrt nicht zurück in die Augenblicke der zerstörten Vergangenheit. es ist kein Unterschied, ob einer schreit oder singt. oder wohin die Glocke stürzte. ihr letzter Nachklang haust in der einsamen Verzweiflung Gottes. ewig ist das Ende, das nicht endet.

[…]

zum Text

Mondwiege VII

auf der vorletzten
Stunde | Staub

weiß nicht
woher ich komme

weiß nicht
von welcher Fremde man spricht

Wasser des Sees
schimmert die Haut
Pollengewölk sind die Schritte
unter dem Aufprall der Regentropfen

man hat sich geschmückt
für die Heimkehr eines Anderen

schlief die Nacht auf der Treppe
als mir ein Gras wuchs am Abhang des Traumes

jedes Wort
ist ein Stein
der sich die Kehle
hinunterschiebt

aber von mir ging die Rede nicht

doch hatte ich etwas ins Glas der Fenster gehaucht
die Sätze wurden zu Knoten in Taschentüchern
dass ich mich noch erinnern würde
woran ich geglaubt
als ich fortgehen musste

bin noch allein
das letzte Viertel
bin ein Halm in der Asche
Finger der sich verbinden will
mit dem zergehenden Faden des Himmels

nicht sehr viel Zeit
ist um den verwitterten Rand meines Mundes
neben dem Schlaf liegt das Fernste und Älteste
und hat noch den Anschein des gestrigen Abends
als ich die Jugend verließ

ach
wenn ich wüsste
wo
mein Herz jetzt schlägt
ging
ich die letzte Stunde
hinaus
und sammelte Akelei

allem Abschied voran [I]

ging hervor aus einem Glück
schlief noch
als der Frühling lang vorbei
spiegelte Ferne in den Augen
wähnte weit die Welt
wünschte die Wachheit nicht

[…]

was sah da auf
und fragte
wo ist mein Tod

so begann die Suche
nach dem Tag der Heimat
und zog das Grau der Zeit
durch eine seltsame Stimme

und wusch das Licht aus
im wellenlosen Wasser

[…]

jetzt müsste noch Morgen sein
jetzt kann noch alles geschehen
was sich denken lässt
jetzt wird noch nicht gestorben
jetzt klingt die Stille über dem Nichts
wie ein Sang der Mütter
abends an den Wiegen

[…]

wo ist die Grenze
wenn Klang folgt auf Klang
und Welle auf Welle

wo sind
die Orte der Ankunft
die Orte der Bleibe
die allem Abschied vorangingen

[…]

fast schon war die Suche beendet
eben noch war das Ufer zu sehen
immer wieder tauchten die Inseln auf aus den Nebeln
immer wieder sandten sie einen Ton in die Nacht
einen Boten der künftigen Freiheit
immer wieder hatte die Sehnsucht sich zu Ende erzählt
immer wieder der Schlaf der Erschöpften
als ob nie ein Erwachen
als ob immer Morgen und Schlummer
als ob kein Ort um das Träumen herum

Mondwiege VI

wohin das Schweigen
tropft | woher sich aufdrängt
die haltlose Stille

es wird gehört sein
alles Verschwiegene

es wird unerhört sein
das nicht Gesagte

[…]

wie schütter die Haut im Licht
das das Laub zum Leuchten bringt

und das Träumen
wie verdünnter Klang
je ferner die Ufer der Geflohenen

sie nahmen die Hoffnung mit sich
und konnten doch selbst nicht anders sein
an anderen Orten

sie liegen wie Gestein in der Brandung
und schieben die Zeit des Wartens
zwischen die Laken ihrer Schatten

darin gespiegelt zugleich
was die Kommenden erwarten dürfen

LotosLolli

der Host hat gehustet. er darf das in Isolation | fahren Sie fort. bevor wir vergesslich werden. unsere Nachsicht vergessen. unsere Absichten verbessern. unsere Ansichten verwässern. bevor sich alles verdreht hat. bevor wir in der RundUmsicht nicht mehr wissen, wohin wir schauen | führen Sie Protokoll. damit wir uns erinnern werden. ja! lutschen Sie jetzt den Drops unseres Gedächtnisses. damit wir vergessen können. wir sind nämlich nicht so versessen wie Sie auf Geschichte. uns reicht das Einmaleins. das macht Eins. uns reichen sogar Stücke davon. die Hälfte der Hälfte der Hälfte. was immer sich spalten lässt. Seele für Seele ein Spaltmaterial. wenn wir an den Kaffeekränzen basteln, die uns zu Kronen werden sollen. die Petits Fours mit geschlagener Sahne aus den ungezählten geschlagenen Stunden, die wir uns um die Ohren geschlagen haben. bis uns übel wurde vom Übel. vom Hagel aus dem CupcakeHimmel erschlagen | Sie wissen nicht, wie das wird. Führen Sie Chronik. das Chronische drückt sich sicherer aus in der Geduld des Papiers. Drücken Sie das aus. Egal wie. Irgendwie. Uns ist das Denken wie zu Akne geworden. Wir wollen es einmal loswerden. das Los. das uns schüttelt. Wir haben es ausgesungen. und die Klänge des Klagens aushungern lassen. jetzt wollen wir uns noch ausweiden lassen. damit wir uns ausweisen können. die Hohlen. die Gestopften. mit unseren Distelaugen. unseren Kaktushänden. here we go round the prickly pear at five o’clock in the morning. […] es wird nicht leicht werden. aber früher war es auch schon einmal schwer | wir graben die Toten aus. sie sollen uns davon erzählen | aber wenn es dann eine zeitlang schwer war, auch wenn wir nicht wissen, wie lang diese Zeit sein wird, muss es ja danach wieder leichter werden | nicht wahr | die Gewichte verschieben sich. sie atmen erst ein und dann wieder aus. ihre Wucht ist ein ewiger Wandel. vom Fels zur Feder. und wieder zurück | doch wir könnten vermutlich zur Seite treten, wenn das Pendel auf uns zurast. wir könnten ihm in die Seite treten, wenn es knapp an uns vorbeischlägt | seine endlose Bewegung hat es schwer werden lassen. wie ein von zu vielen Schritten verklumpter Fuß. also werden wir dort stehen und im richtigen Moment das Steinerne von seinem Antlitz klopfen | wie leicht wird er da ins Bodenlose fallen. wie leicht wird uns da fallen das Bodenlose | aber das jetzt hatte noch keine Vorstellung. nicht einmal eine Probe. auf der Seitenbühne. wer stellt sich denn so etwas vor? wer stellt sich davor? wer hält es auf? hellt es auf? es hätte sich doch freundlicherweise erst einmal vorstellen können. bevor es die Szene betrat. bevor es die Landschaft zertrat | jedenFalls | uns lag kein Antrag vor. das hätte es wissen können. das stand auf den schwarzen Brettern. im Kleingedruckten. die Frist ist um. und abermals… es tut uns nicht leid. aber das war eine Ausschlussfrist. jetzt ist ein Rücktritt ausgeschlossen. jetzt ist das Davor vorbei. jetzt lungert es im Dazwischen […]

zum vollständigen Text

Mondwiege V

das Boot
vor den Ufern
Barke des Morgens
aus dem Nebel gezogen
und fast versäumt seine Ankunft
kaum fähig zur Freude
vor lauter Erschöpfung
zu suchen
Inseln des Sterbens
weil es waren
Inseln der Geburt

doch dort war
zu kurzer Aufenthalt
und auf gefrorenen Boden
tropften die Seelen
Verlorenes zu erinnern

moon cradle [V]

the boat
before the shores
barque of the morning
pulled out of the fog
and almost missed its arrival
hardly capable of joy
from sheer exhaustion
searching for islands of dying
because they were islands of birth

but there was
too short a stay
and on frozen ground
the souls dripped
to remember things lost

vernisSage

[sehnSucht: Firnis]

schwarzlederne Äpfel
in gläsernen Kuben

Laubteppiche und Sand
aus Sohlen gefallen

von Bächen Getragenes
gefangen in Leinwand

und was der Furcht vor ruhelosen Nächten
auch immer Angst machen kann
und die Zeit ver-treibt
des einsamen Brütens
von Eiern in Form von Posthornschnecken
aus denen schlüpfen sollen
die kleinen Seelchen
die keinen Traum erzählen

ganz gleich
ob
noch nicht
oder
nicht mehr

sie bedürfen einer Geburt
und dem Sturz einer Frucht
auf geduldige Erde

sie blieben allein
weil es Erkennen gab
und der Garten ihres Wachstums
noch nicht gewohnt war
an Jahreszeiten

ein Ort
am Ende
wo stummes Leid
ist allen Lebens
anFang

Mondwiege IV

da ist jetzt niemand mehr
da sind die Echos verhallt
da hört keiner mehr zu
da ist alles verschwunden
unter dem Funkeln des Wassers

da ruft einer noch
der ins Nichts getreten ist

von oben sah es nur aus wie eine Pfütze

[…]

…hier sind alle zu Kopffüßlern geworden
und haben sich den Weg verkürzt
vom letzten Gedanken zum ersten Schritt

und obwohl die Zeit hier so viel Platz hätte
bleibt ihm nun keine mehr
denn sie hat den Raum überfüllt mit Vergangenheit

alles was er war
was um ihn herum war
drängt sich
drängt ihn
zusammen wie in einem unendlichen Strohhalm
mit dem Christus sein Seligstes
aus den verlorenen Träumen zieht

zum Gedicht

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.20 | 769-SARS-CoV-2

[Tag 346 der Rückkehr]

doch | dieser Ort gefällt mir | werde vorerst nicht weiterziehen | werde Wurzeln schlagen | im Bett | im Gebet | im Beet meiner Gewohnheit | … | kündige jetzt diese Entscheidung an | kündige alle weiteren auf | werde darin ganz klar sein | will mich dazu eindeutig bekennen | nein | es gibt kein Vorübergehend oder Vorsichtshalber | das hier ist jetzt alles, was ich noch sein werde, auch wenn ich es noch nicht ganz und gar bin | auch wenn ich noch nicht ganz bin | noch nicht gar | … | hier wurzelt mein Werk | hier ist mein Wurzelwerk | auch wenn es in der Erde ist und unterhalb der schlichten Sichtbarkeit von Sand und Lehm und Grasnarben und Gestein verschwunden scheint | aber wenn noch einer von mir wissen will, wenn ich mich selbst längst vergessen habe, muss er hier gewesen sein, muss hier gestanden oder gesessen, gesucht oder gegraben haben | aber dieser wird ein ganz anderes Wasser auf das Erdreich gießen und wird aus demselben Wurzelwerk ein ganz neues Blattwerk hervorgehen sehen | und so wird mein Werk zu seinem Werk werden | und ganz gleich, was ich einmal gesagt haben mag – die Sage wird nun durch seine Stimme gehen | und so zu seiner eigenen Erzählung

Zum Text