Mondwiege XI

viel
fällt uns ein
zum Tod

mehr
als zum Leben

wir sehen
hinter dem Ufer
ein Ende der Schritte
das nicht enden will

wir wissen
von einer Seite
die uns dunkel bleibt
von einer Zeit
die sich in uns teilt
die sich uns mitteilt
sobald sie vergangen ist

wir sehen Wasser
ohne Brücken und Stege
und halbe Strecken dorthin
überspült von Träumen

[…]

aber
solange gelebt wird
steht auf dem Spiel
das Leben selbst
und es gibt keinen Plan
für sein Ende

vielleicht also
lieben wir
um zeitig genug
etwas Einziges zu betrauern

Meine Sanftmut

nein!

ich werde nicht kläffen
und nicht brüllen

ich beiße nicht
ins rohe Fleisch

der fetten Made
drehe ich nicht den Kopf ab
und reiße der Spinne
nicht die Beine aus

weiterhin!

kippe ich keinen Kaltleim
ins Katzenfutter

und lege keine Reißzwecken
an den Rand des Bettes
(auf seiner Seite)
nachts
wenn er schnarcht

ich spucke nicht
in den Tee
bevor ich ihn den Gästen serviere

und nein!
es werden keine Glasscherben
im Käsekuchen sein

vor allem!
werde ich ihnen nicht
mit spitzen Hacken auf die Zehen treten
bevor sie wieder gehen

und es wird kein Juckpulver
in ihren Jacken sein

und keine Ameisen
in ihren Schuhen

nein!
es soll sie nicht kratzen
die Erinnerung

und für ihre schlechten Träume
sollen sie bitte selbst sorgen!

Mondwiege X

[für A.A.G.]

es ist lange her
es könnte wieder beginnen

plötzlich und unerwartet
wie der Tod

es könnte eine Ankunft geben
oder eine Abfahrt

du könntest einen Wunsch äußern
inmitten völliger Windstille

es könnte sein
dass die Pforten offen stehen

nichts würde sich bewegen
weil alles auf deine Bewegung wartet

aber du spürtest
wie die Zeit vergeht in dir
und wie du vergehst in ihr

etwas will sich dir nähern
etwas
dem du dich nähern willst

dafür
müsstest du dich aber von hier entfernen
ohne zu fragen
wohin es geht

du müsstest die Taue lösen
ohne Angst davor
vielleicht nicht mehr zurückzukehren

[…]

sieh‘ nur
die Farben der Dämmerungen
die ich aus deinem Auge ziehe
an seidenen Fäden
mit denen ich Wünsche spinnen kann

Risse in der Haut der Zeit (Gesänge XXVIII-XXX)

komm‘ doch her
es ist schon spät
lass uns nicht böse träumen
wir schleichen uns durch den Mauerspalt
und atmen ohne Angst
auf der anderen Seite des Gartens

[…]

nimm mich mit
in den kurzen Frühling

höre das Vöglein
am einsamen Ufer
Herbste und Winter
lang

[…]

sie wissen Bescheid
die Ersten verlassen die Häuser

draußen wird es hell

die Körper hungern
nach Umarmungen

sie eilen über die Flure
die Treppen hinunter
rufen sich zu
was sie gehört haben wollen

Vieles
will man gesehen haben
Wunden
Geröll
schlafende Kinder

[…]

hast du etwas gehört
komm‘
wir gehen zu den Feldern
gleich
geht die Sonne auf
komm‘
wir gehen zum Ufer
und steigen auf
wie Stare aus dem Schilf

[…]

wohin
der Klang
als wir so weit entfernt

erstickte Klage
unter den Wunden des Landes

Spuren der Schnecken
als ob sie aus letztem Loch
die alten Lieder pfiffen

sie ziehen durchs hohle Holz
wie der Wind

[…]

fremd die Toten
die aus den Häusern getragen werden

doch jung ist das Jahr
und Keinem fällt’s auf

[…]

war müde
ging ein Stück entlang am Wiesenrand
bis das Vergessene wiederkehrte

ging hindurch
unter der Stille
verlassener Nester

[…]

zum Text

Allem Abschied voran [II]

sie wachen und warten
fallen in den Klang
in die Klang-Fallen

erwarteten nichts
kamen aus dem Nichts

[…]

die Augen hätten sich treffen sollen
im Vorübergehen
die Köpfe hätten sich umdrehen können
man hätte Stimmen hören müssen
zaghafte Grüße und
Fragen nach den Namen

aber was wäre geschehen
wenn der falsche Name gerufen worden wäre
das falsche Wort gesagt
zur falschen Zeit
am falschen Ort
hinter der Stille
wo sie sich nicht mehr hätten treffen können

zum Text

Risse in der Haut der Zeit [Gesänge XXII/XXIII]

Foto: Patrick Hainbuch

XXII

[…]

man lässt sie gerne allein
damit sie ihre Gedanken
für sich behalten

denn niemand wünscht sich die Überraschung
einer bedeutenden Mitteilung

alle haben die Möglichkeit
in ihre Spiegel zu flüstern
bis ihr Atem Schleier legt
und ihr Erinnern Falten
über die breiten Gesichter

[…]

das Freundliche bleibt das Befremdliche

also schätzt jeder die großen Bögen
und zieht betäubt seine weiteren Kreise
sehr höflich die Begegnungen zu vermeiden
und heimzukehren ohne Erwartungen

denn das Gewicht des Himmels
soll nicht größer sein
als die eigene Angst

XXIII

was drehst du am Rad
als ob die Zeit ihm gehorchte

[…]

vielleicht gar
ist der Tod noch nicht
das Ende der Schönheit

vielleicht ja sogar
der Anfang
oder der Neubeginn
eines Verlangens nach ihr

Zu den Texten

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.22 | 771-SARS-CoV-2

[Tag 348 der Rückkehr]

wir setzen uns entschieden für die Verunklarung ein [von weitem sah der Bio-Müllbeutel auf der Straße aus wie eine zur Hälfte ihres Körpers schwanzseitig überfahrene Katze. alles Fleisch war in ihren Kopf gepresst worden. und so blickte sie jetzt wie ein versteinerter Schrecken den kommenden Fahrzeugen entgegen] die Klärwerke fahren ihren Betrieb herunter. ab jetzt einen mittleren Trübegrad des Wassers zu gewährleisten [die Ertrunkenen tasten sich weiter durch ihr Unausgesprochenes. man sagt jetzt aber nicht mehr dem Tastsinn gemäß sondern taktil]

[…]

[kann das nicht. inmitten der Herde. kann nicht darüber sprechen, warum ich als verschollen galt. und über die brennende Schollen-Sehnsucht. habe meine eigene Theorie: immer kurz vor dem Status der Mythoswerdung das Gedächtnis verloren zu haben. und grad so auszusehen, als hätte ich ein überlanges Leben immer nur beinahe geatmet oder wurde unterbrochen, während des Ansetzens zu einem Schritt] sie sagen, vielleicht zu Recht: er ist uns teuer. er ist uns zu teuer geworden. wir waren doch nun lange genug in Sorge. jetzt ist es Zeit für seine Entsorgung.

zum vollständigen Text

Mondwiege IX

Hauch | der durchdringt

die Haut
das Glas
das Gestein

[…]

und nur sehr wenig drang nach oben
tauchte auf für kurze Augenblicke
in denen das Vergängliche
dem Ewigen begegnen wollte

und mehr noch
das Ewige suchte
nach dem Vergänglichen

[…]

und wäre es nur der ferne Wunsch der Bleibe
in der einsamen Kammer seiner Zeitlichkeit
auch wenn es nicht bleiben könnte

im Sehnen danach
verschenkt zu sein
ans Unvergängliche

damit in allem Ungesagten
seine Stimme zu finden sei

und die Wege hinaus
in ihrer Beschwerlichkeit
eine Folge von Berührungen wären

als steigende Zahl von Schritten
wie wachsende Haut
um das Nichts

das ihn unsichtbar machte

zum vollständigen Gedicht