auf einmal. wie immer

abgelaufene Zeit | eines Abends | tief sinkend ins Erdreich | das lange Verschleppte | ein halber Schlaf schon | der hinter sich herzieht eine halbe Wachheit noch | wie immer | eingeklemmt zwischen Schöpfung und Erschöpfung | am Gelassenen zerrend | zehrend davon | als Verlassener

Eumaios. hinter den Fenster

Tag 43 der Wanderungen

er wird weinend kommen. du wirst hinausgegangen sein. Lichter werden fallen in das Innere. letzte Tropfen Regen in den Brunnen. einsam kam er zu dir. einsam warst du gegangen. er könnte jetzt beginnen zu erzählen. nachdem du verstummt bist. er wünscht sich, hoffen zu können. dass du dich erinnerst. wie du wachsen konntest mit ihm. wie du welken musstest. als er fort war. und weil er der Gefundene war, musste er nicht mehr gesucht werden. und weil er verloren ging, konntest du nicht mehr bleiben. das Jahr brachte keine Fülle mehr. die Zeit lag erschlagen mit ihrer Felsenhaut unter der Sonne. doch er wartet noch immer auf deinen Ruf. er steht an den verschlossenen Pforten. er will dem Tode nahe sein. und hinabschauen in das Land des Lebens. die Landschaften, durch die er noch nicht wandern konnte. durch die du nicht mehr wandern wirst. er wird erfahren, wo du gelegen hast im Elend. und dein Geheimnis kann in ihm noch erwachen. und aus größter Ferne, zugleich in tiefster Zärtlichkeit, das Schwerste von sich selbst fordern: an einem Ort zu bleiben, den du verlassen hast.

ich träume

Finger | aus Tannenzapfen | aus den Wunden gelöste Fäden

der Mond wie das steinerne Auge des blinden Gottes | an schwarzen Tauen gehalten | hinuntergelassen ins Meer der Welt | wenn die Sonne sich erschöpft hat 

Trauben | in der Kelter vergessen | überstanden den Winter

fremde Klänge | aufbrechend ein fernes Gedächtnis | und die Vergangenheit wie ein Wunder | und der Tod als eine Vollendung des kaum erinnerlichen Schicksals

mit Flügeln | ein Hirte schwebend | über stillen Weiden

bevor der Morgen graut | Wolke | die den Winden widersteht

Waka 28 [Variation | Eumaios. hinter den Fenstern | hat sich sehr verändert | in letzter Zeit | zu viel Vergangenheit | lauter dem Leben entzogene Verwandlungen | zieht jetzt aus | sieht jetzt aus, als wäre er zwischen zwei Stufen, zwischen zwei Stunden hängengeblieben | zuerst: kein Leben | dann: nur der Tod | erst ein langes Träumen | dann so kurz die Ewigkeit | kalte Haut | der einsamen Erde

wer hat gerufen | Schatten der Wandernden | was sie durchzog | über den bangen Schritten | was in ihnen wuchs während des Schlafs | … | auf die Gesichter wartendes Wasser

Kernower Elegien [Pendoggett-Psalter]

halbschattiges Zimmer | in der Mitte ein Tisch | gedeckt | als ob Gäste erwartet werden | geschrumpfter Raum | zu einem letzten Augenblick der Hoffnung

ich weiß nicht, wohin. ich kenne mich nicht mehr aus. die Welt rennt fort. sie nimmt die Zeit mit. ich werde nicht mehr gebraucht. dort nicht. und dann nicht. die Häuser fahren in die Nacht davon. ihre Lichter werden kleiner und kleiner. bis sie sich zusammenziehen zu Sternenhaufen. ich werde indessen durch meine Träume gejagt. und kann den Ausgang des Erwachens nicht finden. ich irre durch ein halbes Haus. durch einen halben Garten. durch ein halbiertes Leben. innerhalb dessen sich alles teilt. innerhalb einer Stunde. die ich so gern noch einmal hätte. wäre für mich noch ein Wunsch frei.

Kernower Elegien [Pendoggett | solange du wanderst, fällst du nicht | die gleitenden Möwen | solange der Wind | bald nun ist Ruhezeit | bald wirst du uns nahe gewesen sein]

alle kommenden Tage werden sich gleichen. doch du wirst verwandelt sein. andere wird es geben. die wie du sind. alle werden erblindet sein. alle werden sich in ihre Seelen schauen. alle gehen wie Kinder durch die endlosen Wälder. sie wachen nicht auf. sie wissen nicht, ob sie geschlafen haben.

wo ist mein Herz? bin nicht mehr da. sie drängen. sie stoßen. mit steinernen Händen. die von hohlen Köpfen herabhängen. ich muss jetzt fort. ich wollte ja immer woanders hin. und weit weit weg. lang sind die Züge. so lang wie die langen Strecken. ich gehe durch sie hindurch. bevor sie ihr Ziel erreicht haben. eisiger ist es da vorn. und einsamer. früher konnte ich leichter atmen, je einsamer ich war. heute drückt das Gestein von allen Seiten. ich denke, ich bin ein Gestrüpp, das noch zum Baum werden kann und über alles hinauswächst. nur nie über sich selbst. ich gehe lieber dahin. bevor ich dahingegangen sein werde. ich bin noch nicht weit gewandert. aber ich fand die Frage schon. nach der ich immer gesucht hatte.

still lag das Meer bei deiner Abreise. es hatte alles Licht zu sich genommen. alle Bitten um Frieden. dir sprach es zu das Bewahrende. auf das sonst niemand gehört hatte. dir waren gefolgt die Gezeiten. Geduldiger. du kehrst zurück zu den Wohnungen deiner Geburt. Gott hat dich gesehen. du hast ihn erkannt im Unauslöschlichen deines Namens. nun kann dein Staub über die Dünen wehen. Jegliches fließt aus den brüchigen Waben der Zeit. und ihre Wandungen hielten aufrecht den Himmel. der immer frei ist. für den, der erlöst sein will.

Kernower Elegien [Pendoggett | Kelter der Öle | wachet]

morgen wäre ein guter Tag. über den Tod zu sprechen [für wen freust du dich? niemand heilig. und nur einer treu. über den Morgen hinaus] wovon wir gelebt haben [kennst du einen, der nach dem Verlorenen suchte, der das Verirrte zurückbrachte?] wir schauen uns unsere Wunden an. wir schauen uns an. und wollen sehen, wer als Erster aufsteht, Salben zu holen [er kam heim. rief meinen Namen. draußen Brandung und Brausen. drinnen Knäuel von zahllosen Pfaden und Fäden. noch zu entwirrenden. zu knüpfen ein wärmeres Hemd. für den nächsten Winter] heute ist ein guter Abend, zu sich zu reden und jede Angst wie einen Keim des kommenden Leids, der künftigen Leidenschaft in die nackte, noch harte Furche zu legen