γένοιτο [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

da draußen aber
muss noch ein Boot sein

als die Nacht aus dem Wasser stieg

es muss noch das große Leuchten des Tages
an seinem Ausgang bewahrt haben wollen
und fährt den Süden sicher nun ans letzte Ufer

dann wird still sein die See hinter den Nehrungen
die ihre Arme legen um ein schlafendes Land

doch auch wenn Drift und Gezeiten es forttragen sollten
muss es die Heimat sehen
sein Unvergessliches
wo auch immer es gefunden worden sein wird

mag es die Zeit verlassen
nicht jedoch den Kern seines Gedächtnisses
wo das Treibende sich fest vertauen konnte

sein Ende mochte es finden
an der Scheide der Wetter
an der Schwelle zum Nächsten
das bis dahin unbekannt bleiben musste

einzelne Wolken
werden an manchen Nachmittagen daran erinnern
und die Schreie der Möwen
werden sein wie die Fragen der Kinder
wo es denn sei

verstört mag Manchem die Küste erscheinen
versteinertes Rufen
auf Buhnen und Stegen
leer
trotz allen Getümmels

und einsam mag jemand hocken
am Schoße der Düne
und denken
dass die Küste niemandem gehörte

aber allen das Boot
da draußen

Apódeipnon [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

Apódeipnon [Mecklenburg Elegies | Two Week’s Song Book]

Fünf-Waka-Variationen | Five Waka Variations

versäumte Jahre.
Stunden. von Mattheit gesäumte.
auf Wind. warten die Inseln.
die Gärten. auf Regen.
und duftend nach Entgangenem. ein jeder Schatten.

Augenblick. einst.
reglos im Spalt des Lichtes.
und vergessen. fast.
Trübsal. und jedes wunde Wort.
das ins Dunkel tropft. darin die Zeit verschwindet.

warte nur ab.
Ufer der Wiederkehr.
sieh dir ins Auge.
seh‘. deiner Seele anderen Namen.
gestrandet. am Ort des Abschieds.

weit. wie der Tag.
Horizonte. ziehende.
mit allen Farben ins graue Meer.
weil Wolkenhimmel.
weil Schrecken. vergessener Blüte im Gras.

erloschen. dann.
haltlos in den Entfernungen.
doch falls sich öffnet. dein Herz.
leuchte. dem Liebsten.
der jede Nacht nach seinen Träumen sucht.

years. missed.
hours. lined with languor.
for wind. waiting. the islands.
the gardens. for rain.
and scented with what has been lost. every shadow.

moment. once.
motionless in the crack of light.
and forgotten. almost.
gloom. and every sore word.
that drips into the darkness. where time disappears.

just wait.
shore of return.
look yourself in the eye.
see. your soul’s other name.
stranded. on the site of farewell.

far. as the day.
horizons. moving.
with all colours into the grey sea.
for the cloudy skies.
for the horror. of blossom in the grass. forgotten.

extinguished. then.
unstoppable in the distances.
but if. your. heart. opens.
shine. on the beloved.
who searches for his dreams. every night.

Zur Sammlung Mecklenburgische Elegien | To the collection of Mecklenburg Elegies

Non | brevis

ruhend | unter dem Regen | ziehend | in anderen Farben | an Sonnentagen || umgänglich | unumgänglich || an Feldern entlang | kreisend | um die nähere kleinere Welt || hält er den Atem an | hält er die Flügel bereit | falls aufkommt ein Wind | falls er aufkommen muss | für ein gesprochenes Wort || oder auf dem Boden | einer fremden Hoffnung

Evensong

let yourself | fall | unseen || remain behind | your part | the works | wordlessly paid || escaped | the dark | and your hearing | in the heart | of the silence || do not gaze for too long | at your creation | that was allowed to be | only because it had to pass away || lonely hand | toil and exhaustion | because you gave yourself | to the past | that it was not in vain || thus you spoke | so it bear its name | undaunted | in deep and resting fear

Komplet

lasse dich | fallen | unsichtbar || bleibe zurück | dein Teil | die Werke | wortlos entrichtete || entgangen | dem Finsteren | und dein Gehör | in der Mitte | der Stille || sieh nicht zu lange | auf das Erschaffene | das nur sein durfte | weil es vergehen muss || die einsame Hand | Müh‘ und Erschöpfung | weil du dich hingabst | dem Vergangenen | damit es nicht vergeblich war || so also sprachst du | dass es seinen Namen trage | unverzagt | in tief ruhender Furcht

am achten Tag

viel schon geschrieben. noch nicht viel gesagt. ein Leben fügt sich ein. verlassene Wohnung. schlafe jetzt besser. seit dem Anfang des Sterbens. dann wieder furchtlos. fruchtlos dann wieder. fahl und falb. mit dem halben Jahr. das schwer in den kahlen Zweigen hängt.

Wandungen deines Endes. Wendung wohin. nicht so wichtig. mit wem du zu tun hattest. doch was du getan. dünne Haut der Schrift. zu halten das Mögliche. wäre die Reise weitergegangen.

Wanderungen. oft wiederholte. was noch gebraucht wird. vom Hingegebenen. still stehen die Berge da. wie am Rande der Zeit. in den Winkeln der Welt. hinaufzusteigen. von wahren Orten sagen zu können. die Feuer zu sehen. auf den entferntesten Gipfeln. flackernde Schatten. über den ziehenden Wolken.

viel noch zu wünschen. viel schon verloren. setze dich fort. dorthin. einsame Bank im verwitterten Garten. schweigend zu gießen die Setzlinge. die da bleiben sollen. zu nähren die Kommenden. die deinen Namen nicht mehr kennen.

Aufbruch schon bald. und nicht zu vergessen die Brechungen. unter den Wegen. unterwegs. Zunge der Viper. noch durch dein Auge tropfen zu lassen fremde Gedanken. ruhe dich aus vom Vergangenen. mach‘ dich nicht tot. vor dem Tod. falte Servietten fürs Abendmahl. tupfe dir die Bekenntnisse von den trockenen Lippen. Falter auf deinem Mund. deine Seele zu kosen. entfernt zu sein aus den Geräuschen deiner Schritte.

Künder späterer Zeiten. Schatten. je länger. desto kürzer die Jahre. sanfterer Wind in den Wipfeln. klarer der Blick von den Steilufern hinab. bald nun beginnt die Sprache. Wunder über den Wunden. selig. wer sich erinnern kann. was er sagte im Traum.

morbus amatoris

nicht angerührt
die gesegneten Brote
haltlos
ohne die Arme des Anderen

Gesicht, unverborgenes
Seele, ungeborgene

verloren auf weißen Pfaden
zwischen Wolken und Mond
gekrochen in lichtlose Nischen
nicht mehr zu sehen
sich selbst

nicht mehr zu hoffen
verwandeln zu können
den unaufgehobenen Stein des Herzens
das versteckte Auge, durch das der Sand verrieselte

bevor das Gras vergeht [VI]

wohin? unendlicher Raum. Seligkeit, beengte. die Insel. atmende Hügel. eigentlich. die aus dem Wasser, aus den Wolken ragen. Lande, entfernte. Schlag des Lichtes. auf die Wellen.

alles ist schön. ohne Schatten. nichts ist da. weniger. je weiter geschaut. brennend Gestein in den Händen. Durchsicht des göttlichen Auges. weil es erblindet. verknotete Schöpfung. dass er sich merkt, wo er sich zuletzt unterbrach. plötzlich. im wirren Nachmittagstraum. wusste er wieder. für eine Milli-Sekunde. wo er geboren wurde. wo es ist. wenn sie sagten. irgendwo.

Gärten. kurz vor der Apfelernte. mildere Luft. nach langen Wintern. Duft der Kräuter. des nassen Grases. Blüten. wie Glöckchen. anzustoßen. von winzigen Zeigefingern. Zeugefingern. zitternden. dass herausfällt ein einzelner Name. und noch einer. und noch einer.

und die Insel. schlafende Buchten. Boote. angefressen. verwettete Fracht. verwitterte. hier könnte man bleiben. gute Winkel. Schätze. vergraben. Jause. die ganze Zeit. die sich selbst vertreibende. aber nicht wissen. was Glück ist. nicht. was wahr. und hinterher. das Gesagte. das Verfolgte. niemals. die Stunde. bevor sie vergangen. vorzeitig. das Vergessene. Fenster. verhangene. zerschlagene Wege. wie Schlangen durch die Gärten. und hinaus. und ihr Fall. kaum zur Kenntnis genommen.

bevor das Gras vergeht [IV]

wie drückt sich die Stille aus? ihre Farbigkeit nah an gealterten Blüten. wenn die Abschiede schon eine Weile zurück. wie gekündigtes Leben. weil sich das neue nicht ankündigen möchte. sich aufzugeben. weil keine Aufgabe mehr an den Schaltern des Künftigen. nichts mehr anzunehmen von den zu lange Verschollenen. Wege. als ob davongemachte. unter zu vielen Schritten. Umspiegeltes. bis sich nichts mehr erkennt. die bare Sicht. die Unsicht-Bahre. und hinauszuschauen. falls du jetzt noch etwas sehen willst. unterhalb des Himmels. oberhalb der Landschaft. und falls ihr Flügel wachsen. falls sie sich beflügeln lässt. von den Erzählungen der Wanderer. die sich die Beine ausrissen. und das Gestein ihrer Blicke in die Brandung warfen.