Eumaios. hinter den Fenstern

[2023.4.14 | Tag 67 der Erstarrung]

ich habe mir die Ohren verstopft. ich habe mir die Augen verklebt. die Herde ruft: wir wollen uns schlachten lassen. Ausgelassenes. kreuz und quer. Eingelassenes. Lot der vereisten Träne. des geschmolzenen Glases. ans Lichtlose die Spitze des Fingers zu halten. ans Gestein die Gedanken. dass es sich ihrer erbarme.

schaue dich um. schaue hinaus. hin und her. auf und ab. ohne weiterzukommen. langsam entfernt sich ein Boot. heißt: der sich zurückzog. der zusammenzuckte. als sich alles zusammenzog. da draußen. wo alle mitziehen. um nicht begraben zu sein. hier drinnen. lang sind die Zeitalter der Erwartungslosigkeit. der Erzählungen von den Ertrunkenen. denen die Klippen ins Herz sprangen. weil sich ein schlafendes Meer darin spiegelte.

hohes wiegendes silbern schimmerndes Gras. an den Tischen sitzen sich gegenüber die Vertrockneten und die Verbluteten. leise schnarchende baumelnde Köpfe. aufgeleint. auf die Schnur gezogen. dass die Zeit aus ihren Haaren tropfen kann. an- und abschwellend. ein Pfeifen. durch ihr Atmen hindurch. als finde Syrinx keinen Schlaf. wie der Mond. heute Nacht. hin- und hergeschubst. zwischen Wolken und Zweigen.

Glatze. und Glotze. die Netze aller Verstrickung. die unsozialen. Gebell und Geheul. Teufel und Hexen fressen sich auf. wollen am nächsten Morgen vom Jäger als Englein aus den Wänsten geschnitten werden. dass alles Beginnen nie ende. dass jeder fragend in seine Träume fällt. das Leben als fußbreite Passerella. über die sie eilen müssen mit zugekniffenen Augen. mit zugeknöpften Seelen. sie kommen von links und von rechts und stürzen in die Orchestergräben. in die Gruben der Schlangen. in ihren hölzernen Händen die Schallbecher to go. sehr rasch und duftlos zerstäubende Pollen. beim Aufschlag auf die versteinerten Saiten der Celli.

draußen am Fenster haften Gesichter. sie schauen hinein. sie wollen zu dir. um sich selbst zu betrachten. weil du die Gnade der Masken in deinen Händen hältst.

deine Gedanken fliegen hinaus. Flügelloser. jeden Morgen. und kehren heim. jeden Abend.

niemand sonst lebt auf der Insel. der noch das Ferne wünscht.

aus der fernen heimat

[was ich zu mir ziehe. was ich mir zuziehe. was ich zuziehe. | schließe die kisten mit den verwahrLosen. öffne den schickSaal. durch den ich ans ende gelange | wakas von liebe und trauer | neue Strophen]

mein haus steht dort
wo die wege veröden
wo die amseln und tauben schweigen
du findest sein licht im warten auf eine antwort
wenn deine sprache verlorengegangen sein wird

ich denke. und denke
an all die namen und orte. die ich vergessen habe
nicht stören mich mehr die kälte des abends und die einsamkeit
am ende eines jeden tages stelle ich
frische blumen in die vase

jetzt steht der wald in den kalkweißen wänden
jetzt steht für immer offen die tür
der tag wurde ins ferne verbracht
in meinem schauen wohnt
abend. allezeit

vor mir die lange nacht
die erde unter meinen füßen
hat sich gefügt der müdigkeit des himmels
in den moment des versinkens fließt ab
alles gewesene

wie vergessen
eine noch brennende lampe im fenster
als legte ein ferner geliebter den wegschweren kopf
auf meine schulter. und einen guten gedanken
in meinen schlummer

Werkstatt XV

[finnhütte. exeunt urijah. finish. geometrie der entlassung. abdank/ur/kunde. liegekur. 7einhalb. jahre ferne | 7einhalb waka-variationen]

zwischen düne und kiefern
das dreieck der vermessenheit
weil – er. du. ich – einer zu viel
weil – du. er – maßlos. in euren wünschen
unter den veluxfenstern

wie einsam
die insel sein kann
in ihrer überlaufenheit
in ihrer überspanntheit
mit strand- und sand-gefühlen

insel der rauschenden laken
der raschelnden haut
an haut. wie vernäht
mit den küssen. du.
und er

ich. ist unsichtbar
am ort der verbannung
aller zeit
zwischen pflicht und fluch[t]
zwei wochen. sonntag

hütte. in der ich stimmlos
atem an atem hefte
wenn ihr euch – du. er –
durch die vormittage vertuschelt
bis die stunde der müden möwe schlägt

spräche ich finnisch. oder wie die feen
die sich draußen im wacholder verheddert
wäre doch jedes wort
das ich sagte
ein kämmen durch trockenes schilf

zwischen ende und abschied
im dreieck der vergessenheit
lasse ich mich vitruvisch strecken
solange der weiteste himmel von allen
sich zwängt durch das spitzdach

hinein. ins nurdachhaus. und sich spannt
über grab und geduld

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer]

am rande des himmels
der vereisten tränen fragende ufer
der verlorenen blumen umgestoßene körbe
ach. die rissigen hände der verlassenen
ach. so tröstlichen regen auf die kalte erde fallen zu lassen

abschied. ohne abschied
schwer. vom traum. das auge
stein der zeit. der
den brunnen nicht verlassen kann. in den er fiel
schmerz. ohne schmerzen. gewickelt in die wege. die nicht gegangenen

was kommt auf dich zu? verlassener
was nicht mehr kommt
das atmen. das fernste. nahe bei deinem herzen
die zeit. muss getrunken haben. die kühle luft der spätsommernächte
aus den leeren gefäßen deiner verschweigung

ich sehne mich. zu sprechen

[buchheimer fragmente]

ich sehne mich. zu sprechen
von der sprachlos machenden angst
von den bildern. die hinter meinen augen brennen

rote segel ziehen seltsame linien
über den grauen spiegel des wassers
und aus den wolken, in die sie stachen
fallen, wie steine aus licht,
die lose der hoffnung
in die offenen gefäße der erinnerung

tropfen deiner blicke
unserer augenblicke
im trocknenden tau der zeit

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer]

neue strophen

wachte auf. mit der ersten amsel
saß vor der offenen zeit
hörte ruf und echo:
wo bist du, wanderer, verlorengegangen
wo ein junges gras die wege säumte

die blinden liefen hin und her
zwischen den schattenlosen weiten
siehst du nicht, um was sie baten
aus den letzten blüten
tropfe frühling bald

schon ist es spät. und
dämm’rung färbt den saum einer hoffnung
leer blieb ein garten
doch nicht vergeblich waren
die gabe des lichtes und das opfer des wassers

einsam. langsam
den schmalen pfad zurück
tiefer. länger
die schatten der kiefern
nicht ließen sich zertreten gedächtnis und schmerz

schweif deines schweigens
stehst am ausgang
am anfang unserer geschichte. immer
nie ist satt die erinnerung
ein gut gefüllter krug steht im regen. unter meinem fenster

warum ich hier sitze:
damit ich mein denken dorthin schicken kann
wo einer die stimme fängt
bevor das echo ansetzt zum sprung
dass ihr letzter ausklang falle. in ein fernes ohr

das ufer wartet
unter dem müden schilf leuchten dir abschied und weiterfahrt
zahllos bleiben gedanken zurück und die schatten des ungesagten
schließe die augen
zu halten die rasch verschwundene spur des bootes auf der wasserweite

tag für tag
zog vorbei. erinnerungslos
bitte für den wartenden. wanderer
dass ihm zurückkehre. ein name
wie nach langem winter die kurze blüte

fiel ins wasser ein stein
wie auf mein herz
der im abend verschwundene schatten
hatte sammeln wollen das licht
des schönen tages. vor dem schweren abschied

aus dem dunkel. ein blick
wie ein windhauch im stillen roggenfeld
wie ein wort ins ohr des schlafenden geflüstert
wie ein schritt voran den uferpfad, die böschung entlang
dem fluss des klaren quells zu folgen

staub. der sich auf deinen schatten legte
darin die gedanken des müden zergingen
mit den gefallenen worten
unter der letzten dämmerung
zu weben den saum der aufgelösten zeit

aus der fernen heimat

wakas von liebe und trauer

wer warst du. wohin
gelaufen. flug des windes
flügel wie messer
wann willst du sein. unbezwungen. unbegreiflich
gewandert. ohne bewegung. immer vorbei am flachen atmen der erschöpften

späte stunde
was kannst du erwarten
die frage geht. die nacht ist ohne ufer
das bisschen zeit. ist hier
wo jemand atmet. einsam. den staub der fortgesandten

lausche. einer könnte rufen
wache. dein irrendes herz zu finden
mondlicht. im verödeten haus
sagte nicht einer abschied
brach sich der morgen nicht schon im gedanken der träne

die bäche schweigen
so wenig wie die wälder
zaudere ruhig. zu betreten diesen einen augenblick
da schien es, als grüßten sich alle wanderer
über die fernsten fernen hinweg

die straße so lange. wie der tag
fremdheit und scham
auf dem welkenden antlitz der zeit
garten des abschieds. hortus memoriae
wer die trauer nicht fürchtet

baute ein haus
betrat es allein
wie die kinder die mit den wünschen beladenen boote
da gehen die gedanken hin und her
und harren der stille vereister meere

zögerndes herz
ewig können warten die wälder
einsam wohnt der ängstliche
ruhlos in unmöglicher hoffnung
klingt in der tiefe ein verschlossenes lied

eng ist das haus
meiner seele. zwiefalt
ist das gesicht ihrer sprache
schweif der vergessenen jahre
über dem saum der vertrauten sehnsucht

traurige augen der mütter
das letzte licht des tages im späten laub
sie hocken stumm am rand der bald verschneiten wege
und weben aus dem staub
die schleier. die sich um ihre stillen wünsche legen

kühl sind die schatten
unter deinen zweigen
und einsam liegen zwischen ihnen
die rastlosen gedanken. schaukelnd. hin und her
unter dem kreisenden himmel

kam ein wind. sehr spät
trug eine klage über das winterfeld
wuchs ein gras über nacht
hielt den duft des lichtes. im ersten tau
saiten zwischen den halmen. hoffnung zu zupfen

wecke die schlafenden nicht
schalte die lichter nicht ein
lasse die siegel auf ihren augen
ruhend. die gefrorene träne
am ufergestein

missa lecta IV

die ganze landschaft liegt mit allen entlassenen seelen

[krukower psalter | was lernten wir nicht alles über die gerechtigkeit. was lernten wir alles nicht]

die blindheit. das andere. das einsame gesicht. das verzerrte lächeln. das entgeisterte. der stachel. der nicht sticht. die zahllosen gründe. nicht mehr finden zu können den grund. erdrückt von den urteilen. gesprochen. vor der frage. vor der suche. einen rückblick wird es geben. nicht aber einen weg zurück. eine einsicht. möglicherweise. dass das beil zu früh gefallen. lang sind die zeitalter der rechtfertigung. doch ein tag wird sein. an dem das glück sich ausruft. von den erstickten stimmen der engel herab. die lüge wird sich in schönheit verwandelt haben. wenn die ohren überlaufen von der fülle der erzählungen. die ganze landschaft liegt mit allen seelen. verschlungen. vor einem himmelsspiegelnden schlafenden meer. jedem herz erscheint eine gute botschaft. auf ein dunkles wort. fällt regen und licht. einer anderen antwort. nicht als sein widerspruch. doch als ein teil des einen ortes. der zur bleibe wurde. weil es verlassen gab. ein reiches gut. dem geringsten. dem das schicksal zustieß. der verstoßung. der vorhandene. der vorwärts ging. uns voraus. der zuhandene. der die handlung wusste. und nicht scheute. der zureichende zugereiste. in der ewigen wohnung der kurzen verweilung. des langen abschieds. der durch die knospen aller augen schaute. der seine stimme und seinen schatten opferte. für die endlose weite. für die dauernde stille. die angstbefreite.