Mondwiege IV

da ist jetzt niemand mehr
da sind die Echos verhallt
da hört keiner mehr zu
da ist alles verschwunden
unter dem Funkeln des Wassers

da ruft einer noch
der ins Nichts getreten ist

von oben sah es nur aus wie eine Pfütze

[…]

…hier sind alle zu Kopffüßlern geworden
und haben sich den Weg verkürzt
vom letzten Gedanken zum ersten Schritt

und obwohl die Zeit hier so viel Platz hätte
bleibt ihm nun keine mehr
denn sie hat den Raum überfüllt mit Vergangenheit

alles was er war
was um ihn herum war
drängt sich
drängt ihn
zusammen wie in einem unendlichen Strohhalm
mit dem Christus sein Seligstes
aus den verlorenen Träumen zieht

zum Gedicht

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.4.20 | 769-SARS-CoV-2

[Tag 346 der Rückkehr]

doch | dieser Ort gefällt mir | werde vorerst nicht weiterziehen | werde Wurzeln schlagen | im Bett | im Gebet | im Beet meiner Gewohnheit | … | kündige jetzt diese Entscheidung an | kündige alle weiteren auf | werde darin ganz klar sein | will mich dazu eindeutig bekennen | nein | es gibt kein Vorübergehend oder Vorsichtshalber | das hier ist jetzt alles, was ich noch sein werde, auch wenn ich es noch nicht ganz und gar bin | auch wenn ich noch nicht ganz bin | noch nicht gar | … | hier wurzelt mein Werk | hier ist mein Wurzelwerk | auch wenn es in der Erde ist und unterhalb der schlichten Sichtbarkeit von Sand und Lehm und Grasnarben und Gestein verschwunden scheint | aber wenn noch einer von mir wissen will, wenn ich mich selbst längst vergessen habe, muss er hier gewesen sein, muss hier gestanden oder gesessen, gesucht oder gegraben haben | aber dieser wird ein ganz anderes Wasser auf das Erdreich gießen und wird aus demselben Wurzelwerk ein ganz neues Blattwerk hervorgehen sehen | und so wird mein Werk zu seinem Werk werden | und ganz gleich, was ich einmal gesagt haben mag – die Sage wird nun durch seine Stimme gehen | und so zu seiner eigenen Erzählung

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Mondwiege III

[…]

Warte einer verfehlten Jugend
für sie, die zu viel über das Mögliche schrieb
für ihn, der ihr zu viel versprach

[…]

[heimlich aufgezeichnet
als sie beim Leichentrunk saßen
starr vor dem Trauerbrot
um ihre Reue zu essen]

[…]

irgendwo dort in der Menge
verbirgt sich Gott

[…]

der Wald gab uns die Angst
als das Erbe der Kindheit

[…]

den Allermeisten von uns
spannten sich schaukelnde Pfade
aus sprödem Haar geflochten
von Dunkel zu Dunkel

und schließlich
als wir die Bühne betraten
mit Flöten gestopft
die schrundigen Fugen der Welt
wie zw. den Bohlen morscher Stege
dass der einsame Sprung ins Leben
noch vor Ablauf der Zeit gelingt

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Risse in der Haut der Zeit

die Fernen glühen
wie brennende Himmelsfelder

träumst du
Gestoßener
in den Brunnen der Vergessenheit

Bittermandel schmeckt der feuchte Stein
und die Hände so wund wie Falterflügel

du drehst dich nicht mehr um
hast einen Blick von Laub
in gefrorenen Pfützen

[…]

Wege verwehen

sah die Schwelle nicht
vor dem Schacht zur Vergangenheit

wünschte mir
ein Exil des Vergessens

seither lebe ich von Tag zu Tag
um zu überleben

fange nichts an
was am Abend noch nicht vollendet wäre

[…]

ich halte den Tag nicht an
es gibt nichts zu feiern

Blätter des Grases
wie Reste des Sommers
wie Nadeln in meinem Schauen

einmal war ich verliebt
unsterblich
das Gefühl ist mir nicht erinnerlich
aber es bleibt ein Schmerz des Verlorenen
der alles Zeitige übersteht

die Herzen schlagen weiter
verlässlich wie Kirchenglocken

[…]

die sich fremd blieben
die ewig sein wollten
und ohne Welt

die frierenden Amseln

in Händen ein Gesicht
tief darunter gespürte Heimat
wie weites sprachloses Wissen

und andere Menschen wie Geschwister
ihre Wege ziehend vor stummen Blicken

Augen wie Steine am Wegrand
und an den Ufern

dazwischen einzelne Grashalme
die das Schicksal halten

[…]

weit weit fort
ist einer
der deine Hand nehmen wollte
dem du blind hättest folgen können

tief in dir
ist seine Stimme
als hättest du sie in den einsamen Jahren
mit dem Wasser des Regens getrunken

[…]

die großen Wälder die du durchwanderst
die langen Jahre die aus deinen Schritten fließen
und versickern in der Erde wunder Haut

und die Risse im Klang deines Namens
so lange schon nicht mehr gerufen

das Meer siehst du im Schlaf
und auf den leichten Wellen einen Nebelschal
von Flügeln gezogen

die Dämmerung siehst du
und den aufgestoßenen Himmel
nach tagelangem Regen

kurz wie jeder Augenblick
ist der Anfang der Ewigkeit

und jemand schaut zu dir hinab
von der anderen Seite des Wasserspiegels
und seine Hände greifen hinunter
wie um Muscheln zu fischen
und er hebt die kleine Schale
an seine Lippen
als trinke er deine Seele
als seist du nie von ihm entfernt gewesen

und ruhte nun in eines Anderen Stille

[…]

erlöst wenn die Sehnsucht endete
und die Not der Geduld

Zum Text

Tove ist stumm

aus meiner Trauer
fällt ein Regen ins endlose Meer

in die rote Erde
sickert ein lautloser Schmerz

in die grauen Fasern der Zeit
webt sich mein starres Schauen

ich schöpfe mein Atmen
aus meiner Einsamkeit

[…]

lautlos bleibt mir die Welt
als fielen alle Klänge aus meinem Haar
wie Wasser des Spätsommerregens

gleich hell und dunkel sind mir die Jahreszeiten
Kirschblüten fallen
Beeren fallen
Laub und Kastanien fallen
[…]
Winter war es
als ich am Fenster stand
und das Zeitliche ahnte
aus dem die Seele zu entrinnen trachtet

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