Waka 36 [Variation | Geschichte | n | unergründliche | Worte | x | -te | Versuchung | Strudel | Mangel an Fülle | ein fernes Auge | aufgepfropft | ein fremdes Gehör | Schütte der Seele | UferLos | dennoch | und dann noch | Gehäuse aus Klang | bis ein Licht | s- | mich gebrochen]

bleib‘ doch stehen
in deinen Träumen. dann und wann.
Kreuze. Hoffnungen. aufgestellt –
Setzlinge an den felsigen Kanten der Zeit.
Ab- und Durchbruch –

Wunde. Erwachen

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 46 der Wanderungen

lass dich fangen. die offenen Arme. wenige Stunden. rasch verronnene. spreche jetzt noch nicht aus, was du denkst. welche Blüten noch offen, die ganze Nacht. welche Gärten einsam und duftend, in der Sehnsucht nach Zartem. ja, hast jetzt schon lange gesessen, über den Büchern, die sie dir gaben, um in ihnen zu lesen, von ihm. und deren Seiten man dreht, wenn die Geschichte vom Ende her erzählt werden soll. und plötzlich ist dir, als läsest du laut, und Kinder lägen im Gras, ihr Kinn auf die Arme gestützt, und hörten dir zu und blickten auf deine Lippen, mit Augen wie von Mittagsblumen. sie wurden still über den Worten, als spürten sie einen geheimen Auftrag, ihr Sprechen über die Grenzen der Träume zu bringen, wo es dich Älteren hinzieht, um wieder klein zu sein, fragend, erfindend. ein mit allen Wesen der Zweige und Wurzeln und Gräser verflochtenes Leben, das feinerer Sinne bedarf und seine eigene Dauer hat.

Eumaios. hinter den Fenstern

Tag 109 der Erstarrung

du denkst jetzt aber nicht mehr darüber nach, was er gesucht haben könnte. in der Wanderschaft hat er gewohnt. so wie du im Warten. er hat sich geträumt, solange du in den Untergang deiner Sonne blicktest. sehr innig ist heute euer voneinander entferntes Denken. hin und her gehen die Träume. zwischen eurem Schlaf. zu ganz unterschiedlichen Zeiten. die Frühlinge zogen vorbei an euren Jahren. die Blüten blieben unberührt. und euer Atmen ist immer nah an der Quelle. wie der ruhende Fuß vor dem ersten Schritt. doch jetzt macht sich etwas auf, was die Boote nicht besteigen muss. und leben wird, weil es dem Tod folgte.

hier keine bleibende Statt [wir zupfen die Saiten der Margeriten]

jemand fragte: wie soll ich hier leben?
und trank aus Angst kein Wasser mehr

jemand schlug sich die Knöchel zu Splittern
weil die Wälder so endlos

jemand pflückte roten Mohn
und sah am Wegrand die himmlischen Zeichen

jemand ging einen anderen Weg
und dachte nicht an seinen Tod

jemand blickte vom Fenster herab
und schaute den Zügen hinterher

jemand schüttete Milch in den Abguss
jemand sprang von der Klinge
jemand ging die Ufer flussaufwärts
Anfang November

jemand hatte einen Gedanken
jemand wünschte sich einen Traum
jemand stand unter dem Apfelbaum
Mitte April

Kernower Elegien [Pendoggett-Psalter]

halbschattiges Zimmer | in der Mitte ein Tisch | gedeckt | als ob Gäste erwartet werden | geschrumpfter Raum | zu einem letzten Augenblick der Hoffnung

ich weiß nicht, wohin. ich kenne mich nicht mehr aus. die Welt rennt fort. sie nimmt die Zeit mit. ich werde nicht mehr gebraucht. dort nicht. und dann nicht. die Häuser fahren in die Nacht davon. ihre Lichter werden kleiner und kleiner. bis sie sich zusammenziehen zu Sternenhaufen. ich werde indessen durch meine Träume gejagt. und kann den Ausgang des Erwachens nicht finden. ich irre durch ein halbes Haus. durch einen halben Garten. durch ein halbiertes Leben. innerhalb dessen sich alles teilt. innerhalb einer Stunde. die ich so gern noch einmal hätte. wäre für mich noch ein Wunsch frei.

Kernower Elegien [Pendoggett | Kelter der Öle | wachet]

morgen wäre ein guter Tag. über den Tod zu sprechen [für wen freust du dich? niemand heilig. und nur einer treu. über den Morgen hinaus] wovon wir gelebt haben [kennst du einen, der nach dem Verlorenen suchte, der das Verirrte zurückbrachte?] wir schauen uns unsere Wunden an. wir schauen uns an. und wollen sehen, wer als Erster aufsteht, Salben zu holen [er kam heim. rief meinen Namen. draußen Brandung und Brausen. drinnen Knäuel von zahllosen Pfaden und Fäden. noch zu entwirrenden. zu knüpfen ein wärmeres Hemd. für den nächsten Winter] heute ist ein guter Abend, zu sich zu reden und jede Angst wie einen Keim des kommenden Leids, der künftigen Leidenschaft in die nackte, noch harte Furche zu legen

Kernower Elegien [Pendoggett | Augenblicke | per definitionem | kurz. plötzlich und unerwartet | das schnell Vergessene | wirres Träumen | zwischen Nacht und Morgengrauen | ferner Klang von etwas Sagendem | gehe dorthin | wo du noch nicht warst | wo du noch einmal sein wirst | weil du wer anders bist | woanders | dem Tag erschienen | Schein ohne Schattenwurf | aus schäumenden Wellen gestiegen | um zu beenden | die Verschwundenheit]

selten. kommt einer vorbei. immer. zu spät. wenn ein Schatten durchs Zimmer fliegt. immer schon Herbst. und die ziehenden Kraniche. Fracht der Seelen. unterm Gefieder. hinter anderen Küsten. in die winterharten Furchen gelegt.

fandst heute, was dir nicht gehört, was einer liegen ließ, damit es ein Anderer aufhebt, wie einen Stein, aufgelesen an fremder Küste und zwischen den Fingern bewegt, alle Stufen Grau, auf deiner rauen Haut.

aber was hat er gegeben? bevor er nah ans Fenster geschoben wurde. und die Hand gegen die Scheibe drückte. als ob er wegschieben wollte den unablässigen Besuch der vorbeieilenden Gegenwart. oder als ob wüchsen aus dem Glas Finger, die er früher schon einmal hat berühren dürfen. wenn er allein war. mit sich. mit einem Einzigen. der auch keine Zeit zu verlieren hatte. und nicht darauf achtete, wie das Haar lag. denn die Zeit ließ sich ja nicht aufhalten. und die Sorgen nicht vertreiben. jeden Tag der Liebe musste er an den seidenen Fasern gebrochenen Lichtes zu sich ziehen. in die Stille des einsamen Sterbens.