Lied der Stufen [veni creator spiritus]

[Mecklenburgische Elegien | LiederGabe]

siehst du nicht auch: das Laub verdorrte
Ruf des Erbarmens. des Schweigenden…
wie klingt sein Gedächtnis. in den Falten der Ewigkeit

wärst du nicht auch sein Gefährte, der mit ihm verharrte
in seinem Schatten, dem tiefer sich beugenden,
weil ihn der Dienst am Lichte so freut?

bald nun die Eiszapfen. glühend über den Schächten
an jedem Ort der Trauer, wo er nach Leben begehrte
Fugen dazwischen. sinkend in Worten und Tönen:

träumt er davon, was sie ihm Kostbares brächten,
wenn er sie reicher und zärtlicher nährte,
summend sein fernes, einsames Sehnen:

komme. lautlos. windstill. ein Regen wie Firnis auf deiner Haut.
sehen wir, blind, um zu erkennen, wenn unser Auge ergraut.

peregrinari [LiederGabe 2]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

ich fühle die Möwen über den funkelnden Wellen
dein Boot. am ferneren Ufer
darin ein altes Schilf geduldig wachsen konnte

ich spüre: ein anderes Leben will sich erzählen
die leisere Stimme: sie kündete tiefer
und tropfte ins Erdreich, wohin ich mich wandte

da rufen die Wurzeln wie eingegrabene Laute
darin dein Gedanke: ans Licht zu klettern
dem besseren Kinde reifere Früchte zu bringen

der Garten, versteckt hinterm Haus, das ich dir baute
als Zuflucht vor jeglichen Wettern
blieb einsames Ufer, wo mir die Amseln singen:

komm‘, Frühling. das Echo der ziehenden Jahre
komm‘, Herbst. dass ich mein stilleres Auge erfahre

peregrinari | veni creator spiritus [LiederGabe]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

warum die hohen Feste sich so schnell vergessen
so fern die Zeit, in der man bleiben mochte
steig‘, Gott, herab, gelöst aus deiner Trauer

aus deiner gold’nen Zweige Fesseln
was immer einer, der auch schöpft, sich dachte
gelt‘ deinem stillen, matten Blick die nächste Feier

wenn wir die Gärten deiner Jugend dann verlassen
sind wir einander die Verliebten wieder
die an den Fenstern wie an leeren Ufern stehen

wir werden wissen dann, was wir vermissen, ungelassen
im Sang der späten, zärtlicheren Lieder
weil wir, wie lahm auch immer, leichter gehen

am Rand der viel betret’nen Straßen
wo wir zuletzt allein im Blick des And’ren saßen

proficiscere, anima [versiculus]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

jetzt ziehen schon wieder die Schwalben
am Ufer stehst du
zwischen den Weiden. gebeugt
und siehst die Pfade zurück
die Spur, die sich dort zeigt
der Gräser am Wegrand, der falben
und hast einen Blick
als winkten dir Freunde zu
mit seidenen Fahnen, halben
die du durchschnitten
bevor sie dir Abschied sagten. und: gute Ruh‘
bevor du mit anderen Schritten
heimkehrst. und blätterst in staubigen Alben…

gibt es nicht Inseln?

[Rhapsodie | Mitte August]

auf alles
fällt der Regen
Gras und Gestein
ins salzige Wasser

überall
die Schritte des Himmels
zu uns

gibt es nicht Inseln?
um in seiner Nähe zu sein

glücklichere Einsamkeit
unter den Perseiden

doch nicht
um zu vergessen
warum nicht Liebe
wenn Krieg
warum keine Heimkehr
in brennenden Schiffen

ziehend allein
die Schauer
über Dünen und Hügel
uns nicht
verdorren zu lassen

denn Wege sind
auf dem Wasser
und Stimmen
die rufen

zieht unsere Taue
die wir gedreht
aus der Gebete Fäden

gibt es nicht Inseln?
damit das Nahe sie schirme
und schlummere
im tieferen Innern
das Ferne

weiter zu wandern
als es Land hat
und Pfade
darauf zu wandeln

mehr zu erzählen
als die Geschichte
und auszuhalten
die Totenstille
umarmt vom reglosen Meer

und tiefer die Gräben hier
für die Gräber

und dass der Mond
ein anderes Gesicht bekommt
und das Rad des Schicksals
in Kreisen über die Küsten rollt

gibt es nicht Inseln?
den Blick zu heben
nachzuschauen allem Ziehenden

zu gehen
und doch nicht zu gehen
tanzend
bewegungslos
unmerklich
sich zu verwandeln

zu sein
in der Welt
und doch nicht in ihr

wie sie wurde
und wie sie sein wird

weil auch die Einsamen
in ihr einen Ort brauchen
sich zu begegnen

sie zwitschern oder flöten
zwischen trostlosem Gestein
an dem die Dornen zu Perlen geschliffen werden

für leiseres Sterben
in längeren Zeiten

recordare [cantus firmus]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

und wenn der Tag sich neigt
und unsere Schatten lang genug
sich zu berühren
einmal noch

gedenke ich
an deiner Seite wachend
des ersten Frühlings
und seiner zaghaften Blüte

ich wehe fort
und bin im Laub das Rascheln
du drehst dich um
und weißt die ferne Heimat wieder

und hast das dunkle Auge
der vergess’nen Aster
die nach der Zeit sich streckt
so gut sie kann

so greifst du an den Knauf
der off’nen Pforte
die leere Warte vor dir
wo das Ruhlose sein Ende fand

und wenn der Tag sich neigt
siehst du im Staub die Spuren
und hörst ihn sagen:
hier kehrt‘ ich heim für dich

quod sum causa tuae viae [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

wer wollte schon aufhören
wer sich zurücknehmen
mit dem Gesicht von fahlem Morgenlicht
mit der Klage der Schatten unter den Augen
mit von Worten wunden Lippen

und hinter der Starre und dem Schweigen
das nicht Vergessliche

aber leicht wehen die Trauergewänder
in den Winden zwischen Sommer und Herbst
und die kühle Luft auf dem langsam fließenden Wasser
scheint wie der Atem einer Stimme
kurz vor dem Ruf hinaus

es ist noch nicht genug
und wird es nie sein

und ein Echo könnte sagen
du wirst ein neues Haus betreten

da will ich bei dir sein
die erste Nacht
bis die Amsel wieder singt

und bis dahin wache und sage mir
was mit dir verging
und erzähle mir auch von deinem letzten Traum
denn er soll sich nicht vergessen

sieh mich an
bis du dich ganz gehüllt hast in meine Liebe

flüstere die Namen derer
die ich grüßen soll
die dir wie Sterne waren
und deine Seele tranken
und weiterzogen
über das Ufer der stockenden Zeit
wo du gestanden in der Herzensschwere

weil du dich wieder erinnern konntest
an den einsamen Augenblick
in dem du mich erkanntest

γένοιτο [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

da draußen aber
muss noch ein Boot sein

als die Nacht aus dem Wasser stieg

es muss noch das große Leuchten des Tages
an seinem Ausgang bewahrt haben wollen
und fährt den Süden sicher nun ans letzte Ufer

dann wird still sein die See hinter den Nehrungen
die ihre Arme legen um ein schlafendes Land

doch auch wenn Drift und Gezeiten es forttragen sollten
muss es die Heimat sehen
sein Unvergessliches
wo auch immer es gefunden worden sein wird

mag es die Zeit verlassen
nicht jedoch den Kern seines Gedächtnisses
wo das Treibende sich fest vertauen konnte

sein Ende mochte es finden
an der Scheide der Wetter
an der Schwelle zum Nächsten
das bis dahin unbekannt bleiben musste

einzelne Wolken
werden an manchen Nachmittagen daran erinnern
und die Schreie der Möwen
werden sein wie die Fragen der Kinder
wo es denn sei

verstört mag Manchem die Küste erscheinen
versteinertes Rufen
auf Buhnen und Stegen
leer
trotz allen Getümmels

und einsam mag jemand hocken
am Schoße der Düne
und denken
dass die Küste niemandem gehörte

aber allen das Boot
da draußen

Apódeipnon [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

Apódeipnon [Mecklenburg Elegies | Two Week’s Song Book]

Fünf-Waka-Variationen | Five Waka Variations

versäumte Jahre.
Stunden. von Mattheit gesäumte.
auf Wind. warten die Inseln.
die Gärten. auf Regen.
und duftend nach Entgangenem. ein jeder Schatten.

Augenblick. einst.
reglos im Spalt des Lichtes.
und vergessen. fast.
Trübsal. und jedes wunde Wort.
das ins Dunkel tropft. darin die Zeit verschwindet.

warte nur ab.
Ufer der Wiederkehr.
sieh dir ins Auge.
seh‘. deiner Seele anderen Namen.
gestrandet. am Ort des Abschieds.

weit. wie der Tag.
Horizonte. ziehende.
mit allen Farben ins graue Meer.
weil Wolkenhimmel.
weil Schrecken. vergessener Blüte im Gras.

erloschen. dann.
haltlos in den Entfernungen.
doch falls sich öffnet. dein Herz.
leuchte. dem Liebsten.
der jede Nacht nach seinen Träumen sucht.

years. missed.
hours. lined with languor.
for wind. waiting. the islands.
the gardens. for rain.
and scented with what has been lost. every shadow.

moment. once.
motionless in the crack of light.
and forgotten. almost.
gloom. and every sore word.
that drips into the darkness. where time disappears.

just wait.
shore of return.
look yourself in the eye.
see. your soul’s other name.
stranded. on the site of farewell.

far. as the day.
horizons. moving.
with all colours into the grey sea.
for the cloudy skies.
for the horror. of blossom in the grass. forgotten.

extinguished. then.
unstoppable in the distances.
but if. your. heart. opens.
shine. on the beloved.
who searches for his dreams. every night.

Zur Sammlung Mecklenburgische Elegien | To the collection of Mecklenburg Elegies

Non | brevis

ruhend | unter dem Regen | ziehend | in anderen Farben | an Sonnentagen || umgänglich | unumgänglich || an Feldern entlang | kreisend | um die nähere kleinere Welt || hält er den Atem an | hält er die Flügel bereit | falls aufkommt ein Wind | falls er aufkommen muss | für ein gesprochenes Wort || oder auf dem Boden | einer fremden Hoffnung