hier keine bleibende Statt

[Chor der Gelassenen]

welchen Sinn soll es haben. das Feuer zu stehlen. sie werfen es den Fliehenden in die Hacken…

wir können uns nicht um alles kümmern. wir sind die Anständigen. nicht die Zuständigen. unsere Sprache ist nicht die der Seele. sondern die der verrichtenden Glieder unserer Existenz. wir sind die glücklich Beschränkten. wir schränken die Hoffnung ein. denn zu viel Hoffnung ist ein Mangel an Erfüllung. und wir haben ja unsere Vorgaben für die Abgaben. für die wir uns gerne verausgaben. unser Denken entfaltet sich gemäß einer sauber gefalteten Ordnung. damit es nicht die Richtung seiner Zwecke verliert. denn es genügt uns, geradeaus zu gehen. so wie die Linien der Wege gezogen sind. weil auf den geraden Straßen niemand lenken muss. weil da niemand abgelenkt sein muss. damit wir niemandem die Gelenke brechen müssen. wenn er woanders hin wollte. wo es ihm nicht erlaubt wäre zu sein. auf dass ihm genehm ist das Genehmigte…

niemand muss hier erst noch erwachen. alle, die hier leben dürfen, wurden schon aus den Betten gescheucht, bevor es dämmerte. damit es ihnen, den Verdammten, nicht dämmert, vor den brüchigen Dämmen…

ganz enorm ist die Norm. dass wir mit den kürzesten Beinen die längsten Schritte machen. uns reicht der Fortschritt. auch wenn wir nicht fortkommen. denn der Fortschritt ist eine Vorschrift. die uns verschrieben ist. der wir uns verschrieben haben. aus der wir nicht fortschreiten. aus der sich die Seele nicht fort schreit. und nur um ihretwillen gehen wir nicht hinaus. denn sie soll drinnen bleiben. von wo sie nicht raus kann. selbst wenn sie dorthin will. mit uns…

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.10.2 | 934-SARS-CoV-2

[Tag 469 der Rückkehr]

die allerschönste Weisheit [du warst sehr nahe] die Rufe zwischen den Steinen. alle Dinge geschaffen [habe nicht alles geschafft] er muss einfach alles lieben [offenbart im Verborgenen] woraus wir entstanden. worin wir versanken. wovor wir uns hüten. ängstigen. beugen. setzen. neigen [Gedanken. fliegende. die Kraniche fort. mit ihnen. für dieses Jahr] er tat uns kund. wir taten wie Kunden. die auf die Bewirtung warten [klettere die Leiter hoch. durch den Himmel. ins Luftlose. Klanglose] leicht knickende Rohre. an denen wie Äffchen empor… aber von oben saugt jemand die Erde auf. wie durch einen Strohhalm [Finger wie glimmende Dochte. an der Haut der Luftballons] unser täglich Stoß gib uns morgen [und die Augen aus Löschpapier] wer weiß schon. ob er uns hört [bleib‘ fern. für den Glauben an dich. dort. für unsere Hoffnung. hier] wir müssen uns beeilen. die Zukunft beginnt jeden Augenblick [der echte Raum. falls man gelebt hat. Zeit] in den Zellen. das Leben [beginne zu wohnen. habe die Fenster verhängt. vor dem Verhängnis. liege aufgebrochen. unter den Sternen. muss unterbrechen. den Aufbruch. durchbrechen. das Angebrochene. weiß Rat. in der Dunkelheit. ein Rad zu bewegen. aus dem Unermesslichen fort. ins Angebrachte] in den Gewölben der Stimme. auf den Pfaden. die sich wölben vom Wunsch durch die Trauer in die Gegenwart(e) des Vergangenen [rührst dich nicht. dort. wo du hin wolltest. wo es ihn gab. nur für dich. allein. den einen Moment] allein… weh… ganz allein [mich erwartet. zur anderen Zeit] halte dir einen Platz frei. für die nächste Stunde. die letzte. immer

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.25 | 927-SARS-CoV-2

[Tag 459 der Isolation]

man wird viel suchen. und tief hinabschauen. man will den Menschen nicht zu ungleich sein. man will es ihnen dennoch nicht zu gleich tun. man kleidet sich freundlich. und möchte an sie erinnern. die Ungekannten. man weiß sehr genau, wovon man mit Freuden singen muss. man weiß noch besser, wie klein der Teil aller Versprechungen, die man nicht uneingelöst lässt, sein muss, wenn man den Geist weit hinausgesandt hat und die Hände, so fest sie eben angewachsen sind, nicht folgen wollen. man spürt, was sich in einem erhoben hat und dass die Füße weit unten stehen und gehen müssen. und fängt eines herbstlichen Tages an, die Wege nur noch zu denken. als seien sie Ufer von Wolkeninseln und tauchten kurz auf mit jedem Traum und schwanden sehr rasch mit jedem Schlaf. bis man erkannt hat, dass nicht mehr Ruhe entsteht, nur weil es immer stiller wird um einen herum. und wieviel ein Licht ist im einsamen Winkel. groß ist das Schweigen, dass die Wünsche nicht verdrängen kann. lang scheint das Ausatmen aller Zeit. des Ungelebten. und ist doch kurz wie der Pfad durch den Flecken Hintergarten bis zur Küchentür. man sucht etwas für den langen Atem, den die Ewigkeit vorausschickt. etwas, das noch zu Lebzeiten einen Ausgang fand. etwas, das zumindest versucht wurde und nicht verschwunden ist, nur weil der Versuch scheiterte. etwas, das sich selbst trägt, wenn der Träger es hat fallen lassen. etwas, das den Träger trägt, wenn er fiel. etwas, das ihn erträglich macht, wenn er träge über den Leinen seiner Jahre hängt und die Augen sind wie der Halbmond, der sich zur Sichel verkleinert. jede Nacht.

[erinnere dich. wo die Fenster waren. vergesse nicht. was die Mauern verhüllten. wer schon alles hier war. und vorbeiging am Verschlossenen. wer nicht bleiben konnte. und verloren ging in den Landschaften des Winters]

es gibt noch andere, die sich befragen ließen. nach ihrem Gedächtnis. sie könnten interessanter sein. vielleicht sogar schöner. man muss ihrer habhaft werden. man muss sie sich anverwandeln. und baut mit ihren Städten den eigenen Himmel. aber man will die eigene Natur nicht schlicht wiederholen. man holt sie nicht mehr ein. die Taue. man holt nicht mehr aus. im Traum. aus Angst, man könnte sich davon nicht mehr erholen. oder dass man sich ihn holt. den Tod.

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.24 | 926-SARS-CoV-2

[Tag 458 der Isolation]

ich habe mein Auge öffnen wollen. weil ich dachte, dann hörten die Träume auf und ich könnte versuchen, die Wirklichkeit selbst zu erschaffen, indem ich sie erzählte. von Anfang an. und lange davor. weil schon der Anfang wirkte wie ein beginnendes Ende. und dass ich laut sagte, „ich denke es“, obwohl ich wüsste, dass es sich kaum denken ließe. und noch weniger sagen. aber ich wollte es denken. solange, bis ich es fühlte. und weil ich es dann fühlte, hätte ich überhaupt erst begonnen zu fühlen. und etwas etwas gefunden. weil ich es erst erfand. etwas, das sich nie vergessen ließe. das meiner Erinnerung nicht bedurfte. undenkbar im Grunde. als ob ich den Gedanken auf die Wege schickte, die ich selbst nicht mehr gehen konnte. und kurz vor der Schwelle, wo das Ende aus seinem Schatten heraus in den Anfang hinüberreicht, würde ich erkennen, dass ich, je mehr ich versuchte zu vergessen, umso mehr sehen könnte, was nicht vergessen sein darf. und also stünde ich wieder vor dem Offenen, das sie Leere nennen, und könnte sehen den Sinn der Schöpfung, ich, der ich selbst nur noch einige Stunden eines sich neigenden Tages sein würde, ich, der ich bald schon als Teil des großen Vergessens aufgelöst wäre, ich sähe nun, was Schöpfung bedeutet, jenseits von Traum und Wirklichkeit. und zugleich in beidem enthalten. wie ein noch schlafender Keim. eine Erinnerung an das Kommende. dem ich körperlich nicht mehr angehörte. das ich gleichwohl wüsste. das ich sagen könnte. hörte mir nur einer zu.

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.17 | 919-SARS-CoV-2

[Tag 456 der Isolation]

der Ort ist die Mitte. die Mitte ist überall. der wir zu entkommen versuchen. von der aus wir suchen. die Grenze. die wir überschreiten können [ich werde mich dort befinden. ich hatte viel Zeit. mich einzufühlen. einzufinden. die Bucht ist schattig. ist verborgen. weit. weit entfernt. von den brennenden Bergen. die Zeit ist gegangen. und je mehr ich ihrer entsagte. desto tiefer drang sie ein in mich. dass ich die Sterne erinnern konnte. auf denen es mich gegeben hat. ich bin jetzt hier. was dort war. zuvor. die Fenster sind ganz nach oben gewandert. wo der Himmel vorbeizieht. als hätte jemand die Segel gehisst. für die Heimkehr] brauche ein Dach. brauche den Innenraum. ganz gleich, wie dicht und finster der Wald darum gewachsen sein mag. da war ein Spalt. durch den ein Licht eindrang. da gab es einen guten Augenblick. ohne im Gedächtnis zu haften. ohne das Gedächtnis zu verhaften. da war ich schon einmal. um zu vergehen. um mich lassen zu können. in Schönheit und Schmerzen [du musst nichts sagen. die Worte ziehen ihre Kreise um das Schweigen. ich spende dir Schatten. ich kann dir Dickicht sein und Laub. das ich zur Seite schiebe. wenn du nach Licht verlangst] ich war auf den Meeren und in den Gebirgen. ich war in den Städten und in den leeren Landschaften. auf der Suche nach Sehnsucht. nach dem Offenen. das keine Linien hat. keine Winkel. wo der Grund haust. der kindlichen Angst. wo ich fremd sein wollte. und mit anderem Namen gerufen. und von wo aus ich beobachtete die Liebenden. die noch nicht Verlassene waren. die noch nicht wussten um ihr Glück. die ihre Augen schlossen. um zu spüren ihre Seelen [wie schnell du gegangen bist. wie rasch ich vergangen bin] in den Schoß legten sich die Hände der Matten. die nach ihren Herzen zu suchen begannen. dem Unsichtbaren zu folgen. heimlich wie Schatten vorüberzugehen. vorbei an den Steinen und Tafeln

zum Text (Stand 17.09.2022)

hier keine bleibende Statt

Nach der Sommerpause melde ich mich hier zurück und schreibe weiter an meinem neuen Prosagedicht HIER KEINE BLEIBENDE STATT…

[Stimme des Wanderers]

sag du mir doch. was ich erzählen soll. bin bald zurück vom Tod. werde mich gründlich ausgeschlafen haben. werde Zeit haben. endlos. bin dann in einer anderen Liebe. bin bald wieder fort. durch das lautlose Glas aus den Flammen gestiegen. aus der Asche der Wartenden. sie regnete einen Winter lang vom Himmel herab. sie war zergangen in den warmen Händen der Schöpfenden. weil sie Frühling rufen. weil sie ins Leben zerren die Schlafenden. weil ihre Uhren gestellt sind. auf die Altäre. weil ihnen niemand reden soll. von der Zukunft.

[Chor der Engel]

wir wissen die Orte der blühenden Gärten. wir kennen die Zahl der grünenden Bäume und Sträucher. wir hören das Flehen der Hungernden. wir weinen viel. wir können die Wüsten nicht wässern.

[Bildersturm]

was sollen wir machen. fragen sich die frisch Verliebten. gehe fort von hier. sagt der junge Söldner. fast noch ein Kind. zu seiner noch jüngeren Frau. sie hält das schlafende Neugeborene in ihren zitternden Armen. sie blickt auf ihn mit angsterstarrten Augen. als hätte er sie fortgeschickt aus ihrer Liebe. irgendwann später wacht sie auf. dann wird ihr ganz anders sein von ihrer blühenden Phantasie. mit der sie den Toten bedeckt. als ob mit den letzten Blumen des Jahres.

[Chor der Verlorenen]

wir gingen fort. in der Hoffnung, verlassen zu können unsere Erinnerungen. wir ahnten einige Tage später, wer unter den Trümmern liegt. wer nicht mehr zurückkehrt. in die geweihte Erde.

[Chor der Kinder]

wir wissen, dass es vorbei ist mit uns, wenn die Fragen verstummen. das Unheil begann mit dem Schweigen. wir wollen ganz still sein, dass uns nicht hören die Gespenster.

Zum Text (Stand 17.09.2022)

hier keine bleibende Statt

Chor der Verlorenen

I

immer wenn wir weiterziehen wollten. nachts. schneiten die Wege zu. als wollte das Land uns nicht lassen. als hielte es in seinen Händen die letzte Erde. die noch nicht zu Wegen zertreten war.

II

[was wir wohl suchten… vielleicht den Tod. als Ende der Schlaflosigkeit]
Mutter irrte durch den Garten. fand nicht zurück ins Haus.
[wir wollten wandern. damit wir uns erinnern |…| da sind sehr stille Orte. sehr verlassene. sie liegen unter der Sonne. doch niemand ruft ihnen den Sommer zu. alle sind in den Wäldern verschwunden. sie glauben nicht mehr an die Straßen. sie haben Angst vor dem Schlaf. wo das Unheil wohnt. das der Welt nicht gezeigt werden darf. das die Welt nicht wissen soll]
die Kinder wie Spatzen im Sand. mit Elfengeweihen aus Holunderzweigen. Kinder der Liebe. im Weißdorn versteckt. sie kommen zurück als Amseln und Tauben
[das Unheil kommt aus einer anderen Welt]

Bildersturm

ein Stück vom Buchenast. in altes Leinentuch gewickelt. gewogen in den Armen einer alten Frau. und die vierzehn Englein versteckt in ihrer Schürzentasche.

Chor der Kinder

warum weint Mama immer? sie sucht ihre Haare. aber wir dürfen ihr nicht hinterherlaufen. sonst bleiben unsere Schritte im Dickicht stecken
[große Augen und Ohren hat der Tod. darfst ihn nicht denken. darfst ihn nicht sagen. damit er dich nicht holt]
sie weint im Bad. die Tränen hinunterzuspülen in die Erde unter den Häusern
[iss den Apfel mit der roten Wange. gegen deine Blässe]
sie stehen Schlange. an den Ufern der Bäche. auszuschütten die vollen Kannen mit Milch
[wir backen das dunkle Brot. vor dem Aufgang der Sonne. wir backen die Klage. für die Totenfeier. auf der sich alle Mütter versammeln. wir singen die Lieder der sterbenden Geschwister. wir legen ihre Stimmen zwischen die Fliederbüsche]

allem Abschied voran

[unter den Schritten. Orpheus. RücksichtsLos]

XVI

die Stimme muss noch warm sein. die Sprache bleibt kalt. sie ist dem Schmerz überlegen. in ihrem Dunkel trifft das schon Beendete auf das noch nicht Begonnene. wir merken es in dem Moment, in dem ein Stein ins Wasser fällt und wir den Kreisen der Wellen zuschauen. und nicht genau sagen können, ob sie auf uns zurollen oder sich entfernen.

[wollte dir gehören
wollte deine Schöpfung sein
Nebel auf dem See
Irrlicht. darin gefangen
warte. dass dein Tag anbricht]

man denkt sich so etwas nicht aus. man hatte davon keine Vorstellung. sie waren geflohen. man konnte nicht mehr ermitteln, ob voreinander oder vor sich selbst. die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, sind vielleicht nie abgeschlossen. man hegt den Verdacht, dass sie sich auf die Suche nach dem Verlorenen begaben, von dem man sich so viel erzählt hatte. man sah etwas aufblitzen über dem Horizont, als sei ein Stern ins Meer gestürzt. etwas heulte auf zwischen den Wolken. seitdem ist das Wasser reglos wie ein Spiegel, der sich statt nach Bildern und Widerbildern nach Hall und Widerhall sehnt. seither ist alles verdreht. alles verworren. man arbeitet bis zur Erschöpfung an der Lösung der Knoten. man weiß nicht, was gefunden wird. man ist sich nicht sicher, ob ein Befund überhaupt von Belang sein wird. man wird schon sehen. man hat schon größeren Unfug geglaubt.

[er ging ohne Ton
zur Blendung eisiger Stille.
immer. ist Dunkel.
auf seiner Seite das Licht.
verhallt. Lied seiner Heimkehr…]

Leere der Fülle.
Ekel der Erinnerung.
Kind. Seele im Sprung

[werde dich nie verlassen. will mit dir sterben. bleibe immer bei dir. auch ohne dich] vom Rausch blieben nur die Bärte [bin voll leer jetzt. krass abgerauscht. im muffigen Ausatmen eines Luftballons] drehe dich nicht um. rückwärts. heimwärts. langsam die Gänge hinunter. raunende Stimme. lasse dir Zeit. wie die Zeit dich ließ. Ewiger. Einziger. siehst du denn nicht unser beider Schatten? er zeigt uns unser Sterbliches. sie treten es ins Gestein. noch einen halben Abend. noch eine ganze Nacht. dann wird mich dein schlafloses Träumen verewigt haben. dann sind wir frei von Vergangenheit. und von Zukunft. dann schauen wir einander in die Augen und erkennen in ihnen die endlosen Kreise der Sterne um unsere verlorenen Nächte. und aus diesem Augen-Schein wächst uns die Winde der Ewigkeit.

[wohin fallen wir
oder steigt die Welt um uns
Schlinge der Arme
lassen nie voneinander
und nie von unserer Furcht]

XXXIX

wo bist du dann
wenn die Rückkehr nicht mehr gelingt

wolltest du nichts beginnen
aus Angst vor dem Ende?

jede Entfernung schien dir sicherer
um dem Schmerz der Begegnung auszuweichen

[…]

meine Hand
streckte ich durch das Licht
des Morgens

ich versuchte
solange den Atem anzuhalten
bis mich dein Finger berührte

du solltest
mir nicht verlorengehen
weder in der Fülle des Fremden
noch in der Entbehrung des Eigenen

weil ich glaubte
du würdest mir folgen
ging ich hinaus

allem Abschied voran

dabei hatte es den Anschein
als folgte ich dir

ich lernte schnell
in meiner Hoffnung zu überwintern

reglos lag ich
wie ein Findling
auf unbestelltem Felde

nein
du solltest mir nicht gehen
um mir nicht zu vergehen
unter der zeitlichen Neige

ein Augenblick genügte
zahllos zu sein
in meinem Erinnern

um zu wissen
dass der Tod längst begonnen hat

XL

ich will mich freuen
ich durfte den Garten wässern
die Ewigkeit wird ohne Durst sein

ich will mich freuen
wenn ich das Ufer erreicht habe
das schon so lange auf mich wartete

andere werden sich mit mir freuen
und meine Stimme
wird nicht mehr einsam sein

zum vollständigen Gedichtzyklus

Mondwiege XII/XIII

XII

gehe zur Quelle
dein Atem ruht
unter den Steinen

er kann sich nicht mehr zurückhalten
er fließt dir nach
durch jede Dürre
selbst noch die Stufen hinauf

Hauch
der den Klang sucht
und für den Klang eine Wohnung

und für sich selbst
einen Namen
der in ihn zurückfließen kann
die Wege über die Flüsse hinweg

[…]

der zurückkehrt
an einem Morgen
wenn der leise Schlaf
sich aufzulösen beginnt

wenn es der Wartende
selbst noch nicht weiß
auf dem einsamen Lager
verlassener Inseln

und wenn er erwacht ist
und die Stille um ihn herum
kann ja nur Frühling sein
ganz gleich zu welcher Jahreszeit
aufgebrochen sein wird
sein Herz

wie die nackte schwarze Erde
von Pflug und Egge
dass Platz hat ihr Durst

XIII

du kennst mich noch nicht
du hast mich noch nicht erkannt
du bist noch nicht herausgetreten
aus deiner Wunde
du kamst noch nicht zur Erde herab
um an einem anderen Ort
und in deiner Liebe
rastlos zu sein

hier kannst du dich
zum Geschenk machen
und musst nicht mehr einsam deine Gaben zählen

hier gibst du Schutz
und könntest selber Frieden finden
und Freuden
die nicht tot durch dein Fleisch kriechen
sondern noch im Abschied
das schaffende Licht des Geistes
im Gewebe deines Namens halten

und es ist ja nicht bedeutend
woher du kommen wirst
sondern dass es eine Ankunft gibt
für den Wandernden
dass du nicht fällst
wie aus allen Wolken
sondern aus einem Haus ins Freie hinaustrittst
und dass du nicht
wenn die Nacht begonnen hat
in ausgestorbenen Wäldern stehst

was soll dir bleiben
was soll von dir bleiben
wenn Norden ist
über- und überall
und Winter
die eine
nicht mehr veränderliche Zeit

zum vollständigen Gedichtzyklus

Tove ist stumm

[von Wegen, über die Inseln hin]

II

du hast auf Regen gewartet
das Licht wanderte
durch deine Augen
in die Tropfen

lass uns Liebende sein
so lange es niemand sieht

wir gehen die Pfade der Wurzeln
zwischen den Gräbern

mir wurde die Zeit sehr lang
ich hatte mich völlig verheddert
im Geflecht des Ungesagten

du hast gerufen
ich ging…

V

anders
leuchteten die Wolken
an jenem letzten Abend

deine Haut
spiegelte die stille Ferne
einer freien und fremden nächtigen Landschaft

bevor du einschliefst
legtest du deine Hand auf die seine
der schon wanderte durch die Räume der Wiederkehr

Einer wird warten
ein Anderer ankommen
wenn die Falter noch an den Zweigen kleben

vom Sommerregen die letzten Tropfen
auf dem Laub der Hortensiensträucher
mild duftende Zeit vor der Sorge

vor der Träne
die nur noch ein eisiger Wind aus dem Auge zog
weggewischt mit dem Rücken der Hand

das Gedächtnis wird rissig
wie vergilbtes Papier

und unter allen Gedanken
wird mürbe die Sehnsucht

[…]

es kommen keine Briefe mehr
grünlich färbt sich die Dämmerung

grasende Kühe im glücklichen Fraß
und ein badender Mond in ihrer Tränke

VII

um die Schmerzen zu lindern
um den Moment nicht zu versäumen
in dem er an die Tür klopft

aber es wird nicht nötig sein
sich die alten Geschichten zu erzählen

wir werden ganz still vor den Wänden sitzen
und nicht mehr sehen das Vergangene

hier nur
soll die Wahrheit sein
nicht dort

wo man sich verliert im Gehörten
und in den Vermutungen

[niemand wusste mehr
was man hätte wollen können
was man hätte tun sollen
jedem war nur
eine Hand geblieben und ein Fuß
ein Auge und ein Ohr
aber zwei halbe Menschen
ergaben noch keinen ganzen]

wohin also zurückkehren?

die Häuser sind abgebrannt
die Inseln hat das Meer geholt

[ich will nicht mehr sprechen
ich kann nichts mehr sagen
ich will mein Verlangen nicht kennen
ich will nicht noch einmal beginnen
ich will hier bleiben
dass mein Leben ohne Rückkehr ist]

Heimat und Trauer sind verloren

[wer warf sich ans Ufer
getragen über das Ende hinaus
man hat ihn nicht kommen sehen
er sagte uns nichts
er musste still bleiben
wie das Gras
wenn er nicht wieder weg sein wollte
wenn nicht von Schmerzen gesprochen wird
gibt es sie nicht
die Fragen müssten sich erledigt haben
die Betten sollen einsam sein
jedes Elend muss sich selbst genügen…]

er wird den helleren Tag schon noch sehen
und den Rest des Traumes
im Moment des Erwachens

warum hat er sich anschwemmen lassen?

bald wird auch für ihn alles fort sein
und kein Verhängnis wird mehr hängenbleiben
er wird nicht mehr wissen
wie er ausgesehen hat
und wird vergessen haben
an wen er so oft dachte

[du kannst die Liebe nicht erklären
wie alles Unverdiente
leg‘ dich zum Traum dort nieder
wo dein Bett bereitet ist
lass das Wasser von den Felsen stürzen
hinab zu den Wüsten
wo es versickern mag
vergesse die schrecklichen Jahre der Suche]

IX

warten…
die zartesten Dinge
finden ihren Ort

[…]

des Meeres Tiefe
nicht enthüllte Geheimnisse
Mitte der Seele

[…]

sahst Du die Schiffbrüchigen?
sinkende Steine im schwarzen Wasser
Rinde der Leiber rostig
und ihre letzte Sekunde im gefrorenen Auge

[…]

male doch andere Gesichter
und Runen des Lebens
in die Falten um ihre Münder
als blühte etwas
inmitten der väterlichen Kälte
oder als wüchse Moos auf blankem Fels

mache es gut
bis dann
bis wann

verlorene Stimme
wenn deine Sprache sich vollendet hat

Geräusch des Regens auf dem Fenstersims
Staub einer Trauer
unsagbar in den Straßen

[…]

und der Rand der Welt
da
in deiner Wohnung
einsam

diesseits der Mauern
alles
was seinen Anfang sucht

wo jeder Abend
die Fernen einatmet

wo gerufen werden
die Namen der Kinder
ungeboren

[…]

aber wie nebel- und regenverhangen
der Tag auf deinen Gedanken auch lasten mag:
die Stunde kommt
in der du dich in den Frühling hinausgehen siehst
und das durch deine dunklen Augen gebrochene Licht
zeichnet die schattigen Landschaften
in denen du stehest wolltest
am Ausgang zur Zeit

X

alles wird allmählich kleiner
durch die Spalten des Vergessens
ins Ferne wuchernde Triebe
zu Ästen dem Ewigen zugestreckt

du gehst durch die Fremde
und fragst nicht mehr nach dem Weg
und erwartest nicht mehr
dass jemand wartet

noch bist du müde
nach zu langem Schlaf
reibst dir die Träume aus deinen Augen
wirfst sie in den Nebel
der von den Flüssen aufsteigt

[Sie halten bitte noch eine Nacht durch
Sie sagen bitte ihren Namen nicht
[…]
und reservieren Sie uns doch bitte
für morgen einen Tisch beim Chinesen]

die Schlafenden sind nicht mehr hungrig
wenn ihre Seelen verzehrt wurden

die Wachenden haben ihre Köpfe verloren
wenn sie ihr Schweigen nicht brachen

die Müden trugen dunkle Mäntel
schwer vom Regen
und sollten in ihnen über die Schluchten fliegen

[…]

was aber am Morgen danach
wer geht zum Brunnen
und hält der Seele
sofern sie ihren Namen offenbarte
die Schale Wasser in offenen Händen unter die Lippen

diese Schmerzen
sind wie jene
und das Auge geht
in eine bleibende Richtung
woher das Licht kommen soll

wenn aus uns
der Wald herausgeirrt ist
und die Schatten der Buchen
auf unserer neuen Haut verblassen

hörst du sie auch flüstern
er wird wiederkommen
er wird sehr reizend sein
er wird seinen Namen sagen
er wird singen
mit grasduftender Stimme

und was wird er dir sagen
von den Geheimnissen der Heimat
die bei den Müttern sind
die ihre Küsse fallen ließen
von den leeren Fenstern
und in die Gärten
wo sich unsere Kindheiten verloren

du wirst erkennen
dass er zu dir kam
weil bei dir
alles Erinnern blieb
weil bei dir wunderschön sein werden
die Abschiede

und danach
alle Blicke wie Stein