
Gustav Klimt, Der Kuss (1908/09)
Einführung zum Teil I
Wenn man ein Konzert unter das Stichwort Fin de siècle stellt, dann ist das zunächst beruhigend. Denn nichts ist angenehmer, als auf ein Ende zurückzublicken, das schon stattgefunden hat. Ein Jahrhundertwechsel, der sicher hinter uns liegt und uns nichts mehr antun kann.
Oder etwa doch? Fin de siècle – das klingt nach Samt, nach schweren Vorhängen, nach Paris bei Nacht, nach Wien im Spiegel, nach großen Gesten und noch größeren Gefühlen. Es klingt nach Abschied, aber stilvoll. Nach Untergang, aber elegant. Nach Krise, aber mit Bügelfalte. Und doch: Das Fin de siècle ist nicht einfach nur eine Epoche. Es ist vielmehr ein Zustand. Ein Zustand, in dem man sehr viel weiß und immer weniger glaubt. Ein Zustand, in dem man reist, hört, liest, sammelt, empfindet – und sich dabei zunehmend fragt, wo eigentlich man selbst geblieben ist. Oder: wo man hingehört.
Das Fin de siècle ist die Phase, in der Europa entdeckt, dass Kultur kein Heilsversprechen ist, sondern ein hochkomplexes Verdrängungssystem. Man tanzt, weil man nicht weiß, wohin mit der Angst. Man schreibt Gedichte, weil die Syntax nicht mehr trägt. Man komponiert, weil das Sprechen zu gefährlich geworden ist. Vielleicht tanzt man aber auch, weil der Körper noch weiß, was der Verstand längst vergessen hat. Vielleicht schreibt man, weil irgendwo ein Rest von Stimme übrig ist. Vielleicht klingt Heimat manchmal nur noch als Melodie.
Die Musik dieses Abends bewegt sich zwischen Salon und Abgrund, zwischen Reise und Rückzug, zwischen dem Wunsch, irgendwo anzukommen, und der leisen Ahnung, dass man bereits unterwegs verloren gegangen ist. Wir hören Musik, die sich tarnt: als Tanz, als Romanze, als Fantasie, als Caprice. Aber unter diesen wohlgeformten Stücken arbeitet etwas anderes: eine Nervosität. Ein Zögern. Ein inneres Zittern… Das Fin de siècle liebt das Schöne – aber es traut ihm nicht mehr. Es liebt die Heimat – aber es weiß nicht mehr, wo sie liegt. Oder schlimmer noch: Es weiß, dass sie nicht mehr dort liegt, wo sie einmal war. Deshalb reist man: nach Paris, nach London, nach Wien, nach Budapest, oder gar weiter weg, wo zuvor nur das Träumen hingelangte: Ägypten, China, Japan und natürlich nach Amerika. Man nennt das Weltläufigkeit. Oder Bildung. Oder Moderne. Aber vielleicht ist es auch nur Heimweh mit Fahrkarte.
Aber damit sind wir schon bei einem zentralen Missverständnis dieser Epoche: Heimat ist im Fin de siècle kein Ort mehr. Sie ist ein Gefühl mit schlechtem Gedächtnis. Ein Klang, der sich nicht festhalten lässt. Ein Rhythmus, der nur noch im Körper wohnt. Ungarische Klänge erscheinen nicht, weil man Ungarn erklären will, sondern weil man etwas sucht, das noch nicht ganz vom Diskurs verdaut ist. Spanische Tänze erscheinen nicht, weil man Spanien kennt, sondern weil man das Eigene nicht mehr erträgt. Exotik ist bekanntlich das, was man benutzt, wenn die eigene Kultur in einer Sinnkrise steckt. Und doch – und das ist wichtig – diese Musik ist nicht zynisch. Sie ist nicht kalt. Sie ist noch nicht gebrochen im späteren Sinn. Sie tastet. Sie hört. Sie hofft – manchmal verzweifelt, manchmal mit Ironie, aber immer mit einem Rest von Glauben daran, dass Klang etwas halten kann, was Sprache längst verloren hat.
Am Ende dieses Abends steht deshalb keine Lösung. Keine These. Kein historisches Fazit. Am Ende steht eine Sehnsucht, die sich nicht mehr national fassen lässt, nicht mehr eindeutig, nicht mehr sicher. Eine Sehnsucht nach einem Ort, der vielleicht nie existiert hat – aber dessen Melodie wir erkennen, wenn sie erklingt. Vielleicht ist das die eigentliche Heimat des Fin de siècle: nicht ein Land, nicht eine Stadt, sondern ein Moment des Hörens, in dem wir für einen Augenblick glauben dürfen, dass wir gemeint sind.
Einführung zum Teil II
Ein Programm unter der Überschrift Fin de siècle dieses zwingt zur Auswahl. Und damit: zum Verzicht. Es wird Texte geben, die Sie vermissen. Namen, die fehlen. Gedichte, die heute Abend nicht sprechen dürfen. Nicht, weil sie weniger bedeutend wären, sondern weil jedes Programm – gerade zum Fin de siècle – immer auch eine schmerzhafte Entscheidung gegen sehr viele Möglichkeiten ist. Betrachten wir z.B. Gustav Klimts Gemälde Der Kuss: Gold, Nähe, Umarmung. Ein Bild, das uns verspricht, dass alles gehalten ist. Dass Liebe stillsteht. Dass Schönheit genügt. Und genau darin liegt seine Ambivalenz. Feier des Schönen und zugleich ein tiefes Misstrauen in das vermeintlich Haltende.
Unsere literarischen Texte folgen deshalb nicht der Erwartung, sondern dienen der Spannung innerhalb des klanglichen Schwingungsfeldes. Verlaines Clair de lune klingt wie ein Nachhall – nicht mehr der Mond selbst, sondern die Erinnerung an ihn. Bei Rilkes Spanischer Tänzerin wird Bewegung zur Verwandlung: Der Körper weiß für einen Moment mehr als das Ich, bevor alles wieder in Sprache zurückfällt. Dann Eliots Prufrock – eine Figur, die denkt, zögert, abwägt, bis das Leben leise an ihr vorbeigeht. Keine große Tragödie. Nur eine leichte Nervosität im Gang durch die nächtliche Stadt, vielleicht zur Geliebten – ein Gang vielmehr durch Zweifel und Unsicherheit – das Selbst darf sich nicht zu ernst nehmen, damit es nicht stürzt. Im Rosenkavalier lächelt und tanzt Wien noch einmal – und in allem Abgründigen und Chaotischen steht die Marschallin – wissend, elegant, im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Else Lasker-Schüler denkt Heimat nicht als Ort, sondern als inneres Land, als Farbe, Traum, Verlust. Trakl führt uns schließlich an einen Punkt, an dem keine Geste mehr trägt – wir sind gefangen in der Stille nach dem letzten Ruf. Und dann, fast unverschämt leicht, Rosalindes Czardas aus Die Fledermaus. Tanz, Maske, Überschwang; auch Melancholie, ja – aber frech geschminkt und leicht beschwipst.
Ein paar Worte zur Musik: Auch hier geht es nicht um Vollständigkeit, sondern um Reibung, Übergänge, kleine Verschiebungen der Temperatur. Bei Reynaldo Hahn begann alles beinahe unauffällig. Seine Romance ist ein Stück kultivierter Zurückhaltung, ein Pariser Innenraum, in dem nichts drängt und doch alles schwingt. Mit Camille Saint-Saëns und der Havanaise verschiebt sich der Akzent: Der Körper tritt hervor, der Rhythmus wird deutlicher, das Fremde verführerisch. Exotik als Projektionsfläche. Richard Strauss’ Sonate in Es-Dur führt uns noch einmal an einen Punkt selbstbewusster Setzung. Jugend, Energie, Pathos. Ein ausgelassener, affirmativer Moment vor der großen Skepsis. Mit Alexander Zemlinsky (Serenade in A-Dur für Violine und Klavier) wird der Ton fragiler. Die Schönheit bekommt Risse. Und bei Leoš Janáček (Sonate für Violine und Klavier) schließlich verdichtet sich alles. Die Sonate ist Nerv, Fragment, innere Rede. Musik als existenzielle Unruhe, als Sprache nach dem Verlust der Sprache. Und dann, zum Schluss, Franz Lehárs Ungarische Fantasie op. 45. Ein Stück über Heimatsehnsucht. Ungarn erscheint hier nicht folkloristisch, sondern innerlich: ein existentiell notwendiges Fernwärme-Echo. All das wird empfohlen einem Gehör und Gespür für die inneren Bewegungen zwischen Nähe und Distanz, zwischen Goldgrund und Abgrund, zwischen Tanz und Zweifel. Und wenn Sie dabei gelegentlich das Gefühl haben, etwas nicht ganz zu verstehen, dann machen Sie sich keine Sorgen. Das Fin de siècle war sich selbst auch nie ganz sicher. Wir sollten also ein wenig Nachsicht üben mit einer Epoche, die uns vielleicht näher ist, als uns lieb sein kann.
Das Programm des Konzerts mit Lesung
Teil I
Paul Verlaine: „Clair de lune“ (aus: Les Fêtes Galantes)
Reynaldo Hahn: Romance en la majeur pour violon et piano
Rainer Maria Rilke: Spanische Tänzerin
Camille Saint-Saëns: Havanaise op. 83
T. S. Eliot: Liebeslied des J. Alfred Prurock
Frederick Delius: Romance
William Butler Yeats: Des Himmels Tücher
Edward Elgar: La Capricieuse op. 17
Hugo v. Hofmannsthal: Zeit-Monolog der Marschallin aus Der Rosenkavalier
Richard Strauss: Sonate in Es-Dur op. 18
Teil II
Else Lasker-Schüler: „Es rauscht durch unseren Schlaf“, „Nun schlummert meine Seele“ (aus Meine Wunder)
Alexander Zemlinsky: Serenade in A-Dur für Violine und Klavier
Georg Trakl: De profundis
Leoš Janáček: Sonate für Violine und Klavier
Johann Strauss (Sohn): Rosalindes „Czárdás“ aus Die Fledermaus
Franz Lehár: Ungarische Fantasie op. 45
Mitwirkende
Margit Haider-Dechant, Klavier
Tonio Schibel, Violine
Bernt Hahn, Rezitation
Stefan Plasa, Moderation

