ihr habt nun: traurigkeit

letztes licht. nach dem weg (worte eines gegangenen. vermutlich weise)

ich sah den stern. als er im sinken war. sein zeichen war schon seit langem eine erzählung der mütter, die ihre kinder mit wunderlichem gesäusel in den schlaf schicken.

ich alter mann aber hatte noch eine restwärme im auge, ein nachglühen der einstigen richtung.

dennoch: ich ging. denn gehen war das einzige, das mir nicht genommen werden konnte.

ich ging durch die bittere kälte. durch die verwaltete nacht. durch die orte des fremden gedächtnisses. obwohl ich wusste: hier wurde alles schon erklärt und nichts mehr geglaubt.

die mitgebrachten gaben waren nicht nötig. aber sie trugen den sinn des abgebens in sich. der kostbaren entlastung. denn jegliche herrschaft endet. und alles, was aufsteigt, sackt in sich zusammen. und vor allem: liebe kostet den körper.

ich erinnerte mich: das kleine lag durchaus nicht im licht. es lag am zugigen rand der welt. wo es niemanden hält, der bleiben könnte. man hätte dort noch ewig auf chorische gesänge hoffen wollen. doch es gab da nur dieses leise atmen des verletzlichen lebens. nur dieses eine, unverfügbare jetzt.

es war gleichwohl ein trügerisches bild: geburt als anfang? nein! geburt ist ein schnitt. ein verlust alter ordnungen. ein tod. der in mir begann, lange bevor ich anfing zu sterben.

die heimat hatte sich mir entfremdet. die sprache passte nicht mehr. das frühere himmlische stand nur noch als dekoware auf den anrichten.

ich aber war dem wirklichen begegnet. und lebte fortan im zwischen. unerlöst. unverloren. wach. in meinem drinnen.

und die welt draußen? wollte wieder herde sein. wollte geführt werden. gezählt. gesichert. nannte es frieden. norm und system. unter dem flackern der heiligen nächte.

in meiner stille wusste ich:  das heilige kommt nicht, um uns zu beruhigen. es kommt, um uns unbrauchbar zu machen für das falsche ganze. es kommt leise. es bleibt kurz. es hinterlässt keine anweisungen. nur eine wunde, die nicht heilt, damit wir fühlen. (in vertretbarer dosierung, versteht sich)

wenn du mich fragtest, wo es heute und vielleicht immer liegt, dieses licht, das versprochene, sagte ich dir: nicht im himmel. nicht im staat. nicht im geschmückten raum.

es liegt dort, wo du bleibst, wenn alles gehen will. wo du sprichst, wenn schweigen einfacher wäre. wo du trägst, was sich nicht rechtfertigen lässt.

das ist die nacht, nachdem sie vergangen ist. das ist der stern, nachdem er erloschen ist.

nenne es weihnachten. nenne es fest- oder auszeit. was immer du willst. sei es dir auch nur diese kurze zeit dazwischen, in der du etwas schlaf nachholst und dir ein paar träume liefern lässt, bei zu viel essen und zu wenig bewegung. was immer du willst. nur frage dich selbst: was anschließend weitergeht. die welt oder du?

ich, der einmal gegangene, will ganz offen zu dir sein: ich ging, weil mich jeder schritt veränderte. ich kehrte zurück, weil ich es gerade noch konnte. doch nicht um anzukommen. sondern um zu erinnern.

ihr habt nun: traurigkeit

hier. die bleibende statt. für die verschwundenen. hier. weil sehr viel ruhe ist. und sehr viel eintracht. und hier. weil alles so gut ist | stimme. mit gegenchor

ich hatte mich hingesetzt. ich war reglos. ich hatte mich zur ruhe gesetzt. die saß schon da. und hatte auf mich gewartet. ich zog mich zurück aus der geschichte. sie war mir im stand der einsamkeit sehr nahe gekommen. hier konnte ich offen schweigen. hier hatte ich gelernt, mich zu erhalten. das geschrei der anderen war erst kurz zuvor aus meinen ohren getropft. doch dann war es nur noch in der härte und ferne der mauern fremder häuser. zu mir kam ein stück land, auf dem ich noch eine weile verbleiben durfte, bevor ich in seiner erde versickerte wie eine verstummte nachricht im sediment der zeit. hier musste ich keinen mir fremden mut mehr aufbringen, wenn ich leben wollte. hier genügte das bisschen luft zum atmen, das ich für die enge des dazwischen brauchte. die bezirke der gefolgschaft und die zonen der verfolgung hatte ich verlassen. ich musste fortziehen, um hier zu sein. ich ging den weg, um wegzugehen. dorthin, von wo die zukunft rief. und wo die vergangenen, wenn sie einmal dort angekommen waren, schweigen konnten. wenn sie es einmal dorthin geschafft hätten. und neu erschaffen wären. hier. wurde mir nichts vorgeworfen. nicht vor die ermatteten füße. und nicht ins gewissen. hier. wurde die angst abgeschafft. hier. musste die hoffnung nicht mehr verordnet werden. weil das erhoffte schon erfüllt wurde, bevor es überhaupt gehofft werden konnte. hier. durfte alles gewohnheit sein. selbst die freiheit. hier. war niemand dagegen. hier zu sein. oder den ferneren ort nicht zu wünschen. oder die abwehr zu spüren, gegen noch mehr von denen, die herkämen, so wie ich einmal hierher gekommen war. hier. dachte sich jeder das seine über das andere, ohne sich dafür zu schämen. ohne sich dafür zu entschuldigen. hier. musste niemand das gedachte erläutern. weil hier schon alle geläutert waren. hier. kam niemand mehr rein. der am ende war. denn hier wohnte der anfang. jeden tag. endlos. hier. war nicht das land. dass fremde und heimat entkernt. hier war nicht die fremde, die überall ist. für die fremden. die überall sind. mit ihren beheimatungen im rucksack und unter den wundgetretenen sohlen. hier. ging jeder geradeaus. hier drehte sich nichts im kreis. außer der erde, auf der man stand. und die einen schickte in den nächsten tag und die übernächste nacht. hier. wurde jedes gewissen leicht. und jede erinnerung entsorgt. hier. musste nichts mehr erzählt werden. nicht vom pferd. und nicht vom schatten, der uns alle gemeint hat. hier war das ungeheure nicht in den ungeheuern, sondern im ungehörten, das hier allen gehört, die nichts sagen.

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jetzt sprechen: wir. aus den vernähten mündern. jetzt schweigen: wir. im versiegelten grund. keiner horcht mehr, der nicht mehr gehorchte. die sahen wir hocken in den vermauerten rändern der ausgemessenen, angemessenen welt. die hatten sich ausgeschlagen aus ihren häuten. und kratzten sich wund ihre reue. jetzt aber: reden wir. jetzt aber: treten wir die reste ihrer worte aus dem sand. jetzt aber: kehren wir auf das geschwätz vom boden der ständigen. jetzt schieben wir ab: die schatten der unanständigen. und reiben uns ein mit dem salböl der heiligen angst. und marschieren. nicht im takt, sondern im nachhall der zerbrochenen welt. uns trägt kein boden. wir treten ihn ab. bis er sich ergibt. wir sind die nachgeborenen der vergeblichen zerstörungen, die wiedergekehrten aus den barrikaden der verbrannten städte, wo die kinder ihre namen vergaßen und die mütter ihr gedächtnis unter dem kalk vergruben. wir haben gelernt, die luft zu essen, weil die erde voller knochen war. wir haben gelernt, das licht zu löschen, weil das dunkel zu viel sah. hier spricht jetzt kein orakel mehr. wir sind das hungrige kosmogramm. der rachen, in dem alle prophezeiungen verschwinden. wir sind das echo, das keine stimme braucht. wir sind der wind in den offenen rippen der gefallenen, der befehlston in der zunge der ausgeweideten straßen. wir sagen: keiner kommt heim. keiner bleibt fremd. keiner wird erinnert. wir sagen: alle werden verwaltet. alle werden geordnet. alle werden ausgebucht aus dem register der irrlichter, ausgetragen aus dem alphabet der lebendigen. wir sagen: alles ist vergangen. alles ist verfügbar. alles ist verbraucht. wir sind das scharnier, das die welt schließt. wir sind die kupfernen gelenke der endzeitmaschine. wir sind die falte im himmel, durch die das licht entweichen musste, damit niemand mehr die götter erkennt an ihrer abwesenheit. wir sagen nicht mehr: den frieden. denn er ist nur das sedativ der schuldigen. wir sagen nicht mehr: die ruhe. denn sie ist nur der stillstand im getriebe der vernichtung. wir sagen nichts mehr von der freiheit als einer gewohnheit. weil jede gewohnheit eine seuche ist, die wir ausrotten werden. wir behaupten nichts mehr. und darum behaupten wir uns so gut. wir sind hier nicht, um den klagenden zu hören. wir sind hier, um seinen ort umzudrehen wie einen stein, unter dem etwas fault. denn wir schleifen die namen. und löschen die pfade. und verzehren die grenzen. und werden nie satt davon. wir sind der paramilitärische proteinshake der verzweiflung. der erdrutsch, der sich selbst gehorcht. die dritte stunde nach dem ende der welt. und wir sagen: niemand kehrt zurück. niemand kommt an. niemand wird je herausfinden, wohin das verschwinden sich verwandelt, wenn es endlich genug geschluckt hat. niemand darf sagen: die angst sei abgeschafft. denn jeder weiß: sie hat nur ihre form verloren. sie wurde zu einer dünnen, klaren flüssigkeit, die tropfenweise in die brunnen rinnt, aus denen wir trinken. wir kennen den ort, der sich land nennt. und die erde, die uns aufnehmen wird. sie ist kein boden. sie ist eine speicherplatte für verlorene namen. sie frisst die schritte, bis nichts mehr bleibt als die kante im staub, die der wind verwischt, bevor jemand sieht, dass wieder einer gegangen ist. denn das ungeheure erzählt sich selbst, in uns und durch uns und ohne uns. es ist der hall, der bleibt, wenn der letzte sprecher verstummt ist. wozu sollte denn alles gut sein? gut ist nur, was niemanden mehr stört. und uns stört nichts. weil wir das störende längst in uns begraben haben. wir begruben es, als die welt noch dachte, man könne uns retten. aber wir wissen schon lange, was hier ist – hier ist der ort, an dem die zukunft ihre akten vernichtet. hier ist der ort, an dem die engel ihre flügel trocknen nach den letzten missglückten botengängen. hier ist der ort, an dem die fremde aufhört fremd zu sein, weil es keine heimat mehr gibt, aus der sie kommen könnte. hier ist der ort, an dem die zeit sich weigert zu vergehen, weil sie niemanden mehr findet, der sie messen möchte. wir heißen hier jeden willkommen. aber jeder soll auch wissen: wer hier ankommt, ist nicht mehr unterwegs. und wer hier bleibt, hat nichts mehr zu verlieren. wer hier noch spricht, spricht nur, damit das schweigen nicht merkt, dass es längst übermächtig geworden ist. wir sind viele. wir sind die stimmen unter der erde. wir sind die, die nicht mehr hoffen müssen. nicht mehr fragen müssen. nicht mehr ankommen müssen. weil wir schon lange da sind, wohin alle aufbrechen, die sich setzen, um nicht mehr aufstehen zu müssen. wir sagen: hier ist kein ende. hier ist das nach.

ihr habt nun: traurigkeit

übungen: im.bleiben

sitzen. sitzen. sitzen. bis das warten beginnt. bis die erwartung endet. das aufstehen ist kein gedanke mehr. das aufstehen wurde aus der sorge entlassen. weil das sitzen seinen sitz nicht hat im schlechten mut, sondern im guten, in der gutmütigkeit, die in kleineren räumen wohnt, der gemütlichkeit wegen, die alles, was früher landschaft war und fenster und wachstum dahinter, als man noch hinausschaute, um der sehnsucht nahezukommen, mit dem dekor des funktionalen verdeckte. also: sitzen. sitzen. noch ein stündchen. eines sehr sehr langen lebens. weil man alles totschlagen kann. nur nicht die zeit. weil man vieles totschweigen kann. nur nicht die innere stimme. die ja so geduldig ist. und länger bleibt als man selbst. die nicht zuständig ist. und sich dennoch immer einmischt. also: sitzen. vor der wand, die man aufgerichtet hat gegen den blick, der weiter wollte. also: sitzen. und die tage nach farben ordnen. nach tassen und tellern. nach den geräuschen der uhren. nach den schritten, die draußen vorüberziehen. von wo der ruf nicht mehr ankommt, der früher genügte. man sitzt nicht ungern. weil sitzen nicht fortgeht. weil sitzen nicht fragt. weil sitzen nichts verspricht. und manchmal, wenn das licht am nachmittag schräg wird und ein staubkorn für einen augenblick so tut, als sei es ein zeichen, dann hebt sich etwas im innern, nicht zum aufstehen, nein — nur zum erinnern daran, dass man einmal stand, dass man ging, ohne zu wissen, wohin. und dieses nicht-wissen war damals eine art von mut. jetzt aber sitzt man weiter. sitzt, bis selbst das sitzen still wird wie ein zurückgenommener befehl.

sitzen. und sehen. aber vielleicht sind zwei augen eines zu viel. oder zwei sogar. die blindheit wäre ein glück. die welt und die dinge am duft zu erkennen, der durch die seelischen stoffe greift. ohne aufzustehen, setzte eine bewegung ein. die die steilen hänge und die schmalen stege nicht fürchtete. man sähe die wege wieder unter den noch nicht gewagten schritten. man kehrte aus seinem schatten zurück in den fluss der zeit. und nähme gelassen abschied vom sommer. und ließe sinken das schwere licht des späten. das sich nie verspätet. nicht absichtlich jedenfalls. es sei denn, die verspätung zeigte an, dass eine ankunft nicht gewollt war. man wüsste wieder sehr genau, wer sich sehnte nach einem blick. der klarer und tiefer träfe. man stünde nicht mehr ungesehen in der allee der nummerierten bäume. man steht wieder, halb zertrümmert vielleicht von den wettern, auf freiem feld, ungeschützt, aber endlich.

ihr habt nun: traurigkeit

vielleicht
dass ich einmal ein mensch war
vielleicht
dass ich noch zu einem ort werde

aber
ich kam aus einer gegend
da sind nicht ewig
schnee
und laub
und fruchtbeschwerte zweige

dafür halten sich dort umso länger
gerüchte
und schweigen
und ein gedächtnis
das keinen besitzer hat

klein sind die städte dort
leicht zu übersehen
schwer zu erreichen
wenn man sich fürchtet vor wäldern
und vor sich selbst

weit war das land
das ich verließ
weil es die seele beengte
weit ist das land
von dem ich träumen muss
weit ausgestreckt
dass ihm der himmel nicht zu nahe komme
weit muss das land sein
dass seine müden straßen verschwinden lässt
im nimmersatten horizont

und wer dort blieb
lernte, den wind zu überhören
wie man lernt zu murmeln
ein gebet

blind will ich sein
und einsam
zwischen dörfern und hügeln
und sollte mich eine heimkehr treffen
gib mir
verlorene schritte
und vergessene namen

lass sie zur zarge sich schließen
der ungesagten erzählungen
die sich ranken
um die steine
die unbewegten
die geschnittenen steine
um die sich alles dreht
was in erstarrung endet.

denn jedes wort
das nicht mehr gebraucht wird
kehrt heim
als moos

und wer sich niederlegt
hört eine sprache
die aus dem mund der erde kommt
ein atmen
das sich nicht mehr unterscheidet
vom windstoß
und vom gesang der verstummten

denn
der tod
ist eine sage
vom versäumten leben
ein garten voller knospen
an einem ufer ohne aufbruch

vielleicht
dass ich noch einmal sprechen werde
aus dem wasser
und aus der kühle der felsen
durch das es sich quälte

testament. eines ungesagten tages

[waka. 1. plus 2. dämmernd } { test.a.ment_der. stille]

I

erinnert. die seele.
im schwund. des gedächtnisses.
die sehnsucht. nach licht.
die tieferen verdienste.
der unerhörten liebe.

II

freude. flüchtige 
im morgenwind: ein gesicht.
auf die pochende stirn gelegt.
vernarbt. zum zeichen hin,
das kein vergessen auslöscht.

III

ruhend: im verstummen.
spur: der erschaffenen.
ein hauch: aufglühend
über den rissen der zeit.
gebrochener flügel. im abendrot.

die vielen briefe. die. eines tages

[beginn einer meditation]

warum ich du sage? um vom echo verschlungen zu sein. erkannt in dem. was allein ist. zu zweit. und in der seele sich selbst gebiert. um endlich ein vergängliches werden zu können. ein trauerndes. ein sich erinnerndes. ein wirkliches. zwischen all den träumen…

lasst uns geworfene. zu gesandten werden. lasst uns schauen. erkennen und lieben. ineinander gewirkte. im stillen gebet. dem größeren zu. das in uns wuchs. und das uns hinausruft. in die gärten. und an die ufer…

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[zweiter Ort: Doha Airport, Gate C26]

Sollten wir uns etwa nicht sorgen um Gott? Die Spuren des Traurigen unter uns. Das Erloschene zwischen den Fetzen der Träume. Vielfach hat es uns gegeben, damit wir es einmal begreifen, was uns hielt bei den Straßen und Ufern. Aber doch nichts zu erbitten um der Bitte willen, sondern weil es um das Leben ging, das eigene, vor allem aber das der Anderen. Wir setzten uns selbst ein Ende, setzten wir Ihn nicht ein als den höchsten, einsamsten Wächter, setzten wir uns nicht aus der schmerzvollen Warte, auf die ein jeder Liebende sitzt. Es gibt keinen Urlaub von der Sorge für die tief und wahrhaftig Liebenden. Denn ihre Seelen geben sich unverändert den in ihnen Wohnenden, ganz gleich ob sie empfangen oder verlassen wurden. Und um ihrer Treue willen werden sie verwandelt sein ins dreifach gebrochene Licht des wundgescheuerten Glases, durch das all die Blicke all den Augenblicken hinterherschauen.

Werkstatt IX [suchend.sehnend | SuchtSehne]

eisiges atmen. bodennah
klarheit des letzten schöpfungstages
mit den auraflecken der ersten sünde

schuf die welt
schuf aber auch die gegenwelt
ufer und ferne
spiegelung auf dem gespannten draht des horizonts

fallwinde. wundfalle
stürzen zu lassen. himmlisches. in die stimme
flügellose engel. bis einer spricht:
deine augen. mein brunnen
der durstigen seele. kein ende