testament. eines ungesagten tages

[rede. aus der: hinter.welt]

traum eines einsamen gottes. sich selbst zu vergessen. für einen kurzen moment. seines langen wartens. wohin schickte er das gespenst seiner ersten schöpfung? das der träumende nicht zu vertreiben vermag. bild und abbild stehen in einem ständigen widerspruch. dem jedoch nicht widersprochen wird. er trägt seine eigene asche zum ufer. an dem die rufenden auf ein echo warten. müdgewandert ließ er sich fallen. einen halben schritt vom offenbarten entfernt. den sehnenden, die ihm noch bis an den rand des zweifels gefolgt waren, gebot er schlaf und abschied. denn die inzwischen fast verdurstete erde sollte nicht verzweifeln ob ihrer dürren seelen. die schon zu lange versucht hatten, sich aus einem verborgenen zu ernähren. darum musste das schweigen ihre heilige sprache sein. und jede rede musste gehen vom unsagbaren. denn es ist unter allem, was klingen kann, das vom schrei am weitesten entfernte. und zugleich ist es sein unmittelbarer spiegel. das blinde glas. in dessen haut sie sich zurückwerfen. um nicht aus der eigenen fahren zu müssen. und um ihr blutleeres gewebe im roten licht des abends zu baden. der schöpfende aber. kennt den brunnen. in den er den eimer hinablässt. den er gefüllt wieder vom dunkel ans licht ziehen möchte. er wird, ohne zu trinken, nur ins flüssige schauen. eine nacht lang. bis zum anbruch des nächsten tages der frühere schmerz nur noch ein gedanke ist. der anfang einer lust. das leben zu erzählen. ohne es zu beklagen. den leib zu bewohnen. ohne ihn zu geißeln. und die seele dort zu suchen. wo die stimme ob aller kurzatmigkeit verloren ging. und also beim hauch zu beginnen. aus dem heraus sich atmen und schreiten lässt. beim ufer. aus dem – wie gezweig aus dem stamm – die pfade wachsen. die zu den breiteren wegen und straßen führen. an deren rand entlang gegangen werden kann ohne weisung. einfach der eigenen inneren güte nach. die sich den menschen nicht aufdrängt. sondern sich unmerklich als heilender schatten auf ihre zahllosen blendungen legt. und die – am äußersten rand einer wüste stehend – um einer fernen verheißung willen das öde ihrer vertrauten geborgenheit nicht verlassen. denn das bild einer tollkühnen tat. und der ihr folgende tod. wurde ihnen in die augen gestempelt. damit die angst – dieses wirksamste aller betäubungsmittel – sie hält in der lähmung. dabei hatte kein schöpfer jemals verkündet. dass die seele eine schnecke sei. und der körper das gehäuse. in das sie sich verkrieche. nein! schon seit eh und je war sie das verirrte gestirn. das – ob mütterlich oder väterlich – still zur nächtigen seite seines kindlichen planeten herabblickt. und geduldig wartet. bis es dem geist – dem sie hauch sein möchte – einmal so richtig dämmert. und da stand er nun – nicht mehr gott, nicht mehr mensch, nur atem zwischen zwei erkalteten lungen. sein auge, leer wie eine muschel, spiegelte die blicke der hungernden. und wer noch sehen konnte, sah das nichts und nannte es frieden. wir aber, kinder der aufgelösten ordnungen, standen im kreis um das schweigen. ein kreis – kein altar, kein tribunal – nur die letzte form einer gemeinschaft, die noch nicht vergessen hat, zu horchen, wenn niemand mehr spricht.

testament. eines ungesagten tages

Vorrede zu einem neuen Zyklus von prosalyrischen Texten

vor der menschheit steht: das ungeheuer einer forderung. sich zu erinnern. das zeugnis wird nicht mehr genug sein. die geschichte wird sich durch ihr fleisch wühlen müssen. sie wird sich als endlosschleife durch ihre träume winden. sie wird den schmerz zurückbringen in ihr taubes gewebe. und die durch ihre träume gewanderten schrecknisse werden sich nicht mehr verschweigen lassen. sie wird bekennen müssen: ich habe gehört. ich habe gesehen. ich habe gewittert. ich habe gewusst. ich kannte die stimmen der flehenden. ich spürte den schlaffen muskel der unterlassung zwischen den schläfen. sie wird sich nicht mehr winden können. aus ihrer eigenen haut. wie die schlange. von der sie sich hat beißen lassen. alle sieben jahre. um ihre kranke sucht. um die vergiftete sehnsucht als notwendigkeit empfinden zu können. um immer wieder und neu behaupten zu können: ich wurde im paradies geboren. ich saß unter dem baum, unter den reifen früchten. ich spüre noch die beule am kopf, vom letzten apfel, der sich fallen ließ. ich blieb auf meiner seite. treu. und arglos. und stehe hier noch immer am richtigen ufer. in der friedlichen stille des siebten tages. während das leben, das sich aus diesen gärten fortmachte, das sich durch die hecken und durch die gesetze schnitt, dieses so genannte leben, diese mühsame zwischenzeit, diese lange weile zwischen geburt und tod, für immer da draußen lungert, da drüben, also dort jedenfalls, wo es sich ortlos und immer anders, immer woanders, durch das zeitliche schleppt. ich sage: ich! weil es keines echos bedarf. das den stolz meiner gewohnheit stört. ich sage: ich! weil ich mich nicht vertauschen und verwechseln lasse, mit jenen, die anders sein wollen, in ihrer albernen uneigenheit. ich sage: ich! weil die nötigen opfer nicht auf meiner seite des zaunes stehen. nein! ich gebe mich nicht auf, wie das unadressierte paket, das auf riesigen postdampfern ziellos über unendliche wasser schippert. ich mache mich jetzt ganz ehrlich. und werde nichts versprechen. und werde mich nicht versprechen. den unsäglichen verheißungen und verheimlichungen. mit diesen schalen abfindungen des gehorsamen lebens. ja! ich schlage ein raues leder des gedächtnisses um die ohren der tauben. nein! ich will kein versprochener mehr sein. keine tat mehr. die dem wort nicht entsprochen hätte. ich trage, ganz unverhohlen, das gespenst, das die hohlheit ausfüllt, das gespenst meiner inwendigen fülle, bei gleichzeitiger äußerer schlankheit, kargheit, das gespenst der lösung, der auflösung. aller widersprüche. und aller bedürfnisse. ich sage: ich! als ergebnis einer zucht. einer selbstzucht. eines kommens im genügsamen hiersein. eines auskommens in der bleibe. eines einkommens, das sich ausgeht, ohne ausgehen zu müssen. so bin ich in mich eingetreten. und trete für mich ein. ohne mich eintreten zu müssen. ohne den zwang der tritte und der bitte. und erst recht: einer niedrigen dankbarkeit. die einem keiner dankt. der „du“ sprach. und „ich“ dachte. um den lohn des unverdienten zu bejammern. und den verdienst der belohnten zu versauern. ich sage: ich! um den namen zu vergessen, den mir eine vergessliche mutter gab, um sich selbst neu benennen zu können. ich sage: ich! weil ich in der ferne ein großes gelächter hörte. weil ich ein lachen spüre, ein kitzeln. nicht hinter mir. nicht vor mir. sondern: in meiner zunge. ich sage: ich! weil mir bis heute abend der mund abfällt. und nichts von mir bleibt als: ein loch im gesicht. ich sage: ich! weil es das einzige wort ist, das sich nicht schreien lässt und dennoch in die ohren der vergrabenen sickert. deren fleisch sich kühlt im schutt der geschichte. ich sage es, bis niemand mehr da ist, der mich verwechselt. außer ich selbst, der ich schon weg bin.

विरह (viraha)

ab.schied. in: dir | lied. ohne rück.kehr

nach einem nicht gesagten du. im spalt. des zerschnittenen ichs

im schatten der mauer. keine antwort. nicht in der mailbox. nicht im licht. nicht in mir.

dein schweigen ist eine landkarte. abgerieben von zu viel blick. die linien – meiner greisen hände – ohne orte. wie wege, die: nie begannen.

der mond stieg über dächer. wie eine frage. er brannte sich ein in die scheibe der tür, die du nicht mehr durchquert hast.

ich warte. nicht auf dich. ich warte auf das aufhören der bewegung deines namens in meinem mund.

eine silbe, ein schatten darin. eine stimme: verödet im gehör. eine umarmung: nicht vollzogen.

im hof: eine birke, die sich gegen das fehlen wehrt. ich schreibe in die rinde der stunden. ich schreie nicht. ich schreite kaum. ich wandle. ich verwandele nicht. und liege auf getretenem gras, in dem das schweigen deines letzten blickes blinde wurzeln schlug.

ich hätte dich halten sollen. nicht: als körper. sondern als abdruck in meinem entwohnten innern.

die welt schlief ein. als alles blühte. es war frühling. als du gingst. als das leben weiterging. als die stille deinen gang angenommen hatte. als ich aufhörte heimzugehen.

du hältst die laute. die ich nicht mehr höre. die scherben. die ich stieß durch meine wange. wie durch mein ungesagtes. dein letztes ewig… ewig…

triptychon. eines funktionssubjekts | predella. eines finalen tonfalls

stimme. des sommers. lege dich ins gras. bevor es vergeht. verliere keinen gedanken. an die zeit. vielleicht fallen tropfen. eines noch ungeliebten lichtes. aus einer früheren wolke. die zerriss. ins geschlossene auge.

hell sind die zimmer. bevor man von morgen sprechen mag. zu hell. vor dem zeitalter jeglicher sprache. und zugleich: diese eine minute. vor dem ersten amselgesang. der ans unbehauste gehör klopft. wie der schmerz gegen die innere haut der frisch verschlossenen wunde.

der traum weiß noch. wo die mitte steht. des gedächtnisses. da ist die zeit ein wegrand. ein spalt. für die ganze landschaft. die fast vergessene. die in kaskaden ins verlorene innen stürzt. ganz so. wie drei stunden später. die menschen verschluckt sein werden. von den vorortzügen.

wälder wachsen. über dem gleisbett. zwischen zwei türen, ein- und ausgang, streckt sich der flur des einen tages. aller tage. diesseits. bleibt unverändert die welt. von drüben aber lehnt ein anderer ton an pforten und wänden. da mag ein schritt sein. der vorangeht. ein ruf. dessen richtung sich dreht.

die sinkenden. die gefalteten. die nachgereichten

[szenarium\abwicklung. einer protokollierten rücknahme]

auf.takt | schritte. der hoffenden

die treppe hinab. die starre der gedanken. fremdes. nach seiner heimkehr. nach der abfuhr. des eigenen. vor der abfahrt. der heimgesuchten. frostig in ihrer ruhe. zwischen den umarmungen. der tiefgekühlten schuld. gesunde ferne. von leidenschaften. von überschreitungen. von entschlüssen. vereinigungen setzen einigkeit voraus. geringe erwartungen. fleißbereitschaft. flussakzeptanz. floßwillen. ein offenes archiv. der furchtbarsten momente. der unvergesslichen träume. der worteverdunkelung. der lauteverdumpfung. der wünscheverdampfung. der segensverstopfung. für all jene, deren stopfherzen die sauerstoffe nicht behagten. die süßstoffe nicht genügten. denen bitter wurden: die nachgereichten kaltschalen mit den süßholzraspeln.

a.no.malie | stanze.rückwart.läufiger existenzen. ge\h\läufiger kardiomyopathien. gegenläufiger mytho-partien

was alles daraus entstehen kann. wenn einmal damit angefangen wurde. klageverzicht. verbot der selbst-gespräche. laken über die geblendeten. aus-blende der berichte. der berechtigten. in den kühlkammern der entfruchtung. der entfeuchtung. der trockengelegten. die noch gerade aus dem sumpf gezogen werden konnten. denen die irrsinnigen zustände noch zeitig genug aus dem juckenden fell geklopft werden konnten. denen nichts mehr zugestanden werden muss. die zugestellt werden. zu den abgedeckten. abgelegten. in die falten der sorge. in die fächer der entsorgung. mit sorgfalt.

was eingetragen wurde. es loszulassen. das los | eine.ge\h\samt.heit.in ihrer reichen zahl. in der reichen einsamkeit | in der sicher. in blei. versenkten registratur

individuum befindet sich seit 74 stunden im zustand der unaufgeforderten stilllegung. keine rückkopplung. keine antwortimpulse. minimale bewegung. vermutete ursache: fehlauswertung eines näheerlebnisses in verbindung mit chronifizierter bedeutungslosigkeit. protokollierte auffälligkeiten: reduzierte atmung (lautlos). blickrichtung: innen. kreislauf: stabil, aber enthoben. emotion: nicht mehr nachweisbar. erinnerung: fragmentarisch, ohne narrativen anker. sprache: nur intern, ohne kommunikationsabsicht. verortung: unterhalb der sprechschwelle. zustand: nicht erreichbar, aber auch nicht vermisst.

letzter beobachtbarer satz (gemurmelt): ich war nicht traurig. ich war nur zu hören. und das war zu viel. kein handlungsbedarf.

kein rücklauf zu erwarten. versenkung formal abgeschlossen. warten auf anstoß. auf windstoß.

zwischen. spiel | pausen. brot

war hier einer stimme? stimmt was nicht? trat hier einer ein? der noch nicht getreten wurde?

[einzelner schrei: genießt euren kurztrip | autokorrektur: kurzzeitpflege | mehr raum darf die zeit nicht einnehmen | die entpflegten. die keine anstalten machen. in den anstalten. der fremdkorrekturen]

haben sie schon die gefäße der hoffnung sterilisiert? halten sie bitte die lösung bereit! für die auflösung. die lichtdrähte. für die entstörung. die bleitupfer. gegen die trostwunden.

löte. der echos | halte.stelle | eines verödeten atems | end\r\einigung. end\r\einheit. der geräuschlosen | notat einer unnötigen not

eine falte hebt sich. im laken. ein ton. ein schatten. keine quelle. :— / — : / :— staub der inventarnummer. flatternde etiketten. fähnchen vergessenen laubes. ungesehen.

anhang.fehlersignal | nicht vorgesehen. prophetie.an.taube

zeitstempel: +00:00:00. nach erfolgter grablege quelle: unidentifizierbar. signalstatus: abweichung | echo > erlaubter rahmen. meldung: nicht abfangbar. kennung: prophet*in.transit.7

[steg. fall | was das wasser verschlang]

siehst du mich. durch den stoff? ich bin nicht gekommen, um dich zu retten. nur, um das wort zu legen an die stelle, die nie gesprochen wurde.

du wirst einmal an einer stelle stehen, die nicht eingezeichnet ist. ein licht wird dort sein. nicht groß. aber ohne schatten. und niemand wird wissen, dass du es warst, der dort wartete.

einwurf.einer a.meise | ant.wort.en ohne zuständigkeit | re.act.ion

[nach der lektüre ist: vor dem schreiben]

Re Kommentar: Hilfe! Ist das schlecht.

notieren sie: ant.wort – biss einer a.meise

hilfe: wurde bereits angefordert. zuständigkeit: nicht vergeben. bewertungseinheit: defekt. dank an das echo. es zeigt: auch stille kann lauter sein als ruf.

Co-Kommentar einer anonym bleibenden apl.Professorin für „Kultur und Gedöns“ an einer privaten Fachhochschule für Law and Economics

Sehr geehrte*r Kommentator*in,

der Umstand, dass Sie einen Notruf an ein poetisches Artefakt richten, spricht entweder für eine bedenkenswerte Verzweiflung oder für eine bemerkenswerte Fehladressierung. In beiden Fällen empfehle ich: Lesen Sie weiter – oder lassen Sie es bleiben. Literatur ist kein Lieferdienst.

Mit den besten Grüßen, auch an Ihre Geschmacksinstanz

vor.spiel | für anfänger.innen | fürs zeitige: exeunt

eine bühne. für beziehungen. oder: beziehungen als bühne. hinten: die wunder-bar. vorn: die erwartung. und dazwischen: eine dünne haut. das licht durchzulassen. ohne die andere seite sehen zu können. wenn einer ruft: ich bin es. ein wie flachs zerfasertes lächeln. ich bin hier. wo jetzt noch dort ist. aber ich könnte herüberkommen. in die spiel-bar. um spielbar zu werden.

mein atem fühlt sich jetzt bereits an, als hätte ich einen vorhang verschluckt. wenn ich lang genug weiterspreche, rede ich ihn auf. ohne mich oder etwas aufschwatzen zu wollen. ich will die sätze nur solange falten, bis sie blickdicht werden. ich spreche noch bis zu dem moment, in dem ich mich aus der wahrheit herausmoderiert haben werde. bis ich weiß, dass die wahrheit sich nicht mehr herausreden kann. und wenn der vorhang fällt, fällt auch mein letzter satz in sich zurück.

das ist der fall: falls ich die bühne betrete, falls ich sie nicht mehr verlasse, ziehe ich die alten bilder aus den gassen. von rechts nach links. den morgen in den abend. das morgen ins gestern. denn in mir und aus mir heraus wird flackern, was nie war und was nie wieder wird.

prayer in darkness

[triptych of a remaining presence]

I

be breath to me. when i have none left. be a gaze to me. when my sight is gone. be a shadow. on the wall of my heart. a remainder of light in the nearness where I vanished.

let me recall what I could not hold. let it rest a little longer by my waking side – not as image. but as warmth beneath the skin.

when pain comes. take me into its centre. do not let it circle me. like a beast around its prey. let it weep with me. let it grow tired.blet it sleep. and me with it.

II

and if i can no longer walk. then carry me. not far. only to the edge of remembrance. to that place where the air still carries his scent.

if i sink too deep. then lay me down. among the folds of the old day. in the valley. where the shadows sleep.

i have no more words. only sounds. that rattle within me. like glass in an abandoned house.

love – it is no promise. it is an imprint. in the damp soil of my inwardness. i step into it. and do not know if i shall ever find my way out again.

my body: an archive of the touched. my skin: an echo of his hand. my mouth: a sealed verse. refusing to let him go.

and if i die in this hour? then let it not be an escape. but an entrance into the room where he once more speaks my name.

III

there. where my speaking fails. let the word remain. out of which i unravel. and be to me a tone. no more than a breath. trembling at the edge of a line.

i wish to say. what cannot be said. let it shatter within me. into syllables of light.

no longer by my hand. do i inscribe the mark. but by the autumn of my breath.

i write down. what leaves me. i write on. what sustains me. here. in the voice. that becomes space. here. in the space. that becomes image.

beneath my forgetting. landscapes. distance. that never left me. as long as i wandered through them.

let them write me. as one who loved. one who asked. who stayed – in the breath of the word no one speaks. that nonetheless carries all things.

as i carry him. within me.

meditation: rückstandsf[r]eier selbstab[t]rieb. tensidprotokolle. spülung im ich-behälter. tauchgang im klärbecken der identitätsreste.

die landschaft. wurde versenkt. in unseren blicken. die sind jetzt wie kläranlagen. in denen wird alles klar. in denen wird nichts verklärt. klarspülertränen tropfen ins trübe. dazwischen. wo sich die letzten undurchsichtigen verschanzt haben. aber die haben sich verschätzt. ihre augen. immer noch zu opaque. werden mit glaskristallen ersetzt. damit sie sich nicht mehr entsetzen. zu tief hinab. in ihre wolkigen gedanken. sie wissen noch nicht, was sie tranken. sie murmeln etwas von ich. es klingt wie: dies und das. und ist nur ein strich. durch die milchmädchenrechnung. es soll bedeutender sein. als die deutungen. die es schon immer gab. aber – und sie werden es auch bald merken – die irdenen kelche, die irdischen, sind gefüllt mit etwas, was nur ausschaut wie wasser, und wo sie aber lange warten können, bis sich das nasse in wein verwandelt haben wird; ins weinen vielleicht, ins weichen gewiss, unter den weichen, die ihnen gestellt sind, den weichen, die dem stein nicht entweichen, der ihnen auf die nervösen füße gestellt wurde. ich ist ein becher tensid, in den ein hauch hineinfällt und eine gischt hinauswächst, wie ein hungriger schwamm, der sich aufs organische legt und es zerlegt. in seine einzelteile. dass sie nicht übersehen ihre einsamkeit. dass sie nicht überspringen die lange weile, die dem tod sehr eigen ist, in so zwingender weise. ja. dem leben wird eine schaumkrone aufgesetzt. denn das leben soll sich gewaschen haben. es soll sich einmal bequemt haben. auf der unentwegten waschstraße, auf der es gebürstet und gestriegelt wird. bevor der tod es zersaust. in seinem schleudergang.

gebet in der dunkelheit

[triptychon einer restlichen gegenwart]

I

sei mir ein atem. wenn ich keinen mehr habe. sei mir ein blick. wenn ich nichts mehr sehe. sei mir ein schatten. an der wand meines herzens. ein restliches licht in jener nähe, wo ich verlorenging.

lass mich dessen entsonnen sein, was ich nicht halten konnte. lass es noch ein wenig an meiner wachen seite ruhen – nicht als bild. sondern als wärme unter der haut.

wenn der schmerz kommt. nimm mich in seine mitte. lass ihn nicht um mich kreisen. wie ein tier um seine beute. lass ihn mit mir weinen. lass ihn müde werden. lass ihn schlafen.

und mich mit ihm.

II

und wenn ich nicht mehr gehen kann. dann trage mich. nicht weit. nur bis an den rand des erinnerns. dorthin. wo die luft noch nach ihm duftet.

wenn ich zu tief sinke. dann leg mich nieder. zwischen die falten des alten tages. in das tal. wo die schatten schlafen.

ich habe keine worte mehr. nur geräusche. die in mir klirren. wie glas in einem verlassenen haus.

die liebe – sie ist kein versprechen. sie ist ein abdruck. in der feuchten erde meines inneren. ich trete hinein. und weiß nicht, ob ich je wieder hinausfinde.

mein körper: ein archiv des berührten. meine haut: ein echo seiner hand. mein mund: ein verschlossener vers. der sich weigert, ihn loszulassen.

und wenn ich sterbe in dieser stunde? dann sei es keine flucht. sondern ein eintreten in den raum. wo er noch einmal meinen namen sagt.

III

dort. wo mein sprechen versagt. bleibe das wort. aus dem ich mich löse. und sei mir ein klang. kaum mehr als ein hauch. zitternd am rand einer zeile.

sagen will ich. was nicht gesagt werden kann. lass es in mir zerspringen. zu silben aus licht.

nicht mehr mit meiner hand. setze ich das zeichen. sondern mit dem herbst meines atems.

ich schreibe auf. was mich verlässt. ich schreibe fort. was mich erhält. hier. in der stimme. die zum raum wird. hier. in dem raum. der zu bildern wird. unterhalb meines vergessens. landschaften. ferne. die nie mich verließen. solange ich sie durchwanderte.

sie sollen mich schreiben. als einen, der liebte. einen, der fragte. der blieb – im anhauch des wortes. das niemand spricht. das dennoch alles trägt.

wie ich ihn. in mir.