TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.10.27 | 959-SARS-CoV-2

[Tag 486 der Rückkehr]

die Einöden nehmen kein Ende. sie nehmen sich alles von den Endenden. und die Dinge suchen in ihnen nach ihrem Ort. aber ihr Grund kann nicht sicher sein. wohin das Licht kaum vordringt. des kommenden Tages [wer entsinnt sich noch des Morgens? vor wenigen Stunden] hast dich ins Unbewegte eingehüllt. zu eng die Haut. um dich gewickelt. kannst dich nur mit ihr drehen. musst ohne Mitte sein [wir sind jetzt dort. wo wir uns umschauen können. falls es einen gibt, der uns die Köpfe dreht. auf unseren Pfahlhälsen. tief ins Erdreich gestoßen] regst dich nicht mehr. hast aus dir hervorgebracht das Ende. das die anderen alle erst noch beginnen müssen. in ihren Augen ist die Welt. die auch einmal einen beschwerlichen Anfang hatte. die auch schon so weit entfernt ist von sich. doch wenn sie alle nicht bei sich sind, können sie auch nicht in ihr sein. und werden für immer vergessen bleiben. und werden sich, wenn das Ende da ist, nicht mehr erinnern, wonach sie sich sehnten [wir hören das ferne Summen derer, die noch Augen haben, sie zu werfen auf etwas Begehrtes, ins Wasser ihrer Wünsche. doch sie wurden im Flug zu Steinen. und schlugen ein die Köpfe der Träumenden] musstest dort enden, wo dein Leiden begann [wir wissen aber jetzt noch nicht, dass wir eines Tages davon erzählen werden. wir können uns jetzt noch nicht vorstellen den wahren Schmerz. der Endlosigkeit. unserer Liebe. in dieser Enge. dazu sind wir jetzt noch zu erwachsen. zu verwachsen. mit unseren Hoffnungen. |…| was wir nicht gerne hören. was wir zerstören. weil wir glauben, dass niemand zuschaut. und dass die Künftigen es nicht sehen werden. denn sie erblicken nur noch, was ihnen erzählt wird. nicht, was die Welt ihnen zeigen will] Bruchstücke gegen Trümmer gestemmt | jetzt: in der Stille. ist jeder Laut ein besonderer Klang. für den du kein Gehör mehr brauchst [man hat uns gesagt, dass wir die unbekannten Wege schon gegangen sind. wir haben das nicht bemerkt. wir lassen es uns dennoch gerne berichten] jetzt: ist immer Neumond. der Heilige Geist ruft den Tauben zu. sie hören das Himmlische besser [lasst unseren empfindlichen Ohren noch etwas Zeit, sich zu gewöhnen an den Sang der Ewigen] jetzt: zwischen den Bergen. ist Nacht. die Hiesigen behaupten, der Mond sei verschlungen worden von den oberen Gebirgsseen. Zorn der Hl. Mutter. ach. lass sie so reden. dass die Wirklichkeit ihrer Träume Platz hat. und dass ihre Seelen unversehrt bleiben |…| mondlos heißt: ohne Gedächtnis. heißt: sich erzählen zu lassen. und weiterzuerzählen. was sich nicht selbst erinnert. ob all des Schlafes. aus sich heraus… [doch der Himmel müsste nicht mehr anders sein. wären wir uns selbst nicht mehr fremd] sag‘ uns noch nicht, wohin du zurückkehren willst. die Wintersachen liegen ausgebreitet. kahle Zweige wippen vor dem Fenster, als wollten sie deinen Namen ins Glas ritzen. du gehst durch die Türen. du kommst immer wieder. ins selbe Zimmer. wo dein Körper in den Sessel sackte. und mächtig durchhängt. ohne Seele. sie merkt erst jetzt, dass sie keine Flügel braucht, um zu schweben und zu fliegen. und ist selbst erstaunt über deine wahre Stimme. und hätte sich selbst nicht vorstellen können, wozu du fähig gewesen wärst. und wozu am Ende die Zeit fehlte.

[du hast die Jahre verstreichen lassen. nun hat die Zeit dich gestrichen. wie die weißen Wände. in denen alles Licht gesammelt scheint. durch sie hindurch siehst du. jetzt. die Heimat wachsen. die du nicht mehr erreichen konntest. und die sich ja dennoch um jede Heimkehr kümmert]

Waka [13, 14]

13

Äste der Weiden | wippend über dem Wasser | schlagend in die Zeit | als wollten sie Ruder sein | die Insel ins Licht zu fahren 

14

was sinnst du, Vater | Raum der lagernden Worte | wohin gerufen | Gefangener deiner Gärten | [b]Bleibe. dort. wo Dämmerung…

worum es geht

immer geht es darum | dass der Moment des Sterbens | wahrscheinlich | der längste Augenblick des Lebens ist

unendlich scheint jetzt die Zeit

und endlich ist Zeit | das Wesentliche zu sagen | das man nicht mehr zurückhalten kann

und weil es jemanden gibt | der zuhört | ist man | zu guter Letzt | ein durch und durch | beinahe | glücklicher Mensch gewesen

allem Abschied voran [I]

ging hervor aus einem Glück
schlief noch
als der Frühling lang vorbei
spiegelte Ferne in den Augen
wähnte weit die Welt
wünschte die Wachheit nicht

[…]

was sah da auf
und fragte
wo ist mein Tod

so begann die Suche
nach dem Tag der Heimat
und zog das Grau der Zeit
durch eine seltsame Stimme

und wusch das Licht aus
im wellenlosen Wasser

[…]

jetzt müsste noch Morgen sein
jetzt kann noch alles geschehen
was sich denken lässt
jetzt wird noch nicht gestorben
jetzt klingt die Stille über dem Nichts
wie ein Sang der Mütter
abends an den Wiegen

[…]

wo ist die Grenze
wenn Klang folgt auf Klang
und Welle auf Welle

wo sind
die Orte der Ankunft
die Orte der Bleibe
die allem Abschied vorangingen

[…]

fast schon war die Suche beendet
eben noch war das Ufer zu sehen
immer wieder tauchten die Inseln auf aus den Nebeln
immer wieder sandten sie einen Ton in die Nacht
einen Boten der künftigen Freiheit
immer wieder hatte die Sehnsucht sich zu Ende erzählt
immer wieder der Schlaf der Erschöpften
als ob nie ein Erwachen
als ob immer Morgen und Schlummer
als ob kein Ort um das Träumen herum

vernisSage

[sehnSucht: Firnis]

schwarzlederne Äpfel
in gläsernen Kuben

Laubteppiche und Sand
aus Sohlen gefallen

von Bächen Getragenes
gefangen in Leinwand

und was der Furcht vor ruhelosen Nächten
auch immer Angst machen kann
und die Zeit ver-treibt
des einsamen Brütens
von Eiern in Form von Posthornschnecken
aus denen schlüpfen sollen
die kleinen Seelchen
die keinen Traum erzählen

ganz gleich
ob
noch nicht
oder
nicht mehr

sie bedürfen einer Geburt
und dem Sturz einer Frucht
auf geduldige Erde

sie blieben allein
weil es Erkennen gab
und der Garten ihres Wachstums
noch nicht gewohnt war
an Jahreszeiten

ein Ort
am Ende
wo stummes Leid
ist allen Lebens
anFang