
dreh dich zur Mauer | wo der Wein rankt und dir sagt | wann wieder Frühling ist
Lyrik|Essays|Kritik

dreh dich zur Mauer | wo der Wein rankt und dir sagt | wann wieder Frühling ist

im Kleid des trockenen Laubes | an kahlen Ästen vergessen | und Regen | Tag um Tag
bis zur Heimkehr | unterm Neumond | und abends | die Gedanken an den Aufgang der Sonne
nah die Ufer | doch fern die Boote | und in Sehnsucht wiegendes Schilf | nie sterbende Stimme | des Verlassenen
und ärmlich das Haus | in der Einsamkeit | und herrlich die Zimmer | der vergessenen Träume
und rauher Wind | die Steine glättend | dass sie zarte Wangen bekommen
doch von welcher Verlorenheit | die Wege verweht | als hätten die Gegangenen das Künftige begraben
und weil die Kommenden erwachen müssen | über dem Versunkenen

how old am I? I had to wait a long time for a feverish heart. my life as an emergence of childhood. as a different form of indecision. there, everything is simpler and more confusing at the same time. there, the sound of the unbelievable has its beginning. and yet, there is the place, where no one has to be lost in empty hope. on lonely evenings, the mothers return and stand on the thresholds between restlessness and peace. the eyes must be closed. no longer dreaming. not yet awake. in order to see what is to come. arduous paths that no longer cause fear. Forests through which one can roam loosely, joyfully awaiting the clearings or the hidden lakes. because one is no longer forced to be a grown-up. but because one has begun to grow.

welchen Fels | unter den Füßen
aber die Zweifel sind es | die mich weitertreiben
ich darf nicht vergessen | zu lächeln | sollte mir jemand begegnen
weiß ich doch | wie es endet | in der Erstarrung | und wo die Gassen und Pfade noch enger werden | und warum den Häusern kein Laut mehr entkommt
hier kann ich nicht bleiben | das Dort sucht nach mir | in seiner Einsamkeit
spät | ist immer die Zeit | dem Wartenden
bis die Glocke | nicht mehr zu hören ist

dann. wenn du aufwachst: | Einsamkeit der kahlen Felder. | wie ein Traum. der Tag
then. when you wake up: | solitude of the bare fields. | like a dream. the day

Blumenfeuer. erloschen | von weißen Wänden verschluckt. | ihre Zärtlichkeit jetzt | in den Schatten kahler Zweige | vom Licht des Mondes gemalt

für Vera Nemirova
durch Spalten. Sonne | hinter der Mauer ein schöner Tag | drinnen: Vorhang aus Staub | ich könnte die Sachen packen | fortgehen durch die Landschaft hindurch | … | bevor die Landschaft fortgeht durch mich hindurch…

schließe die Bücher | aber: erzähle weiter | wohin es uns noch | verschlagen hätte. danach | wir waren noch nicht am Ende
wären nie dorthin gekommen | aber: wir wissen heute | was wir noch wollten | und an welchem Zweig wüchse | unser letzter Wunsch

dann stelle ich die Bilder auf. von allem, was ich erfahren habe. und wenn es Frühling wird, gehen sie auf wie junge Blüten. und werden mich darum bitten: es muss aber immer Frühling sein [wie singt die Lerche noch einmal? lang war die Zeit im Wald. sein Ende kann nicht mehr weit sein. unter den fernen Rufen der Möwen] ich träume jetzt immer davon, was ich noch nicht gesehen habe. ich bin jetzt noch einer von zwei Wanderern. ich vergesse die Wege, die gegangen wurden. ich kann nichts mehr sagen vom Verlangen, das ich einmal hatte. ich habe das Andere verloren. ich bin der Andere, der verloren ging. ich kehre nicht mehr dorthin zurück, von wo ich kam. doch alle Orte kehren heim ins Seelenhaus. und ein Jeder ist Teil seiner Stille [Rabe oder Amsel auf dem Dach des Hauses gegenüber. als wollte mir jemand zurufen, dass ich noch bleiben soll] war nicht erst Mitternacht? der Morgen brennt in den Augen. war nicht schon Mittag? die Zeit trägt jetzt die Schleier des Regens und der Dämmerung. Nacht wird kommen. wenn du die Augen schließt. wie hast du geheißen bis zum Ende des Sommers? aber war nicht zu jeder Jahreszeit die Schwelle des Lebens vor deinen Füßen? morgen ist Sankt Andreas. wie wirst du dann heißen? und wenn wieder zufrieren die Seen, in denen ihr gefischt, fließen die Schmerzen noch weiter, dem ferneren Ufer zu. dort auf der anderen Seite des Lichts, das immer noch versucht, die gegangenen Pfade zu spiegeln. und übermorgen dann ist sogar schon Sankt Stephanus, der unter den Steinen die Stücke seiner Rüstung einsammelt, falls sie noch wichtig sind, nach der ewigen Aufrichtung. und weil er sich noch nicht sicher ist, ob ein gleißendes Licht ihn verbrennt und blendet, grad so als fühle er sich verwechselt mit den Helden des Martyriums. und wollte ja nur den Erlöser als Möglichkeit in Betracht ziehen [schwarze Bücher liegen geschlossen auf leeren Kirchenbänken. das Wetter draußen ist zu schön, um hier drinnen zu hocken. die Steine halten die Stille, an die sich noch niemand so richtig gewöhnen mag. aber selbst in ihnen ist schon die Idee des Auszugs] sie sah so aus, als hätte sie eben erst den Garten betreten. sie blieb vor mir stehen wie vor einem Spiegel und sah sich selbst tief in die Augen und strich mit dem rechten Zeigefinger über die untere Lippe, als ob der neue Tag die Worte von gestern Abend nicht vertrüge. es sah für mich so aus, als würde sie das Haus anders verlassen, als sie es betreten hatte. und als eines anderen Mutter [die Bücher sind noch leer. die Lesung kann noch nicht beginnen. wir verlassen uns vorerst darauf, was uns berichtet wurde. wir fahren an den Stätten vorbei und suchen nach Erklärungen und sehnen uns nach Erzählungen, die nicht enden]

für Miriam Halfmann
was sprachst du mir. von der Überwindung der Welt. vom Platz an der Seite eines, der meinen Namen kennt. der ein Wort von mir festhielte wie meine Seele. wie seine eigene Seele. und sagte: du bist da. und so wollte auch ich dorthin, immer schauend in die Richtung, wo er mich finden könnte, der mich zurückbringt ans Ufer des Sonnenaufgangs, der das erhörte, was ich nicht hatte sagen können, auf der vorletzten Stufe stehend, ahnend die Geschenke der Ewigkeit und stumm geworden von so viel Liebe. doch weil du an mich geglaubt, konnte ich ihr vertrauen und blind durch die Gärten gehen. weil sie noch den Duft hatte des ersten Grases nach Sankt Benedikt. bis ich stünde am Eingang eines Hauses, wo ich dir in die Arme fiele und wo ich, wenn ich mich umschaute, kaum wüsste, für welche Freude ich mich als Erstes bedanken sollte. und einmal über die Schwelle gegangen, müsste ich nicht mehr wissen, was ich tun sollte. und seine Heilung endete nicht in den Kostbarkeiten der Wunden, durch die ich geschickt worden war, um dich in dem zu erkennen, was du gesprochen.