gibt es nicht Inseln?

[Rhapsodie | Mitte August]

auf alles
fällt der Regen
Gras und Gestein
ins salzige Wasser

überall
die Schritte des Himmels
zu uns

gibt es nicht Inseln?
um in seiner Nähe zu sein

glücklichere Einsamkeit
unter den Perseiden

doch nicht
um zu vergessen
warum nicht Liebe
wenn Krieg
warum keine Heimkehr
in brennenden Schiffen

ziehend allein
die Schauer
über Dünen und Hügel
uns nicht
verdorren zu lassen

denn Wege sind
auf dem Wasser
und Stimmen
die rufen

zieht unsere Taue
die wir gedreht
aus der Gebete Fäden

gibt es nicht Inseln?
damit das Nahe sie schirme
und schlummere
im tieferen Innern
das Ferne

weiter zu wandern
als es Land hat
und Pfade
darauf zu wandeln

mehr zu erzählen
als die Geschichte
und auszuhalten
die Totenstille
umarmt vom reglosen Meer

und tiefer die Gräben hier
für die Gräber

und dass der Mond
ein anderes Gesicht bekommt
und das Rad des Schicksals
in Kreisen über die Küsten rollt

gibt es nicht Inseln?
den Blick zu heben
nachzuschauen allem Ziehenden

zu gehen
und doch nicht zu gehen
tanzend
bewegungslos
unmerklich
sich zu verwandeln

zu sein
in der Welt
und doch nicht in ihr

wie sie wurde
und wie sie sein wird

weil auch die Einsamen
in ihr einen Ort brauchen
sich zu begegnen

sie zwitschern oder flöten
zwischen trostlosem Gestein
an dem die Dornen zu Perlen geschliffen werden

für leiseres Sterben
in längeren Zeiten

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.8.10 | Tag 88 der Wanderungen

wohin gewiesen? solltest du nicht dort sein? wo sie das Licht noch ohne Brechung sehen? doch du siehst die Stimme nur. dessen. der so sprach… Traum vom wachenden Herzen. das alle Zeit hat. zu erzählen. oder zuzuhören. nächtelang… aber heute muss alles gepitcht werden. in max. 33s. und vom Gebell und Getöse sind die Allermeisten eh schon ertaubt… schaue zurück. ohne Rücksicht. sage. was immer du selbst hören musst… du bist nicht in Eile. die Eule bist du. im Tannengeäst. hoch über den Trümmern. doch ist nicht Erinnern die menschlichste Tat? goldene Tropfen Harz auf uralter Borke. Honigperlen in halbvollen Schüsseln Milch. Duft von kaltem Gestein… denke dich als geölter Blitz. Wald zu Wald. Küste zu Küste. sieh dich gebreitet. wie mit geölten Gliedern. nach dem Regen. der den Sand fortspülte. nach so langer Dürre. Waschung der Füße. durch einen Letzten. der bei dir blieb… wenn selbst die Steine rufen: lasst uns rasten! und ihre Poren öffnen. bis aber auch sie sehen. welche Wunden in die Haut der Sonne zu schlagen sind. für das bisschen Licht in den Winterhainen… doch jetzt ist dir ganz gleich, ob du im Wasser stehst. oder im Gras. Hauptsache: knietief. und dein Gehör wird durchströmt vom Klang der Wellen und des Windes. für fernere, dunklere Gesänge. pendelnd zwischen den Inseln. zu denen die Anderen aufbrachen. ohne Abschied zu nehmen… dann plötzlich. dir fielen ein. ganz neue Landschaften. wo das Laub die wunderlichsten Geräusche atmet. blind alle Stimmen. für das göttliche Schicksal. ihr Sterben zu überwinden. zu gehen. die Küste auf und ab. und denken im Traum nicht an geblähte Segel. einzufangen den Mond. und zurückzusenden das Kreischen der Möwen. zu den unermüdlichen Brandungen. und glauben zu lassen. die Daheimgebliebenen. es wären nicht die Schatten der Felsen. sondern ihre Seelen. aus dem Fleisch gezogen. wie goldene Fäden. aus verwittertem Flies. Trugbilder allen. die den Staub auf ihren Augen halten. für Gewölk schlechten Wetters. das sich verzogen haben wird. nach drei bleiernen Tagen… ach. die traurigen Vögel! in den immergrünen Hecken. die ihr Gefieder fraßen. und die täglich wandernden Schatten der Zweige mit ihren Schnäbeln aufzuspießen drohten… du musst hier gewesen sein. Mehltau. auf ihrer grauen Haut. als zögen die Engel Decken über ihre Leiber. und brüllten: JETZT SCHLAFT DOCH ENDLICH! sie hätten ja aber auch einmal das Kleingedruckte lesen können: dass der Tod nur gefeiert wird, wenn er als überwunden gelten darf…

refugium meum | ἀντίφωνος [Doxologie | Kadenz | Acht Waka-Variationen]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

und die Gespräche endeten.
als der Regen begann.
den Sang zu erinnern.
der dich vergessen ließ.
die Leere. als du heimgekehrt.

wie glücklich waren
die verwandelten Steine.
fremder Blüte Auge.
geh‘ nicht hinaus. schaue nur.
wer den Garten noch nicht verlassen.

um andrer Liebe willen.
Schatten der Flügel.
über den unruhigen Wassern.
Wohnung des Lichtes.
im Tau. was keiner Worte bedarf.

was wird erwartet?
Landschaften. ohne Grenzen…
Kind. das die Frage kennt.
wozu? die gefalteten Boote.
wie? erster Liebe Antlitz.

jeder Tag. ein letzter.
jede Stunde. die erste.
fremde Blüte. die dir zuruft:
sage doch. wer du bist.
wachtest an meiner Knospe Schlaf.

kahl. nun die Felder.
Fülle der Haine.
Früchte. prall von Gezeiten.
verlangend. den Fall.
wo die Wolken ziehen über das Hohe hinweg.

fern. deiner Heimat.
Hütte. nah bei den Ufern.
Stern. der dich entzündet.
reich in dem Wenigen.
reicht dir ein Blick. eine Gedanke.

Schweigsamer. Laufe nicht fort.
die Tür bleibe offen.
und unverhangen das Fenster.
alle Gaben der Stille.
jegliches. was ihm hinterlassen sei.

recordare [cantus firmus]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

und wenn der Tag sich neigt
und unsere Schatten lang genug
sich zu berühren
einmal noch

gedenke ich
an deiner Seite wachend
des ersten Frühlings
und seiner zaghaften Blüte

ich wehe fort
und bin im Laub das Rascheln
du drehst dich um
und weißt die ferne Heimat wieder

und hast das dunkle Auge
der vergess’nen Aster
die nach der Zeit sich streckt
so gut sie kann

so greifst du an den Knauf
der off’nen Pforte
die leere Warte vor dir
wo das Ruhlose sein Ende fand

und wenn der Tag sich neigt
siehst du im Staub die Spuren
und hörst ihn sagen:
hier kehrt‘ ich heim für dich

quod sum causa tuae viae [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

wer wollte schon aufhören
wer sich zurücknehmen
mit dem Gesicht von fahlem Morgenlicht
mit der Klage der Schatten unter den Augen
mit von Worten wunden Lippen

und hinter der Starre und dem Schweigen
das nicht Vergessliche

aber leicht wehen die Trauergewänder
in den Winden zwischen Sommer und Herbst
und die kühle Luft auf dem langsam fließenden Wasser
scheint wie der Atem einer Stimme
kurz vor dem Ruf hinaus

es ist noch nicht genug
und wird es nie sein

und ein Echo könnte sagen
du wirst ein neues Haus betreten

da will ich bei dir sein
die erste Nacht
bis die Amsel wieder singt

und bis dahin wache und sage mir
was mit dir verging
und erzähle mir auch von deinem letzten Traum
denn er soll sich nicht vergessen

sieh mich an
bis du dich ganz gehüllt hast in meine Liebe

flüstere die Namen derer
die ich grüßen soll
die dir wie Sterne waren
und deine Seele tranken
und weiterzogen
über das Ufer der stockenden Zeit
wo du gestanden in der Herzensschwere

weil du dich wieder erinnern konntest
an den einsamen Augenblick
in dem du mich erkanntest

γένοιτο [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

da draußen aber
muss noch ein Boot sein

als die Nacht aus dem Wasser stieg

es muss noch das große Leuchten des Tages
an seinem Ausgang bewahrt haben wollen
und fährt den Süden sicher nun ans letzte Ufer

dann wird still sein die See hinter den Nehrungen
die ihre Arme legen um ein schlafendes Land

doch auch wenn Drift und Gezeiten es forttragen sollten
muss es die Heimat sehen
sein Unvergessliches
wo auch immer es gefunden worden sein wird

mag es die Zeit verlassen
nicht jedoch den Kern seines Gedächtnisses
wo das Treibende sich fest vertauen konnte

sein Ende mochte es finden
an der Scheide der Wetter
an der Schwelle zum Nächsten
das bis dahin unbekannt bleiben musste

einzelne Wolken
werden an manchen Nachmittagen daran erinnern
und die Schreie der Möwen
werden sein wie die Fragen der Kinder
wo es denn sei

verstört mag Manchem die Küste erscheinen
versteinertes Rufen
auf Buhnen und Stegen
leer
trotz allen Getümmels

und einsam mag jemand hocken
am Schoße der Düne
und denken
dass die Küste niemandem gehörte

aber allen das Boot
da draußen

Apódeipnon [Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter]

Apódeipnon [Mecklenburg Elegies | Two Week’s Song Book]

Fünf-Waka-Variationen | Five Waka Variations

versäumte Jahre.
Stunden. von Mattheit gesäumte.
auf Wind. warten die Inseln.
die Gärten. auf Regen.
und duftend nach Entgangenem. ein jeder Schatten.

Augenblick. einst.
reglos im Spalt des Lichtes.
und vergessen. fast.
Trübsal. und jedes wunde Wort.
das ins Dunkel tropft. darin die Zeit verschwindet.

warte nur ab.
Ufer der Wiederkehr.
sieh dir ins Auge.
seh‘. deiner Seele anderen Namen.
gestrandet. am Ort des Abschieds.

weit. wie der Tag.
Horizonte. ziehende.
mit allen Farben ins graue Meer.
weil Wolkenhimmel.
weil Schrecken. vergessener Blüte im Gras.

erloschen. dann.
haltlos in den Entfernungen.
doch falls sich öffnet. dein Herz.
leuchte. dem Liebsten.
der jede Nacht nach seinen Träumen sucht.

years. missed.
hours. lined with languor.
for wind. waiting. the islands.
the gardens. for rain.
and scented with what has been lost. every shadow.

moment. once.
motionless in the crack of light.
and forgotten. almost.
gloom. and every sore word.
that drips into the darkness. where time disappears.

just wait.
shore of return.
look yourself in the eye.
see. your soul’s other name.
stranded. on the site of farewell.

far. as the day.
horizons. moving.
with all colours into the grey sea.
for the cloudy skies.
for the horror. of blossom in the grass. forgotten.

extinguished. then.
unstoppable in the distances.
but if. your. heart. opens.
shine. on the beloved.
who searches for his dreams. every night.

Zur Sammlung Mecklenburgische Elegien | To the collection of Mecklenburg Elegies

Non | brevis

ruhend | unter dem Regen | ziehend | in anderen Farben | an Sonnentagen || umgänglich | unumgänglich || an Feldern entlang | kreisend | um die nähere kleinere Welt || hält er den Atem an | hält er die Flügel bereit | falls aufkommt ein Wind | falls er aufkommen muss | für ein gesprochenes Wort || oder auf dem Boden | einer fremden Hoffnung

Komplet

lasse dich | fallen | unsichtbar || bleibe zurück | dein Teil | die Werke | wortlos entrichtete || entgangen | dem Finsteren | und dein Gehör | in der Mitte | der Stille || sieh nicht zu lange | auf das Erschaffene | das nur sein durfte | weil es vergehen muss || die einsame Hand | Müh‘ und Erschöpfung | weil du dich hingabst | dem Vergangenen | damit es nicht vergeblich war || so also sprachst du | dass es seinen Namen trage | unverzagt | in tief ruhender Furcht

am achten Tag

viel schon geschrieben. noch nicht viel gesagt. ein Leben fügt sich ein. verlassene Wohnung. schlafe jetzt besser. seit dem Anfang des Sterbens. dann wieder furchtlos. fruchtlos dann wieder. fahl und falb. mit dem halben Jahr. das schwer in den kahlen Zweigen hängt.

Wandungen deines Endes. Wendung wohin. nicht so wichtig. mit wem du zu tun hattest. doch was du getan. dünne Haut der Schrift. zu halten das Mögliche. wäre die Reise weitergegangen.

Wanderungen. oft wiederholte. was noch gebraucht wird. vom Hingegebenen. still stehen die Berge da. wie am Rande der Zeit. in den Winkeln der Welt. hinaufzusteigen. von wahren Orten sagen zu können. die Feuer zu sehen. auf den entferntesten Gipfeln. flackernde Schatten. über den ziehenden Wolken.

viel noch zu wünschen. viel schon verloren. setze dich fort. dorthin. einsame Bank im verwitterten Garten. schweigend zu gießen die Setzlinge. die da bleiben sollen. zu nähren die Kommenden. die deinen Namen nicht mehr kennen.

Aufbruch schon bald. und nicht zu vergessen die Brechungen. unter den Wegen. unterwegs. Zunge der Viper. noch durch dein Auge tropfen zu lassen fremde Gedanken. ruhe dich aus vom Vergangenen. mach‘ dich nicht tot. vor dem Tod. falte Servietten fürs Abendmahl. tupfe dir die Bekenntnisse von den trockenen Lippen. Falter auf deinem Mund. deine Seele zu kosen. entfernt zu sein aus den Geräuschen deiner Schritte.

Künder späterer Zeiten. Schatten. je länger. desto kürzer die Jahre. sanfterer Wind in den Wipfeln. klarer der Blick von den Steilufern hinab. bald nun beginnt die Sprache. Wunder über den Wunden. selig. wer sich erinnern kann. was er sagte im Traum.