Werkstatt XIII [17/2/17. Kuckssee OT Krukow]

da liegt es
inmitten der herabholung des himmlischen friedens
zwischen hügeln und wäldern und seen
zwischen nazi-dorf und siehdichum

da liegen sie
unter ihren hoffnungen. in wickeln aus mikrofaser
zwischen wildbraten und schneewittchenkuchen
eingeklemmt in ihren ängsten vor dem fremden und dem kommenden

da sitzen sie
auf den terrassen. kaum dass der letzte frost gegangen
wenn ein milderer wind den duft von raps und gülle in ihre gärten bläst

da gehen sie
hin und her. zwischen den enden der verwaisten geschichte
die überall ihre orte ausgestreut hat. als seien sie saat in ackerfurchen
orte des wartens auf eine rückkehr derer
die noch oder wieder an etwas glauben können

da liegt es
in der mitte der leere
friedliches vieh im verdauungsschlaf
geduldig sterbend. unter den rufen des raben

die namen. der nie verlassenen

[de profundis | hoffe auf sein wort]

[buchheimer fragmente]

fürchte die verzweiflung. die sehnsucht nach einer umarmung. abschied zu nehmen. ohne den weg zu kennen. zwischen den entfernungen liegt alles, was nicht vergessen sein soll. unter der stille der welken augen und herzen. wüsten sind durch die seelen gewandert, nackte erde durch die zerschmetterte zeit. alle namen und alle stunden wurden geschrieben auf löschpapier. da standen sie einmal. zwischen den klecksen des jammers. sie trugen den segen jeglicher klage über die böschung der wartenden gegend, die jedes hoffen umgibt. doch es gibt jenes ufer: da wird aufgerichtet sein das ende, im windstoß eines ersten flügelschlags. und niemand wird von dort vertrieben werden. ein jeder hängt seine spur des göttlichen hauchs in seidenen fäden zwischen wasser und licht. und wenn dort auch nur ein schwaches lüftchen weht, hängen die fähnchen der verlorenen über dem funkeln der zartesten wogen. summend die namen. der nie verlassenen.

siehe. ein mensch. auch

[buchheimer fragmente]

ich bin der mensch. der fragt: worüber schreiben? wenn man nicht schreien kann. die siegel des schicksals kleben auf allen augen. die nächsten tage sind die entscheidenden. die scheidenden werden es summen. mit gebrochenen kehlen. ich bin der mensch. der die sterbenden sah. die verlorenen. deren stimmen den himmel zerrissen. ein brunnen jeglicher klage ist mein gehör. und die stunde, da selbst die heiligen stritten mit gott, ist die zeit, die den zorn nicht verschleiert. dass unter den stummen keiner dem höchsten gleicht. ich bin der mensch. der auf die suche ging. hier. wie dort. nach den schlägen und wunden seiner gerechtigkeit. nach dem opfer seines auges. den ratschluss zu erkennen. den rat. den schluss. ich bin der mensch. der durch die brennenden häuser lief. über die felder der geschlachteten. zitternd und sorgend um alles kärgliche. wachend am heck aller irrenden schiffe. ich bin der mensch. der in den schwarzen nächten haust. und die zukunft träumt. der fernen. der ihnen nachschaut. in einsamer trauer. und aus ihren müden schritten die sehnsucht reißt. höher schlägt mir das schwache herz. tiefer denkt sich das zweifelnde. am rande von allem. hinter dem vorhang der traufe. ist mein rücken die graue wand. in deren gewebe die toten verschwanden. ich bin der mensch. mit dem kahlen nacken. auf dem eine kalte klinge ruht. ich weiß, dass sie lebten. und welche wege sie gingen. ich weiß nicht, warum ich kein toter bin. wie sie. ich weiß nicht, wohin ich noch gehen kann. zurück. ich sehe die sage. von allem, was heimat war. ich sehe die täler und wüsten in ihren blicken. ich sehe den bitteren see. in dem die gabeln kahler birken stehen. ich bin der mensch. der ruft: bin nicht auch ich aus dem göttlichen schlaf gefallen? anders mag ich sein. als die gleichen. anderes fühlen und wollen. doch auch ich wurde entfernt. mit allen. die man vertrieben und vernichtet hat. das restliche jahr liegt auf meinem atmen. mir wurde gewiesen, es nicht zu vergessen. zu sein eine schwache stimme. die flüstert: siehe. ein mensch. auch.

Werkstatt XII [ur/teil]

Foto: André Sarin

blindheit. ihr sehenden :||: ihr träumenden. hört

schaue zurück. zum quell fließe hinauf. ruhig wurde schon jedes verwirrte herz. von deinen gesängen. ich aber muss die stille verlassen. die stelle. wo das ufer der zeit in die goldenen klänge stürzte. drehe dich um. dass ich wissen kann, ob du zu sterben wagst. dass ich weiß, ob du die liebe fürchtest. störe die schlafende nicht. erwecke die eigene seele. dass sie dir zeige, wer die richtende war. ihr wildes gesicht. so weiß. vom schnee deiner ferne. so kalt vom gestein der bezwungenen höllen. und selbst die vögel zum schweigen zu bringen. um immer zu singen. allein. stehend vor allen gründen. nie endende stufen herabzusteigen. von allen bergen und türmen. den immer schattenlosen. nein. nie hätte dir eine folgen können, die ans licht gezogen sein soll. allein. um ihren schatten zu opfern. allein. um durch den fremden traum zu wandern. allein. mit seinen schmerzen.

waka 64 [variation | mit epilog]

[buchheimer fragmente]

Foto: André Sarin

weil wir einsam sind
weil wir die häuser nicht verlassen
weil wir in den mauern sind
und in den hecken
dem wesentlichen um uns herum

was es alles gab. was uns ausging. weil wir nicht ausgingen. die straßen fließen hinaus. und fort. wo die flügel wieder sichtbar werden. und hörbar die gesänge. aufgänge. unerreichbare. haarscharf am glück vorbei. steinschlag. des doppelten schicksals. des halbierten.

buchheimer fragmente

[haiku-variation | mit exposition]

Foto: André Sarin

still beklommene endlose wiederkehr. winterluft. zerriebene stimmen der amseln. pollen der träume. der schläfen sandige fallen. auf den füßen des wanderers. der flüchtenden. niemanden getroffen. ein erster ton sucht sein gehör. irrend von klause zu klause. noch ohne namen. suchend die burg. unter den seen. zwischen den enden des lichts. im gewebe der dämmerungen. dort. wo das ziel wohnt. und das flehen um die rückkehr der zeit. in die wunde seite des hüters. die krone des schmerzes. zu fallendem laub. wenn die hände der betenden in die scheiben der fenster greifen. und die letzten zärtlichen finger die blütenblätter legen auf lidlose augen.

regen schließt mich ein
schatten des immer suchenden
nach dem wartenden herz

bevor das Gras vergeht

[wenn ich erwache]

wenn ich erwache
liegt das meer vor den straßen
ein kühler sommermorgen
das wasser
glatt wie ein vereister see

vom schlaf gestillte welt
wenn die wandernden gedanken
auf der schwelle stehen
von beenden und beginnen

wenn ich erwache
hör ich die zweiten und dritten schritte schon
der nahenden zeit
der bis zum abend durchzogenen landschaft
über die sich ein dunkelnder himmel beugt

zahllos
liegen die kiesel unter den sohlen
ich hebe nur einen auf
wenn ich erwache

Werkstatt XI [was es kostet]

eintritt
in einen traum

unbezahlbare stille

von dort
kommt dir entgegen
ein weg
auf dem noch keiner gegangen sein kann

ort einer stimme
die nach dir
gerufen haben muss
erwartend
ein echo

stege
ins meer hinaus
sich verlierend
im nebel

klarheit einer heimkehr
deren erinnern zerstört
vom erwachen

einsame stunde
wenn nichts mehr gesagt werden darf
und zahllos sind
die augenblicke
aus denen wir vertrieben wurden
mit denen sich nun totschlagen ließen
sehnsucht und zeit

Eumaios – hinter den Fenstern

Foto: André Sarin

ich dachte, wir wären längst vermählt gewesen. als ich dich fragte und die Absage bekam… man sollte sich nicht zu sehr mit Geschenken überhäufen lassen, um das verzögerte Gefühl zu vermeiden, all diese Dinge zurückgeben zu müssen. Gewänder, in zwei Teile zerschnitten. volle Becher mit Vertrocknetem. Überwürfe. und ganz so nackt dazustehen. Gesichter, wie alte Krusten Brot. was braucht man um leben zu können? und was um weiterzuleben? heißer Stein glühender Wangen. die Tränen verdunsten im Nu. es muss viel Zeit vergehen, bis man sich ganz versteht. nein, nicht eigentlich ganz. vielleicht nur viel tiefer. und näher. und den Anderen ohnehin immer besser, als sich selbst… Haare waschen am Waschbecken, wenn es schnell gehen muss am frühen Morgen. und unter den Wasserhahn gebeugt, um sich die krausen Gedanken aus dem Kopf zu spülen. man ist kaum wiederzuerkennen nach drei Jahrzehnten. die Unruhe sackt in die Kissen. ins Moos. wie feuchte, kalte Luft am Boden. erschöpfte Wege, von den zahlreichen Schritten. den nie endenden. aber frage mich ruhig, was immer du wissen willst. woher ich komme. wohin ich will. [nicht was] Fragen kostet nichts. und das Wort wird nicht zu rasch abgeschnitten. es spricht sich gut herum, wenn einer lange schweigt. er ist stärker als ich. hat die Wege weggesperrt. lässt die Hecken wuchern. die Umarmung. nicht mehr so wie vorher. die Einsamkeit. wie immer… die vielen Geschenke hatten etwas Erdrückendes. warum dies Heimweh? weite Felder. hinter den Gehöften. Verlorenes. in guten Händen. wenn sie leer sind. klagloses Holz gefällter Buchen. Wälder ohne Schreie. ohne Schritte. schadlos die Flüsse. sehnen sich nach Floßen. Ḫumbabas Zorn unter dem schlafenden Laub. Ameisenstraßen auf dem gefallenen Triptychon. die Vorratskeller voll. für die Feier der Rückkehr. die Leiter hinauf zu den Deckenfresken. fest vernagelt. wer immer hinauf will, muss nur noch hindurch. nicht lange soll das Sterben dauern. wenn man es spüren muss. das Schicksal. das auf der Hand liegt. ins Rad geflochten. aber du bist ja gewandert. und hast dich nicht schicken lassen. auch wenn sie sagen: Einöde. und Einsiedler. und Einsamkeit. du weißt ja dennoch, wer bei dir war und sich nicht wie die Zeit vertreiben ließ. wer kommt jetzt noch? und bleibt eine Weile. und wäre ein wenig traurig bei der Abreise. Wolke auf ruhendem Wasser. Fels über dem Atmen. unstete Seele. weil der Körper immer an einem Ort. er war dort zuerst. er wird dort der letzte sein. sein Schatten gibt keine Antwort. trägt dich zum Abend. zum nächsten Morgen. wenn der Mond abgibt die Obhut. und die Fäden der Träume aufgeräufelt hat… der Himmel hat Platz für alle. da hängen die Antworten herab von den Sternen. und über den Körben und Kelchen offener Hände und Münder der Harrenden. aber lass ihn erzählen, der so lange warten musste auf ein Gehör. du brauchst nur Arme, die zum Höchsten wachsen wollen, auch wenn die schauenden Augen immer auf der Höhe der Wurzeln bleiben, weil die Erinnerungen nach unten fallen wie Früchte und welkes Laub. mächtig bist du weil du, keinen Namen hast. kein Gesicht. und die deinen dich sehen in ihren eigenen Spiegelungen. du lässt sie für dich sprechen. doch kommt die Rede, die von dir sagen soll, nicht immer von den Klügsten. ein ganzes Leben lang können sie davon sprechen, wo die geschmückten Schiffe ankern, jedoch nicht wohin sie fahren werden. die Wasser blau, erst vor den Ufern der Wüste. Streifen aus Smaragd. wie Saum der Sehnsucht. das Land zurückzulassen, um nicht mehr träumen zu müssen. mein Land, auf der Seite der Dämmerung. zwei Schritte entfernt, wenn du den Weg erkennst. die feine Asche, die sich ins Gestein treten ließ. nah der Stille, wo der Wind seinen Anfang hat… mein Traum war voll von deiner Rede. da warst du kein Schweigender mehr. und auf deiner Zunge lag alles, was ich hätte sagen sollen. so wie die Tage ziehen, denen du vorausgegangen. allein auf den Gipfeln, um da endlich in die Knie zu gehen. von Frost und Licht bedeckt. und geschüttelt vom Wunsch nach Geborgenheit. erstarrt, um weich zu werden, unter der aufgehenden Sonne, zwischen den Bergschatten, hinter dem Ziel, wo die Angst nicht mehr sein würde. hörst du ihn nicht auch rufen? zurück will ich. zu den Bäumen und Bächen. und wenn meine Augen aus Sand nichts mehr sähen, würde ich sie noch hören können und hätte den Duft des Nebels vom Licht her aus dem feuchten Gras gezogen. auf der kühlen Haut. und jetzt die Frage: wovor denn Angst? auf die niemand eine Antwort erwarten kann. aber soviel hatte ich doch sagen können: dass dort, wo es eine Angst gibt, auch eine Hoffnung ist. aber wirst du das auch noch denken, wenn du die Feldwege wanderst und vorbeigehst an den grasenden Herden. da scheint die Erde ihre Wunden geschlossen zu haben. nicht mehr zu erkennen werden sein die Furchen, auf denen die goldenen Ähren späterer Jahre wachsen. träumst du dann noch? oder schläfst du dann nur. erschöpft von den Wegen des Tages. aber für die Heimkehr muss es erst noch so werden, dass die Wege dich finden in deinem geheimen Ziel. ein anderes Leben durchdringlicher. selbst wenn die Orte ihre Namen verloren haben. nicht mehr weit der Rand der Wälder. und das Ende der Lähmungen. dass das Herz wieder brennen kann für des Tages Ausklang. wenn die Stille aufgeht als Mondnacht über den Äckern. doch dann soll seine Stimme sich dir noch nähern. etwas das sich an deine Seite schmiegt. ein anderes Leben. durchdrungen von deinem.

Werkstatt X [anderer traum. fernes gesicht]

frag mich doch. ufer des ausgangs. des letztes jahres verödetes echo.

weiß nicht mehr. wann du mich träumtest.

nicht nutzt sich ab die zeit. und das vergangne nicht. das uns umrauschte. als mit den kiefern wir standen auf den dünen.

hier aber sind die gesetze andere. und die sätze immer die gleichen. den gleichen sind gepflastert die straßen. den anderen gelegt die verborgenen wege.

standst du nicht auch an den gräbern? wuchs da nicht einmal das feinere auf der rauhen haut des gröberen? eins um das andere. augen der verliebten. wie knospen geschwollen. weil ihr schlaf zu lang.

suchte da nicht mit zarten pfoten das kätzchen nach dem licht im wasser?

sag mich doch. wenn auf die kahle wand hinter deinem bett des fensters schatten fiel. dass ich verrate dir. ein heimatliches.