aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 12 neue strophen]

räufelte fäden auf
aus dem fell des grasenden lamms gezogen
bis zum ende der traurigkeit
sitze im summen der wünsche
im wievielten frühling

gott. der wartende
die suchenden zu empfangen
sie irren durch die krause zeit
in den endlosen zügen der gezogenen
im leeren haus ihrer heimkehr. sitzt gott. der wartende

selig zu machen
was verloren. was deiner harrte
und opferte die eine hälfte des lebens
angesammelt und aufgespart
um einmal geteilt zu sein

ich mied die einsamen gärten
die blüten, deren augen die seele durchbohren
nicht sollte mich heimsuchen
was verschenkt
nicht trocknen die haut im duft der hoffnung

dunkel. der harfenakkord
einschlag der wege
im saum der ruhiggestellten herzen
stummes leid
summend. vergessene lieder

stand. ein baum. am steilen ufer
schloss die augen seiner zweige
zu sehen. wohin er gerufen sei
entsinnend. am abend. am morgen. erkennend
das nächste. steigend. über den kamm der düne

pfad. der dämmerung zu
dem ausatmen des tages entgegen
gelöscht. hoffnung und furcht
vom wogen der träume
überschwemmte zeit

siehst du nicht auch
den lichten wald unserer jugend
staub der röschen. zwischen den klammen zehen
der klaglosen zukunft geteilte asche
der palmzweige schatten. auf mondfarbener himmelshaut

was hast du, mutter
sind dir nicht trost die schönen geschöpfe
vater, was siehst du
wenn du so still. am fenster
karg. wie die gegend deiner wünsche

mag nicht mehr lächeln
mag nicht mehr trotzen der sorge
bin aus dem zauber raschelnder blätter geschüttelt
harre im ortlosen schauen. im tonlosen lauschen. verschlungen
mein name. in meer und zeit

mehr raum. braucht jede liebe
als platz hat die enge zeit
mehr mut. muss
aus der wurzel des todes wachsen
zu wissen. des sterbens größtes wagnis

du. rufe ich. du. kehre dich um.
kehre mich heim zu den schatten. über die hinzieht ein mond
ungesehen. hinter den grauen tüchern. die von den gewölben fallen
auf die verödeten wege. du
ziehe weiter. nimm meinen namen mit. in den neuen tag

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | für einen nahen freund. fern]

bald um. ist der tag
ist bald um mein träumen gegangen
wegrand und ufer. wo immer ich sei
steh‘ dort. ein schwacher halm. beim reglosen stein
in der stille des versprechens

Werkstatt XVI | Beginn einer neuen Übersetzung

T. S. Eliot: Four Quartets – Vier Quartette

Burnt Norton, IV

Zeit und die Glocke begruben den Tag.
Fort zog Sonne, mit dem Gewölk, so zag.
Kehrt sich uns zu die Sonnenblume, wird die Waldrebe
straucheln, uns zugeneigt; ranken und reifen, oder mag
sie nur klammern und klingen?

Sticht
der Eibenfinger, schleichend gekräuselt
auf uns hernieder? Nachdem des Eisvogels Schwingen
erwiderten Feuer mit Feuer, schweigend, still wie das Licht
im reglosen Zentrum der kreisenden Welt.

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 14 neue strophen]

wohin sich treiben lassen
wohin vertrieben
immer dem schmerz aus dem weg zu gehen
statt an seinem verbranden ein ufer zu bauen
den abendlich blauen ort eines wundervollen endes

steige noch nicht hinab
zum tiefsten der heiligen worte
furcht ist die zärtliche freundin
dass unberührt bleibe das kostbarste
und verborgen die empfindliche schönheit deines namens

wann begann die lange nacht
die des herzens rede endete
als sich spiegelten die geheimnisse
in den erblindeten augen
die das lichtlose meer geschaut

lass sie doch sein. wie die träumenden
die durch die sage wandern. einer nicht endenden liebe
so wund von ihren hoffnungen
und fast ertaubt. flüstern sie: ANGESICHT
aufgesucht. und daheim. in jeder seele. die sich hingab

ach. so verödete knospen
ach. ein so trübes auge
blickend auf alles. was nicht aufging
was sich gewünscht, vergehen zu können
dass es mische sein mattes summen in ein verwehendes weh

und wenn das licht entwichen
suchen die schatten nach ihren trägern
zu ziehen die schleppe
an der noch haftet
der duft der verheißung

dann. sei ein tag
an dem du stehst. auf der schwelle. ungebeten
auf einem fußbreiten steg
zwischen stern und stern. zwischen ruf und widerhall
im einsamen klang. des letzten schlags. der dunkelsten glocke

was sagte ich anderes. als: du
was hieße es. ausgesprochen zu sein
in der stimme des anderen. enthalten. in der stimmung des harrenden
der seine wünsche kennt
die schätze des unvollendeten. solange er schwieg

einer. von den vielen
ausgesucht. für alle tage
durch die zeit zu laufen. mit verborgenem herzen
immer zu ziehen. wie wege um seine insel
die kreise. um jede stunde

ja. die große liebe. die eine. vielleicht
das uneingestandene licht
im schattenreich der sommerlichen wälder
die bänder des nebels am morgen
aufzutrennen. mit den scheren der sagenden stimme

ich komme vom träumen nicht los
so weit ich auch gehen und fliehen mag
steht bei jedem abend
am einen, lautlosen ufer:
der liebe trauriges auge

die mageren schatten
auf saftigem gras
wartet nicht immer das ziel auf den suchenden?
haucht sein kühles wort:
wer nicht wandelt, wird nicht verwandelt

nicht das einzige leben
das an unbekannter stelle einer langen reise verschwunden
nicht der einzige tote
der die welkende blüte seines namens zu den steinen legte
die das kommen und gehen der gezeiten nicht schrecken muss

trauern darfst du. freund
am bleibenden ufer. das ich verließ
stehen darfst du bei der traurigkeit. mit der ich fortgezogen wurde
doch: gehe heim in der freude der liebe und
mit dem unauslöschlichen licht. meiner schritte. voraus

haiku [allein/stehend]

[lobe die edle küste. weit entfernt. im gebiet der seelen. vor unseren blicken. himmel der ewigen dämmerung. pforte des mondes. tausendfach wechselnd. bei jedem aufschlag. der augen. laufe los. wenn gefallen. das erste wort. wenn aus dem schlaf gelöst. und traumlos verwandelt ins echo]

wachsen die ufer den treibenden booten zu?
frage nicht, freund.
wo du mich finden kannst…

Eumaios. hinter den Fenstern

[2023.4.14 | Tag 67 der Erstarrung]

ich habe mir die Ohren verstopft. ich habe mir die Augen verklebt. die Herde ruft: wir wollen uns schlachten lassen. Ausgelassenes. kreuz und quer. Eingelassenes. Lot der vereisten Träne. des geschmolzenen Glases. ans Lichtlose die Spitze des Fingers zu halten. ans Gestein die Gedanken. dass es sich ihrer erbarme.

schaue dich um. schaue hinaus. hin und her. auf und ab. ohne weiterzukommen. langsam entfernt sich ein Boot. heißt: der sich zurückzog. der zusammenzuckte. als sich alles zusammenzog. da draußen. wo alle mitziehen. um nicht begraben zu sein. hier drinnen. lang sind die Zeitalter der Erwartungslosigkeit. der Erzählungen von den Ertrunkenen. denen die Klippen ins Herz sprangen. weil sich ein schlafendes Meer darin spiegelte.

hohes wiegendes silbern schimmerndes Gras. an den Tischen sitzen sich gegenüber die Vertrockneten und die Verbluteten. leise schnarchende baumelnde Köpfe. aufgeleint. auf die Schnur gezogen. dass die Zeit aus ihren Haaren tropfen kann. an- und abschwellend. ein Pfeifen. durch ihr Atmen hindurch. als finde Syrinx keinen Schlaf. wie der Mond. heute Nacht. hin- und hergeschubst. zwischen Wolken und Zweigen.

Glatze. und Glotze. die Netze aller Verstrickung. die unsozialen. Gebell und Geheul. Teufel und Hexen fressen sich auf. wollen am nächsten Morgen vom Jäger als Englein aus den Wänsten geschnitten werden. dass alles Beginnen nie ende. dass jeder fragend in seine Träume fällt. das Leben als fußbreite Passerella. über die sie eilen müssen mit zugekniffenen Augen. mit zugeknöpften Seelen. sie kommen von links und von rechts und stürzen in die Orchestergräben. in die Gruben der Schlangen. in ihren hölzernen Händen die Schallbecher to go. sehr rasch und duftlos zerstäubende Pollen. beim Aufschlag auf die versteinerten Saiten der Celli.

draußen am Fenster haften Gesichter. sie schauen hinein. sie wollen zu dir. um sich selbst zu betrachten. weil du die Gnade der Masken in deinen Händen hältst.

deine Gedanken fliegen hinaus. Flügelloser. jeden Morgen. und kehren heim. jeden Abend.

niemand sonst lebt auf der Insel. der noch das Ferne wünscht.

aus der fernen heimat

[was ich zu mir ziehe. was ich mir zuziehe. was ich zuziehe. | schließe die kisten mit den verwahrLosen. öffne den schickSaal. durch den ich ans ende gelange | wakas von liebe und trauer | neue Strophen]

mein haus steht dort
wo die wege veröden
wo die amseln und tauben schweigen
du findest sein licht im warten auf eine antwort
wenn deine sprache verlorengegangen sein wird

ich denke. und denke
an all die namen und orte. die ich vergessen habe
nicht stören mich mehr die kälte des abends und die einsamkeit
am ende eines jeden tages stelle ich
frische blumen in die vase

jetzt steht der wald in den kalkweißen wänden
jetzt steht für immer offen die tür
der tag wurde ins ferne verbracht
in meinem schauen wohnt
abend. allezeit

vor mir die lange nacht
die erde unter meinen füßen
hat sich gefügt der müdigkeit des himmels
in den moment des versinkens fließt ab
alles gewesene

wie vergessen
eine noch brennende lampe im fenster
als legte ein ferner geliebter den wegschweren kopf
auf meine schulter. und einen guten gedanken
in meinen schlummer

Werkstatt XV

[finnhütte. exeunt urijah. finish. geometrie der entlassung. abdank/ur/kunde. liegekur. 7einhalb. jahre ferne | 7einhalb waka-variationen]

zwischen düne und kiefern
das dreieck der vermessenheit
weil – er. du. ich – einer zu viel
weil – du. er – maßlos. in euren wünschen
unter den veluxfenstern

wie einsam
die insel sein kann
in ihrer überlaufenheit
in ihrer überspanntheit
mit strand- und sand-gefühlen

insel der rauschenden laken
der raschelnden haut
an haut. wie vernäht
mit den küssen. du.
und er

ich. ist unsichtbar
am ort der verbannung
aller zeit
zwischen pflicht und fluch[t]
zwei wochen. sonntag

hütte. in der ich stimmlos
atem an atem hefte
wenn ihr euch – du. er –
durch die vormittage vertuschelt
bis die stunde der müden möwe schlägt

spräche ich finnisch. oder wie die feen
die sich draußen im wacholder verheddert
wäre doch jedes wort
das ich sagte
ein kämmen durch trockenes schilf

zwischen ende und abschied
im dreieck der vergessenheit
lasse ich mich vitruvisch strecken
solange der weiteste himmel von allen
sich zwängt durch das spitzdach

hinein. ins nurdachhaus. und sich spannt
über grab und geduld

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer]

am rande des himmels
der vereisten tränen fragende ufer
der verlorenen blumen umgestoßene körbe
ach. die rissigen hände der verlassenen
ach. so tröstlichen regen auf die kalte erde fallen zu lassen

abschied. ohne abschied
schwer. vom traum. das auge
stein der zeit. der
den brunnen nicht verlassen kann. in den er fiel
schmerz. ohne schmerzen. gewickelt in die wege. die nicht gegangenen

was kommt auf dich zu? verlassener
was nicht mehr kommt
das atmen. das fernste. nahe bei deinem herzen
die zeit. muss getrunken haben. die kühle luft der spätsommernächte
aus den leeren gefäßen deiner verschweigung