Eumaios. hinter den Fenstern

2023.2.5 | Tag 18 der Erstarrung

siehst die Hungrigen. hörst die Sprachlosen. teilst die Einsamkeit. die sich nicht teilen lässt. ihre Blicke werden sich nicht mehr heben über die steinerne Schwere ihrer Füße hinaus.

du bist der Hirte der Schweine. du hast nie vergessen, was sie über die Schweine sagen. und über die Ställe. wende dich einfach um. da war das Ufer seiner baldigen Rückkehr. zehn Jahre lang. darüber der Himmel, der diesem Land seinen verspannten Rücken zeigt. er lässt sich massieren von den Schiffen, die durchfurchen das schwere Wasser, so alt und grau wie dein Haar. in seinen Spiegelungen quellen hervor deine Gedanken an die golden schimmernden Wege, die vom Ende her gegangen werden. du wirst der Rufende sein und der Gerufene. der Fremde, der die Fackel hält um der verlorenen Schatten willen.

aber wenn er die Dünen aufwärts schreitet, hältst du die Küste mit deinen wurzelnden Füßen, dass die Heimat, die er glücklich wiederfand, den Schritten des viel zu lange Geirrten nicht entgleitet und davonläuft wie die Zeit.

seliges feld

[3 waka-variationen]

wo ist dein grab
im sand verlorener schatten
aus deinem letzten blick
wachsender zweig. ein baum vielleicht in 7 jahren
mit flammenden blüten im frühjahr. und bangenden früchten im herbst

wohin drehte sich der wind
und schlug das wasser der klage ins gestein
und kämmte die samen aus der mürben erde
gingst du ihm nicht entgegen? mit einem steten rufen:
wehe. hoffnung

ach. das kristall deiner zukunft
und der bleibende einschluss des schütteren
das gebrochene licht. verwandelt zum schmerz
weil die schwelle der zeit
überschritten sein muss

beim atem. der staub | beim stein. die stille

[buchheimer fragmente]

was sagtest du noch
was [s]ich nicht vergessen sollte
– ? –

dass es geben muss: einen vorschein
des noch nicht hervorgekommenen
die ordnung der unausgesprochenen wünsche
ein unverhofftes erbe vielleicht
den traum einer larve
das ende einer schuld
oder die trennung eines gefühls vom ereignis
– / –

etwas, das da ist
dem man aber nicht näherkommt
das wort
das man nicht keimfrei bekommt
– ! –

weil
beim atem der staub ist
wie
beim blatt das licht
und
beim stein die stille
– . –

buchheimer fragmente

[still-leben | still leben]

Foto: Miriam Halfmann

[still-leben]

apoplex. brotzeit – dionysos. parkbank – brennender dorn zwischen den blinden augen – teiresias. mit stopfen im ohr – mit dem gestopften horn – mit den gläsernen knochen – dem papyrus-geweih – hoffend. dass die taube hand als viper erwacht – dass er sie nimmer wundschreiben muss – im ewigen beschwerdemanagement – dass die prokura erlischt – dass ihn ein frisch rasierter mit nappa-etui unter dem arm – reißt aus der unfehlbarkeit.


[still leben]

nimm doch platz

der hier ist frei
der hier will befreit sein

er schreit: streben
er flüstert: sterben

er hält das geheimnis
zwischen den lehnen
er hat es nicht
fallen lassen. fell-an:

er ist der weise
der auf der wiese steht
wie die unbekümmerte einsame ulme

die der zeit geduld lehrte
unter deren schirm
die raubtiere schlafen

wie verwunschene helden
im burnout
ohne kraft oder lust

zur nervosität
wenn ein ast knackt
über ihren häuptern

buchheimer fragmente

[dies. dort]

dies soll leben. hier. in der schlichtheit des aufgangs. eines von ferne zu uns greifenden lichtes. eines solchen, das sich nicht vergessen kann. aus der blüte der erschöpfung tropfender balsam. wort. das aufbricht die sprachlosigkeit. wie den acker der seele. dass er die liebe auch atmen kann. wenn sie sich ausgießt auf dem land der ankunft.

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 16 letzte strophen]

liebe
aus deinem traum entlassen
gehoben. aus den angeln der türen
nachdem durch die augen floss ein rohes licht
zurück. aus der wildnis. ruft uns der tod. ruft uns zu:
jetzt

ein blick nur
und ein ganzes leben wird auf neue wege geschickt
nicht trübe ihn der staub der zeit
noch sei er steinern in der gewöhnung oder boshaft
in falschen wünschen

sag mir nicht ende und ziel
sage mir anbruch
des tages. und schritte
auf vielleicht verschlungenen wegen
reiße die starre. aus meiner seele

es kann die hütte nicht verborgen sein
die auf den dünen stand
die erste welt wohnte in ihr
und noch die letzte wird nach ihr suchen
in den lichtlosen schluchten ohne widerhall

ohne widerhall. das heißt: ohne widerworte
und alles sprechen: ein fernes absurdes denken
und jede zunge: ein gefallenes blatt
unter dem feuchten sand. nahe der glücklichen ufer
an denen die zeit zur ruhe kommt

frei vom verlangen
vom dulden gelöst. legt sich die gläserne seele des lichtes
in die stille der traumlosigkeit. auf die wunden
der eine bleibende augenblick
der überwundene

aus allem nachhall erreichst du dann
die lautlose weite der winterlichen erde
bei dir ist das wort. der zitternden luft
wenn die landschaft deine seele noch einmal durchquert hat
und der wanderer trägt durch deine träume das ziel

die deinen mögen denken: das zeitliche will noch klammern
und zerren noch das mögliche. und ein jegliches unter ihnen
zu widerstrebenden seiten hin
doch auch sie stehen auf der schwelle vor einem letzten weg
versöhnt mit dem vergangenen. vom künftigen gelöst

einmal wurde es abend
ohne dass die nacht sich näherte
einmal blieb unbewohnt das haus
das einen tagbreit vor der brandung stand
das seine wände blähte wie der boote flanken

die stimme. die sich entfernte
die sich zurückließ. in der stummen gegend
unseres erinnerns. mitten im winter. die flammenden zweige
die fallenden früchte. zur dunkelsten zeit
auf die erschöpfte erde der sehnsucht

derselbe himmel. frei vom durst der erde
derselbe schatten
wenn tief stand die sonne
und weil kein anderer sich spannen ließ
über alles verlorene

was nennst du umkehr?
drehte sich nicht nur die zeit. um deinen schlaf?
dann ist jetzt. und jetzt ist gleich
sofern du erwachst. und auf den wänden sehen kannst
woran du dich hättest erinnern können

hier kam er vorbei
hier stand er und winkte nach. und
weil er hier stand
wird er hier immer stehen
stein. unter den zweigen

wer warst du? wanderer
dass die straßen trauern. und die wälder
leerten ihre augen? was soll die winde ranken
am mürben hauch der ausatmenden zeit. haltend den schatten
des gegangenen. auf den verwitterten stufen seiner sehnsucht

[wo]

still. zwischen zwei wogen. zwei halben zügen
eines geteilten atems
noch unentdeckt. im dichten gezweig
deiner klänge. den anfang erinnernd. der wartende
auf die erste frage. vor dem letzten aufbruch

[wann]

an einem morgen. eines noch langen tages
wissend. dass noch genug zeit wäre. und
schauend. auf den weg
der durch den garten ins haus führte
wie auf alle wege. die du einmal gekommen warst

aus der fernen heimat

[wakas von liebe und trauer | 8 neue strophen]

ehe die letzten jahre nahen
will ich mich aufmachen
und ihn bitten: lehre mich doch
aus allen wunden ein jegliches zu tun
mit liebe

wundere mich
über die geduld der dürren erde
die zitternde stimme der wolke
die milde sprache deines verschlossenen herzens
ein dunkles erinnern zu tragen zum ufer der dämmerung

in jedem offenen feld
nicht so bald schon
die hände an der haut des himmels
orte des abschieds. von wo der nächste tag
über das wasser des anfangs ruft

dunkel sagt uns. wenn wir stehen vor der nacht
dunkel die stunde. wenn die bitte um licht
ihren anfang sagt. in den leeren räumen
die sich füllen lassen. vom sanften streif
der den tag hob. über die mauern und dächer

was aber sagt die einsame seele zu sich selbst
wenn sich das sternenlose zelt um sie wickelt
wann jemals sollte sie rufen
nach ihrer stimme widerhall
wann opfern dem liebsten ihren schatten

wollte sie nicht
– fallender tropfen ins graue meer –
mit sich nehmen das kurze zwinkern
des wenigen lichtes. das sich tragen ließ
in ihrem gläsernen herzen

und wessen soll dann des dunkels sein
von dem manche sagen werden
es hätte sie ausgelöscht. die unauslöschliche
nur weil sie schweigt
die stille schwester der nacht

sie wusste. welches licht
die pfade hätte aufschließen können
lachend. voraus den einsamen schritten
glücklich. fast. und schließlich dem abschied voran
dem traurigen bruder eines jeden aufbruchs

unsere häuser. falls

[buchheimer fragmente]

unsere häuser
falls wir trauern müssen
falls wir nicht mehr schauen. hinaus

unsere häuser
wenn schnee fällt. und die füße zittern
auf dem kalten boden der zeit

unsere häuser
wenn die welt entsorgt hat
unser erinnern. und falls

sich verlieren die spuren
aller dinge. unterwegs
sand und staub. unserer häuser

eingeschlossen. im wachsenden eis