die vielen briefe. die. eines tages

[eine seele. eine jede | antwort auf die frage: warum so traurig?]

die zeit. ist verstrichen. ohne ein wort. eine müde hand. ein schatten. unter den uralten kastanien. gleitend hinab. ans ufer. wo ein großer spricht.

kaum mehr. wird er sagen. als die unsagbaren dinge.

bleibender saum. des lebens. wenn es vergeht.

ach. diese güte. im anschauen aller mängel. doch außen. wird kein echo hallen. das vom unverzichtbaren spräche. von der einen nahrung. jenseits von wasser und brot. ohne die der tag nicht durchzustehen wäre. und der abend nicht lebend zu erreichen.

was zeigt sich? was drängt und drückt? in der geringsten stunde. und legt den kleinen, den zitternden finger. auf die tiefste, dunkelste stelle. auf- und abgang. des täglichen lichtes. zug vorbei. der träume. tropfen. zum staub. wunsch um wunsch. eine unendliche verkettung. eine versandung. und korrosion. in der öde. der gleichgültigkeit.

in den wänden. im gewand. blieben hängen. die geräusche. die ehrlichen erinnerungen. die wendungen. der irrsinnige schmerz. ihrer nie beruhigten sehnsucht. nach umkehr. und aufbruch. nach dem einen kräftigen abstoß. vom gestein. das sich am rand des lebens und atmens bildete. aus allen stimmen. und ihrem pendelnden gesang. hin und her. zwischen. noch nicht. und nicht mehr. einmal. und nimmer.

schließlich jener tag, an dem es heißt: im schatzhaus. gefangen. einer unbezahlbaren einsamkeit. dort: in den gegenden der dämmerung. gegen alles gelehnt. was sich ahnen lässt. und zugleich: die ankunft im wissen. nicht mehr erlebt.

und doch. zu jedem. kommt die quelle des lebens. zurück. mag dies auch erst geschehen. in der allerletzten stunde. minute. sekunde.

die quelle. nicht. die qual.

das immer gesuchte. nach allen versuchen. die welt. für sich. natur. und ihr ruf. sich ihr anzuschließen. ein opfer zu bringen. eine hingabe. eine gabe. immer gereicht. ohne jemals auszureichen.

doch dieses eine soll von ihr gesagt sein: dass sie gegeben wurde.

die vielen briefe. die. eines tages

[beginn einer meditation]

warum ich du sage? um vom echo verschlungen zu sein. erkannt in dem. was allein ist. zu zweit. und in der seele sich selbst gebiert. um endlich ein vergängliches werden zu können. ein trauerndes. ein sich erinnerndes. ein wirkliches. zwischen all den träumen…

lasst uns geworfene. zu gesandten werden. lasst uns schauen. erkennen und lieben. ineinander gewirkte. im stillen gebet. dem größeren zu. das in uns wuchs. und das uns hinausruft. in die gärten. und an die ufer…

nicht dem tode. glauben

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

wenn er erscheint. wenn er scheint. lege ich meinen schatten ab. in den er sich warf. da. auf die stelle des endes. hier. am ausgang des sterbens.

kleine seele. im zarten opfer verborgene. für die ferne liebe. für die einzige und bessere erkenntnis. fiel mir ihr name wieder ein. wie der grund meines wartens.

doch. der boden. dort. so leicht. und ich fast schwebend. vor dem streifen dämmerung.

eine stimme ging durch meinen schlaf. und ein leiser regen über das nächtige land.

sprach er nicht aus dem schilf? nicht aus den einsamen häusern? hoch über den steilen ufern. ein letztes licht. das den grauen dunst des morgens überzog.

in viam pacis

Abschluss der Sammlung: Mecklenburgische Elegien [Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

I

du gabst ihnen Herzen
darin die Rede von einem Geheimnis ruht

keine Arbeit vergeblich
keine umsonst verzehrte Kraft

spät kam der Regen
und fiel bis zu ihrem Erwachen

du wirst sehen
ob sie nicht vergessen haben
ihr Glück zu teilen in Dankbarkeit

ach
lass sie doch erzählen
Genügsamer
vom vollen Mond hinter ziehenden Wolken
von den leicht wippenden Zweigen der Birken
unter denen sie friedlicher gehen
mit der zärtlichen Lüge von einer besseren Kindheit

die wenigen Wünsche
leise gesprochen
und als ob von dir selbst
auf die Zungen gelegt

nimm ihnen nicht
die Kraft, schwach zu sein

lass es ihnen so geschehen
als hättest du selbst geflüstert
so geschehe es

aber im Klang vieler Stimmen
so viele
wie es Farben hat
im Reich der Blüten

ach
Schönheit ihres frühen Opfers
um der späten Früchte wegen
den reiferen Duft und dunkleren Glanz
noch haltend einen Regen lang

daran erinnernd
was vor ihnen war
was ihnen folgen wird
wenn tiefer das Licht im Wasser steht

Abschied zu nehmen
von allen Jahreszeiten

mögen sie spüren
des Windes Schmerzen
wenn er durch das Gefallene greift
wenn sie das stillere Wissen erfasst
was sie nicht lassen können
was du ihnen gelassen hast
für Schatten und Schutz
an den heimischen Ufern ihrer Fremdheit
wo sie nicht mehr sagen können
was ihnen entschwand
wartend
erwartend
was ihnen entgegenkommt
wenn es sich umdrehte
ihnen zuwinkend
auf dass sie ihm folgen mögen
die Wolkenwege, die Lichtwege
wo die Luft sich bewegt
als atmeten selbst die Felsen
auf dass sie gemeinsam denken
es braucht nur diese kurzen Aufenthalte in den Augenblicken
um in der Zeit zu sein und sie zugleich lassen zu können

und sie wissen doch sicher
dass sie alle Hände haben
zu schöpfen das kühle Wasser der Bäche
in denen
als sie noch schliefen
das erste Licht des Tages badete

II

du hörst doch die Gebete derer
die ihre letzten Samen auf die Wege streuten
bevor sie sich der Wiegen nicht entsinnen konnten

wen stört der Staub?
der sich auf ihren Hunger legte

Wind und Wellen
gehen über ihren Schlaf hinweg

Uhren und Glocken und Atmen
im wunden Gehör

so lass doch
ein Gras wachsen
ein Laub
einen einsamen Blick
der ihnen sagte von deiner Liebe
von der sie früher einmal sangen

aber allein sitzt jetzt die Amsel auf dem First
stumm und als ob versunken
in der Schwere der sich zum Winter schleppenden Tage

unerträgliche Sonne
über den sandigen Ebenen
vertraute Wälder der Kindheit
brennendes Haar der Nymphen
was auch immer
die Träume der Sterbenden heimsucht

treib sie nicht fort
aus dem Duft der Äpfel
und den Farben der Dämmerungen

leg doch dein Schweigen in ihre Starre
unter die Haut der frostigen Wangen

für kommende Blüte ein Odem
für den Ruf ihrer Namen dort

wo ein duldsames Gestein
um ihre Seelen bittet

proficiscere, anima [versiculus]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

jetzt ziehen schon wieder die Schwalben
am Ufer stehst du
zwischen den Weiden. gebeugt
und siehst die Pfade zurück
die Spur, die sich dort zeigt
der Gräser am Wegrand, der falben
und hast einen Blick
als winkten dir Freunde zu
mit seidenen Fahnen, halben
die du durchschnitten
bevor sie dir Abschied sagten. und: gute Ruh‘
bevor du mit anderen Schritten
heimkehrst. und blätterst in staubigen Alben…

refugium meum | ἀντίφωνος [Doxologie | Kadenz | Acht Waka-Variationen]

[Mecklenburgische Elegien | Zweiwochenpsalter | Tagzeitenbuch]

und die Gespräche endeten.
als der Regen begann.
den Sang zu erinnern.
der dich vergessen ließ.
die Leere. als du heimgekehrt.

wie glücklich waren
die verwandelten Steine.
fremder Blüte Auge.
geh‘ nicht hinaus. schaue nur.
wer den Garten noch nicht verlassen.

um andrer Liebe willen.
Schatten der Flügel.
über den unruhigen Wassern.
Wohnung des Lichtes.
im Tau. was keiner Worte bedarf.

was wird erwartet?
Landschaften. ohne Grenzen…
Kind. das die Frage kennt.
wozu? die gefalteten Boote.
wie? erster Liebe Antlitz.

jeder Tag. ein letzter.
jede Stunde. die erste.
fremde Blüte. die dir zuruft:
sage doch. wer du bist.
wachtest an meiner Knospe Schlaf.

kahl. nun die Felder.
Fülle der Haine.
Früchte. prall von Gezeiten.
verlangend. den Fall.
wo die Wolken ziehen über das Hohe hinweg.

fern. deiner Heimat.
Hütte. nah bei den Ufern.
Stern. der dich entzündet.
reich in dem Wenigen.
reicht dir ein Blick. eine Gedanke.

Schweigsamer. Laufe nicht fort.
die Tür bleibe offen.
und unverhangen das Fenster.
alle Gaben der Stille.
jegliches. was ihm hinterlassen sei.

Non | brevis

ruhend | unter dem Regen | ziehend | in anderen Farben | an Sonnentagen || umgänglich | unumgänglich || an Feldern entlang | kreisend | um die nähere kleinere Welt || hält er den Atem an | hält er die Flügel bereit | falls aufkommt ein Wind | falls er aufkommen muss | für ein gesprochenes Wort || oder auf dem Boden | einer fremden Hoffnung

Komplet

lasse dich | fallen | unsichtbar || bleibe zurück | dein Teil | die Werke | wortlos entrichtete || entgangen | dem Finsteren | und dein Gehör | in der Mitte | der Stille || sieh nicht zu lange | auf das Erschaffene | das nur sein durfte | weil es vergehen muss || die einsame Hand | Müh‘ und Erschöpfung | weil du dich hingabst | dem Vergangenen | damit es nicht vergeblich war || so also sprachst du | dass es seinen Namen trage | unverzagt | in tief ruhender Furcht