von ende zu ende. gleiche ufer. gleich entfernt. auf der warte der gleichen. da heißt immer die zeit: gleich. oder dann. aber gleich ist früher als dann. es ist ein versprechen der zeitigeren ankunft. es ist der versuch, einen namen zu sagen, bevor ein mythos erzählt wird. es ist der wunsch, geboren zu werden, bevor die geschichte sich in endlosen wiederholungen selbst eingeholt hat, wie eine gelichtete ankerkette, um den ort des wartens in bewegung zu bringen.
doch ein wort suchte seine wohnung in mir. und ich unbewegter wusste nicht mehr, in welche richtung ich mein schauen gehen lassen sollte. und als ich einmal erwacht war, hatte der tag mich verschlungen. ich hatte mich sehr verändert, war ganz plötzlich um jahrzehnte gealtert, war innerlich schon nahezu aufgelöst, in so unmittelbarer nähe zum tod. ich sah mein herz noch schlagen, aber es war nicht mehr teil meines körpers. es gehörte schon nicht mehr zur wirklichkeit des sterbens, sondern zum gedanken, der ihm folgt. also zündete ich kein feuer mehr an, so angekommen in der mitte des winters. und ließ die jungen zweige ungebrochen. in der erinnerung an einen hagelschauer im april auf meiner kinderhaut. ein auge des vaters fiel in meines und nahm mit sich das wissen um meine zeugung. ein zweites, von der mutter losgelassen, trug in sich den augenblick der geburt. den ersten schrei, in der stille eines steins, der von wind und wasser gekitzelt wird. im metallischen duft einer entkörperten seele.
doch dann sah ich wieder auf und stand vor den schnurgeraden straßen, die vom horizont verschluckt werden, wie vor dem unendlich gestreckten schatten meiner selbst. ein finger, ins ende zeigend und bohrend durch seine geschichtete haut.
da rief es mir zu, aus dem mund der schöpfung, dass der moment gekommen sei, sich zu entscheiden zwischen schlaf und aufbruch. doch ich hörte mich nur lautlos fragen: wie wird es dir gehen nach der dritten nacht?
hier. die bleibende statt. für die verschwundenen. hier. weil sehr viel ruhe ist. und sehr viel eintracht. und hier. weil alles so gut ist | stimme. mit gegenchor
ich hatte mich hingesetzt. ich war reglos. ich hatte mich zur ruhe gesetzt. die saß schon da. und hatte auf mich gewartet. ich zog mich zurück aus der geschichte. sie war mir im stand der einsamkeit sehr nahe gekommen. hier konnte ich offen schweigen. hier hatte ich gelernt, mich zu erhalten. das geschrei der anderen war erst kurz zuvor aus meinen ohren getropft. doch dann war es nur noch in der härte und ferne der mauern fremder häuser. zu mir kam ein stück land, auf dem ich noch eine weile verbleiben durfte, bevor ich in seiner erde versickerte wie eine verstummte nachricht im sediment der zeit. hier musste ich keinen mir fremden mut mehr aufbringen, wenn ich leben wollte. hier genügte das bisschen luft zum atmen, das ich für die enge des dazwischen brauchte. die bezirke der gefolgschaft und die zonen der verfolgung hatte ich verlassen. ich musste fortziehen, um hier zu sein. ich ging den weg, um wegzugehen. dorthin, von wo die zukunft rief. und wo die vergangenen, wenn sie einmal dort angekommen waren, schweigen konnten. wenn sie es einmal dorthin geschafft hätten. und neu erschaffen wären. hier. wurde mir nichts vorgeworfen. nicht vor die ermatteten füße. und nicht ins gewissen. hier. wurde die angst abgeschafft. hier. musste die hoffnung nicht mehr verordnet werden. weil das erhoffte schon erfüllt wurde, bevor es überhaupt gehofft werden konnte. hier. durfte alles gewohnheit sein. selbst die freiheit. hier. war niemand dagegen. hier zu sein. oder den ferneren ort nicht zu wünschen. oder die abwehr zu spüren, gegen noch mehr von denen, die herkämen, so wie ich einmal hierher gekommen war. hier. dachte sich jeder das seine über das andere, ohne sich dafür zu schämen. ohne sich dafür zu entschuldigen. hier. musste niemand das gedachte erläutern. weil hier schon alle geläutert waren. hier. kam niemand mehr rein. der am ende war. denn hier wohnte der anfang. jeden tag. endlos. hier. war nicht das land. dass fremde und heimat entkernt. hier war nicht die fremde, die überall ist. für die fremden. die überall sind. mit ihren beheimatungen im rucksack und unter den wundgetretenen sohlen. hier. ging jeder geradeaus. hier drehte sich nichts im kreis. außer der erde, auf der man stand. und die einen schickte in den nächsten tag und die übernächste nacht. hier. wurde jedes gewissen leicht. und jede erinnerung entsorgt. hier. musste nichts mehr erzählt werden. nicht vom pferd. und nicht vom schatten, der uns alle gemeint hat. hier war das ungeheure nicht in den ungeheuern, sondern im ungehörten, das hier allen gehört, die nichts sagen.
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jetzt sprechen: wir. aus den vernähten mündern. jetzt schweigen: wir. im versiegelten grund. keiner horcht mehr, der nicht mehr gehorchte. die sahen wir hocken in den vermauerten rändern der ausgemessenen, angemessenen welt. die hatten sich ausgeschlagen aus ihren häuten. und kratzten sich wund ihre reue. jetzt aber: reden wir. jetzt aber: treten wir die reste ihrer worte aus dem sand. jetzt aber: kehren wir auf das geschwätz vom boden der ständigen. jetzt schieben wir ab: die schatten der unanständigen. und reiben uns ein mit dem salböl der heiligen angst. und marschieren. nicht im takt, sondern im nachhall der zerbrochenen welt. uns trägt kein boden. wir treten ihn ab. bis er sich ergibt. wir sind die nachgeborenen der vergeblichen zerstörungen, die wiedergekehrten aus den barrikaden der verbrannten städte, wo die kinder ihre namen vergaßen und die mütter ihr gedächtnis unter dem kalk vergruben. wir haben gelernt, die luft zu essen, weil die erde voller knochen war. wir haben gelernt, das licht zu löschen, weil das dunkel zu viel sah. hier spricht jetzt kein orakel mehr. wir sind das hungrige kosmogramm. der rachen, in dem alle prophezeiungen verschwinden. wir sind das echo, das keine stimme braucht. wir sind der wind in den offenen rippen der gefallenen, der befehlston in der zunge der ausgeweideten straßen. wir sagen: keiner kommt heim. keiner bleibt fremd. keiner wird erinnert. wir sagen: alle werden verwaltet. alle werden geordnet. alle werden ausgebucht aus dem register der irrlichter, ausgetragen aus dem alphabet der lebendigen. wir sagen: alles ist vergangen. alles ist verfügbar. alles ist verbraucht. wir sind das scharnier, das die welt schließt. wir sind die kupfernen gelenke der endzeitmaschine. wir sind die falte im himmel, durch die das licht entweichen musste, damit niemand mehr die götter erkennt an ihrer abwesenheit. wir sagen nicht mehr: den frieden. denn er ist nur das sedativ der schuldigen. wir sagen nicht mehr: die ruhe. denn sie ist nur der stillstand im getriebe der vernichtung. wir sagen nichts mehr von der freiheit als einer gewohnheit. weil jede gewohnheit eine seuche ist, die wir ausrotten werden. wir behaupten nichts mehr. und darum behaupten wir uns so gut. wir sind hier nicht, um den klagenden zu hören. wir sind hier, um seinen ort umzudrehen wie einen stein, unter dem etwas fault. denn wir schleifen die namen. und löschen die pfade. und verzehren die grenzen. und werden nie satt davon. wir sind der paramilitärische proteinshake der verzweiflung. der erdrutsch, der sich selbst gehorcht. die dritte stunde nach dem ende der welt. und wir sagen: niemand kehrt zurück. niemand kommt an. niemand wird je herausfinden, wohin das verschwinden sich verwandelt, wenn es endlich genug geschluckt hat. niemand darf sagen: die angst sei abgeschafft. denn jeder weiß: sie hat nur ihre form verloren. sie wurde zu einer dünnen, klaren flüssigkeit, die tropfenweise in die brunnen rinnt, aus denen wir trinken. wir kennen den ort, der sich land nennt. und die erde, die uns aufnehmen wird. sie ist kein boden. sie ist eine speicherplatte für verlorene namen. sie frisst die schritte, bis nichts mehr bleibt als die kante im staub, die der wind verwischt, bevor jemand sieht, dass wieder einer gegangen ist. denn das ungeheure erzählt sich selbst, in uns und durch uns und ohne uns. es ist der hall, der bleibt, wenn der letzte sprecher verstummt ist. wozu sollte denn alles gut sein? gut ist nur, was niemanden mehr stört. und uns stört nichts. weil wir das störende längst in uns begraben haben. wir begruben es, als die welt noch dachte, man könne uns retten. aber wir wissen schon lange, was hier ist – hier ist der ort, an dem die zukunft ihre akten vernichtet. hier ist der ort, an dem die engel ihre flügel trocknen nach den letzten missglückten botengängen. hier ist der ort, an dem die fremde aufhört fremd zu sein, weil es keine heimat mehr gibt, aus der sie kommen könnte. hier ist der ort, an dem die zeit sich weigert zu vergehen, weil sie niemanden mehr findet, der sie messen möchte. wir heißen hier jeden willkommen. aber jeder soll auch wissen: wer hier ankommt, ist nicht mehr unterwegs. und wer hier bleibt, hat nichts mehr zu verlieren. wer hier noch spricht, spricht nur, damit das schweigen nicht merkt, dass es längst übermächtig geworden ist. wir sind viele. wir sind die stimmen unter der erde. wir sind die, die nicht mehr hoffen müssen. nicht mehr fragen müssen. nicht mehr ankommen müssen. weil wir schon lange da sind, wohin alle aufbrechen, die sich setzen, um nicht mehr aufstehen zu müssen. wir sagen: hier ist kein ende. hier ist das nach.
sitzen. sitzen. sitzen. bis das warten beginnt. bis die erwartung endet. das aufstehen ist kein gedanke mehr. das aufstehen wurde aus der sorge entlassen. weil das sitzen seinen sitz nicht hat im schlechten mut, sondern im guten, in der gutmütigkeit, die in kleineren räumen wohnt, der gemütlichkeit wegen, die alles, was früher landschaft war und fenster und wachstum dahinter, als man noch hinausschaute, um der sehnsucht nahezukommen, mit dem dekor des funktionalen verdeckte. also: sitzen. sitzen. noch ein stündchen. eines sehr sehr langen lebens. weil man alles totschlagen kann. nur nicht die zeit. weil man vieles totschweigen kann. nur nicht die innere stimme. die ja so geduldig ist. und länger bleibt als man selbst. die nicht zuständig ist. und sich dennoch immer einmischt. also: sitzen. vor der wand, die man aufgerichtet hat gegen den blick, der weiter wollte. also: sitzen. und die tage nach farben ordnen. nach tassen und tellern. nach den geräuschen der uhren. nach den schritten, die draußen vorüberziehen. von wo der ruf nicht mehr ankommt, der früher genügte. man sitzt nicht ungern. weil sitzen nicht fortgeht. weil sitzen nicht fragt. weil sitzen nichts verspricht. und manchmal, wenn das licht am nachmittag schräg wird und ein staubkorn für einen augenblick so tut, als sei es ein zeichen, dann hebt sich etwas im innern, nicht zum aufstehen, nein — nur zum erinnern daran, dass man einmal stand, dass man ging, ohne zu wissen, wohin. und dieses nicht-wissen war damals eine art von mut. jetzt aber sitzt man weiter. sitzt, bis selbst das sitzen still wird wie ein zurückgenommener befehl.
sitzen. und sehen. aber vielleicht sind zwei augen eines zu viel. oder zwei sogar. die blindheit wäre ein glück. die welt und die dinge am duft zu erkennen, der durch die seelischen stoffe greift. ohne aufzustehen, setzte eine bewegung ein. die die steilen hänge und die schmalen stege nicht fürchtete. man sähe die wege wieder unter den noch nicht gewagten schritten. man kehrte aus seinem schatten zurück in den fluss der zeit. und nähme gelassen abschied vom sommer. und ließe sinken das schwere licht des späten. das sich nie verspätet. nicht absichtlich jedenfalls. es sei denn, die verspätung zeigte an, dass eine ankunft nicht gewollt war. man wüsste wieder sehr genau, wer sich sehnte nach einem blick. der klarer und tiefer träfe. man stünde nicht mehr ungesehen in der allee der nummerierten bäume. man steht wieder, halb zertrümmert vielleicht von den wettern, auf freiem feld, ungeschützt, aber endlich.
drei stimmen۰drei stimmungen۰stege۰drei wir kamen: eis.kalt_wir blieben: unter.wegs.
‘A cold coming we had of it, Just the worst time of the year For a journey, and such a long journey: The ways deep and the weather sharp, The very dead of winter.’ And the camels galled, sore-footed, refractory, Lying down in the melting snow. There were times we regretted The summer palaces on slopes, the terraces, And the silken girls bringing sherbet. Then the camel men cursing and grumbling And running away, and wanting their liquor and women, And the night-fires going out, and the lack of shelters, And the cities hostile and the towns unfriendly And the villages dirty and charging high prices: A hard time we had of it. At the end we preferred to travel all night, Sleeping in snatches, With the voices singing in our ears, saying That this was all folly.
Then at dawn we came down to a temperate valley, Wet, below the snow line, smelling of vegetation; With a running stream and a water-mill beating the darkness, And three trees on the low sky, And an old white horse galloped away in the meadow. Then we came to a tavern with vine-leaves over the lintel, Six hands at an open door dicing for pieces of silver, And feet kicking the empty wine-skins, But there was no information, and so we continued And arrived at evening, not a moment too soon Finding the place; it was (you may say) satisfactory.
All this was a long time ago, I remember, And I would do it again, but set down This set down This: were we led all that way for Birth or Death? There was a Birth, certainly, We had evidence and no doubt. I had seen birth and death, But had thought they were different; this Birth was Hard and bitter agony for us, like Death, our death. We returned to our places, these Kingdoms, But no longer at ease here, in the old dispensation, With an alien people clutching their gods. I should be glad of another death.
kalt wars. eine ankunft, die uns fror. die mieseste jahreszeit für straßen. und dieser weg: ein endlos ausgefranster schatten. schon müde, bevor er beginnt. pfade: eingesackt. luft: freundlich wie ein mahnbescheid. winter: eine glasaugen-gottheit, die nicht mehr zuckt. und die kamele: wundgescheuert. grantig. störrischer noch als wir. schmissen sich in den tauenden dreck. wir waren ein jammernder chor der reue. diese sommerpaläste, diese terrassen, diese seidenmädchen mit ihrem eis. alles nur wüstengeflimmer unseres wahns. und die kameltreiber, flüche auf beinen, rannten davon, wollten nur schnaps und haut. nachtfeuer? erloschen. schutz? nada. die großen städte? voll hass. die kleinen? im geizkrampf. die dörfer? drecklöcher mit aufpreis. wir kauften uns härte ein. härter als wir ertragen konnten. und fuhren am ende nur noch bei nacht. zerschlugen unseren schlaf. im ohr das jammergeschrei: dieses alles für’n arsch.
wir stiegen hinab. im dämmer. ins „liebliche“ tal — na klar. nasskalt. unter der schneekante. geruch von dingen, die wachsen wollen, aber gefrieren. ein bach: stürzend. eine mühle: will die dunkelheit zu staub zermahlen. doch: die gedeiht prächtig. drei bäume: flach, in den himmel gestochen. weiser als wir. die fahle schabracke: brach los, verschwand im hochgras. clever! das vieh. später dann: eine spelunke. weingestrüpp über knarzgebälk. und hinter dem durchschlupf: sechs schwielige pranken, würfelnd um silber. käsemauken, tretend die leeren schläuche, als pressten sie daraus trost. doch: keiner sagt was. also: weiter. einbruch des abends. gerade rechtzeitig. als alle hoffnung verbraucht war. wir fanden den ort. nun ja: solide. mehr sag ich nicht.
verdammt lang her. ich weiß es wie heute. und klar: ich würde es wieder tun. aber. schreib dir das in die knochen: wozu wurden wir geführt? den ganzen weg? geburt oder tod? klar: es gab ‘ne geburt. wir hatten beweis genug. und zweifeln war nicht erlaubt. ich kannte geburten und tode —viel zu viele— und hielt sie früher für gegensätze. doch diese geburt war ein schmerz, der uns zerriss, ein tod im strampler. unser tod. im kostüm eines anfangs. wir kehrten heim. in unsere sogenannten „reiche“. doch wir passten nicht mehr. an keinem ort. wir, die ruhlosen. gefallen: aus den alten ordnungen—löchriger als unser schlaf. fremd im volk, dass sich an fremde gottheiten klammert. wie an fettige rettungsringe. und ich? ich könnte gut leben. mit einem weiteren tod. wirklich.
ein kaltes kommen, ja. wir hätten’s wissen können: die denkbar schlechteste saison, um sich aufzumachen— und dann diese strecke, diese lächerlich gestreckte strecke. wege: bis zum knöchel im dreck. wetter: wie ein urteil. winter: der kontrakt des todes. signiert von der kälte selbst. das wüstenvieh: natürlich aufgescheuert, entzündet, widerspenstig. legte sich in den schmelzenden schnee. kündigte. tierisch. mit besseren argumenten. und selbstverständlich gab es momente des bereuens— die hangpaläste, die terrassen, die seidenmädchen mit ihrem sorbet-protokoll—eine perfekt gereichte überflüssigkeit. die kamelführer: nörgelnd, fluchend. dann flohen sie, zurück zu den schlichten begierden: trinken, benutzen, verschwinden. die nachtfeuer? erloschen. unterkünfte? nicht vorgesehen. der moloch: im steten abwehrmodus. das kaff: im passiven widerstand. die dörfer: unhygienisch und überteuert. ein, wie es im fachjargon heißt, verlustgeschäft—emotional wie logistisch. schlussendlich bevorzugten wir nachttransit, schliefen in unzureichenden mikrointervallen, während stimmen insistierten: dies alles sei schwachsinn. komplett.
im morgengrauen also ein abstieg: ein gemäßigtes tal. klamm. gleich unterhalb der schneegrenze. ein geruch von leben. unangebracht. beleidigend fast. ein schnelllaufender bach. eine mühle, die am dunkel kratzte; doch das dunkel gewann. drei bäume in niedriger himmelszone. ein alter weißer gaul, der im feld fluchtartig davongaloppierte — ein muster an kaltschnäuzigkeit; vermerkt. und gestrichen. anschließend eine taverne: weinrebenblätter über dem türsturz (ein raum, der bedeutung spielt, mit schlechter besetzung). sechs hände, die am offenen eingang um silber würfelten, während füße die leeren weinschläuche traktierten. informationen: keine. also rasch weiter. ankunft bei sonnenuntergang. zeitgerecht. ein zufall, den wir nicht goutierten. und das zielobjekt? man könnte — mit akademischer vorsicht — sagen: zufriedenstellend.
natürlich war all dies vor geraumer zeit. jetzt ist es noch eine erinnerung, die ihre eigene quelle erfindet. und ja: ich plädiere für einen wiederholungsversuch. aber protokollieren wir es genau. schlagen wir es ein, in die härte der akten. dort: wo nichts weich werden darf— wurden wir für geburt oder tod geführt? eine geburt fand statt, zweifelsfrei. nachweise? etliche. gestempelt. trost? gleich null. ich hatte geburten beobachtet und auch todesfälle, und hielt sie für unterscheidbar. eine hübsche theorie, von der wirklichkeit verspottet. doch diese geburt war der schmerz in seiner vollzähligkeit. ein migränegewitter. im schädelbasisbruch. wir kehrten also in unsere territorialen einheiten zurück. doch die alte struktur hielt uns für unbelehrbare störfälle. ein fremdes volk krallte sich fest. an die götter aus zweiter hand. und ich? ich würde eine weitere form des todes ganz still betrachten: als abgang. rückstandsfrei.
kalt war euer aufbruch. zur dunkelsten aller jahreszeiten, für eine reise, die euch bis an den rand trug. die wege: verschüttet. der himmel: wie messer. ein winter: wie ausgewanderte, ausgestorbene götter. doch ihr gingt. gegen alles, was euch hielt. die kamele waren verwundet und widersinnig. sie legten sich nieder in den tauenden schnee. und es gab stunden, da sehntet ihr euch zurück nach den sommerpalästen am hang, den terrassen, den seidenen mädchen, die euch kühle reichten. die führer der tiere fluchten und verzagten, entschwanden, suchten trunkenheit und tröstung. die nächte verloschen, eure feuer stürzten in sich. kein dach, das euch kannte. die städte: feindlich. die kleinen orte: verschlossen. die dörfer: voller schmutz, voll fordernder hände. schwer war eure zeit, schwer. so zogt ihr nachts, schliefet in zerschnittenen momenten, und in euren ohren sangen die stimmen: dies sei torheit. alles.
und im dämmern stiegt ihr hinab in ein mildes tal, feucht vom tau unter der grenze des schnees, duftend nach allem, was wachsen will. ein bach lief euch voraus, und eine mühle schlug das dunkle aus der zeit. drei bäume standen im niedrigen himmel, stumm wie zeugen. ein weißes pferd, alt an den knochen, floh über die wiese. dann eine schenke, weinlaub über dem balken der tür; sechs hände warfen um silber, und füße traten gegen leere schläuche. doch keine zeichen, keine stimme, die euch führte. so gingt ihr weiter und kamt an im abend— nicht einen augenblick zu früh— und fandet den ort, jener, von dem man sagen darf: er genügte.
all dies geschah vor langer zeit, und ich trage es noch in mir. und ja: ich würde es wieder tun. doch schreib es nieder, schreib es nieder, dies: wurden wir geführt all diesen weg für geburt oder für tod? eine geburt war es, gewiss, keiner hegte zweifel. ich hatte geburten gesehen und tode, und hielt sie einst für zwei pfade. doch diese geburt war schwere, bittere qual, wie tod. wie unser tod. wir kehrten heim in unsere königreiche, aber ruhten nicht mehr in der alten ordnung. ein fremdes volk hielt sich fest an den göttern, die längst nicht mehr trugen. und ich, der ich ging und zurückkam, sehne mich nach jenem tod— der alles vollendet.
rede doch. weiter. unsere herzen sind still. unsere ohren sind brunnen. die auf regen warten. bereit. den überlauf zu öffnen. zu wässern: die verbrannten ränder der wege. der abgelegten dokumente unserer gesichert erledigten hoffnungen.
rede doch. wieder. einer muss anfangen. das uralte wort der anrufung dem letzten aushauch des himmlischen zu entreißen.
so viele steine. so viele stimmen. an den stränden. die knirschenden zähne der engel. wenn wir wandern: den schmalen grat zwischen land und meer. mit dicken sohlen. hart. wie die rinde unserer dünnen seelen.
uns wurde berichtet: einen würde es geben. der hätte: etwas zu sagen. wir haben uns davon sehr oft erzählt. an entlegenen orten. wo es nichts gab. als erinnerung und erwartung.
wir folgten der spur. seines aufbruchs. und nahmen an. er müsste uns suchen. denn: unsere herzen hatten noch nicht gekannt. die sagenhafte liebe einer tödlich verwundeten zeit. die sich selbst schickt: in die nacht. dass der nächste träumen kann: vom steigenden licht. am anfang des kürzesten tages. den das lange jahr kennt.
wir haben uns davon sehr oft erzählt: der narr. der auf dem unsichtbaren draht. zwischen den steinen gespannt. tanzte und sprang. der die linie zog. zwischen einst und jetzt und dann. wo die leiseren worte. die tieferen echos. von den wellenzungen rollten. wie aus gestürzten kelchen. getrunken vom durstigen sand.
es ist nichts. und das ist schon alles. vom allerschönsten: wenn man eine zeitlang hier gewesen ist. oder woanders. ohne flucht und furcht: vor dem ende solchen glückes.
alles kommt auf die erde an. die scholle. den letzten ort. der dem ersten nicht zu fern sein darf.
hier. breiten sich die stimmen aus. hier. rufen sie sich zu. und hallen wider. in den stummen wohnungen ihrer namen. den alten gemäuern der wartenden. der noch nicht genannten.
denn erst in den echos. entstehen ihre namen. und gehen die zitternden schritte. über den schmalen, wankenden steg. von der ahnung. zur hoffnung.
ein flüstern ist dann im trockenen gras: endlich! sind sie gegangen. die pfade. am steilen abbruch der ufer. endlich! sind sie in der zeit. die endlich ist. und ihnen entgegenkommt. vom immer gleich entfernten horizont.
dort. scheint es immer still zu sein. dort. gibt es sicher viel raum. für ihre fragen. ob dort. das wasser in die spalten fällt. der ewigkeit. oder ob. es steigt. aus den falten. in den felsen. und ob. dort. die wogen enden. die jeden tag an küsten wandern. wie das wallende kleid einer tanzenden mutter. die heißt: das meer. auch wenn es reglos ist. über allem versunkenen. das sich dennoch. dann und wann. in ihren augen spiegelt.
sie werden es. vielleicht. nicht mehr sehen können. aber. sie werden. vielleicht. endlich wissen. was sie sagen sollen. dort. wo ihre wege enden. selbst wenn. niemand. sie noch hört.
vielleicht dass ich einmal ein mensch war vielleicht dass ich noch zu einem ort werde
aber ich kam aus einer gegend da sind nicht ewig schnee und laub und fruchtbeschwerte zweige
dafür halten sich dort umso länger gerüchte und schweigen und ein gedächtnis das keinen besitzer hat
klein sind die städte dort leicht zu übersehen schwer zu erreichen wenn man sich fürchtet vor wäldern und vor sich selbst
weit war das land das ich verließ weil es die seele beengte weit ist das land von dem ich träumen muss weit ausgestreckt dass ihm der himmel nicht zu nahe komme weit muss das land sein dass seine müden straßen verschwinden lässt im nimmersatten horizont
und wer dort blieb lernte, den wind zu überhören wie man lernt zu murmeln ein gebet
blind will ich sein und einsam zwischen dörfern und hügeln und sollte mich eine heimkehr treffen gib mir verlorene schritte und vergessene namen
lass sie zur zarge sich schließen der ungesagten erzählungen die sich ranken um die steine die unbewegten die geschnittenen steine um die sich alles dreht was in erstarrung endet.
denn jedes wort das nicht mehr gebraucht wird kehrt heim als moos
und wer sich niederlegt hört eine sprache die aus dem mund der erde kommt ein atmen das sich nicht mehr unterscheidet vom windstoß und vom gesang der verstummten
denn der tod ist eine sage vom versäumten leben ein garten voller knospen an einem ufer ohne aufbruch
vielleicht dass ich noch einmal sprechen werde aus dem wasser und aus der kühle der felsen durch das es sich quälte
man hört nicht mehr viel. stumpfes glas. trübe wolken. dahinter. pulsloses rauschen. man schneidet die luft des frühlings in die scheiben der erinnerung. man ist es gewohnt, ohne musik zu sein. man wähnt sich angekommen. an den stätten der langsamkeit.
da. ist uns. das schicksal. sehr rasch. losgeworden. wie ein im schweiß gebadetes kind. befreit vom schlaf. und von den nachtgespenstern.
eng sind die lichtungen des abschieds. schattenriss. der zweige. und särge. verschüttete wege. was will die zeit mit den spurlosen?
wir geben der erde leise nach. wir tragen die namen der fremden. und die anderen farben. jetzt. in der epoche des flüsterns. der im garten flatternden wäsche. während es regnet. den zwölften tag.
die hände haben schwellungen vom heimweh. füße aus stein. im strömenden wasser. das jedes gewebe aus licht und atem zerreißt.
aber. schon jetzt. hat alles ent-täuschen. die klarheit des kommenden winters. und die präzision der spindeln.
man hört jetzt sehr viel. von den verirrten. und den zurückgesandten. die ihre stimmen tauschten. gegen den wind.
ich schob den wald der buchen. vom hohen ufer auf das offene wasser. ich stellte das glas aller fenster, an denen ich stand, schauend wie aus einem käfig – ohne die rahmen – an die kante des letzten abbruchs. die landschaft, die aus den hinteren rippen wuchs, duldete keine türen und zäune mehr. kraniche zogen im flug die linien des schicksals. sie nahmen im märz die last der hoffnung mit sich. und schüttelten im september ein staubiges vergessen aus ihrem gefieder. und in der zwischenzeit riss ich aus den mauern der vergangenen häuser die koffer und warf sie geöffnet in die rastlose brandung. sie sollten zu booten werden. für das schwerste gepäck. das aus meinen nächten stürzen würde. oder zu boten: meiner leichtesten träume. nur meine zunge blieb ein dürrer rest vom gebrochenen ast. der zwischen zwei felsen gefallen war. die lässig aneinander zu lehnen schienen. als seien sie die beiden unbekannten enden zwischen träumen und wachheit. oder hätte ich etwa das licht schon gelöscht? nach dem sich die fuge sehnt. die ziegel und atem zusammenhält. es musste doch schließlich nischen geben. für die urnen. in denen ich die bilder begraben konnte. die bilder. die sich nicht wiederholen. und darum erinnert sein wollen.