nicht dem tode. glauben

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

wenn er erscheint. wenn er scheint. lege ich meinen schatten ab. in den er sich warf. da. auf die stelle des endes. hier. am ausgang des sterbens.

kleine seele. im zarten opfer verborgene. für die ferne liebe. für die einzige und bessere erkenntnis. fiel mir ihr name wieder ein. wie der grund meines wartens.

doch. der boden. dort. so leicht. und ich fast schwebend. vor dem streifen dämmerung.

eine stimme ging durch meinen schlaf. und ein leiser regen über das nächtige land.

sprach er nicht aus dem schilf? nicht aus den einsamen häusern? hoch über den steilen ufern. ein letztes licht. das den grauen dunst des morgens überzog.

das letzte lied. verzehrt mein herz

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

vergesse nicht. die nacht. als die schatten ineinander flossen. den sang der träume. als wir auseinander gingen. befreit. und verloren. für den zauber der erwartung. stein ist das wort. das ins wasser fiel. wie das fest der wiederkehr. staub ist die spur. bis zum nächsten wind. aber die letzte gefangenschaft ist auch die ewige. versunken. in der einsamkeit des augenblicks. du bist das fremde land. das durch die seele wanderte. die sich zurückzog. in die verlassenen dinge.

dachschaden. schnatternd. die interpreten. während der autor schnarcht

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

von den gewölben. herab. disteln. auszustopfen die hohlen. landung der flaschen-post. atem der all-beschenkten. von der hoffnung zerdrückt. als ladung sand. lassen wir nachbedenkenden die unbedachte wieder retour gehen. aber: auf glas wächst kein gras. träume und trümmer haben wir über die wogen geschickt. warfen über bord die bilder und bücher. damit wir gestrandete werden durften. wir wollten ankommen. und immer in der ankunft wohnen. weit in die nacht hinein. schob sich unser begehren. die flügel der bleiernen tore. auf unsere steifen rücken zu spannen. doch vom inneren der wände her schlagen die stimmen wie rispen gegen den wind. laubzungen. mit reißzwecken gezähmt. ja. im gedächtnis der nägel. bewahrt sich das ganze wissen. um die lohnenden opfer.

verdorrtes. verlorenes. saum der offenen gräber.

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

stille. die saat des vergänglichen. ja. wie sich das himmlische verzweigt. aus welchem licht denn sonst? in welches gewebe denn noch, wenn nicht das seelische, das sich einschloss in die schattigen räume der kindheit. eben dort. wo alles ist. uneben. unsichtbar. die erde. die verwandlungen. pfade. und übergänge. frühlinge. und vertrauter tod. eben dort. wo jedem ding, das einmal war, das einmal sein durfte, eine hand wächst, die sich ausstreckt nach dem traum, der dich hat hochschrecken lassen. aus dem viel zu langen schlaf.

geh. immer. dem herbst voraus

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

alles ist entschieden. alles ist anders. jeden tag. verwachsen mit den steinen am wegrand. alles. was wuchs. glücklich. vielleicht. wo die zeit versank. wo der atem versagte. als ein wunsch ausgesprochen sein wollte.

dort. wird nichts mehr hasten. nichts mehr haften. wo klarstes wasser über die schatten gleitet. und das einmal beschriebene papier zurückkehrt in die leere seiner hoffnung. also. gerade so. als ob eine blüte zog ins haus der knospe.

und geht. [auf]. wogen

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

auf. seele. spanne des himmels. über den kümmernissen. mut eines schrittes. auf geduldigem weg. stunde des nachhalls. des überwundenen. aufgang. und morgen. an dem der schlaf beginnt. klarheit. eines dahin. niedergelegt. am jetzt noch unbekannten ort. nach langem schlummer. weiter noch. unterwegs. unter den wegen. am rand. in einer ecke. wo ein früherer wunsch. einen schatten wirft.

wege. getrennte

[bevor das gras vergeht | baltische elegien]

nach. und nach. lautlos. voller liebe. verriegelte zimmer. aufgebrochene wintererde. wartende. abermals. drohende zeit. verlorene spuren. je weiter fort. im frost erwachend. in die schatten gewickelt. die unvollkommenen schleier. straßen. wie fugen. zwischen den ewigkeiten. die enge. mit sich allein. träne. und klangloser schrei. perlender regen. die schläfe hinab. die wange der schlafenden. durch deren traum die töne irren. die schritte. je weiter fort. zwischen den wänden. echos. hin und her. aug-gestein. voller liebe. kalt. im kurzen atmen. je weiter fort. nahend dem kaum mehr hoffenden. je weiter fort. je weiter…

7 nächtliche Gesänge + 1 Liebeslied

[zwischenzeitlich]

in welchen Engen. unter den Engeln. die haben überall Platz. warten, dass du weitermachst. und aufsteigst. noch einmal zu den höheren Ebenen. weit fort von den verlorenen Ufern. wo nicht mehr zu sehen sind die Mauerreste unter dem Gras. Erinnerung. müdes Gewölk. das sich nicht mehr entladen wird. die Schritte der Entkommenen. durch den Schlaf der Erde. wunschlose Öde. heiliges gläsernes klangloses endloses Feld der Lilien. das Maßvolle des Vergänglichen. um die Ewigkeit nicht zu verschwenden. der magere Traum. der Tau des Gedächtnisses. die taube Zunge des Pilgers. des blinden Gärtners verklebte Augen. weil er nicht sprechen darf über das lange Gehegte.

aber. mein Wandern. mein Warten

子供

Stimmen. die sich entfernen. Wort. das den Sprechenden sucht. letzte Geburt. vor Anbruch des Tages. ein unruhiger Gott. im Haus seiner tausendheiligen Stille. rufe. wenn du noch bleiben willst. im Tiefen. die hohe Zeit. die drängende Bleibe. zu beschließen das Leben. liebend.

unerschöpflich. das Vergehende. Schmerz des Lassens. wer etwas hervorgebracht. wer zurückbleiben muss. einsam. erschöpft. Atem. der Seele Freude und Klage. Klang ihres wehenden Wehs. zwischen Bewohntem und Unbewohntem. ein Riss. wie ein Steg. über die Moore. die Meere.

ihre Hände. gelöst vom müden Gesicht. ihre Augen. in der gefüllten Schale. Schlag ihres Herzens. nach dem ersten Schrei. und wenn sie es trug. zum Ufer. zum Abgrund.

Zum Text (Stand: 12.11.2023)