dachschaden. schnatternd. die interpreten. während der autor schnarcht

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

von den gewölben. herab. disteln. auszustopfen die hohlen. landung der flaschen-post. atem der all-beschenkten. von der hoffnung zerdrückt. als ladung sand. lassen wir nachbedenkenden die unbedachte wieder retour gehen. aber: auf glas wächst kein gras. träume und trümmer haben wir über die wogen geschickt. warfen über bord die bilder und bücher. damit wir gestrandete werden durften. wir wollten ankommen. und immer in der ankunft wohnen. weit in die nacht hinein. schob sich unser begehren. die flügel der bleiernen tore. auf unsere steifen rücken zu spannen. doch vom inneren der wände her schlagen die stimmen wie rispen gegen den wind. laubzungen. mit reißzwecken gezähmt. ja. im gedächtnis der nägel. bewahrt sich das ganze wissen. um die lohnenden opfer.

verdorrtes. verlorenes. saum der offenen gräber.

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

stille. die saat des vergänglichen. ja. wie sich das himmlische verzweigt. aus welchem licht denn sonst? in welches gewebe denn noch, wenn nicht das seelische, das sich einschloss in die schattigen räume der kindheit. eben dort. wo alles ist. uneben. unsichtbar. die erde. die verwandlungen. pfade. und übergänge. frühlinge. und vertrauter tod. eben dort. wo jedem ding, das einmal war, das einmal sein durfte, eine hand wächst, die sich ausstreckt nach dem traum, der dich hat hochschrecken lassen. aus dem viel zu langen schlaf.

geh. immer. dem herbst voraus

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

alles ist entschieden. alles ist anders. jeden tag. verwachsen mit den steinen am wegrand. alles. was wuchs. glücklich. vielleicht. wo die zeit versank. wo der atem versagte. als ein wunsch ausgesprochen sein wollte.

dort. wird nichts mehr hasten. nichts mehr haften. wo klarstes wasser über die schatten gleitet. und das einmal beschriebene papier zurückkehrt in die leere seiner hoffnung. also. gerade so. als ob eine blüte zog ins haus der knospe.

es wird zeit. [!] sich hin. und auf. zu stellen

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

die erde wird. sich bald. geschlossen haben. keine andere antwort. wird sie geben. als auf die fragen der jahreszeiten. sie wird sich schließen. statt sich endlos überwuchern zu lassen. sie ist nicht zuständig für gedächtnis oder verheißung. luftige schatten. oder getippel auf zehenspitzen. das alles ist ihr gleich. weder ist sie wach. noch schläft sie. sie schweigt. nicht zu sprechen von den anderen. die ohne rast sind. vom mond gezogen. in lautlos-bleicher wiederkehr.

aber die schatten altern nicht. bringen eine ferne stille in die wälder. reglos wissend um die liebe. die mögliche. unerfüllte. immer steht an einem ufer. die idee vom ersten tag. und unter den dünen. unter den himmelsspiegelnden wellen. mag eine verborgene speise gelegen haben. so bleibt die frage: um welcher hoffnung willen hörte das atmen nicht auf. zu keinem augenblick? [!]

und geht. [auf]. wogen

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

auf. seele. spanne des himmels. über den kümmernissen. mut eines schrittes. auf geduldigem weg. stunde des nachhalls. des überwundenen. aufgang. und morgen. an dem der schlaf beginnt. klarheit. eines dahin. niedergelegt. am jetzt noch unbekannten ort. nach langem schlummer. weiter noch. unterwegs. unter den wegen. am rand. in einer ecke. wo ein früherer wunsch. einen schatten wirft.

um diese zeit. normalerweise. zunahme der sehnsucht

[bevor das gras vergeht | baltische elegien]

sonne. nicht dieselbe. wie gestern. die träume. ruhig. mit tiefen strömen dahin. lichter wie fähnchen zwischen den wellen. vom abend begrenzt. vom sterbenden sommer überwuchert. an einem augenblick aber bleibt das gedächtnis hängen. morgen für morgen. bevor es versinkt im erwachen. augen. wie aufgeschnittene trauben. hängen über dem stein. und seiner verwitterten schrift.

irre. geflogen | gerufen. aus den wäldern

[bevor das gras vergeht. baltische elegien]

die sonne. gestern. im wolkengewölle. in den kissen voller tränen. oder zwischen den zähnen. zerknirscht. sie brannte. vor erwartung und verlangen. mit der schwere des letzten ganges. doch nicht ohne würde. und nicht im sinne des als ob. jedoch mit der frage: was wäre eigentlich, wenn? vielleicht ein erwachen mit der stimme der jungen amsel. geboren aber am ende des jahres. einen atemzug vor dem beginnen. und jenes ende immer mit sich tragend. in weiser vorausschau. so fände sie immer heim. und wäre nicht eine verlorene inmitten ermatteter spätzeit. doch hier und noch müssen wir’s anders sagen. und können’s dann nicht so stehen lassen. weil auch wir weiter wandern müssen. bis die lichtungen kommen. weil wir es immer so sagen müssen, wie es uns eine laufende zeit geradewegs zuruft. bis einmal alles verwandelt ist. bis sich alles endlich nicht mehr verändern muss. von tag zu tag. von früh bis spät. weil ruhe ist in den krumen. und in den krümeln, die aus dem mundwinkel fielen, die samen einer schöneren kindheit keimen. einer wunden seele, kindisch und weise, immer noch hoffend, nach ihrem scheitern.

wege. getrennte

[bevor das gras vergeht | baltische elegien]

nach. und nach. lautlos. voller liebe. verriegelte zimmer. aufgebrochene wintererde. wartende. abermals. drohende zeit. verlorene spuren. je weiter fort. im frost erwachend. in die schatten gewickelt. die unvollkommenen schleier. straßen. wie fugen. zwischen den ewigkeiten. die enge. mit sich allein. träne. und klangloser schrei. perlender regen. die schläfe hinab. die wange der schlafenden. durch deren traum die töne irren. die schritte. je weiter fort. zwischen den wänden. echos. hin und her. aug-gestein. voller liebe. kalt. im kurzen atmen. je weiter fort. nahend dem kaum mehr hoffenden. je weiter fort. je weiter…

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[sechster Ort, noch einmal: Doha, Transit-Futterhof – Limbus, Tax Free – Mangel an Schatten]

der Weg aus dem Traum in die Landschaft. Traum ist aber nicht gleich Unwirklichkeit und Landschaft nicht gleich Wirklichkeit. beides jedoch holt eine wunderliche Wahrheit ins Haus, in dem die Abstände zwischen den Räumen – und in den Räumen zwischen Tür und Fenster – je nach Tages- und nach Jahreszeit verschieden groß sind. die phasenweise Nervosität und die schönen Geschichten, zur Ruhestunde vorgetragen, sind sich stets sehr nah. die Suche nach dem Leben, das ohne Hindernisse geradeaus geht, ist allerdings ein absurdes Unternehmen. auf einer solchen Straße stünden die Gespenster Spalier oder ließen aus ihren Hufen giftige Sträucher wachsen. sie streuten süßen Samen in die Augen der Verlaufenen, und jene hätten fortan ein bitter-rauhes Schauen wie durch zerkratztes, rissiges Glas. die Klagen und die Wünsche würden nur so wuchern, und um jeden balsamischen Tropfen entbrannte ein aus Neid und Missgunst hervortobender Krieg, und jede Partei ginge auf jede andere Partei los, aus Angst vor der Vernichtung durch die je anderen und fremden; aber natürlich lägen am Ende alle geschlachtet in den selbstgeschaufelten Gräben…

aber noch einmal zurück zum Traum: die törichte Zuflucht ist in den getrimmten Gärten heimischer Dörfer; den Speckgürteldörfern zu eng und zu teuer gewordener Städte. Rasengärten ohne Raserei. Heckengärten ohne Ausgehecktes. Gärten der strengen Beete. der strengen Gebote. Rasenrobotergärten, in denen das Leben erst wieder – ein seltenes Vergnügen – jubelt, wenn die Katze eine Freifahrt unternimmt…

Landschaft aber ist ein gänzlich anderes Terrain: Landschaft ist ein Stückchen Land, das uns erschaffen hat – ohne Deutungs- und Rechtfertigungsdruck – und das uns zuruft: kommt! geht. und dann – bleibt für immer.

Beginn einer Rückkehr

Erzählung eines Hoffenden

[fünfter Ort: Mönchgut, Hagensche Wiek]

[Ur-Sache]

weil wir nicht hoffen umzukehren. weil wir nicht hoffen. weil wir nicht wissen, worum die Sage und die Trauer gingen. wenn uns einer fragte. und weil wir dennoch nicht verzichtet haben. auf die Gewitterworte. und jeglicher Zorn seine Stimme fand.

[Wir-kung]

darum stöhnen die Bäume unter zu viel Laub. und ihre nervösen Zweige sind wie ins Luftleere schlagende Flügel. der Wille, der einst die Wurzel der Buche zur Kralle bog, rutschte in den Spalt zwischen Fels und losem Gestein, hoch über der Brandung, lächerlich drohend dem unerschöpflich wogenden Wasser. wie eine bockige Göre, die sich für zwei Kugeln Eis die Stirn blutig schlägt auf dem Asphalt, hämmert der Wind gegen das Steilufer. und fleht bei den Schwalben um Stille.

[andere Zeichen]

ja, ja, die trockenen Wiesen des müdgeschwitzten Sommers. ja, ja, die vollen Beete und üppigen Stauden. und ja: die Trendfarben der Augen(Trauer)Weide. ja, ja, die in Küchenfenstern an den Dörrseelen nuckelnden Keramikhascherl. und viele weitere Gaben der Vergessenheit. und vor allem: ja, die endlose Reise, die ihr Verträumen drückte in die Sofakissen. wie die lichtschweren Gesichter in die Peelingmasken.

[Danksagung]

dem Gebein, das zu Sand zerbröselte. der Kühle des Abends und des Herbstes. der Zeit, weil sie sich uns vom Buckel schüttelt wie nach dem Bad das zottige Tier aus seinem Fell das Wasser.

[nachtragend]

weiß Gott, wohin es die Verschlagenen verschlägt. oh, die Schädel der Glocken. oh, die Zungen ihrer Klöppel. ja, satt ist das Land der Klänge und der Stimmen. hat sich gefunden im großen, letzten Ersäufnis. hat sich abfinden lassen vom schalen Atem der Leberkranken.

[Wettervorhersage]

unvermeidliche Traurigkeit. dunkler Grund des glücklichen Wachstums unzerstörbarer Träume. die untrennbare Bleibe in den unerreichbaren Tiefen der Kindheit. Furcht und Frucht. unlösbar der Schatten vom Licht, der Schaffende vom Schlaf, die Erzählung vom Gedächtnis, die Erinnerung vom Ereignis, das Denken von der Schuld. des Danach. das ja auch nicht wäre ohne Davor. die Übrigen dann als die Sagenden. als die Hörenden unter den Schweigenden. und all die Schönheit des Lebens. weil unzerstreut seine Schmerzen.