hier keine bleibende Statt

[Chor der Gelassenen]

welchen Sinn soll es haben. das Feuer zu stehlen. sie werfen es den Fliehenden in die Hacken…

wir können uns nicht um alles kümmern. wir sind die Anständigen. nicht die Zuständigen. unsere Sprache ist nicht die der Seele. sondern die der verrichtenden Glieder unserer Existenz. wir sind die glücklich Beschränkten. wir schränken die Hoffnung ein. denn zu viel Hoffnung ist ein Mangel an Erfüllung. und wir haben ja unsere Vorgaben für die Abgaben. für die wir uns gerne verausgaben. unser Denken entfaltet sich gemäß einer sauber gefalteten Ordnung. damit es nicht die Richtung seiner Zwecke verliert. denn es genügt uns, geradeaus zu gehen. so wie die Linien der Wege gezogen sind. weil auf den geraden Straßen niemand lenken muss. weil da niemand abgelenkt sein muss. damit wir niemandem die Gelenke brechen müssen. wenn er woanders hin wollte. wo es ihm nicht erlaubt wäre zu sein. auf dass ihm genehm ist das Genehmigte…

niemand muss hier erst noch erwachen. alle, die hier leben dürfen, wurden schon aus den Betten gescheucht, bevor es dämmerte. damit es ihnen, den Verdammten, nicht dämmert, vor den brüchigen Dämmen…

ganz enorm ist die Norm. dass wir mit den kürzesten Beinen die längsten Schritte machen. uns reicht der Fortschritt. auch wenn wir nicht fortkommen. denn der Fortschritt ist eine Vorschrift. die uns verschrieben ist. der wir uns verschrieben haben. aus der wir nicht fortschreiten. aus der sich die Seele nicht fort schreit. und nur um ihretwillen gehen wir nicht hinaus. denn sie soll drinnen bleiben. von wo sie nicht raus kann. selbst wenn sie dorthin will. mit uns…

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.10.2 | 934-SARS-CoV-2

[Tag 469 der Rückkehr]

die allerschönste Weisheit [du warst sehr nahe] die Rufe zwischen den Steinen. alle Dinge geschaffen [habe nicht alles geschafft] er muss einfach alles lieben [offenbart im Verborgenen] woraus wir entstanden. worin wir versanken. wovor wir uns hüten. ängstigen. beugen. setzen. neigen [Gedanken. fliegende. die Kraniche fort. mit ihnen. für dieses Jahr] er tat uns kund. wir taten wie Kunden. die auf die Bewirtung warten [klettere die Leiter hoch. durch den Himmel. ins Luftlose. Klanglose] leicht knickende Rohre. an denen wie Äffchen empor… aber von oben saugt jemand die Erde auf. wie durch einen Strohhalm [Finger wie glimmende Dochte. an der Haut der Luftballons] unser täglich Stoß gib uns morgen [und die Augen aus Löschpapier] wer weiß schon. ob er uns hört [bleib‘ fern. für den Glauben an dich. dort. für unsere Hoffnung. hier] wir müssen uns beeilen. die Zukunft beginnt jeden Augenblick [der echte Raum. falls man gelebt hat. Zeit] in den Zellen. das Leben [beginne zu wohnen. habe die Fenster verhängt. vor dem Verhängnis. liege aufgebrochen. unter den Sternen. muss unterbrechen. den Aufbruch. durchbrechen. das Angebrochene. weiß Rat. in der Dunkelheit. ein Rad zu bewegen. aus dem Unermesslichen fort. ins Angebrachte] in den Gewölben der Stimme. auf den Pfaden. die sich wölben vom Wunsch durch die Trauer in die Gegenwart(e) des Vergangenen [rührst dich nicht. dort. wo du hin wolltest. wo es ihn gab. nur für dich. allein. den einen Moment] allein… weh… ganz allein [mich erwartet. zur anderen Zeit] halte dir einen Platz frei. für die nächste Stunde. die letzte. immer

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.25 | 927-SARS-CoV-2

[Tag 459 der Isolation]

man wird viel suchen. und tief hinabschauen. man will den Menschen nicht zu ungleich sein. man will es ihnen dennoch nicht zu gleich tun. man kleidet sich freundlich. und möchte an sie erinnern. die Ungekannten. man weiß sehr genau, wovon man mit Freuden singen muss. man weiß noch besser, wie klein der Teil aller Versprechungen, die man nicht uneingelöst lässt, sein muss, wenn man den Geist weit hinausgesandt hat und die Hände, so fest sie eben angewachsen sind, nicht folgen wollen. man spürt, was sich in einem erhoben hat und dass die Füße weit unten stehen und gehen müssen. und fängt eines herbstlichen Tages an, die Wege nur noch zu denken. als seien sie Ufer von Wolkeninseln und tauchten kurz auf mit jedem Traum und schwanden sehr rasch mit jedem Schlaf. bis man erkannt hat, dass nicht mehr Ruhe entsteht, nur weil es immer stiller wird um einen herum. und wieviel ein Licht ist im einsamen Winkel. groß ist das Schweigen, dass die Wünsche nicht verdrängen kann. lang scheint das Ausatmen aller Zeit. des Ungelebten. und ist doch kurz wie der Pfad durch den Flecken Hintergarten bis zur Küchentür. man sucht etwas für den langen Atem, den die Ewigkeit vorausschickt. etwas, das noch zu Lebzeiten einen Ausgang fand. etwas, das zumindest versucht wurde und nicht verschwunden ist, nur weil der Versuch scheiterte. etwas, das sich selbst trägt, wenn der Träger es hat fallen lassen. etwas, das den Träger trägt, wenn er fiel. etwas, das ihn erträglich macht, wenn er träge über den Leinen seiner Jahre hängt und die Augen sind wie der Halbmond, der sich zur Sichel verkleinert. jede Nacht.

[erinnere dich. wo die Fenster waren. vergesse nicht. was die Mauern verhüllten. wer schon alles hier war. und vorbeiging am Verschlossenen. wer nicht bleiben konnte. und verloren ging in den Landschaften des Winters]

es gibt noch andere, die sich befragen ließen. nach ihrem Gedächtnis. sie könnten interessanter sein. vielleicht sogar schöner. man muss ihrer habhaft werden. man muss sie sich anverwandeln. und baut mit ihren Städten den eigenen Himmel. aber man will die eigene Natur nicht schlicht wiederholen. man holt sie nicht mehr ein. die Taue. man holt nicht mehr aus. im Traum. aus Angst, man könnte sich davon nicht mehr erholen. oder dass man sich ihn holt. den Tod.

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.24 | 926-SARS-CoV-2

[Tag 458 der Isolation]

ich habe mein Auge öffnen wollen. weil ich dachte, dann hörten die Träume auf und ich könnte versuchen, die Wirklichkeit selbst zu erschaffen, indem ich sie erzählte. von Anfang an. und lange davor. weil schon der Anfang wirkte wie ein beginnendes Ende. und dass ich laut sagte, „ich denke es“, obwohl ich wüsste, dass es sich kaum denken ließe. und noch weniger sagen. aber ich wollte es denken. solange, bis ich es fühlte. und weil ich es dann fühlte, hätte ich überhaupt erst begonnen zu fühlen. und etwas etwas gefunden. weil ich es erst erfand. etwas, das sich nie vergessen ließe. das meiner Erinnerung nicht bedurfte. undenkbar im Grunde. als ob ich den Gedanken auf die Wege schickte, die ich selbst nicht mehr gehen konnte. und kurz vor der Schwelle, wo das Ende aus seinem Schatten heraus in den Anfang hinüberreicht, würde ich erkennen, dass ich, je mehr ich versuchte zu vergessen, umso mehr sehen könnte, was nicht vergessen sein darf. und also stünde ich wieder vor dem Offenen, das sie Leere nennen, und könnte sehen den Sinn der Schöpfung, ich, der ich selbst nur noch einige Stunden eines sich neigenden Tages sein würde, ich, der ich bald schon als Teil des großen Vergessens aufgelöst wäre, ich sähe nun, was Schöpfung bedeutet, jenseits von Traum und Wirklichkeit. und zugleich in beidem enthalten. wie ein noch schlafender Keim. eine Erinnerung an das Kommende. dem ich körperlich nicht mehr angehörte. das ich gleichwohl wüsste. das ich sagen könnte. hörte mir nur einer zu.

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.9.17 | 919-SARS-CoV-2

[Tag 456 der Isolation]

der Ort ist die Mitte. die Mitte ist überall. der wir zu entkommen versuchen. von der aus wir suchen. die Grenze. die wir überschreiten können [ich werde mich dort befinden. ich hatte viel Zeit. mich einzufühlen. einzufinden. die Bucht ist schattig. ist verborgen. weit. weit entfernt. von den brennenden Bergen. die Zeit ist gegangen. und je mehr ich ihrer entsagte. desto tiefer drang sie ein in mich. dass ich die Sterne erinnern konnte. auf denen es mich gegeben hat. ich bin jetzt hier. was dort war. zuvor. die Fenster sind ganz nach oben gewandert. wo der Himmel vorbeizieht. als hätte jemand die Segel gehisst. für die Heimkehr] brauche ein Dach. brauche den Innenraum. ganz gleich, wie dicht und finster der Wald darum gewachsen sein mag. da war ein Spalt. durch den ein Licht eindrang. da gab es einen guten Augenblick. ohne im Gedächtnis zu haften. ohne das Gedächtnis zu verhaften. da war ich schon einmal. um zu vergehen. um mich lassen zu können. in Schönheit und Schmerzen [du musst nichts sagen. die Worte ziehen ihre Kreise um das Schweigen. ich spende dir Schatten. ich kann dir Dickicht sein und Laub. das ich zur Seite schiebe. wenn du nach Licht verlangst] ich war auf den Meeren und in den Gebirgen. ich war in den Städten und in den leeren Landschaften. auf der Suche nach Sehnsucht. nach dem Offenen. das keine Linien hat. keine Winkel. wo der Grund haust. der kindlichen Angst. wo ich fremd sein wollte. und mit anderem Namen gerufen. und von wo aus ich beobachtete die Liebenden. die noch nicht Verlassene waren. die noch nicht wussten um ihr Glück. die ihre Augen schlossen. um zu spüren ihre Seelen [wie schnell du gegangen bist. wie rasch ich vergangen bin] in den Schoß legten sich die Hände der Matten. die nach ihren Herzen zu suchen begannen. dem Unsichtbaren zu folgen. heimlich wie Schatten vorüberzugehen. vorbei an den Steinen und Tafeln

zum Text (Stand 17.09.2022)

hier keine bleibende Statt

Nach der Sommerpause melde ich mich hier zurück und schreibe weiter an meinem neuen Prosagedicht HIER KEINE BLEIBENDE STATT…

[Stimme des Wanderers]

sag du mir doch. was ich erzählen soll. bin bald zurück vom Tod. werde mich gründlich ausgeschlafen haben. werde Zeit haben. endlos. bin dann in einer anderen Liebe. bin bald wieder fort. durch das lautlose Glas aus den Flammen gestiegen. aus der Asche der Wartenden. sie regnete einen Winter lang vom Himmel herab. sie war zergangen in den warmen Händen der Schöpfenden. weil sie Frühling rufen. weil sie ins Leben zerren die Schlafenden. weil ihre Uhren gestellt sind. auf die Altäre. weil ihnen niemand reden soll. von der Zukunft.

[Chor der Engel]

wir wissen die Orte der blühenden Gärten. wir kennen die Zahl der grünenden Bäume und Sträucher. wir hören das Flehen der Hungernden. wir weinen viel. wir können die Wüsten nicht wässern.

[Bildersturm]

was sollen wir machen. fragen sich die frisch Verliebten. gehe fort von hier. sagt der junge Söldner. fast noch ein Kind. zu seiner noch jüngeren Frau. sie hält das schlafende Neugeborene in ihren zitternden Armen. sie blickt auf ihn mit angsterstarrten Augen. als hätte er sie fortgeschickt aus ihrer Liebe. irgendwann später wacht sie auf. dann wird ihr ganz anders sein von ihrer blühenden Phantasie. mit der sie den Toten bedeckt. als ob mit den letzten Blumen des Jahres.

[Chor der Verlorenen]

wir gingen fort. in der Hoffnung, verlassen zu können unsere Erinnerungen. wir ahnten einige Tage später, wer unter den Trümmern liegt. wer nicht mehr zurückkehrt. in die geweihte Erde.

[Chor der Kinder]

wir wissen, dass es vorbei ist mit uns, wenn die Fragen verstummen. das Unheil begann mit dem Schweigen. wir wollen ganz still sein, dass uns nicht hören die Gespenster.

Zum Text (Stand 17.09.2022)

hier keine bleibende Statt

Chor der Verlorenen

I

immer wenn wir weiterziehen wollten. nachts. schneiten die Wege zu. als wollte das Land uns nicht lassen. als hielte es in seinen Händen die letzte Erde. die noch nicht zu Wegen zertreten war.

II

[was wir wohl suchten… vielleicht den Tod. als Ende der Schlaflosigkeit]
Mutter irrte durch den Garten. fand nicht zurück ins Haus.
[wir wollten wandern. damit wir uns erinnern |…| da sind sehr stille Orte. sehr verlassene. sie liegen unter der Sonne. doch niemand ruft ihnen den Sommer zu. alle sind in den Wäldern verschwunden. sie glauben nicht mehr an die Straßen. sie haben Angst vor dem Schlaf. wo das Unheil wohnt. das der Welt nicht gezeigt werden darf. das die Welt nicht wissen soll]
die Kinder wie Spatzen im Sand. mit Elfengeweihen aus Holunderzweigen. Kinder der Liebe. im Weißdorn versteckt. sie kommen zurück als Amseln und Tauben
[das Unheil kommt aus einer anderen Welt]

Bildersturm

ein Stück vom Buchenast. in altes Leinentuch gewickelt. gewogen in den Armen einer alten Frau. und die vierzehn Englein versteckt in ihrer Schürzentasche.

Chor der Kinder

warum weint Mama immer? sie sucht ihre Haare. aber wir dürfen ihr nicht hinterherlaufen. sonst bleiben unsere Schritte im Dickicht stecken
[große Augen und Ohren hat der Tod. darfst ihn nicht denken. darfst ihn nicht sagen. damit er dich nicht holt]
sie weint im Bad. die Tränen hinunterzuspülen in die Erde unter den Häusern
[iss den Apfel mit der roten Wange. gegen deine Blässe]
sie stehen Schlange. an den Ufern der Bäche. auszuschütten die vollen Kannen mit Milch
[wir backen das dunkle Brot. vor dem Aufgang der Sonne. wir backen die Klage. für die Totenfeier. auf der sich alle Mütter versammeln. wir singen die Lieder der sterbenden Geschwister. wir legen ihre Stimmen zwischen die Fliederbüsche]