hier keine bleibende Statt [Wanderers Nachtlied]

welchen Fels | unter den Füßen

aber die Zweifel sind es | die mich weitertreiben

ich darf nicht vergessen | zu lächeln | sollte mir jemand begegnen

weiß ich doch | wie es endet | in der Erstarrung | und wo die Gassen und Pfade noch enger werden | und warum den Häusern kein Laut mehr entkommt

hier kann ich nicht bleiben | das Dort sucht nach mir | in seiner Einsamkeit

spät | ist immer die Zeit | dem Wartenden

bis die Glocke | nicht mehr zu hören ist

hier keine bleibende Statt [Lied des Hoffenden]

ich stelle mir vor
wie das Licht des ziehenden Mondes
die Kiefern wachsen lässt
die am Abgrund ragen
als bliese ihr Atem die Wolken weiter
und hinter den Horizont…

und wenn du dann heimkommst:
blühende Winden
an den geschlossenen Pforten
einsamer Gärten

und dennoch
wird mit dir
der Morgen ein anderes Gesicht haben
und das Haus wird dir scheinen
als hätte es deinen Besuch erwartet

und wenn der Tag deiner Ankunft sich neigt
und du bist durch die Tür gegangen
wirst du an seinem Ausgang verschlungen sein

wie die untergegangene Sonne

Übersetzung: Das wüste Land (The Waste Land – T. S. Eliot)

IV. Der Wassertod

Phlebas, der Phönizier, zwei Wochen tot,
vergaß den Ruf der Möwen und die mächt‘ge Brandung unterm Kiel
und Gewinn und Verlust.
                                          Die Drift nah dem Grunde
zerrte flüsternd am Gebein. Wie er so aufstieg und wieder fiel
zog er abermals durch alle Lebensalter, vom Greis zurück zum Jüngling,
und rutschte in den Strudelschlund.
Ob gottesfürchtig oder nicht,
Oh, du, der das Rad bewegt und windwärts schaut,
Gedenke Phlebas, der einst, wie du, so stattlich war, so licht.

Übersetzung: Das wüste Land (The Waste Land – T. S. Eliot)

Wär‘ doch nur Wasser
und kein Fels
Wär‘ doch nur Fels
und Wasser zugleich
und Wasser
ein Quell
ein Weiher zwischen Felsen
Wär‘ doch ein Klang des Wassers nur
nicht die Zikade
und dürres Gras summend
aber der Klang des Wassers über dem Fels
wo der Drossel Lied hoch in den Föhren
falle Tropfen falle tropf tropf tropf tropf
Doch Wasser ist nicht

(aus Satz V.: Was der Donner sprach)

zum vollständigen Text

TOMOI. Den Ufern nachgerufen… Briefe aus der Isolation

2022.11.25 | 988-SARS-CoV-2

[Tag 474 der Isolation]

dann stelle ich die Bilder auf. von allem, was ich erfahren habe. und wenn es Frühling wird, gehen sie auf wie junge Blüten. und werden mich darum bitten: es muss aber immer Frühling sein [wie singt die Lerche noch einmal? lang war die Zeit im Wald. sein Ende kann nicht mehr weit sein. unter den fernen Rufen der Möwen] ich träume jetzt immer davon, was ich noch nicht gesehen habe. ich bin jetzt noch einer von zwei Wanderern. ich vergesse die Wege, die gegangen wurden. ich kann nichts mehr sagen vom Verlangen, das ich einmal hatte. ich habe das Andere verloren. ich bin der Andere, der verloren ging. ich kehre nicht mehr dorthin zurück, von wo ich kam. doch alle Orte kehren heim ins Seelenhaus. und ein Jeder ist Teil seiner Stille [Rabe oder Amsel auf dem Dach des Hauses gegenüber. als wollte mir jemand zurufen, dass ich noch bleiben soll] war nicht erst Mitternacht? der Morgen brennt in den Augen. war nicht schon Mittag? die Zeit trägt jetzt die Schleier des Regens und der Dämmerung. Nacht wird kommen. wenn du die Augen schließt. wie hast du geheißen bis zum Ende des Sommers? aber war nicht zu jeder Jahreszeit die Schwelle des Lebens vor deinen Füßen? morgen ist Sankt Andreas. wie wirst du dann heißen? und wenn wieder zufrieren die Seen, in denen ihr gefischt, fließen die Schmerzen noch weiter, dem ferneren Ufer zu. dort auf der anderen Seite des Lichts, das immer noch versucht, die gegangenen Pfade zu spiegeln. und übermorgen dann ist sogar schon Sankt Stephanus, der unter den Steinen die Stücke seiner Rüstung einsammelt, falls sie noch wichtig sind, nach der ewigen Aufrichtung. und weil er sich noch nicht sicher ist, ob ein gleißendes Licht ihn verbrennt und blendet, grad so als fühle er sich verwechselt mit den Helden des Martyriums. und wollte ja nur den Erlöser als Möglichkeit in Betracht ziehen [schwarze Bücher liegen geschlossen auf leeren Kirchenbänken. das Wetter draußen ist zu schön, um hier drinnen zu hocken. die Steine halten die Stille, an die sich noch niemand so richtig gewöhnen mag. aber selbst in ihnen ist schon die Idee des Auszugs] sie sah so aus, als hätte sie eben erst den Garten betreten. sie blieb vor mir stehen wie vor einem Spiegel und sah sich selbst tief in die Augen und strich mit dem rechten Zeigefinger über die untere Lippe, als ob der neue Tag die Worte von gestern Abend nicht vertrüge. es sah für mich so aus, als würde sie das Haus anders verlassen, als sie es betreten hatte. und als eines anderen Mutter [die Bücher sind noch leer. die Lesung kann noch nicht beginnen. wir verlassen uns vorerst darauf, was uns berichtet wurde. wir fahren an den Stätten vorbei und suchen nach Erklärungen und sehnen uns nach Erzählungen, die nicht enden]

Vale Dulcis Anima

Foto: Walter Möbius

für Miriam Halfmann

was sprachst du mir. von der Überwindung der Welt. vom Platz an der Seite eines, der meinen Namen kennt. der ein Wort von mir festhielte wie meine Seele. wie seine eigene Seele. und sagte: du bist da. und so wollte auch ich dorthin, immer schauend in die Richtung, wo er mich finden könnte, der mich zurückbringt ans Ufer des Sonnenaufgangs, der das erhörte, was ich nicht hatte sagen können, auf der vorletzten Stufe stehend, ahnend die Geschenke der Ewigkeit und stumm geworden von so viel Liebe. doch weil du an mich geglaubt, konnte ich ihr vertrauen und blind durch die Gärten gehen. weil sie noch den Duft hatte des ersten Grases nach Sankt Benedikt. bis ich stünde am Eingang eines Hauses, wo ich dir in die Arme fiele und wo ich, wenn ich mich umschaute, kaum wüsste, für welche Freude ich mich als Erstes bedanken sollte. und einmal über die Schwelle gegangen, müsste ich nicht mehr wissen, was ich tun sollte. und seine Heilung endete nicht in den Kostbarkeiten der Wunden, durch die ich geschickt worden war, um dich in dem zu erkennen, was du gesprochen.