auf einmal. wie immer

abgelaufene Zeit | eines Abends | tief sinkend ins Erdreich | das lange Verschleppte | ein halber Schlaf schon | der hinter sich herzieht eine halbe Wachheit noch | wie immer | eingeklemmt zwischen Schöpfung und Erschöpfung | am Gelassenen zerrend | zehrend davon | als Verlassener

Kernower Elegien [Pendoggett-Psalter]

halbschattiges Zimmer | in der Mitte ein Tisch | gedeckt | als ob Gäste erwartet werden | geschrumpfter Raum | zu einem letzten Augenblick der Hoffnung

ich weiß nicht, wohin. ich kenne mich nicht mehr aus. die Welt rennt fort. sie nimmt die Zeit mit. ich werde nicht mehr gebraucht. dort nicht. und dann nicht. die Häuser fahren in die Nacht davon. ihre Lichter werden kleiner und kleiner. bis sie sich zusammenziehen zu Sternenhaufen. ich werde indessen durch meine Träume gejagt. und kann den Ausgang des Erwachens nicht finden. ich irre durch ein halbes Haus. durch einen halben Garten. durch ein halbiertes Leben. innerhalb dessen sich alles teilt. innerhalb einer Stunde. die ich so gern noch einmal hätte. wäre für mich noch ein Wunsch frei.

Kernower Elegien [Pendoggett | Kelter der Öle | wachet]

morgen wäre ein guter Tag. über den Tod zu sprechen [für wen freust du dich? niemand heilig. und nur einer treu. über den Morgen hinaus] wovon wir gelebt haben [kennst du einen, der nach dem Verlorenen suchte, der das Verirrte zurückbrachte?] wir schauen uns unsere Wunden an. wir schauen uns an. und wollen sehen, wer als Erster aufsteht, Salben zu holen [er kam heim. rief meinen Namen. draußen Brandung und Brausen. drinnen Knäuel von zahllosen Pfaden und Fäden. noch zu entwirrenden. zu knüpfen ein wärmeres Hemd. für den nächsten Winter] heute ist ein guter Abend, zu sich zu reden und jede Angst wie einen Keim des kommenden Leids, der künftigen Leidenschaft in die nackte, noch harte Furche zu legen

Kernower Elegien | Pendoggett | Waka-Variation

[weiter. lief die Zeit. das Unsrige liegt verlassen. doch es bleibt. das Unsrige. müssen nicht mehr wissen. was geschah. an jenem Tag. uns genügt ein Erinnern. an das einsame Haus. und das Rauschen des Schilfs. das in uns Wohnende. was die Liebe tat]

abends. Heimfahrt. allein. | an unterschiedliche Ufer. | zwischen uns: Winde. | über den Klippen: Wolken – | Zug der Himmlischen | auf gebrochenen Schwingen

Kernower Elegien [Pendoggett | aber wenn keiner ihm entgegenkäme]

er geht jetzt anders. seit die Welt vernichtet wurde. da sind jetzt andere Pfade. über dieselben Hügel gespannt. wie Seile, das Land zu halten. so nah beim hungrigen Meer. wie Seele, entrollt aus allem Verworrenen seiner Vergangenheit. um es zu wickeln um sein Übriges. das er jetzt noch halten möchte. es zu bewahren. vor der Vollendung.

was sollte ihm fehlen. wenn nichts mehr ist. aber vielleicht würde er gerne etwas teilen. vielleicht sich selbst. und geben eine Hälfte dem Anderen. der ihm das brüchige Halbe hinhält. wie gebrochenes Brot.

Zum Text (Stand: 29.03.2023): https://stefanplasa.org/pendoggett-kernower-elegien-waka-variationen/

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.3.11 | Tag 52 der Erstarrung

du warst immer der Ältere.

worüber ihr nicht sprechen könnt. was wird euch wieder zusammenbringen? Schmerz oder Glück? oder Glück des Schmerzes?

er hört dich reden. wenn du die Küste auf- und abschreitest. die Wunden müssen offen liegen. dass die Wunder Platz haben darin. wenn die Stimmen ersterben. hinter den Schwellen der Zeit.

was tut man, wenn man wartet? man hat Gärten, mit ein wenig Glück. man könnte schreiben. über alles, was man denkt. und was nicht gesagt werden kann. man kann sich um die Kranken kümmern. oder den Vergesslichen ein paar Geheimnisse verraten. man kann die Wellen zählen, die in einer Stunde gegen die Dünen klatschen. man kann Plätzchen backen und sie verteilen in der Nachbarschaft. man kann voller Träume sein und lange schlafen, um sie zu vergessen. man kann alle unbeantworteten Fragen aufschreiben und in späteren Jahren schauen, ob sie sich erledigt haben. man stellt die Bepflanzung der Beete um, von Gemüse auf Blumen, damit das spazierende Volk statt Hunger ein paar Träumereien verspürt. aber man arbeitet nur nachts, denn der Gärtner will nicht gesichtet sein.

ob er noch weiß, dass du ihm immer gesagt hast, die Stille danach ist das eigentlich bedeutende Geräusch? und im Konzertsaal müsse man dem kadenzhungrigen Publikum das Klatschen verbieten, hast du ihm immer gesagt. und dass es hilfreicher wäre, man würde nach dem Orgasmus keine Fragen stellen, vor allem nicht, ob es schön war; gleich so, als fragte man einen Toten, ob ihn die Ewigkeit nicht langweile.

haltbarer sind die Verwundungen, hast du ihm immer gesagt, als die Verwunderungen. wie leicht machen die Menschen aus ein paar albern im Wind pfeifenden Küstenfelsen seelenfressende Sirenen. während ein ganz anderer Schmerz sie quält. unterhalb des Hörbaren.

du hast dich nie gefragt, wie angenehm dein Leben sein könne. auf einer hinter den Hecken versteckten Bank. sondern immer, wie anders es wäre mit ihm darin. jemand, der abends heimkommt, wenn du den letzten Tee aufgegossen hast. jemand, der auf dich wartet, wenn du selbst noch lange beschäftigt warst. jemand, mit dem sich keine Weile zu lang anfühlte und das Zeitliche nur insofern Bedeutung hätte, als es ein einmal Vergangenes sein wird, ein Unwiederbringliches, das nur den wahrhaft Liebenden mit einem Schmerz erfüllt, der jenem eines Schöpfers gleichen muss, wenn er sein Liebstes entlässt in die wilden Landschaften eines noch ungewissen Lebens.

Eumaios. hinter den Fenstern

2023.2.27 | Tag 40 der Erstarrung

du wirst aus seinem Gesicht ablesen können. die wahren Geschichten. die nicht erzählten. und du wirst erkennen: du warst der Verlassene. doch er war der Suchende. der dich nach aller Verlorenheit wiedererkennen wollte. du selbst warst es, der es hat dunkler und dunkler werden lassen. und weil du zu lang und tief geschlafen hattest, dachtest du, er hätte sich entfernt, ohne sich zu verabschieden. doch dann waren dir seine fernen Worte wie ein Murmeln von Wind und Gras. all die Jahre des Wartens hindurch. seine Träume näherten sich wieder deinen Gedanken. mit denen du fuhrst von Insel zu Insel. und seit du selbst nicht mehr gesungen hast, war es dir angenehm, die Augen zu schließen und das Laub säuseln zu lassen. halb sitzend, halb liegend auf mächtigen Wurzeln. Niedrigster, Einsamster du. allein mit deinem Gott. von dem sie sagten, er würde nie lächeln. doch du wusstest es besser. und hieltest die leeren Hände ihm hin.

[der Rückweg führte durch die Nächte und die Dämmerungen. jeder Abend ein Anfang. ein erster Schritt. voranzukommen durch die Geschichte. durch alles Geröll. das die Sintflut hinterlassen hatte. zu wandern allein. durch vierzig Winter. und sieht ja alles so aus unter dem Schnee, als stünde es nie wieder auf. doch kräftiger alle Dinge der Natur. und fanden zurück in den Frühling jedes Jahr. und widerstanden der trügerischen Ruhe des Schlafes. denn es konnte ein wirkliches Schweigen ja erst entstehen nach dem Erwachen und dem Beginn der einen, tiefen Schau durch den Schmerz des Lichtes hindurch.]